99 ~#YW#~ : 1 ~#Yw#~ : 1 ~#yW#~ : 99 ~#yw#~.

Man kann einen Bastard von der gleichen Formel ~#Yy Ww#~ auch noch

auf einem zweiten Weg herstellen, nämlich durch die Kreuzung

~#Yw#~ × ~#yW#~. Dieser Bastard bildet dann seine Geschlechtszellen

im Verhältnis 1 ~#YW#~: 99 ~#Yw#~: 99 ~#yW#~: 1 ~#yw#~ und zeigt

in F_{2} und bei der Rückkreuzung die entsprechenden Häufigkeiten

der viererlei Tiere. Man kann also sagen, daß zwei Faktoren eine

ausgesprochene Neigung haben, ~so beisammen zu bleiben, wie sie

schon in den P_{1}-Tieren beisammen waren~, daß sie gewissermaßen

„~zusammengekoppelt~“ seien, und daß diese Koppelung bei der

Geschlechtszellenbildung nur zu einem kleinen Prozentsatz unterbrochen

wurde.

Daß zwei Erbfaktoren mehr oder weniger stark gekoppelt vererbt werden,

kommt sehr oft vor, diese Sache hat auch für die menschliche Vererbung

ein großes Interesse und ist ~von der allergrößten theoretischen

Wichtigkeit für unsere ganze Vorstellungsweise von der zytologischen

Grundlage der ganzen Mendelspaltung und der Rassenunterschiede

überhaupt~.

Wir müssen deshalb ganz kurz auch hier auf diese Frage eingehen. Wir

hatten schon früher besprochen, daß jeder erbliche Rassenunterschied in

letzter Linie beruhen muß auf irgendeinem Unterschied in der chemischen

Zusammensetzung oder dem feineren Bau des Idioplasmas.

Wir können weiter heute wohl mit aller Sicherheit schon sagen, daß

zum größten Teil das Idioplasma -- vorläufig ein rein theoretischer

aus der Vererbungslehre gewonnener Begriff -- lokalisiert sein

muß im ~Zellkern~, und die Arbeiten der letzten Jahre machen

es ferner sehr wahrscheinlich, ~daß ein mendelnder Unterschied

zurückzuführen ist auf einen Unterschied zwischen zwei homologen

Chromosomen~. Es darf wohl hier als bekannt vorausgesetzt werden,

daß bei allen sich geschlechtlich fortpflanzenden Organismen jede

Geschlechtszelle einen ~einfachen~ „haploiden“ bestimmten „Satz“

von Chromosomen hat (bei ~Drosophila~ 4, beim Frosch, ~Rana

fusca~ 12, beim Meerschweinchen 8 usw.), und die aus der Vereinigung

zweier Geschlechtszellen entstandene befruchtete Eizelle hat einen

~doppelten~ „diploiden“ Chromosomen-Satz. Bei Drosophila also 4,

beim Frosch 12, beim Meerschweinchen 8 usw. Chromosomen~paare~.

Die einzelnen Chromosomen haben häufig verschiedene Formen, so

daß man in den diploiden Zellen die einzelnen zusammengehörenden

Chromosomenpaare ganz gut erkennen kann (vgl. Fig. 10).

[Illustration: Fig. 10.

Chromosomen (diploider Zellen) einer Wanze _Anasa_ oben in natürlicher

Anordnung, unten paarweise nebeneinander. (Nach Wilson).]

Zu irgendeinem Zeitpunkt entstehen aus den diploiden Zellen durch eine

„~Reduktionsteilung~“ Zellen mit nur wieder je ~einem~, haploiden

Chromosomensatz, wobei die väterlichen und die mütterlichen Chromosomen

durcheinander verteilt werden. Diese so entstandenen Zellen können

-- so bei allen höheren Tieren -- unmittelbar als Geschlechtszellen

dienen oder aber -- so vor allem bei den meisten Pflanzen -- nach mehr

oder weniger weiteren, den Chromosomen-Bestand aber nicht ändernden,

Teilungen erst später die Geschlechtszellen aus sich hervorgehen

lassen. Diese Chromosomen-Verteilung bei der Reduktionsteilung könnte

ganz gut die Grundlage der ganzen Mendelspaltung sein. Das sei kurz an

einem schematischen Beispiel gezeigt.

Wir wollen annehmen, wir hätten ein Lebewesen mit -- haploid -- ~drei~

Chromosomen, ~eine~ Sippe davon hätte die Chromosomen #A#, #B# und #C#,

~eine andere~ die Chromosomen #a#, #b# und #c#. Wir nehmen weiterhin

an, diese Chromosomenunterschiede A--a, B--b, C--c seien die Ursachen

von drei selbständig mendelnden Grundunterschieden zwischen diesen

beiden Sippen.

Alle diploiden Zellen des Bastardes dieser beiden Sippen hätten dann

den diploiden Chromosomensatz ~#Aa Bb Cc#~. Bei der Reduktionsteilung

eines solchen Bastardes entstehen nun wieder Zellen mit nur je einem

haploiden Chromosomensatz. Daß dieser Satz ganz aus väterlichen

oder ganz aus mütterlichen Chromosomen gebildet wird, oder daß die

verschiedenen denkbaren ~Misch~sätze entstehen, ist alles gleich

wahrscheinlich. ~Möglich~ sind überhaupt die acht folgenden haploiden

Chromosomensätze ABC, ABc, AbC, Abc, aBC, aBc, abC, abc, und wir dürfen

erwarten, daß von einer großen Zahl von Zellen je ein Achtel ~einen~

von diesen Chromosomensätzen enthält. D. h. mit anderen Worten,

daß ein solcher Bastard achterlei verschiedene Geschlechtszellen

in gleicher Häufigkeit bildet. Diese Überlegung ergibt somit, daß

gerade die achterlei Geschlechtszellen entstehen müssen, die nach der

Mendelschen Theorie ein Bastard von der ~Formel #Aa Bb Cc#~ tatsächlich

bildet.

Man könnte sich also sehr gut vorstellen, daß die Verteilung der

Erbfaktoren auf die Geschlechtszellen eines Bastards in diesen

zytologischen Vorgängen ihre körperliche Grundlage haben.

[Illustration: Fig. 11.

Schematische Darstellung des Chromomerenaustausches zwischen zwei

homologen Chromosomen. a, a_{1}, a_{2} Entstehung gemischter

Chromosomen (a_{2}) durch eine einmalige Zerreissung der

Chromomerenkette (single crossing over der amerikanischen Autoren). b,

b_{1} Entstehung gemischter Chromosomen durch einen doppelten Austausch

(double crossing over der amerikanischen Autoren).]

Das ist auch nach den neuesten Untersuchungen wohl bestimmt der Fall,

freilich mit einer sehr wesentlichen Einschränkung.

Schon der Umstand, daß bei einigen gut untersuchten Organismen viel

~mehr~ mendelnde Erbfaktoren bekannt sind als Chromosomenpaare, ergibt,

daß die Dinge wohl etwas anders liegen müssen.

Die einzelnen Chromosomen bestehen selber wieder aus ~Teilstücken~, die

wir ~Chromomeren~ heißen wollen. Schon vor der Reduktionsteilung findet

nun wahrscheinlich zwischen den beiden Chromosomen eines Paares eine

Art ~Austausch von Teilstücken, d. h. von mehr oder weniger langen

Stücken der Chromomerenkette statt~. Man stellt sich das wohl am besten

als ein Zerreißen der beiden Chromosomen an irgendeiner beliebigen

Stelle und eine Auswechslung der dadurch entstandenen Teilstücke vor.

Es entstehen auf diese Weise also Chromosomen, die aus väterlichen und

mütterlichen ~Stücken~ zusammengesetzt sind (vgl. Fig. 11).

Es ist nun im höchsten Grade wahrscheinlich, ~daß die idioplasmatische

Grundlage eines als Einheit mendelnden Rassenunterschiedes zu suchen

ist in einer Verschiedenheit im Bau oder im Chemismus zweier homologer

Chromomeren~.

Daß bei der Geschlechtszellenbildung eines in _n_ Faktoren

heterozygotischen Bastards so viele verschiedene Arten von Zellen

gebildet werden, als Kombinationen zwischen den _n_ Faktoren möglich

sind, hat in dieser Vorstellungsweise seine Ursache darin, daß

~erstens~ die beiden Chromosomensätze so wie oben (S. 47) besprochen

ist völlig frei durcheinander -- d. h. in allen überhaupt möglichen

Kombinationen väterlicher und mütterlicher Chromosomen -- bei der

Reduktionsteilung verteilt werden, und daß ~zweitens~ auch Stücke

zweier homologer Chromosomen gegeneinander ausgetauscht werden. Es

ist also gewissermaßen für die Verteilung beiderlei Erbmassen, für

die Erzielung aller überhaupt möglicher Kombinationen durch einen

~doppelten Mechanismus~ gesorgt. Während nun aber die ~einzelnen~

#Chromosomen# ~eines Satzes~ untereinander im allgemeinen nicht

zusammenhängen, bei der Reduktionsteilung völlig ~frei und unabhängig

voneinander~ auf die Tochterzellen verteilt werden, ~hängen die

einzelnen~ #Chromomeren# ~eines Chromosoms mehr oder weniger fest

zusammen~. Es zerfällt nicht etwa ein Chromosom in alle seine

Chromomeren, die dann mit den Chromomeren des homologen Chromosoms

~frei~ ausgetauscht werden, sondern es werden nur größere oder kleinere

Stücke, d. h. ~ganze Reihen von Chromomeren~ ausgewechselt.

Das muß zur Folge haben, daß zwei mendelnde Erbfaktoren, die in zwei

~verschiedenen Chromosomen~ liegen, ~frei und unabhängig voneinander

mendeln~, d. h. daß die vier Geschlechtszellen, welche die vier

möglichen Kombinationen darstellen, in ~gleicher Zahl~ gebildet werden,

daß aber zwei mendelnde Erbfaktoren, die auf Verschiedenheiten im Bau

zweier Chromomerenpaare ~des gleichen Chromosoms~ beruhen, ~nicht

frei mendeln~, sondern, daß von den vier möglichen Geschlechtszellen,

die in ~größerer Zahl~ vorkommen, ~in denen die beiden Erbfaktoren

in derjenigen Kombination zusammenliegen, in der sie in die Kreuzung

hineingekommen sind~. Mit anderen Worten #zwei Erbfaktoren, die im

gleichen Chromosom liegen, müssen die vorhin S. 44 geschilderte

Erscheinung der Faktoren-Koppelung zeigen#.

An sich würde schon einfach der Chromomerenaustausch genügen, um die

freie Mendelspaltung und die Koppelungserscheinungen zu erklären. Auch

wenn nur dieser Chromomerenaustausch und nicht noch dazu ein Austausch

der ganzen Chromosomen stattfinden würden, ja in zwei ~verschiedenen~

Chromosomen lokalisierte Erbfaktoren ~frei~ mendeln müssen, während

die im gleichen Chromosom lokalisierten Koppelung zeigen müßten.

Es sprechen aber viele zytologische Beobachtungen dafür, daß zu

dem Chromomerenaustausch, der sich wohl in den ersten Stadien der

beginnenden Kernteilung abspielt, auch noch später dann der Austausch

ganzer Chromosomen hinzukommt, daß also, wie oben schon gesagt, durch

einen doppelten Mechanismus für die Verteilung der Einzelunterschiede

gesorgt ist.

Aus dieser ganzen theoretischen Vorstellung lassen sich nun weitere

Folgerungen ziehen, die durch Vererbungsversuche in der vollkommensten

Weise bestätigt worden sind und so diese ganze Theorie von der

zytologischen Grundlage der Mendelspaltung sehr befestigen. Die ~erste~

Folgerung ist die, daß wenn die Theorie zutrifft, daß dann bei jedem

Organismus so viele ~Gruppen von untereinander mehr oder weniger stark

gekoppelten Erbfaktoren~ vorkommen müssen, als dieser Organismus

~haploid Chromosomen hat~. Diese Folgerung trifft für ~Drosophila~ --

die einzige bisher daraufhin genügend sorgfältig untersuchte Art --

zu. Für ~Drosophila~ kennen wir durch die bahnbrechenden Arbeiten der

~Morgan~schen Schule bisher rund 100 mendelnde Erbfaktoren und diese

zerfallen in ~vier~ Gruppen von Faktoren, die jeweilig untereinander

Faktoren-Koppelung zeigen. Drosophila hat, wie wir schon vorhin

hörten, aber auch tatsächlich ~vier~ Chromosomen.

Die ~zweite~ Folgerung ist: Wenn die Chromomeren eines Chromosoms

kettenartig zusammenhängen, und wenn vor der Reduktionsteilung

~ganze Stücke~ der Kette zwischen zwei homologen Chromosomen

ausgetauscht werden, so werden zwei Chromomeren, die an den beiden

~entgegengesetzten Enden~ eines Chromosoms liegen, durch ~jede~

derartige Chromosomen-Zerreißung voneinander getrennt und nachher

auf zwei verschiedene Tochterzellen verteilt werden, und je ~näher~

zwei Chromomeren innerhalb eines Chromosoms zusammenliegen, desto

geringer ist die Wahrscheinlichkeit, daß der Riß gerade zwischen

ihnen durchgeht, d. h. ~es müssen im Grade der Koppelung Abstufungen

bestehen~, einzelne Erbfaktoren einer „Koppelungsgruppe“ müssen

stark, andere schwach gekoppelt sein und zwar muß die Stärke der

Koppelung für ein gegebenes Paar immer die gleiche sein. Auch das

trifft für die bisher genügend untersuchten Organismen -- es kommen

nur ~Drosophila~ und ~Antirrhinum~ ernstlich in Frage -- zweifellos

zu. Bei ~Drosophila~, die bisher allein in dem nötigen Umfange

durchgearbeitet ist, kann man sogar heute schon topographische Karten

der einzelnen Chromosomen herstellen, in denen eingetragen ist, wie in

ihnen die Erbfaktoren gelagert sein müssen. Das sei an einem Beispiel

gezeigt: Ein in zwei Faktoren #A# und #B# heterozygotischer Bastard

~#Aa Bb#~ bildet, wenn keine Koppelung vorliegt, d. h. wenn die

beiden Faktoren in verschiedenen Chromosomen liegen, die vier Gameten

~#AB#~, ~#Ab#~, ~#aB#~, ~#ab#~ in gleicher Zahl. Liegen dagegen die

Faktoren im gleichen Chromosom, d. h. besteht Koppelung, so werden die

Geschlechtszellen im Verhältnis _n_: 1: 1: _n_ bzw. 1: _n_: _n_: 1

gebildet, je nachdem, ob der Bastard auf dem Wege ~#AB#~ × ~#ab#~ oder

auf dem Wege ~#Ab#~ × ~#aB#~ entstanden ist.

Je nach der Stärke der Koppelung ist das Verhältnis 1: _n_ eine

verschieden große Zahl, aber immer kleiner als 1. Wir wollen, um

vergleichbare Zahlen zu erhalten, weiterhin diesen Wert 1: _n_ immer

als Dezimalbruch ausdrücken.

Bei ~Drosophila~ zeigen nun eine Reihe von Faktoren, die wir als #Y#,

#W#, #O#, #M# und #R# bezeichnen wollen und deren Wirkungsweise in der

nachstehenden Tabelle dargestellt ist, untereinander eine mehr oder

weniger starke Koppelung.

=======================================================================

Faktor | ~Wirkungsweise~

-------+---------------------------------------------------------------

#Y# | #Y# ist Voraussetzung für die Ausbildung der dunkeln

| Körperfarbe, alle #yy#-Tiere haben ~gelbe~ Körperfarbe.

|

#W# | #W# ist Voraussetzung für dunkle Augenfarbe, alle #ww#-Tiere

| haben weiße Augen.

|

#V# | #V# ist ebenfalls Voraussetzung für die dunkle Augenfarbe,

| alle #vv#-Tiere haben die von ~Morgan~ als „Vermilion“ (ein

| scharlachähnliches Rot) bezeichnete Färbung.

|

#M# | #M# ist Voraussetzung für richtig ausgebildete Flügel, alle

| #mm#-Tiere haben kurze „miniatur“-Flügel.

|

#R# | #R# ist ebenfalls Voraussetzung für richtig ausgebildete

| Flügel, alle #rr#-Tiere haben verkümmerte „rudimentäre“

| Flügel.

Die verschiedenen Intensitäten der Koppelung, die bei diesen fünf

Faktoren in den Versuchen von ~Morgan~ gefunden wurden, sind

wiederum in Tabellenform nachstehend dargestellt.

==================================================

1 | 2 | 3

-------------+------------------+-----------------

| zeigt für 1 : n |

| in den Versuchen | dieser Wert,

Faktorenpaar | den empirischen | als Dezimalbruch

| Wert | ausgedrückt, ist

-------------+------------------+------------------

#YW# | 354/32218 | 0,011

| |

#YV# | 2117/6221 | 0,340

| |

#YM# | 1054/3063 | 0,344

| |

#YR# | 605/1420 | 0,426

| |

#WV# | 4336/13395 | 0,324

| |

#WM# | 7591/22910 | 0,331

| |

#WR# | 894/2136 | 0,419

| |

#VM# | 50/1640 | 0,030

| |

#VR# | 183/850 | 0,215

| |

#MR# | 1562/9295 | 0,168

Wenn man den für die Koppelung zweier Faktoren gefundenen Wert

des Verhältnisses 1: _n_ als Ausmaß ihrer Abstände im Chromosom

annimmt, dann ergibt sich zunächst, daß #Y--R# am weitesten

auseinanderliegen müssen und daß zwischen diesen Faktoren die übrigen

in der Weise angeordnet sein müssen, wie es in Fig. 12 dargestellt ist.

[Illustration: Fig. 12.

Räumliche Verteilung einer Anzahl v. Erbfaktoren auf einem Chromosom

von ~Drosophila~.]

Aus der ganzen theoretischen Vorstellungsweise folgt

selbstverständlich, daß, wenn man z. B. für #Y--W# die Koppelungszahl,

d. h. in der Theorie die Entfernung 0,011 und zwischen #W# und #M# die

Koppelungszahl, d. h. in der Theorie die Entfernung 0,331 gefunden

hat, daß dann für #Y--M# die Koppelungszahl (Entfernung) 0,011 + 0,331

gefunden wird. Würde diese Gesetzmäßigkeit nicht allgemein bestätigt

werden, d. h. ergäbe die ~Berechnung der Lage eines Faktors aus seinen

verschiedenen Koppelungen~ nicht immer den ~gleichen~ Punkt auf dem als

Strecke gedachten Chromosom, so könnte die ganze Theorie nicht stimmen.

Daß aber gerade diese Voraussetzung ~immer zutrifft~, ~gibt der Theorie

ihre heutige feste Begründung~. Ein Blick auf die Tabelle S. 52 zeigt,

daß tatsächlich die für die Faktoren #Y--M# gefundene Koppelungszahl

0,344 ungefähr = 0,331 + 0,011 ist und daß auch sonst allgemein diese

Folgerung annähernd erfüllt ist. Wir finden nur immer die Ausnahme, daß

die für zwei Faktoren ~unmittelbar gefundene~ Koppelungszahl (z. B. die

für #Y# und #R# gefundene Zahl 0,426) immer etwas kleiner ist, als die

für die gleichen Faktoren aus ihren Koppelungen mit dazwischenliegenden

Faktoren ~errechnete~ Zahl (für #Y# und #R# ist, wie ein Blick auf die

Fig. 12 zeigt, die errechnete Zahl 0,011 + 0,324 + 0,030 + 0,168 =

0,533). Daß die unmittelbar gefundene Koppelungszahl etwas kleiner ist

als die errechnete Zahl, ~folgt aber schon aus der Theorie~ und zwar

muß die Differenz zwischen der gefundenen und errechneten Zahl um so

~größer~ sein, je größer, absolut genommen, die Koppelungszahl ist, d.

h. je weiter die beiden Faktoren im Chromosom auseinanderliegen. Das

ist die Folge davon, daß, wenn in einem Chromosomenpaar ein ~doppelter~

Austausch von Stücken stattfindet -- nach dem Schema von Fig. 11b --,

daß dann die ~weit auseinander~liegenden Chromomeren ~wieder zusammen

in das gleiche Chromosom~ zu liegen kommen.

Man kann aus der Größe des Unterschiedes zwischen gefundener und

errechneter Koppelungszahl nun auch natürlich umgekehrt einen Schluß

ziehen auf die Häufigkeit, in der ein solcher Doppelaustausch bei der

betreffenden Art ~stattfindet~.

Die Faktorenkoppelung ist nicht bloß, wie in den bisher besprochenen

Fällen stets nur eine teilweise, sondern es gibt auch eine völlige

Koppelung, d. h. zwei verschiedene Faktoren mendeln überhaupt nicht

frei voneinander, sondern ~immer~ zusammen. Solche Fälle von

absoluter Koppelung mehrerer Faktoren (in der amerikanischen und

englischen Literatur meist als „~multiple allelomorphism~“

bezeichnet) sind bei allen gründlich untersuchten Organismen gefunden

worden. Sie rühren, abgesehen von den völligen Koppelungen mit dem

Geschlechtsfaktor (S. 54), sehr wahrscheinlich meist daher, daß die

betreffenden Faktoren auf mehreren Unterschieden im feineren Bau

~eines und desselben Chromomerenpaares~ beruhen.

Die ganze Erscheinung der Faktorenkoppelung ist, wie gesagt, sehr weit

verbreitet, wenn wir bisher beim Menschen nur sehr wenige sichere Fälle

kennen, so liegt das wohl nur daran, daß der Mensch bisher höchst

mangelhaft untersucht ist.

Die Vererbung des Geschlechts.

Die Untersuchung der Faktorenkoppelung hat unter anderem eine große

Wichtigkeit gewonnen für die Frage nach der Vererbungsweise des

Geschlechtes. Daß bei den Organismen mit zwei Geschlechtern, d. h.

mit Männchen und Weibchen, der Geschlechtsunterschied selbst nach den

~Spaltungsgesetzen~ vererbt wird, ist heute nicht mehr zweifelhaft. Das

eine Geschlecht ist immer homozygotisch, das andere heterozygotisch.

Z. B. bei der Obstfliege ~Drosophila~ ist der Geschlechtsunterschied

bedingt durch einen Erbfaktor, den wir einmal #X# heißen wollen. Alle

Weibchen sind ~#XX#~, alle Männchen sind ~#Xx#~. Jede Paarung ist also

eine Rückkreuzung nach dem folgenden Schema:

#XX# × #Xx# P_{1},

50% #XX#, 50% #Xx# F_{1},

Diese einfache Annahme erklärt ohne weiteres die Tatsache, daß bei

jeder Fortpflanzung ungefähr zu gleichen Teilen Männchen und Weibchen

entstehen. Daß die Annahme zutrifft, geht mit Sicherheit daraus

hervor, daß zwischen diesem Faktor #X# und den übrigen in dem gleichen

Chromosom liegenden Faktoren ~Koppelungen~ bestehen. Diese Koppelungen

von anderen Erbfaktoren mit dem ~geschlechtsbestimmenden~ Faktor

bedingen eine Reihe von sehr merkwürdigen Vererbungserscheinungen,

die man als ~geschlechtsgekoppelte~ oder mit einem weniger gut

gewählten Ausdruck als ~geschlechtsbegrenzte~ Vererbung bezeichnet.

Das sei an einigen Beispielen gezeigt. Von ~Drosophila~ gibt es,

wie vorhin schon erwähnt, unter anderem eine Rasse, die weiße Augen

hat, während die Stammrasse dunkle (rote) Augen hat. Rotäugig ist

dominant über weißäugig. Wir wollen auch hier wieder den Faktor, der

diesen Unterschied bedingt, mit #W# bezeichnen, #ww# ist demnach ein

weißäugiges Tier, ~#WW#~ ist homozygotisch, ~#Ww#~ heterozygotisch

rotäugig. Dieser Faktor #W# ist ~völlig~, oder wie man meist sagt,

#absolut# gekoppelt mit dem Geschlechtsfaktor #X#.

Kreuzt man ein normales rotäugiges Weibchen mit einem weißäugigen

Männchen, so besteht die F_{1}-Generation aus rotäugigen Männchen

und aus rotäugigen Weibchen. Die F_{2}-Generation, erhalten durch

gegenseitige Paarung der F_{1}-Tiere, besteht aus rotäugigen Weibchen

und aus rotäugigen und aus weißäugigen Männchen.

Ziemlich genau die Hälfte der Männchen ist rotäugig, die andere

weißäugig. Der weißäugige Großvater hat also seine Augenfarbe vererbt

~auf die Hälfte seiner~ #Enkel#, ~aber auf~ #keine Enkelin#. Wie aus

dem nachstehenden Schema ersichtlich ist, ~muß~ auf Grund der Koppelung

sich diese Vererbungsweise ergeben.

#P#_{1}. rotäugiges Weibchen × weißäugiges Männchen

~#XX#~ ~#WW#~ ~#Xx#~ ~#ww#~

Geschlechtszellen alle ~#XW#~ je 50% ~#Xw#~, ~#xw#~

von P_{1}.

#F#_{1}. je 50% #XX Ww# und #Xx Ww#

rotäugige Weibchen rotäugige Männchen

Geschlechtszellen je 50% #XW#, #Xw# je 50% #XW#, #xw#

von F_{1}

Mögliche #XW# × #XW# = #XX WW# = rotäugige Weibchen

Kombinationen dieser #XW# × #xw# = #Xx Ww# = „ Männchen

F_{1}-Geschlechtszellen, #Xw# × #XW# = #XX Ww# = „ Weibchen

d. h. verschiedene #Xw# × #xw# = #Xx ww# = weißäugiges Männchen

Arten von F_{1}-Tieren

Die eigentümliche Vererbungsweise der Augenfarbe ist also auf Grund der

Koppelung ohne weiteres zu verstehen.

In F_{2} dieser Kreuzung treten keine weißäugigen Weibchen auf,

aber es ist möglich, weißäugige Weibchen auf einem ~anderen~

Wege zu erhalten. Kreuzt man nämlich eine Anzahl der in F_{2} der

eben besprochenen Kreuzung erhaltenen ~rotäugigen Weibchen~

mit ~weißäugigen Männchen~, so werden in der ~Hälfte dieser

Paarungen~ rotäugige und weißäugige Weibchen und rotäugige

~und~ weißäugige Männchen zu gleichen Teilen entstehen. Das

hängt folgendermaßen zusammen. Die Hälfte der F_{2}-Weibchen des

erstbesprochenen Versuches hat, wie aus dem Schema ersichtlich, die

Formel #XX Ww#, und die Paarung dieser Tiere mit den #Xx

ww-#Männchen muß die folgenden Kombinationen geben:

#XW# × #Xw# = #XX Ww# = rotäugige Weibchen,

#XW# × #xw# = #Xx Ww# = „ Männchen,

#Xw# × #Xw# = #XX ww# = weißäugige Weibchen,

#Xw# × #xw# = #Xx ww# = „ Männchen.

Es müssen also auf Grund dieser theoretischen Vorstellungen hier

~beiderlei~ Männchen und ~beiderlei~ Weibchen zu gleichen Teilen

gebildet werden, ganz so, wie es im Versuch auch gefunden wird. Diese

Koppelung einzelner Erbfaktoren mit dem Geschlechtsfaktor zeigt

nun noch eine Besonderheit. Während sonst zwischen zwei homologen

Chromosomen ein Chromomerenaustausch stattfindet, ~unterbleibt er

stets zwischen zwei homologen Chromosomen, die im Geschlechtsfaktor

verschieden sind~. Das ist am einfachsten wohl wieder an einem

~Drosophila~-Beispiel zu zeigen. Wir kreuzen zwei ~Drosophila~-Rassen,

die sich außer in einem Faktor der Augenfarbe auch noch in einem Faktor

der Körperfarbe unterscheiden: nämlich eine graue rotäugige Rasse #YY

WW# mit einer gelben weißäugigen #yy ww#. Auch der Faktor #Y#, der die

graue Körperfarbe bedingt, liegt bei Drosophila im gleichen Chromosom,

wie der Geschlechtsfaktor #X# und der Augenfaktor #W#. Die Kreuzung

eines grauen rotäugigen Weibchens mit einem gelben weißäugigen Männchen

geht nach folgendem Schema vor sich:

#P_{1}# graues rotäugiges Weibchen × gelbes weißäugiges

Männchen

#XX YY WW# #Xx yy ww#

Geschlechtszellen alle #XYW# je 50% #Xyw#, #xyw#

#F_{1}# 50% #XX Yy Ww# und 50% #Xx Yy Ww#

d. h. graue rotäugige Weibchen d. h. graue

rotäugige Männchen

Bei der Geschlechtszellenbildung dieser F_{1}-Tiere kommt nun die

vorhin genannte Besonderheit zum Ausdruck. In den ~Weibchen~ sind die

beiden homologen Chromosomen im Geschlechtsfaktor ~nicht~ verschieden.

Infolgedessen findet hier ein Chromomeren-Austausch statt, die Weibchen

bilden daher die vier möglichen Kategorien von Geschlechtszellen,

d. h. hier die Eizellen #XYW#, #XYw#, #XyW#, #Xyw# alle aus, aber,

wie zu erwarten, nicht in gleicher Zahl, sondern in der Häufigkeit

~84:1:1:84~, d. h. die beiden Arten von Zellen (#XYw# und #XyW#), die

nur durch Chromomerenaustausch zustande kommen können, finden sich in

geringerer Zahl als die übrigen. Ganz anders verläuft die Bildung der

Geschlechtszellen in den Männchen. Hier findet nach dem vorhin Gesagten

überhaupt kein Chromomerenaustausch statt, weil hier die homologen

Chromosomen, in denen die Faktoren #X#, #Y# und W liegen, ~auch noch

im Geschlechtsfaktor verschieden~ sind, das eine Chromosom ist #XYW#,

das andere #xyw#. Diese #Xx Yy Ww-#Männchen bilden infolgedessen nur

zweierlei Spermatozoiden aus, #XYW# und #xyw#. Bei der Befruchtung der

F_{1}-Tiere untereinander sind zwischen den ~viererlei~ verschiedenen

~Eizellen~ und den ~zweierlei~ verschiedenen ~Spermatozoiden~ die

folgenden Verbindungen möglich:

#XYW# × #XYW# = #XX# #YY# #WW# = graue rotäugige Weibchen

#XYW# × #xyw# = #Xx# #Yy# #Ww# = „ „ Männchen

#XYw# × #XYW# = #XX# #YY# #Ww# = „ „ Weibchen

#XYw# × #xyw# = #Xx# #Yy# #ww# = „ weißäug. Männchen

#XyW# × #XYW# = #XX# #Yy# #WW# = „ rotäugige Weibchen

#XyW# × #xyw# = #Xx# #yy# #Ww# = gelbe „ Männchen

#Xyw# × #XYW# = #XX# #Yy# #Ww# = graue „ Weibchen

#Xyw# × #xyw# = #Xx# #yy# #ww# = gelbe weißäug. Männchen

Es sind somit ~alle Weibchen grau und rotäugig~, unter den

Männchen dagegen sind ~alle vier Arten von Tieren~ grau-rot,

grau-weiß, gelb-rot und gelb-weiß vorhanden. Weil aber die viererlei

Eizellen, aus denen die viererlei Männchen entstanden sind, nicht in

der ~gleichen~ Häufigkeit gebildet werden, sondern im Verhältnis

#84 XYW: 1 XYw: 1 XyW: 84 Xyw# treten auch die viererlei Männchen

in der Häufigkeit #84# grau-rot: 1 grau-weiß: 1 gelb-rot: 84

gelb-weiß auf. Insgesamt besteht also eine solche F_{2}-Generation aus:

170 grauen rotäugigen Weibchen (6080)

84 „ „ Männchen (2870)

1 „ weißäugigen „ (36)

1 gelben rotäugigen „ (34)

84 „ weißäugigen „ (2373)

Die in Klammern beigefügten Zahlen geben an, in welcher Häufigkeit in

einem konkreten Versuch (~Morgan~) die verschiedenen Kategorien

von Tieren gefunden wurden. Die Zahlen zeigen, wie weitgehend die

Übereinstimmung zwischen Theorie und Versuchsergebnissen hier ist.

Sie zeigen aber auch, welche ungeheure Arbeit nötig ist, um diese

Verhältnisse klarzulegen.

Das Studium der Koppelung anderer Faktoren mit dem Geschlechtsfaktor

gewinnt ein ganz besonderes Interesse weiterhin durch den Umstand, daß

es häufig möglich ist, die #X-# von den #x-#Chromosomen ~mikroskopisch~

zu unterscheiden. Z. B. bei ~Drosophila~ sind die #X-#Chromosomen etwas

länger als die #x-#Chromosomen. Die Weibchen von ~Drosophila~ haben

dementsprechend in ihren Körperzellen vier Chromosomenpaare, jedes

Paar besteht aus zwei ~gleich~langen Partnern. Bei den ~Männchen~

dagegen besteht ein Paar -- eben die Chromosomen, in denen der

Geschlechtsunterschied sitzt -- aus zwei ~un~~gleichen~ Partnern.

Bei manchen Tieren sind die Größenunterschiede sehr auffällig, und

es kommen Unterschiede in der Form hinzu. Vielfach finden wir auch,

daß die x-Chromosomen überhaupt fehlen, die Eier enthalten bei diesen

Tieren _n_, die Spermatozoiden teils _n_, teils _n_-1 Chromosomen. Die

Körperzellen der Weibchen haben 2_n_, die Körperzellen der Männchen

haben 2_n_-1 Chromosomen.

Daß die Geschlechtsvererbung bei den zwei geschlechtlichen Organismen

ganz allgemein in der eben geschilderten Weise erfolgt, ist heute

kaum noch zweifelhaft. Auffällig ist dabei, daß bei manchen

Organismen das weibliche, bei anderen wie bei ~Drosophila~ das

männliche Geschlecht das heterozygotische ist. Zum Teil ist das schon

mikroskopisch an der Verschiedenheit der Chromosomen erkennbar, meist

läßt sich das aber nur aus dem Erbgang bei geschlechtsgekoppelter

Vererbung ersehen.

Bei Menschen ist wie bei ~Drosophila~ das ~männliche~

Geschlecht heterozygotisch.

Fälle von geschlechtsgekoppelter Vererbung kennen wir bei Menschen

bereits in großer Zahl. (Näheres darüber später.)

Außer durch Koppelung mancher Erbfaktoren mit dem Geschlechtsfaktor

kann auch sonst noch die Geschlechtsvererbung Verwickelungen mit sich

bringen. So kann z. B. die Dominanz einer Eigenschaft in den beiden

Geschlechtern verschieden sein, oder es kann irgendein Erbfaktor

sich nur in dem einen Geschlecht äußern, im anderen aber wirkungslos

bleiben, das hat dann zur Folge, daß z. B. zweierlei Rassen von

Weibchen unterscheidbar sind, daß aber die zugehörigen beiden

Männchen ~äußerlich~ nicht verschieden sind, trotzdem aber die

Rassenmerkmale der Weibchen ihrer Rasse vererben. Es würde aber zu weit

führen, diese Fälle hier alle zu besprechen, es muß hierfür auf die

besondere Fachliteratur verwiesen werden.

Daraus, daß das Geschlecht nach den Spaltungsgesetzen vererbt

wird, geht auch hervor, ~daß es für jedes einzelne Individuum im

Augenblick der Befruchtung bestimmt wird~. ~Alle~ Eizellen sind beim

Menschen geschlechtlich gleich veranlagt, von den Spermatozoiden

überträgt die ~eine Hälfte die Veranlagung für männlich~, die ~andere

die Veranlagung~ für ~weiblich~. Danach müßte regelmäßig das

Geschlechtsverhältnis 1: 1 erwartet werden. Es ist aber bekannt, daß

das Verhältnis von Mädchengeburten zu Knabengeburten durchaus nicht 1:

1, sondern z. B. in Deutschland 100: 105,2 ist. Nimmt man nicht bloß

das Verhältnis der ~lebend~geborenen Kinder, sondern berücksichtigt

man alle ~Totgeburten~ und alle ~Aborte~, bei denen das Geschlecht

schon bestimmbar ist, so bekommt man sogar schon das Verhältnis 100

Mädchengeburten: fast 150 Knabengeburten. Woher diese Verschiebung des

Geschlechtsverhältnisses rührt, wissen wir nicht. Sie ~kann~ z. B.

dadurch bedingt sein, daß von den beiderlei Spermatozoiden, die jeder

Mann erzeugt, die männlich bestimmten besser geeignet sind, den langen

Weg von der Scheide zum Ovidukt zurückzulegen, d. h. daß hier eine Art

Auslese stattfindet. Eine gründliche experimentelle Untersuchung dieser

Frage wäre auch praktisch von der größten Wichtigkeit, weil nach allem,

was wir heute über die Geschlechtsvererbung wissen, beim Menschen

nur hier sich Möglichkeiten finden lassen, das Geschlechtsverhältnis

~willkürlich~ zu verändern, d. h. mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit

das Geschlecht eines zu zeugenden Kindes zu beeinflussen.

Daß es gelingt, bei Menschen noch ~nach~ der Befruchtung das

Geschlecht eines Embryos willkürlich zu bestimmen, scheint nach dem

heutigen Stand des Wissens ausgeschlossen. #XX#-Embryonen sind und

bleiben beim Menschen weiblich, #Xx#-Embryonen sind und bleiben

männlich. Bei anderen Organismen -- Fröschen z. B. -- liegen dagegen

die Verhältnisse ~ganz anders~. Auch für diese Frage muß auf die

Fachliteratur verwiesen werden.

* * * * *

Schon die teilweise und erst recht die absolute Faktorenkoppelung zeigt

uns, daß die Mendelschen Spaltungsgesetze nicht ohne Einschränkung

für alle Rassenunterschiede gelten. ~Ganz offenbar vererben~

sich nur ~diejenigen Rassenunterschiede nach den Spaltungsgesetzen,

deren entwicklungsmechanische Ursache kleine Unterschiede im Bau

homologer Chromomeren sind~. Eine Mendelspaltung erfolgt auch

nur da, wo der ganze verwickelte Apparat des Chromomerenaustausches,

der Chromosomenverteilung usw., d. h. der ~ganze Mechanismus der

Reduktionsteilung~ ungestört arbeitet. Sobald aber Rassen gekreuzt

werden, die so große Unterschiede im Kernbau aufweisen, ~daß dieser

Mechanismus irgendwie gestört ist~, wird auch die Mendelspaltung

gestört. Wir finden dementsprechend, daß stark verschiedene Spezies

sich zwar häufig noch kreuzen lassen, auch noch fruchtbare Bastarde

geben, aber die weitere Vererbung erfolgt nach ~völlig anderen je

nach dem Einzelfall immer wieder verschiedenen Gesetzmäßigkeiten~.

Man findet allerdings häufig, daß ~nahe~ verwandte, wenn auch

morphologisch stark verschiedene Arten, bei der Kreuzung noch

ganz regelrecht aufmendeln, in der F_{2}-Generation eine völlig

unübersehbare Mannigfaltigkeit von neuen Kombinationstypen aus sich

entstehen lassen, ~aber die Mehrzahl der Bastarde verhält sich

anders~.

Die Besprechung der ganzen Frage der Art-Bastardierung kann aber an

dieser Stelle schon aus dem Grunde unterbleiben, weil bei der Kreuzung

der verschiedenen Menschenrassen, nach allem was wir wissen, im

~wesentlichen~ eine Vererbung nach den ~Spaltungsgesetzen~

erfolgt. Über Kreuzungen von Menschen mit fernerstehenden Arten, etwa

den nächstverwandten Menschenaffen, ist nichts bekannt, und es ist auch

sehr wenig wahrscheinlich, daß eine solche Kreuzung ein lebensfähiges

Erzeugnis ergeben würde.

Eine Vererbung nach anderen Gesetzen als den mendelschen ist auf

Grund der hier vorgeführten, theoretischen Vorstellungen über die

zytologische Ursache der Mendelspaltung auch zu erwarten für alle

Rassenunterschiede, die nicht in den Chromosomen, sondern ~irgendwo

anders im Idioplasma~ ihre Grundlage haben. Verschiedenheiten im

Bau des übrigen Fadengerüstes des Zellkerns, im Bau der Zentrosomen

usw. müssen ja auch irgendwelche Verschiedenheiten an den fertigen

Organismen mit sich bringen. Nun kennen wir allerdings bei vielen

Pflanzen ~einzelne~ Rassenverschiedenheiten, die ganz bestimmt

nicht mendeln, auch wenn alle anderen Unterschiede der betreffenden

Rassen den Spaltungsgesetzen unterliegen. Wir haben auch gewisse

Anhaltspunkte dafür, daß z. B. einige solche nicht mendelnde

Verschiedenheiten im Bau der Chromatophoren (Farbstoffträger) bedingt

sein müssen. Aber im großen und ganzen weiß man hierüber heute noch

so wenig Sicheres, daß hier die eingehende Besprechung auch dieser

Frage wohl unterbleiben kann. Das ist um so eher möglich, als man beim

Menschen über sicher ~nicht~ mendelnde Rassenunterschiede gar

nichts weiß. Es genügt wohl, wenn man sich immer daran erinnert, ~daß

die Mendelschen Spaltungsgesetze nicht ausnahmslos gelten, und daß

man früher oder später auch beim Menschen auf Vererbungserscheinungen

stoßen wird, die sich diesen Gesetzen nicht fügen~.

* * * * *

Fassen wir das über die Mixovariation Besprochene noch einmal

kurz zusammen: Eine zweite Hauptursache dafür, daß die Kinder

eines Elternpaares verschieden sind von den Eltern und auch unter

sich, besteht darin, daß bei der geschlechtlichen Fortpflanzung

meistens ~zwei verschiedene~ Idioplasmen, Vererbungsrichtungen

oder, wie man das sonst heißen will, sich vereinigen, und daß

bei der Geschlechtszellbildung der Bastarde diese verschiedenen

Vererbungsrichtungen sich nach sehr verwickelten Gesetzen und

Regeln auf die einzelnen Zellen verteilen. Es entstehen in der

Nachkommenschaft zweier gekreuzter Individuen alle möglichen

~Neukombinationen~ der ursprünglichen Unterschiede.

Die Neukombination verläuft für die große Mehrzahl aller

Rassenunterschiede nach den von ~Gregor Mendel~ entdeckten

Regeln, die freilich im Laufe der letzten Jahre eine sehr starke

Ausgestaltung erfahren haben. Einzelne Rassenunterschiede und sehr

viele Artenunterschiede vererben und kombinieren sich aber nach anderen

zum Teil sehr wenig bekannten Gesetzen.

~Das ständige kaleidoskopartige Entstehen und Vergehen

von Neukombinationen einer gewissen Zahl von ursprünglichen

Rassenunterschieden ist die Hauptursache für das erbliche Variieren

bei den sich geschlechtlich fortpflanzenden Organismen. Das gilt auch

gerade für den Menschen.~

c) ~Die Idiovariationen.~

Durch die immer wieder andere Kombinierung einer gewissen Zahl von

Grundunterschieden ist, wie wir im vorhergehenden Kapitel gehört haben,

eine ungeheure Variationsmöglichkeit gegeben, und es ist von mehreren

Biologen allen Ernstes die Ansicht vertreten worden, daß überhaupt

~alle~ erblichen Variationen im Grunde genommen Mixovariationen

seien. Das ist aber gewiß nicht der Fall. Es gibt große Klassen von

Organismen, so die Bakterien, die blaugrünen Algen (Cyanophyceen),

viele Algen und sehr viele Fadenpilze, die sich überhaupt ~nur~

ungeschlechtlich fortpflanzen, und trotzdem findet eine Entstehung

erblich verschiedener neuer Rassen auch hier statt. Ganz abgesehen

davon kann aber heute gar kein Zweifel daran bestehen, daß auch bei

den sich geschlechtlich fortpflanzenden Organismen fortwährend unter

unseren Augen neue erbliche Unterschiede entstehen.

Ob irgendein erblich von seinen Eltern und von seinen Geschwistern

verschiedenes Individuum nicht bloß eine neue vielleicht infolge von

Koppelung oder aus anderen Ursachen nur selten vorkommende Kombination

von schon vorher existierenden Grundunterschieden ist, ob vielleicht

eine unregelmäßige Spaltung vorliegt oder ob ein neuer bisher nicht

vorhandener Grundunterschied aufgetreten ist, kann nur entschieden

werden in Stammbaumkulturen von Organismen, die durch jahrzehntelange

Erbanalyse sehr genau bekannt sind. Daß es über Idiovariationen heute

zwar eine unübersehbar große Literatur gibt, daß man aber noch sehr

wenig sicheres weiß, hängt eben damit zusammen, daß nur sehr wenige

Organismen bisher genügend genau untersucht sind.

Sichten wir das heute über Idiovariationen bekannte Tatsachenmaterial

streng kritisch, so ergibt sich etwa folgendes Bild: Bei jeder bisher

genügend daraufhin beobachteten Organismenart treten aus meist ganz

unbekannten Ursachen und in sehr ungleicher Häufigkeit einzelne

Idiovariationen auf. Die große Mehrzahl davon beruht darauf, daß ein

neuer mendelnder Grundunterschied entsteht. Meistens zeigt bei Kreuzung

der neuen Idiovariante mit der Stammrasse die Eigenschaftsausbildung

der ~Stammrasse~ mehr oder weniger ausgesprochene ~Dominanz~ über die

neu aufgetretene Eigenschaftsausbildung. Aber man kennt auch eine große

Zahl von einwandsfreien ~Idiovarianten~, die bei Kreuzung mit der

Stammrasse ~dominieren~. Sehr viel seltener sind bisher Idiovariationen

gefunden worden, deren Unterschiede gegenüber der Stammrasse nicht

„mendeln“, sondern in anderer Weise vererbt werden. Dieser Befund

steht gut in Einklang damit, daß, wie wir ja gehört haben, die große

Mehrzahl aller Rassenunterschiede ~mendelt~, und daß Vererbung von

Rassenunterschieden nach anderen Gesetzen nur ~selten~ gefunden wird.

Bestimmte Angaben über die Häufigkeit von Idiovariationen können

heute noch nicht gemacht werden. Wenn nicht eine ganz besondere

Versuchsanordnung getroffen wird, kann stets nur ein kleiner Teil der

überhaupt vorkommenden Fälle von Idiovariationen wirklich auch gefunden

und erkannt werden. Man kann nur sagen, daß bei den Organismen, die

bisher daraufhin einigermaßen durchgearbeitet worden sind -- das ist

nur ~Drosophila~ und ~Antirrhinum~ -- wohl ~mindestens~ unter je 1000

Nachkommen eines Elternpaares ein Individuum eine Idiovariation zeigt.

Idiovariationen sind also doch häufiger als man lange Zeit geglaubt hat.

Wann und wo in einem Organismus die Idiovariation erfolgt, wo die ihr

zugrunde liegende Veränderung des Idioplasmas vor sich geht, ist bei

den sich nur geschlechtlich fortpflanzenden höheren Organismen kaum je

mit Sicherheit zu entscheiden. Es spricht aber vieles dafür, daß die

Idiovariation in jedem beliebigen Entwicklungsstadium erfolgen kann und

daß dementsprechend bei den höheren Organismen die große Mehrzahl aller

Idiovariationen in den ~diploiden~ Zellen sich abspielt. Dabei ist

von größtem theoretischem Interesse, daß, soweit es sich um mendelnde

Idiovariationen handelt, wohl sicher die beiden Chromosomensätze einer

diploiden Zelle ganz unabhängig voneinander sind. Eine Idiovariation

betrifft also nur den ~einen~ Chromosomensatz.

Durch Idiovariationen entstehen dauernd teils wirklich neue

Rassenunterschiede, teils auch Rassenunterschiede, die es anderweitig

schon gibt.

In letzter Linie bilden die Idiovariationen die ~Grundlage jeder

Stammesentwicklung~, ohne sie wäre eine Herausbildung ~neuer~

Sippen und Rassen und weiterhin Arten nicht möglich.

Über die ~Ursachen~ der Idiovariationen wissen wir fast nichts.

Die große Mehrzahl aller in einwandfreien Versuchen beobachteter

Fälle ist „spontan“ erfolgt, d. h. aber natürlich nur, daß man

nichts über die Ursache weiß. Man kann aber doch sagen, daß es

wahrscheinlich möglich ist, durch ganz verschiedenartige Eingriffe

-- hohe Temperaturen, Einwirkungen von Chemikalien, von Radium- und

Röntgenstrahlen usw. -- Idiovariationen auszulösen.

Ein Umstand, der nach allen bisher vorliegenden Beobachtungen bei den

sich geschlechtlich fortpfanzenden Organismen sehr wahrscheinlich die

Häufigkeiten von Idiovariationen vermehrt, ist starke ~Inzucht~. Eine

weitere auslösende Ursache von Idiovariationen ist ferner ~vielleicht~

in Kreuzungen sehr stark verschiedener Sippen zu suchen, wobei

der ganze Mechanismus der Kern- und Zellteilung und vor allem der

Reduktionsteilung gestört ist und die beiden verschiedenen Kernanteile

nicht recht zusammenpassen. Nur ist es gerade bei Idiovariationen

dieser letzten Kategorie meist sehr schwierig zu entscheiden, ob

eine Idiovariation oder eine unregelmäßige Spaltung vorliegt. Genau

besehen ist es auch ~theoretisch kaum möglich~, hier eine ~reinliche~

Scheidung von Idiovariationen und Mixovariationen durchzuführen.

Die beiden Kategorien von Variationen gehen hier ineinander über.

Idiovariationen dieser letzten Art, also gewissermaßen Zwischenformen

von Idiovariationen und Mixovariationen stellen die viel besprochenen

~de Vries~’schen Mutationen von ~Oenothera~ -- wenigstens in ihrer

großen Mehrzahl -- dar.

Die Neigung, bestimmte Idiovariationen häufig entstehen zu lassen, wird

sehr wahrscheinlich als Sippencharakter vererbt, sehr wahrscheinlich

vererbt sich diese Veranlagung nach den Spaltungsgesetzen. Das könnte

man sich so vorstellen, daß gewisse Chromosomen einen besonders labilen

Bau hätten und deshalb besonders leicht Idiovariationen entstehen

lassen.

Von einem großen Interesse für die menschliche Pathologie sind

Versuche, die man darüber angestellt hat, ob und wie starke

Vergiftung die erbliche Beschaffenheit der Nachkommen ändert, d. h.

Idiovariationen auslöst. Aus den Befunden am Menschen selbst kann

man sehr schwer sichere Schlüsse ziehen. Denn wenn wir z. B. finden,

daß die Kinder eines chronischen Säufers irgendwie minderwertig

sind, so ~kann~ das darauf beruhen, daß auch der Vater nur deshalb

ein Säufer geworden ist, weil er selbst schon psychisch minderwertig

war, er hätte dann nur seine ~selbst schon ererbte~ Veranlagung

~weitervererbt~. Oder die Kinder eines Säufers ~können~ deshalb

minderwertig sein, weil sie unter hygienisch und sozial sehr viel

ungünstigeren Verhältnissen aufwachsen, als Kinder gesunder Eltern.

Hier zeigt nun der Tierversuch, daß chronische Alkoholvergiftung

gesunder Tiere tatsächlich ~eine starke Schädigung der Nachkommen

bedingt~, die sich in sehr vielen Totgeburten und in schwächlichen

und zum Teil mißbildeten Jungen äußert. Es handelt sich anscheinend

dabei nicht bloß um eine „Nachwirkung“ (vgl. S. 9), sondern doch wohl

um eine dauernde ~Schädigung des Idioplasmas~, denn auch noch die

Enkelgeneration (die F_{2}-Tiere) von den alkoholisierten Tieren (den

P_{1}-Tieren) zeigt alle diese Schädigungen, auch wenn die F_{1}-Tiere

nicht mit Alkohol behandelt wurden. Damit, daß starke Vergiftungen und

wohl auch andere Schädigungen, das Idioplasma zu beeinflussen, erbliche

Schäden hervorzurufen imstande sind, muß doch wohl gerechnet werden.

Dabei ist freilich im Auge zu behalten, daß für diese Tierversuche

Alkoholvergiftungen angewendet wurden, wie sie auch bei den stärksten

Säufern kaum je vorkommen.

Der weitaus größte Teil aller spontan auftretenden und aller künstlich

ausgelösten Idiovariationen stellt, wenn man ein Werturteil darüber

abgeben will, Mißbildungen dar, wäre also im Kampf ums Dasein nicht

erhaltungsfähig.

Bei Menschen ist über einwandfreie Fälle von Idiovariationen nichts

bekannt, es ist aber ohne weiteres anzunehmen, daß auch hier

Idiovariationen ebenso häufig vorkommen, wie bei allen übrigen

Organismen.

Bei Organismen, die sich, wie der Mensch, geschlechtlich und durch

freie Paarung „panmiktisch“ fortpflanzen, spielen sich dauernd

die geschilderten drei Kategorien von Variationserscheinungen

~nebeneinander~ und ~durcheinander~ ab. Die Beurteilung, ob ein

Unterschied zwischen zwei Menschen auf Paravariation, auf Mixovariation

oder auf Idiovariation beruht, ist meist sehr schwierig, viel

schwieriger als der Laie zunächst wohl glaubt. Was vorliegt, kann

-- wenn überhaupt -- ~meist erst durch ein sehr gründliches Studium

entschieden werden~. Es scheint notwendig, das am Schlusse dieses

Kapitels noch ganz besonders zu betonen.

3. Der Einfluß der Variationserscheinungen auf die Zusammensetzung

eines Volkes, die Wirkung von Auslesevorgängen.

Was wir heute als ein Volk bezeichnen, ist, biologisch betrachtet,

ein ungeheuer bunt zusammengesetztes Gemisch. Wenn wir ein

Paar Schakalfamilien aus Kleinasien (~Canis aureus~), ein Paar

Schakalfamilien aus Nordafrika (~Canis lupaster~) und ein Paar

Wolfsfamilien (~Canis lupus~) sich irgendwo in freier gegenseitiger

Paarung unter möglichst günstigen Verhältnissen vermehren lassen, so

daß ~alle Mixo~varianten sich erhalten und auch viele Idiovarianten,

etwa Dackelbeinigkeit, Mopsform, Windhundtyp, Langhaarigkeit usw. nicht

durch eine natürliche Zuchtwahl ausgemerzt werden, dann würde so ein

Hundevolk entstehen, das in seiner bunten Zusammensetzung etwa dem

Rassenmischmasch eines heutigen Menschenvolkes entspräche.[4]

Es kann nicht scharf genug betont werden, daß das, was einem Volk, etwa

den Deutschen oder den Engländern oder den Franzosen usw. gemeinsam ist

und sie als Volk eint, nicht eigentlich die „Rasse“, sondern in erster

Linie die ~gemeinsame Sprache und Kultur ist~. Rassenunterschiede,

etwa die Unterschiede zwischen den genannten Völkern, sind immer nur

~relative~ Unterschiede insofern, ~als die Mengenverhältnisse des

Gemisches bei den verschiedenen Völkern etwas verschieden sind~, in

dem einen Volke sind diese, in dem andern jene Rassenbestandteile

zahlreicher. Aber auch ~anthropologische~ Volksgrenzen in ~diesem~

Sinne fallen durchaus nicht mit den ~Sprachgrenzen~ zusammen.

Wenn wir finden, daß in einem großen nach vielen Millionen zählenden

Volke so gut wie nie auch nur zwei Individuen einander gleich sind,

daß vielmehr in allen Eigenschaften eine große „~Variabilität~“

besteht, so beruht das zu einem Teile darauf, daß die Einzelindividuen

ungleich paravariiert sind (S. 7), zum ~Teil~ auch darauf, daß ab

und zu einzelne neue Idiovariationen erfolgen, in der ~Hauptsache~

aber beruht dieses Verschiedensein der Einzelmenschen darauf, daß in

einem solchen Mischvolke bei jeder Fortpflanzung immer wieder andere

Kombinationen von mendelnden und nicht mendelnden Rassenunterschieden

entstehen. Da ~Paravariationen~ nicht erblich sind, wird durch sie die

~erbliche~ Zusammensetzung eines Volkes nicht verändert, so groß auch

der Einfluß der Ernährungsweise, der ganzen Lebenshaltung usw. auf den

Einzelmenschen sein mag.

Sehr wesentlich wird dagegen durch ~Idiovariationen~ und unter gewissen

Voraussetzungen (Auslesevorgänge!) auch durch ~Mixovariationen~ ein

Volk in seiner erblichen Beschaffenheit verändert.

Wenn bestimmte Idiovariationen, etwa das Auftreten von erblicher

Veranlagung zu Diabetes (Zuckerkrankheit), auch nur ab und zu auftreten

-- etwa auf 10000 Geburten einmal als heterozygotische Idiovariation

-- und es würden die Diabetiker nicht durch einen scharfen

Auslesevorgang ausgemerzt, d. h. vermehrten sie sich ebenso stark

wie der Volksdurchschnitt, dann würde der Prozentsatz der Diabetiker

~dauernd zunehmen~, es müßte früher oder später eine Zeit kommen, zu

der das ganze Volk fast ~nur noch aus Diabetikern besteht~. Schon die

Verhinderung einer natürlichen Ausmerzung, d. h. der zu weitgehende

hygienische und soziale Schutz geistig oder körperlich minderwertiger

Idiovarianten, kann zur Entartung eines Volkes führen, wenn nicht,

in irgendeiner Weise dafür gesorgt wird, daß die Fortpflanzung

der Minderwertigen unterbleibt, oder doch schwächer ist, als beim

Volksdurchschnitt.

In der Hauptsache beruht die erbliche Variation aber nicht auf

Idiovariation, sondern auf Mixovariation, d. h. auf dem wechselvollen

Entstehen und Vergehen von immer wieder anderen Kombinationen. Zum

größten Teil handelt es sich wohl dabei um Kombinationen nach den

mendelschen Regeln.

Es ist nun die Frage, was wird aus einer solchen Bastardpopulation im

Laufe der Zeit, wie ist sie nach einer längeren Reihe von Generationen

zusammengesetzt? Wir wollen diese Frage an einem einfachen Beispiel

besprechen und einmal annehmen, wir hätten eine Anzahl F_{1}-Bastarde

zwischen einer schwarzen (#AA#) und einer weißen (#aa#) Kaninchenrasse.

Ein Pärchen von diesen Bastarden (#Aa#) stecken wir in einen großen

Käfig und lassen sie sich unter möglichst günstigen Bedingungen

vermehren. Das soll ~bei ganz unbeschränkter Paarung~ eine Reihe

von Generationen so weiter gehen, wir wollen also auf diese Weise

ein großes Volk von Kaninchen heranziehen, und die Frage ist, wie

wird ein solches Kaninchenvolk zusammengesetzt sein. Die Antwort

lautet: Es werden ~immer~ ziemlich genau 1/4 aller Tiere weiß und

3/4 schwarz sein. Wir hatten ein weibliches und ein männliches

F_{1}-Tier in den großen Käfig gesteckt. Deren Nachkommenschaft, d. h.

die F_{2}-Generation, müßte aus 3/4 schwarzen und 1/4 weißen Tieren

zusammengesetzt sein. Nehmen wir etwa an, diese Generation bestehe aus

im ganzen acht Tieren und zwar aus:

einem homozygotischen schwarzen Männchen #AA#, weiterhin als

Männchen I,

zwei heterozygotischen schwarzen Männchen #Aa#, weiterhin als

Männchen II und III,

einem homozygotischen weißen Männchen #aa#, weiterhin als

Männchen IV,

einem homozygotischen schwarzen Weibchen #AA#, weiterhin als

Weibchen α,

zwei heterozygotischen schwarzen Weibchen #Aa#, weiterhin als

Weibchen β und γ,

einem homozygotischen weißen Weibchen #aa#, weiterhin als

Weibchen δ

bezeichnet.

Zwischen diesen Tieren sind 16 verschiedene Paarungen möglich und

gleich wahrscheinlich, können daher als gleich oft vorkommend in

Rechnung gestellt werden, nämlich:

Weibchen α × Männchen I wird ergeben 4/4 _n_ #AA#-Tiere

„ α × „ II „ „ 2/4 _n_ #AA#-, 2/4 _n_ #Aa#-

Tiere

„ α × „ III „ „ 2/4 _n_ #AA#-, 2/4 _n_ #Aa#-

Tiere

„ α × „ IV „ „ 4/4 _n_ #Aa#-Tiere

„ β × „ I „ „ 2/4 _n_ #AA#-, 2/4 _n_ #Aa#-

Tiere

„ β × „ II „ „ 1/4 _n_ #AA#-, 2/4 _n_ #Aa#-,

1/4 _n_ #aa#-Tiere

„ β × „ III „ „ 1/4 _n_ #AA#-, 2/4 _n_ #Aa#-,

1/4 _n_ #aa#-Tiere

„ β × „ IV „ „ 2/4 _n_ #Aa#-, 2/4 _n_ #aa#-

Tiere

„ γ × „ I „ „ 2/4 _n_ #AA#-, 2/4 _n_ #Aa#-

Tiere

„ γ × „ II „ „ 1/4 _n_ #AA#-, 2/4 _n_ #Aa#-,

1/4 _n_ #aa#-Tiere

„ γ × „ III „ „ 1/4 _n_ #AA#-, 2/4 _n_ #Aa#-,

1/4 _n_ #aa#-Tiere

„ γ × „ IV „ „ 2/4 _n_ #Aa#-, 2/4 _n_ #aa#-

Tiere

„ δ × „ I „ „ 4/4 _n_ #Aa#-Tiere

„ δ × „ II „ „ 2/4 _n_ #Aa#-, 2/4 _n_ #aa#-

Tiere

„ δ × „ III „ „ 2/4 _n_ #Aa#-, 2/4 _n_ #aa#-

Tiere

„ δ × „ IV „ „ 4/4 _n_ #aa#-Tiere

--------------------------------

Sa. 16/4 n #AA#-, 32/4 _n_

#Aa#-, 16/4 _n_ #aa#-Tiere

d. h. 4 n #AA#- : #8# _n_

#Aa#- : 4 _n_ #aa#-Tiere

Die Ergebnisse aller dieser 16 einzelnen möglichen, in gleicher

Häufigkeit zu erwartenden Paarungen sind in dieser Tabelle gleich

mit angegeben. Es ist ferner in der Tabelle ausgerechnet, was alle

16 möglichen Paarungen zusammen ergeben müssen, und das Ergebnis

ist, daß die Nachkommenschaft einer solchen durch freie Paarung sich

vermehrenden F_{2}-Generation von 1 Teil #AA#-, 2 Teilen #Aa#-,

und 1 Teil #aa#-Kaninchen ~wieder ebenfalls aus 1 Teil~ #AA#-: ~2

Teilen~ #Aa#-: ~1 Teil~ #aa#-~Kaninchen bestehen wird~, d. h. eine

auf diese Weise entstandene F_{2}-Generation wird genau die gleiche

Zusammensetzung zeigen, wie die F_{2}-Generation. Das gleiche gilt

auch für die nächsten Generationen, und gilt auch, wenn sich nicht

bloß die Tiere einer Generation untereinander paaren, sondern auch,

wenn die Individuen der ~verschiedenen~ Generationen sich paaren,

was ja tatsächlich in einem solchen Versuche der Fall sein wird. Die

gleiche Berechnung läßt sich auch anstellen, wenn die F_{1}-Bastarde

sich in ~mehreren~ Merkmalen unterscheiden und verwickelter, etwa

nach ~9:3:3:1~ oder ~27:9:9:9:3:3:3:1~ aufspalten; auch dann werden

die folgenden Generationen immer ungefähr die gleiche Zusammensetzung

zeigen, wie die F_{2}-Generation. ~Wenn also eine in freier Paarung

sich vermehrende Bevölkerung aus einer F_{2}-Generation nach

einer Kreuzung hervorgeht, dann wird diese Population immer die

Zusammensetzung zeigen, welche die ursprüngliche F_{2}-Generation schon

aufwies, vorausgesetzt, daß keinerlei Auslese vor sich geht.~

Der Fall, daß eine ganze Population -- etwa die sämtlichen Kaninchen

einer Insel -- nur von einer einzigen, einheitlichen F_{2}-Generation

abstammt, wird nun freilich in der Natur selten vorkommen, aber dieses

Gesetz gilt auch noch viel weiter.

Wir können z. B. den eben beschriebenen Versuch etwas ändern, und

wir wollen einmal in den großen Vermehrungskäfig als Stammtiere für

das neue Kaninchenvolk folgende Tiere nehmen: zwei homozygotisch

schwarze #AA-#Männchen (I und II genannt), zwei homozygotisch schwarze

#AA-#Weibchen (α und β genannt), ein heterozygotisches schwarzes

#Aa-#Männchen (III genannt) und ein heterozygotisches schwarzes

#Aa-#Weibchen (γ genannt). Wenn wir diese sechs Tiere sich beliebig oft

ganz regellos paaren lassen, dann bekommen wir eine nächste Generation,

die aus homozygotisch schwarzen, heterozygotisch schwarzen und weißen

Tieren besteht im Verhältnis ~25:10:1~.

Die Berechnung gibt die folgende Tabelle:

Das Weibchen α kann sich paaren mit dem Männchen I und wird geben:

4/4 _n_ schwarze #AA-#Tiere.

Das Weibchen α kann sich paaren mit dem Männchen II und wird geben:

4/4 _n_ schwarze #AA-#Tiere.

Das Weibchen α kann sich paaren mit dem Männchen III und wird geben:

2/4 _n_ schwarze #AA-#, 2/4 _n_ schwarze #Aa-#Tiere.

Das Weibchen β kann sich paaren mit dem Männchen I und wird geben:

4/4 _n_ schwarze #AA-#Tiere.

Das Weibchen β kann sich paaren mit dem Männchen II und wird geben:

4/4 _n_ schwarze #AA-#Tiere.

Das Weibchen β kann sich paaren mit dem Männchen III und wird geben:

2/4 _n_ schwarze #AA-#, 2/4 _n_ schwarze #Aa-#Tiere.

Das Weibchen γ kann sich paaren mit dem Männchen I und wird geben:

2/4 _n_ schwarze #AA-#, 2/4 _n_ schwarze #Aa-#Tiere.

Das Weibchen γ kann sich paaren mit dem Männchen II und wird geben:

2/4 _n_ schwarze #AA-#, 2/4 _n_ schwarze #Aa-#Tiere.

Das Weibchen γ kann sich paaren mit dem Männchen III und wird geben:

1/4 _n_ schwarze #AA-#, 2/4 _n_ schwarze #Aa#-, 1/4 _n_ weiße #aa-

#Tiere.

--------------------------------------------------------------------

Das Ergebnis ~aller~ möglichen Paarungen: 25/4 _n_ schwarze #AA#,

10/4 _n_ schwarze #Aa#, 1/4 _n_ weiße #aa-#Tiere.

Da alle Paarungen die gleiche Wahrscheinlichkeit haben, wird sich als

Ergebnis einer sehr großen Anzahl derartiger Paarungen eine Population

ergeben müssen, in der die Kategorien #AA#, #Aa# und #aa# im Verhältnis

von ~25:10:1~ stehen, d. h. in dem gleichen Verhältnis, das schon in

der F_{1}-Generation vorlag.

Überlassen wir eine solche Population noch weiter einer freien

regellosen Vermehrung, so werden ~auch alle folgenden Generationen das~

#gleiche# ~Zahlenverhältnis zwischen den weißen und den beiden Sorten

von schwarzen Tieren aufweisen~. Man kann so leicht für jede beliebige

Ausgangsgeneration errechnen, welche Zusammensetzung eine daraus

hervorgehende Population aufweisen wird.

~Voraussetzung ist dabei, daß keine „Zufuhr von fremdem Blut“

stattfindet, und daß die verschiedenen Kategorien~ #gleich# ~lebens-

und fortpflanzungsfähig sind, so daß also kein Auslesevorgang

eingreift~.

Wie wird die Sachlage nun aber, wenn dauernd einzelne bestimmte

Kombinationen ausgemerzt werden oder sich unterdurchschnittlich

vermehren? Wählen wir auch hier wieder ein einfaches schematisches

Beispiel: Wir bringen auf eine Insel zwei weibliche blaue

Angorakaninchen von der Formel #AA XX BB CC dd gg vv# (vgl. wegen der

Formel S. 36) und zwei männliche kurzhaarige wildfarbige von der Formel

#AA XX BB CC DD GG VV#. Die F_{1}-Generation besteht dann aus --[5]

#Dd Gg Vv-#Tieren, die alle kurzhaarig und wildfarbig sind, und die

F_{2}-Generation besteht aus den nachstehenden Kategorien in dem in

Klammern beigefügten Häufigkeitsverhältnissen:

-- DGV wildfarbig kurzhaarig 27

-- DGv „ Angora 9

-- DgV schwarz kurzhaarig 9

-- Dgv „ Angora 3

-- dGV blau-wildfarbig kurzhaarig 9

-- dGv „ „ Angora 3

-- dgV blau kurzhaarig 3

-- dgv „ Angora 1

Ohne Auslese wird sich, wie gesagt, das so entstandene Kaninchenvolk

in dieser bunten Zusammensetzung dauernd erhalten. Nehmen wir nun

einmal an, es würden bestimmte Kategorien, etwa alle ~blau-wildfarbigen

Angora-Tiere~, d. h. alle Tiere von den Formeln -- #dd GG vv#

und -- #dd Gg vv# ~vor der Fortpflanzung ausgemerzt~. Auch wenn

diese Vernichtung der blau-wildfarbigen Angora-Tiere ganz streng

durchgeführt wird, wenn ~nie~ ein Tier dieser Art zur Fortpflanzung

kommt, so würden dennoch ~immer wieder Tiere dieser Art in unserem

Kaninchenvolke~ geboren werden, weil Tiere dieser Erbformel und

dieser Körperbeschaffenheit in einer solchen Zucht auch von ~ganz

anders aussehenden~ Eltern erzeugt werden! Aber es wird die ~Zahl~

der blau-wildfarbigen Angora-Tiere in der nächsten Generation schon

geringer sein. Die nachstehende Tabelle gibt die Wirkung einer solchen

Ausmerzung der blau-wildfarbigen Angora-Tiere wieder.

-------------------------+--------+-------+--------------+----------

| | |die Ausmerzung|

| | | aller blau- | d. h.

Ohne Auslese müßte die | im | in % | wildfarbigen | Zunahme

F_{3}-Generation die |Verhält-|ausge- | Angora-Tiere | oder

nachfolgenden Kategorien | nis |drückt | gibt das | Abnahme

aufweisen | | | Verhältnis | in %

| | | (auch in % |

| | | ausgedrückt) |

-------------------------+--------+-------+--------------+---------+

wildfarbig kurzhaarig | 27 | 42,18 | 44,44 | + 2,26

„ Angora | 9 | 14,06 | 13,82 | - 0,24

schwarz kurzhaarig | 9 | 14,06 | 14,67 | + 0,61

„ Angora | 3 | 4,69 | 4,46 | - 0,23

blau-wildfarbig | 9 | 14,06 | 13,82 | - 0,24

kurzhaarig | | | |

„ Angora | 3 | 4,69 | 3,19 | - 1,50

blau kurzhaarig | 3 | 4,69 | 4,46 | - 0,23

„ Angora | 1 | 1,56 | 1,12 | - 0,44

Wie ein Blick auf die Tabelle zeigt, ergibt die -- etwas umständliche

und deshalb nicht ausführlich wiedergegebene -- Berechnung der

Zusammensetzung der F_{3}-Generation nach einer solchen Auslese, daß

nicht bloß die Häufigkeit der blau-wildfarbigen Angora-Tiere abgenommen

hat, sondern daß sich auch im Verhältnis der übrigen Kategorien

untereinander beträchtliche Verschiebungen ergeben haben.

Wird eine solche Auslese eine lange Reihe von Generationen hindurch

vorgenommen, so wird die ausgemerzte Sorte immer seltener werden und

es wird auch sonst die Zusammensetzung des Kaninchenvolkes sehr stark

verändert.

Im einzelnen ist diese Wirkung sehr verschieden je nachdem, ob

dominante oder rezessive Typen ausgemerzt werden, ob nur eine

Kombination oder ob gleichzeitig viele Kombinationen ausgemerzt werden

usw. Es würde zu weit führen, hier auf alle Einzelheiten einzugehen.

Uns interessiert, daß es zwar zu einem völligen Verschwinden bestimmter

Kombinationen bei einem solchen Auslesevorgang zunächst nicht kommt,

daß aber die ausgemerzten Typen seltener werden und daß auch sonst die

Zusammensetzung des Volkes sich verändert.

Das hat, wie an anderer Stelle ausgeführt wird, für die Beurteilung

der Auslesevorgänge beim Menschen eine große Tragweite. Wenn in einem

Kulturvolk dauernd die bestveranlagten Individuen und Familien,

d. h. die Verkörperung ganz bestimmter Eigenschaftskombinationen,

sich schwächer vermehren als der Durchschnitt der Bevölkerung, so

wird das für das Volksganze eine verhängnisvolle Wirkung haben:

~hochveranlagte Individuen werden zwar immer wieder aus der großen

Masse des Volkes heraus entstehen, aber wenn eine lange Reihe von

Generationen hindurch immer und immer wieder diese bestveranlagten

Menschen sich weniger stark fortpfanzen als der Volksdurchschnitt, so

werden diese Menschen immer seltener, und schließlich wird dann ein

solches Volk nicht mehr so viele „führende Köpfe“ hervorbringen, wie

nötig sind, um das Gerippe des Staates zu bilden und um das Volk auf

seiner Kulturhöhe zu erhalten, ein solches Volk wird „entarten“.~

#4. Die Wirkung von Inzucht.#

Wenn bei einem Organismus, der sich gewöhnlich durch Fremdbefruchtung

fortpflanzt, ~Inzucht~ getrieben wird, so bringt das fast stets

Nachteile mit sich. Diese Erkenntnis von der Schädlichkeit der Inzucht

ist uralt, ein großer Teil der Ehegesetzgebung schon der ältesten

Kulturvölker geht mehr oder weniger darauf zurück.

[Illustration: Fig. 13.

Schematischer Stammbaum einer Familie mit einer als rezessives Merkmal

mendelnden erblichen Mißbildung (etwa Albinismus) -- homozygotisch

gesunde Personen ~weiß~, heterozygotische (äußerlich ebenfalls

gesunde) ~weiß mit schwarzem Punkte~, homozygotisch kranke Personen

~schwarz~ dargestellt. Der eine dargestellte Fall von Verwandtenehe

(durch gestrichelte Linie eingerahmt) ermöglicht die Entstehung von

homozygotisch kranken Kindern.]

Die Schädigung durch Inzucht beruht auf zwei ganz verschiedenen

Dingen. Zunächst befördert jede Inzucht und jede Verwandschaftszucht

das Herausmendeln rezessiver Mißbildungen. Das zeigt wohl am besten

der in Figur 13 abgebildete Stammbaum. Albinismus vererbt sich beim

Menschen als einfach rezessives Merkmal. Heterozygotisch albinotische

Menschen sind äußerlich völlig normal. Heiraten die Angehörigen einer

solchen mit Albinismus erblich belasteten Familie immer wieder in

andere ~nicht~ damit belastete Familien, so wird zwar immer ein

Teil der Nachkommen die Anlage heterozygotisch, also latent enthalten

sein, aber Albinos werden nicht geboren. Homozygotische Albinos kommen

hier nur zustande, wenn zwei solche heterozygotische Individuen sich

heiraten. Die Wahrscheinlichkeit, daß ein solcher Fall eintritt,

ist nun aber bei einer Verwandtenehe innerhalb einer solchen Familie

sehr groß, es wird also das Auftreten von Albinismus in dieser

Familie durch Verwandtenehe begünstigt. Eine erbliche Belastung mit

rezessiven Erbübeln haben sehr viele Familien, meist ohne daß den

Familienangehörigen davon etwas bekannt ist. In der einen Familie

steckt dieses, in der anderen jenes Übel. Heiraten ~außerhalb~

der Familie lassen die erbliche krankhafte Anlage nicht homozygotisch

heraustreten, Heiraten ~in~ der Familie begünstigen das Auftreten.

Hierin liegt ~eine~ Ursache der Inzuchtschädigungen,~ aber nicht

die einzige~.

Eine ~zweite~ Art von Inzuchtschädigung beruht darauf, daß aus

unbekannten Gründen jede Inzucht -- je enger die Inzucht, desto

rascher -- eine Schwächung der Nachkommen und eine Verringerung

der Fortpflanzungsfähigkeit bewirkt. Diese Schwächung geht wohl

stets bis zu einem früher oder später erreichtem Mindestmaß, d. h.

bei Inzucht während ~mehrerer~ Generationen nimmt zunächst

die Lebenstüchtigkeit der Nachkommen sehr stark, in den späteren

Generationen langsamer ab, und schließlich wird eine Art Dauerzustand

erreicht, wo weitere Inzucht nicht mehr schädigt. Es gibt also wohl

eine Art von Mindestmaß der Lebenstüchtigkeit, das durch engste Inzucht

früher oder später erreicht wird. Dieses Mindestmaß liegt bei den

verschiedenen Organismen sehr ungleich hoch.

Für den Menschen ist über ~diese~ Wirkung dauernder engster

Inzucht nichts Zuverlässiges bekannt. Auch für die höheren Tiere weiß

man hierüber nur wenig. Es genügt deshalb wohl, hier wenigstens darauf

hinzuweisen, daß es außer der beim Menschen besser untersuchten ersten

Art von Inzuchtserscheinungen noch eine solche zweite gibt.

Ob die gelegentlich gemachte Beobachtung, daß Kinder aus Inzestzucht

(Kinder von Bruder und Schwester, von Vater und Tochter usw.) häufig

geistig und körperlich minderwertig sind, auf „Inzuchtwirkung“ beruht,

ist sehr zweifelhaft. Inzest wird eben im allgemeinen doch wohl nur bei

selbst schon stark minderwertigen Menschen vorkommen.

Zweiter Abschnitt.

Die Rassenunterschiede des Menschen.

Grundriß der menschlichen Erblichkeitslehre und Rassenhygiene (1/2) Menschliche Erblichkeitslehre · 第 31 / 64 题