Wie habe ich immer die Knaben beneidet, deren Väter in den Portierlogen
oder auf den Türbänken gelassen und freundlich an Sonntagnachmittagen
ihre Pfeife rauchten, und wie erst die Buben in den Bürgerzimmern, wo
der Hausherr behaglich gerötet, in Hemdsärmeln, die Virginier im Munde
und ein halbgeleertes Bierglas vor sich, an dem weißen Tisch saß.
Ich will von der Erschütterung schweigen, die ich einmal, noch als
ganz kleiner Kadettenschüler empfand, als ich an dem offenen Fenster
einer Parterrewohnung vorbeiging und dahinter einen älteren Mann am
Klavier sah, der aus einem aufgeschlagenen Notenbuch die Arie des
Cherubim: „Neue Freuden, neue Schmerzen“ spielte, die sein Sohn, ein
wunderschöner, elfjähriger Junge, mit der reinen heiligen Stimme des
Kirchensopranisten sang. -- Bitterlicher als damals habe ich nie mehr
geweint, denn mein Weg führte aus der Kaserne, wo ich allsonntäglich
meinem Vater über die Ergebnisse der Woche Rechenschaft ablegen mußte,
in die Kadettenanstalt zurück.
Ja, mein Vater rauchte Zigaretten und spielte nicht Klavier. Er rauchte
Zigaretten und zwar solche, die ihm meine Mutter, seine verschüchterte,
harte Dienerin traurigen Angedenkens, allabendlich bis in die Nacht
hinein mit der Maschine stopfte; denn sein Tagesbedarf war groß. Mit
nobel zitternden, gelbspitzigen Fingern führte er diese Zigaretten zum
Mund, ob er nun in der Bataillonskanzlei saß, über den Exerzierplatz
ritt, oder gelangweilt nach der Ursache eines Zornausbruchs sinnend
in seinem Zimmer auf und abging. Schon als achtjährigem Buben war es
mir klar, daß der kein guter Mensch sein könne, der immerfort solche
Rauchstöße durch die Nüstern der Nase blies. Alles an diesem Vater war:
Von oben herab! Und Rauch durch die Nüstern stoßen, das taten doch nur
die Drachen, die es jetzt nicht mehr gab.
Wir waren um diese Zeit in einer der großen Landeshauptstädte mit
starker Garnison stationiert. Ich erinnere mich, daß mein Vater
anfangs, als Hauptmann, dem Hausregiment zugeteilt gewesen ist. Ich
selbst war Zögling der Kadettenanstalt dieser Stadt, also schon als
Kind zu schwerer Zuchthausstrafe verurteilt. Doch noch härter war mein
Los als das der anderen Offizierssöhne!
Wer nicht in einem unerbittlichen Institut aufgewachsen ist, wird sein
Lebtag die Bedeutung des Wortes -- Sonntag -- nicht ermessen. Sonntag,
das ist der Tag, wo die erdrosselnde Hand der Angst um den Hals sich
lockert, Sonntag, das ist ein Erwachen ohne bangen Brechreiz, Sonntag,
das ist der Tag ohne Prüfung, Strafe, erbitterten Lehrerschrei, der
Tag ohne Schande, ohne zurückgewürgte Tränen, Erniedrigungen, der Tag,
da man in einem süßen Glockenmeer erwacht, die Bäume des armseligen
Anstaltsgartens sind Bäume und nicht fühllose Gefangenenwächter wie
sonst, der Tag, wo jeder mit dem weißen Erlaubnisschein die Wache am
Tor passiert, und in die Freiheit und Freude tritt.
Ach, selbst der Sonntag konnte mich nicht froh machen, dieser Tag, den
die Kameraden in aller Frühe schon mit unterdrückten Jubelschreien
begrüßten, wenn sie aufsprangen und ihre Köpfe unter die mager
tröpfelnde Waschgelegenheit hielten. Sie durften den ganzen Tag
über ausbleiben bis neun Uhr abends, ja, manche sogar bis zehn,
bis elf; dann erst zu solch später Stunde warf sich das furchtbare
Montagsgespenst mit der Wucht der Versäumnisse und ungelösten Aufgaben
über sie.
Aber am Morgen entflohen sie zitternd und rot vor Glück dem Kerker,
kehrten in ein Heim ein, wo sie, wenn auch spärlich, so doch eine
Spur von Liebe und Betreuung empfingen; sie wurden am Nachmittag
in eine Konditorei geführt, oder durften mit ihren Eltern auf der
Terrasse eines Cafés sitzen, oder in einem Restaurationsgarten in den
schneidigen Blech- und Paukendonner der Militärmusik tauchen.
Was war mein Sonntag? Um zehn Uhr morgens verließ ich die
Kadettenschule mit entsetzlichem Herzklopfen und einer schweren
Übelkeit im Magen, ohne daß ich vermocht hätte, den Frühstückskaffee
aus der verbeulten Soldaten-Blechschale herunterzutrinken. Denn ich
mußte Punkt halb elf in der Bataillonskanzlei vor meinem Vater stehn,
der mich mit dienstlich verächtlichem Blicke maß und anfuhr:
„Korporal, wie stehn Sie da?“
Das wiederholte sich jedesmal. Meine Knie schlotterten dann, und
mit Anspannung aller Kräfte nahm ich strammer Stellung. Es folgte
das Verhör über die Noten und Zensuren, die ich in der abgelaufenen
Woche davongetragen hatte. Niemals ein Lob, immer aber flogen mir
Kommisschimpfworte an den Kopf, und ich pries den Gottestag, an dem es
mir so gut erging, daß ich „nur mit Hohn“ bedacht worden war.
Während dieser Hinrichtungen blies der Vater den Rauch der Zigaretten
ohne Aufhören durch die Nase. (Ich habe in meinem Leben keine Zigarette
berührt, und das ist wohl das einzige Laster, dem ich nicht verfiel.)
Der Rapport schloß damit, daß der Vater sich über ein Dienststück
beugte, den Rechnungsfeldwebel, der in der Ecke der Kanzlei die ganze
Zeit über stramm stand, zu sich heranwinkte, und ohne aufzublicken mir
befahl:
„Abtreten!“
Auf der Straße wurde es mir ganz bitter im Mund. Ich konnte mit meinen
kleinen Beinen kaum mehr weiter.
Von Sonne und Furcht waren mir die Augen ganz betäubt, und dennoch
mußte ich mit gestreckten Knien vorwärts schreiten, den Kopf
salutierend nach rechts und nach links werfen, um ja keinen Offizier zu
übersehn.
Und noch eines! Alle meine Mitschüler trugen am Sonntag eigene
Uniformen aus Kammgarnstoff und von gutem Schnitt. -- Ich allein mußte
in der plumpen ärarischen Montur meinen Ausgang machen, und wie oft
schämte ich mich der blauen, die Beine verunstaltenden Hosen.
Todmüde kam ich so gegen die Mittagsstunde zu dem Hause, wo meine
Eltern wohnten. Doch auch dieses Haus war im Bann meines Schicksals
gelegen, es stand in der Hörweite der Retraite und Hornsignale.
Jedesmal mit neuem Herzklopfen läutete ich an. Meine Mutter öffnete mir
selbst; denn Offiziersfrauen können sich ja keine Dienstboten halten.
Ich küßte ihr die Hand, sie fuhr mir kurz mit ihren bigotten trockenen
Lippen über die Stirne. Dann mußte ich den Waffenrock ablegen und ein
ausgewachsenes kurzärmeliges Lüsterjäckchen anziehn, eines meiner
Schulbücher nehmen und still dasitzen, während die Mutter mit kurzen
merkwürdigen Rucken in der Küche hantierte. Wie sie hin- und herging,
dachte ich oft: „Warum trägt meine Mutter so große, gerade Stiefel
mit breiten platten Absätzen, ganz anders als die geschwungenen
Schuhe, welche die hellgekleideten Frauen auf der Straße tragen? --
Warum empfinde ich bei ihrem Schritt nicht dasselbe wohlige Gefühl,
das mich angesichts der schönen klappernden Frauenschritte da draußen
durchrieselt?“ --
Mittags kam der Vater nach Hause. Seine Lackstiefeletten blitzten. Er
brachte es fertig, durch den ärgsten Staub und Kot zu gehn, ohne daß
sein tadelloses Schuhwerk auch nur von dem kleinsten Fleck verunstaltet
wurde. Es geschah regelmäßig dasselbe. Er hing den Tschako und
frischvernickelten Salonsäbel an den Haken, zog sein Bartbürstchen und
kämmte sich zurecht, schlug in der Türe leicht die Sporen aneinander
und begrüßte meine Mutter und mich, die schon mit der Suppe warteten,
mit einem förmlichen „Servus“, wie er es von Kameradschaftsabenden her
gewohnt war, wenn er unter rangsjüngere Kameraden trat.
Beim Essen wurde wenig gesprochen, denn einen schweigsameren Menschen
als meine Mutter habe ich nie gesehen, die nur ein Gegenstand völlig in
Schwung zu bringen vermochte: Der Judenhaß. Mein Vater machte zwischen
zwei Bissen dann und wann eine Bemerkung über einen Offizier. Den
Untergebenen und Gleichgestellten pflegte er schlechtweg mit seinem
Zunamen zu nennen, den Vorgesetzten bezeichnete er mit der Charge,
wobei er niemals vergaß, das Wort „Herr“ voran zu setzen.
Er war ein ausgezeichneter Offizier. Das Dienstreglement war ihm in
Fleisch und Blut übergegangen.
Wenn er das Wort an mich richtete, so war es immer eine Prüfungsfrage.
Einmal zog er sogar, während ich in meinem verflachsten Rindfleisch
stocherte, eine zusammengefaltete Generalstabskarte aus der Tasche und
verlangte von mir, ich solle die Karrenwege im Raume von Jezierna, das
ein unbedeutendes galizisches Nest ist, genau beschreiben. Das war
selbst meiner Mutter zu viel. „Laß das Kind essen, Karl!“ sagte sie.
Und ich habe ihr dieses gute Wort -- „Kind“ -- nie vergessen.
Diese Mahlzeit war der Höhepunkt meines Sonntags. Um fünf Uhr
mußte ich schon wieder in dem weißgetünchten Zimmer mit den zehn
Eisenbettgestellen sitzen und über einer arithmetischen Aufgabe brüten,
verzehrt von Montagsangst und Sodbrennen.
Nur in den Ferien war es etwas anders. Zwar unterließ es mein Vater
nicht, die Schule zu ersetzen und alltäglich mir einen Rapport zu
verordnen, wo er das Pensum, das er mir tags vorher aufgebürdet
hatte, abhörte, -- aber ich durfte doch eine Stunde länger im Bett
liegenbleiben, das nicht ganz so hart war, als das der Kadettenanstalt;
auch blieb mir Zeit, ein wenig zu flanieren, mit dem Hund zu spielen,
oder eine Indianergeschichte zu lesen.
Vollends erträglich wurde der Zustand, wenn die Zeit der Manöver
heranrückte und der Vater mit seinem Regiment ins Sommerquartier ging.
Von dem ersten Augenblick seiner Abwesenheit an war meine Mutter wie
verwandelt. Sie ging mit mir viel spazieren, erzählte von ihrem Vater,
der Rechnungsrat im Finanzministerium gewesen war und ein berühmter
Schachspieler, -- selbst ihre Schuhe, die meinen Schönheitssinn immer
beleidigt hatten, bekamen eine weniger strenge und angenehm weibliche
Form; ich mußte mir nicht mehr selbst die abgerissenen Knöpfe annähen,
sie wusch mir auch den Kopf und zog mir mit Sorgfalt den Scheitel. --
Eines Tages kehrten wir sogar in eine Konditorei ein, und zum erstenmal
im Leben durfte ich Schokolade mit Schlagobers genießen.
Einmal in dieser Ferienzeit erwachte ich in der Nacht. Da sah ich meine
Mutter mit einer Kerze vor meinem Bett stehen. Sie hatte das Haar
geöffnet und ich konnte erkennen, daß es sehr schön war.
Über ihr Gesicht liefen viele Tränen. Sie setzte sich zu mir und küßte
mich in einem wilden plötzlichen Überschwang. Da fing auch ich an,
unaufhaltsam zu weinen. Am Morgen erwachte ich und hatte das erstemal
in meiner Jugendzeit wirklichen Appetit.
In den ersten Tagen des September kam der Vater von den Manövern
zurück. Doch diesmal hatte ich ein ungeahntes Glück. Er schien nicht
derselbe zu sein. Sein Gesicht war freundlicher und wohl gerötet,
seine Gestalt weniger infanteriepedantisch, fast die eines Reiters. Er
trug keine gelben Waschhandschuhe, als er eintrat, sondern weiße dünne
Glacés, klopfte mir auf die Schulter und sagte: „Nun, Bub, wie waren
die Ferien?“ Ich traute meinen Ohren nicht und wurde maßlos rot.
Die Veränderung im Benehmen meines Vaters hatte einen guten Grund.
Die Manöver waren für ihn außerordentlich günstig abgelaufen. Bei
der Kritik hatte ihn der Thronfolger dreimal höchst schmeichelhaft
erwähnt, er war fast außertourlich mit Überspringung von sieben älteren
Hauptleuten zum Major avanciert, und was die seltenste Auszeichnung
ist, ihm war der Adel mit dem Prädikat „Edler von Sporentritt“
verliehen worden. Es war vorauszusehen, daß er, trotzdem er das Studium
der Kriegsschule einst hatte unterbrechen müssen, zum Generalstab
versetzt werden würde.
Die letzten acht Tage dieser Ferien waren die glücklichsten meiner
ganzen Kindheit. Der Vater war jovial und eifrig bestrebt, die
Gewohnheiten eines Frontsoldaten mit denen eines militärischen
Diplomaten zu vertauschen.
Hausrapporte, Prüfungen, Gespräche über Kasernfragen verschwanden ganz.
In unser Hinterzimmer zog eine Hausschneiderin ein; für meine Mutter
sollte ein Straßenkostüm nach der Mode angefertigt werden. Ihr Gesicht
glühte in mädchenhafter Erregung, wenn sie mit der alten Jungfer über
ein Schnittmuster gebeugt stand oder selbst an der Nähmaschine saß.
Es konnte auch geschehen, daß mein Vater, der jetzt eine weniger
vorschriftsmäßige feinere Uniform trug, in das Kabinett trat, um
einer Anprobe beizuwohnen. Wenn er seine Meinung über eine Falte oder
Rüsche aussprach, vergaß er nicht, seinen Worten einen näselnden,
leichtfertigen Ton zu geben.
Eines Abends hatten wir sogar Gäste. Der Regimentskommandant und der
Brigadier mit ihren Damen. Es gab vor dem Braten eine Vorspeise,
französischen Salat in Muscheln. Ich, der bei Tisch dabei sein durfte,
erstarb in Ehrfurcht vor dieser geheimnisvollen edlen Speise.
Meine Mutter bewegte sich in ihrem guten Seidenen, das heute ganz
ungewohnt vornehm wirkte. Ihr schönes Haar trat gut zutage. Sie trug
eine dünne Goldkette, an der ein Türkiskreuz hing, um den Hals, an den
Handgelenken klirrende Silberarmbänder.
Es wurde Wein und Bier getrunken. Der Brigadier gab wohlwollend
jüdische Anekdoten zum besten, der Oberst Kasernhofblüten. Beide
nannten meinen Vater: „Lieber von Sporentritt!“ Sie waren bürgerlichen
Namens und nicht wenig stolz, daß ein so hoch qualifizierter Offizier
in ihrem Dienstbereiche stand. Als sie aufbrachen, zwickte mich der
General freundlich in die Wange. Ich stand starr wie eine Ordonanz an
der Türe.
Meine Eltern waren mit diesem wohlgelungenen Souper sehr zufrieden. Was
ich bisher noch nie gesehen hatte, ich sah meinen Vater mit unterm Kopf
verschränkten Armen sich in einem Schaukelstuhl wiegen. Das war für
mich eine überaus aristokratische Geste.
Vor dem Schlafengehen küßte der Vater meiner Mutter die Hand. Ich
glaube, das war der glücklichste Augenblick ihres Lebens.
So nahte für mich der letzte Sonntag dieser wunderbaren Ferien heran,
und der Zufall wollte es, daß dieser Tag gerade mit meinem dreizehnten
Geburtstage zusammenfiel. So durfte auch ich einmal im Leben ein
Sonntagskind sein.
Am Morgen dieses Tages trat ich zu meinem Vater ins Zimmer, der
gerade beim Frühstück saß. Er ließ mich niedersetzen und teilnehmen.
Trotz seiner Freundlichkeit in den letzten Tagen hätte ich in meiner
Verschrockenheit doch nicht gewagt, dieser Aufforderung zu folgen.
„Es ist ja heute dein Geburtstag,“ sagte er, „setz’ dich nur!“ Ich
trank zaghaft aus der Tasse, die er mir hingestellt hatte. Er schwieg
lange still und ich fühlte, daß er über mich nachdachte.
„Du bist heute dreizehn Jahre“ -- begann er plötzlich -- „und die
Jugend geht rasch vorbei! Gerade an meinem dreizehnten Geburtstag,
erinnere ich mich, hatte mir mein Vater, der Oberstleutnant, ein
besonderes Vergnügen zum Geschenke zugedacht. Ich will dir das gleiche
Geschenk machen, und du magst ebenso an deinem Sohne handeln. Du wirst
es einmal verstehn, daß die Tradition den Wert einer Familie bedeutet.
Halte dich heute nach Tisch bereit und jetzt geh!“
Nach dem Essen, das besser war als sonst, gebot mir der Vater noch
einmal, mich anständig zurecht zu machen. Er selbst aber stand auf
und ging in sein Zimmer. Nach einer halben Stunde kam er zurück. Aber
was war geschehen? Er hat Zivilkleidung angelegt -- und so wenig ich
damals davon verstehen konnte, so sehr fühlte ich doch die Verwandlung
ins Armselige, die mit diesem sonst so steifen und klirrenden Menschen
vor sich gegangen war. Das war nicht mehr die erdrückende Erscheinung
von vorhin, so sahen die vornehmen Herren auf der Straße nicht aus,
dieser Vater glich jetzt den mageren Gestalten hinter den Postschaltern.
Unter den allzu kurzen Ärmeln traten viel zu weit die angeknöpften
Manschetten vor, der Kragen schien eng und von einer veraltet
unerfreulichen Fasson zu sein. Die genähte Krawatte ließ den gelben
Kragenknopf sehn. Die Hosen, überaus gebügelt, spiegelten hinten, was
dadurch besonders sichtbar wurde, daß der Rock ebenso kurz wie alles
andere war.
Tadellos allein wirkten Frisur, -- Stock, Hut und Handschuhe, die der
Vater, als wäre er das sehr gewohnt, leichthin in der Hand trug.
Wie wach ist doch ein Kinderherz!
Ich verstand so viel!
Der Mann, der mein Vater war, jetzt hatte er sich enthüllt.
Armut, Engbrüstigkeit und Schäbigkeit; nun traten sie als Wahrheit
hervor, nachdem Glanz und Planz im Kasten hingen! Und doch!
Eine ungeheure Welle von Wärme und Mitleid für ihn stieg in mir auf.
Wir gingen über die Straße, beide mit dem dummen und kniewerfenden
Schritt der Soldaten.
„Wohin gehen wir?“ wagte ich zu fragen.
„Das wirst du schon sehen.“
Als wir mitten auf der großen Brücke standen, wußte ich plötzlich,
und das Blut stockte mir vor wunderbarem Entsetzen: „Es geht auf die
Hetzinsel.“ Die Hetzinsel war gleichsam der Wurstelprater unsrer Stadt.
Meine Kameraden, die sie hatten besuchen dürfen, berichteten das
Tollste. Panoptikum, Grotten -- und Bergbahn, verzaubertes Schloß,
Photograph, Schießstätten, rasende Karusselle, elektrische Theater, daß
diese Entzückungen nicht fehlen durften, war ja selbstverständlich.
Daß aber ein wirkliches bodenständiges Stück Wüste da wäre, mitten
auf dieser Flußinsel, ein Stück wahrer Sahara, auf dem echte Beduinen
ab halb vier Uhr alltäglich ihre „Fantasia“ ritten, das hatte mir ein
besonders glücklicher und gewiegter Besucher versichert.
Mein Vater und ich stiegen die breite Treppe, welche die große Brücke
seitlich unterbrach, hinab, traten durch ein hochgebautes Torgerüste,
von dem hundert brennende Fahnen niederwallten, und standen schon im
Wunder.
Im ersten Augenblick verging mir der Atem vor dem gigantischen Lärm,
der auf mein Ohr eindrang, das angstvoll nur an das Schrillen der
Exerzierpfeife und die Bosheit des Lehrerworts gewöhnt war. Selbst die
Furcht vor meinem Vater schwand für eine Sekunde. Ich wollte die Hand
ausstrecken, um die seine anzufassen, aber durchblitzt fuhr ich noch im
letzten Augenblick zurück.
Unzählige Menschen in unzähligen Gruppen wogten durch-, mit-,
gegeneinander und bildeten doch eine gleichgerichtete gemeinschaftliche
Strömung, gerade so wie die vielen durcheinandertanzenden Wirbel des
Wassers einen Strom. Die irrsinnige Musik, der Triumph der Menge schloß
mich ein wie etwas ungeahnt Gütiges, mein kleiner zertretener Mut
begann zu wachsen, ich sah diesen Vater neben mir fast klar beobachtend
an und fühlte: „Was ist denn der Mächtige da heut im grauen, nicht mehr
neuen Röckchen denn anderes, als Einer unter Vielen!? Wem kann er heute
was kommandieren, wer würde ihm gehorchen!? Keiner schert sich um ihn,
keiner grüßt ihn, kein Soldat salutiert, ja -- sie schauen ihn ruhig
frech an und scheuen sich gar nicht, ihn zu puffen.“
Mein Vater schien ähnliche Gedanken zu hegen.
Wenn ihn jemand berührte oder gar auf den Fuß trat, knirschte er mit
den Zähnen und stampfte auf. Das Gesicht war verzerrt und verfallen.
In seinen vor der übermäßigen Sonne zusammengekniffenen Augen blitzte
Haß. Sein heute unvorteilhaft zur Schau getragener Körper kämpfte um
die Möglichkeit, plötzlich luftleeren Raum um sich zu haben, aus dem
Bann der Menge zu fallen, eng und goldverschnürt mitten in einer
tausendfältigen Stille dazustehen.
Oh, wie sollten kurz und scharf aus seiner Kehle die Kommandoworte
fahren: „an!“ und „Feuer!“
Wir aber wurden im unbesiegbaren Strom von Leibern, Gelächtern,
Gekreischen vorwärts gestoßen, und je mehr ich fühlte, daß mein
Vater darunter litt, um so mehr genoß ich die süße Rache, ihn zu
dieser Ohnmacht verurteilt zu sehen. Seltsam! Ich erlebte den ersten
Sieg gegen diesen Vater in der Stunde, da er mir die erste Güte
entgegenbrachte.
Indessen waren wir der schmalen Gasse zwischen schreienden Buden, dem
Schweißgeruch der in einer Flußenge zusammengezwängten Menge, der
Unzahl von Kindertrompeten und bunten Luftballons entkommen und standen
im Strudel eines großen Platzes.
Viele gewaltige Orchestrions und elektrische Orgeln donnerten.
Dreizehn Jahre alt!
Es war das mächtigste Erlebnis, das ich bisher empfangen hatte, und
dieses Erlebnis wurde vielleicht nur von einem noch übertroffen, als
ich von Bord des „großen Kurfürsten“ die vielen Begrüßungsorchester
durcheinandertoben hörte, die uns mit einer nie geschriebenen
Dämonsmusik im Lande der Hoffnungen empfingen, wo ich jetzt diese
Geschichte aus meinem Leben aufzeichne.
Die elektrischen Orgeln brüllten, die langgezogenen Schrecknisse ihrer
Opernmelodien zu einem fabelhaften Chaos verschlingend.
Ich stand erschöpft in diesem Platzregen von harmonischen Felsen. Mein
Körper war eingeschlafen, ich konnte mich kaum rühren.
Der Vater zog mich in ein Ringelspiel. Ich mußte mich auf ein Pferd
mit übertrieben geschnitztem Hals setzen und die Zügel in die Hand
nehmen. O, welch ein eigentümlicher Geruch von Holz, Leder und warmen
Roßhaaren! Die Farben und Gestaltenfülle war zu groß, als daß ich hätte
noch unterscheiden können. Hohl setzte die Orgel ein: „Müllerin du
Kleine!“ Das Spiel begann sich langsam zu drehen. Ein Mann in kurzen
Hosen und schwarzem Trikot avancierte und retirierte schneidig auf der
rotierenden Scheibe. Oben wehten rote Vorhänge über Kinderjuchzern.
Die Bewegung wurde schneller, immer schneller, die Drehscheibe,
auf der die Pferde, Wagen, Drachen, Königstiger, Löwen, Traumtiere
liefen, schien einen Trichter bilden zu wollen, -- ich lehnte mich
mit glühenden Wangen zurück, um mich dem Rausch der Schnelligkeit
hinzugeben. Da aber sah ich meinen Vater, groß, wie über alle anderen
gewachsen, dastehen, scharfen Blicks, vorgestellt den rechten Fuß, und
den Stock, wie eine Longierpeitsche in der Hand. Er rief mir im Ton des
Reitlehrers zu:
„Gerade sitzen! Oberkörper zurück!“
Doch -- schon war ich vorbei und nahte voll Angst in der neuen Tour.
Unbeweglich stand er da. Ich hörte seine Stimme:
„Sattel auswetzen!“
Vorüber! Während der nächsten Tour hatte ich schon den bitteren
Geschmack im Munde. Des Vaters Stellung war um keinen Zoll verändert.
Und wieder die Stimme.
„Schenkel an den Sattel, Fußspitzen auswärts.“
Als ich von meinem Holzpferd stieg, war ich traurig und zerschlagen wie
nach einer Prüfung.
Mein Vater hatte sich für den kurzen Augenblick meines Sieges von
vorhin bitter gerächt. Doch gab er sich damit zufrieden, tadelte mich
nicht weiter und löste Karten für die Grottenbahn, deren Geheimnisse
ein Zwerg im Kostüm der Hofnarren und eine Riesendame mit der Pauke
ausriefen. Diesmal nahm der Vater teil, doch zeigte sein Gesicht keine
Regung. Die Orgel, die hier spielte, war mächtiger als die der anderen
Unternehmungen. Es ging von ihren Tonungeheuern ein Luftzug aus, der
mir wie Zauberei erschien. Wir fuhren knarrend in den schwarzen Schacht
ein. Da es ganz finster war, hatte Gott den Vater von mir genommen. Ich
sah ihn nicht. Die Beklommenheit fiel und ich überließ mich dem Traum.
Aber es waren viele Träume:
Hexen ritten, während der Winterwind die Tannen entwurzelte, dürr,
nackt und mit flatternden Strähnen auf wippenden Ästen. Schweigend,
grün, unendlich tat sich der Meerboden auf. Algen sanken wie Schleier
nieder, langsam schwebten Riesenquallen, namenlose Fische zogen in
Scharen durch eine warme Strömung, ein Tier, das bläuliche Strahlen
warf und wie eine Lampenkugel mit Schwanz und Flossen aussah, stieg
majestätisch empor. Auf dem Grunde, der ein Gebirge, gebaut aus
Muscheln, Korallen, Riesenkrebsen, rostigen Ankern und verstreuten
Edelsteinen war, faulte die von Fischen angefressene Leiche eines
Steuermanns, und ganz in der Ferne, wo der Schein der Tiefe glasig wie
unnatürlicher Schlaf erschien, schwankte das Wrack einer Fregatte mit
hohem Kiel, gekipptem Mast und quadratischen Kabinenluken im langsamen
Rhythmus des unsichtbaren Wogengangs. Vom Bugspriet schimmerte eine
winzige Laterne seit Jahrhunderten unerloschen mitten im Leib des
Wassers. Doch nicht genug damit. Auch die Wolfsschlucht erlebte
ich. Der Wind stürzt die Brücke ein, die über den Wasserfall führt,
Eulen schweben, das Wildschwein ist zu hören, zwei Töne grunzt es
ununterbrochen wie ein Fagott, Kaspar gießt im Flammengeprassel die
Freikugeln, Samiel fährt im roten Feuermantel aus einer Höhle.
Ich kannte diese Geschichte sehr gut. Ein Kamerad, der einzige, mit dem
ich mich verstand, hatte sie mir oft erzählt.
„Samiel hilf!“ schallte es durch den Wind. Wir rasselten weiter ins
Dunkel. Ich vernahm die Stimme des Vaters.
„Was war das?“ fragte er, nicht wie einer, der prüft, sondern wie
einer, der selbst nichts weiß. Da wir uns ja nicht sahen, durfte er
sich etwas vergeben.
„Das war Freischütz,“ gab ich zur Antwort.
„Was ist das, Freischütz?“ hörte ich seine Stimme, diesmal aber ohne
Nachdruck.
„Freischütz ist eine Oper,“ dozierte ich, Wort für Wort setzend wie ein
Lehrer.
„Eine Oper -- so?!“
Der Vater meinte das verdrießlich und gleichgültig, aber es war nicht
zu vertuschen, es gab eine Welt, wohin er mir nicht folgen konnte; ich
hatte ihn überwunden. Stolz straffte mich. -- Jetzt hätte ich reiten
können!!
Das Größte aber, was es gab, war das Erdbeben von Lissabon. Trotzdem
einer der Mitschüler mir vorgeschwärmt hatte, in der Grottenbahn wäre
der ganze Weltuntergang zu sehn, war ich nicht enttäuscht.
Wie die Häuser der Stadt dastanden grell und weiß in dem blauesten
aller Tage, wie das Meer voll roter und gelber Segel den Horizont
hinanstieg, wie jetzt nach und nach das wilde Gezwitscher der Vögel
verstummt, und -- die Sonne steht hoch am Himmel -- es langsam immer
dunkler und toter wird! Wie man fühlt, daß die Menschen vor der
grauenhaften Erscheinung dieser Dunkelheit mitten am Tag sich in die
Häuser flüchten und in den Kellern verstecken! Da ist es auf einmal
ganz finster und plötzlicher Sturm wirbelt eine ungeheure Staubhose in
die Schwärze, der das Tosen von Millionen Donnern, Kanonenschlägen,
Hagelwettern und Explosionen folgt. Unsichtbar das Meer mit einer
Riesensturzflut überschwemmt die Nacht und tritt sogleich zurück.
Und diese Finsternis? Dauert sie tagelang, jahrelang oder nur die
halbe Minute, die sie wirklich dauert? Jetzt hellt sie sich ein wenig
auf. Feuerschein immer mehr, und der Riesenbrand der Stadt leckt mit
Millionen Flammen und Schatten den Himmel aus, während heiser und
schwach -- denn wie ferne in Zeit und Raum geht dies alles vor sich --
Zischen, Sud und Geprassel das Züngeln begleitet.
Gleich als wir ins Freie traten, wurde es mir in der Seele warm und
gut. Daß ich gewußt hatte, daß es „Freischütz“ und überhaupt ein Ding
gab, das sich Oper nannte, und daß ich meinen Vater hatte belehren
können, richtete mich auf. -- Einst würde ich Rapport halten, und sein
Mund, der nur den harten Akzent des Dienstes kennt, wird stocken müssen.
„Nun wollen wir uns restaurieren“, sagte der Vater. Wir kehrten in
einen Kaffeegarten ein. Ach, wie gütig war doch heute der Gestrenge. Er
fragte mich sogar: „Was wünschest du zu nehmen, Karl?“
Ich brachte kein Wort heraus. Er aber kaufte dem Kuchenpikkolo drei
Leckereien ab, legte zwei davon zu der Tasse Schokolade, die er mir
bestellt hatte und behielt selbst nur eine. Mein Herz schämte sich.
Das war der Papa, der vor mir saß. Der Große, Bewunderte,
Alleswissende, Alleskönnende! Wen hatte ich denn sonst noch auf der
Welt als ihn? Ich liebte ihn ja! Ich sehnte mich in bitteren Nächten
nach seiner Liebe, und der Schmerz aller Erniedrigungen war nichts
gegen die Qual jenes oft geträumten Traums, da ich ihn in Pulverdampf
gehüllt, seinem Bataillon voraussprengend in die Luft greifen und
fallen sah!
Wohin sollte meine kleine Seele mit den hin und her gerissenen
Gefühlen? Der Vater winkte einen Kellner heran! „Wo ist hier die
Schießstätte?“ Der Mann gab Auskunft.
Das väterliche Auge sah mich scharf an. „Wir werden jetzt etwas
Nützliches tun! Ich will sehen, ob du zum Plänkler taugst.“ Ich war aus
dem Himmel meiner Zärtlichkeit geworfen und sogleich kehrte der bittere
Geschmack zurück.
Auf dem Wege zur Schießstätte aber erlebte ich das Furchtbare, das
meine ohnehin schon zerstörte Kindheit noch mehr zerstören sollte.
Vor einer großen Bude drängte sich eine Menge von Leuten. Eine
gemütliche, etwas fette Stimme war zu hören: „Fürchten Sie sich
nicht, meine Herrschaften! Nur immer heran! Was kann man besseres an
seinen Feinden tun, als ihnen den Hut vom Kopf werfen! Man muß nur
geschickt sein. Man muß nur gut zielen können! Immer nur heran, meine
Herrschaften! Lernen Sie, ihren Feinden den Hut vom Kopf werfen! Das
ist gut für alle Parteien: gut für Klerikale, Agrarier und Sozialisten!“
Wir traten näher. Auf dem Ladenbrett der Bude waren große Körbe mit
roten, blauen und weißen Filzbällen zu sehen. Hinter dem Brett stand
der Budenbesitzer, ein Mann von schlau-gutmütigem Aussehn, der eine
Militärkappe und einen roten Kaiserbart trug. Er zwinkerte vielsagend
mit den Augen, wenn er die Bälle ausgab und die Münzen einstrich;
dann sagte er wohl: „Nur gut zielen, mein Herr, Sie werden schon den
richtigen treffen!“ Und die Leute zielten und warfen, daß die Bälle
sich nur so in der Luft kreuzten. Das Gelächter wollte gar nicht
aufhören.
Wohin aber zielten und warfen sie? Mein Entsetzen war grenzenlos! Auf
lebendige Menschen! Lebendige Menschen wurden von ihnen gesteinigt.
Nein, das war ja nur eine Täuschung. Gott sei Dank, es sind ja nur
Puppen, nur Figuren, denn solche Menschen hätte die Erde niemals tragen
können.
Und welche Bewegung? Auf und nieder! Auf und nieder!
Mir schwindelte.
Der tiefe Hintergrund der Bude war dreifach geteilt. Rechts und links
sah man hintereinander erhöht je zwei Bänke; aus jeder dieser Bank
tauchten in hypnotischer Regelmäßigkeit auf und nieder, auf und nieder
je drei Gestalten! Zwölf durch alle Höllen gehetzte Grimassen stiegen
in magnetischem Rhythmus aus den Bänken auf und versanken wieder.
Stiegen auf, -- versanken.
Die verzerrten Physiognomien, die zynisch aus dem Abgrund auffuhren, um
wieder dahin zurückzukehren, waren so genial voneinander unterschieden,
daß ich keine von ihnen je vergessen könnte. Da war ein unerbittlicher
chinesischer Mandarin, ein unsagbar jüdischer Jude, ein Offizier mit
Pferdezähnen in der Uniform einer phantastischen Fremdenlegion, ein
scheußlich rotwangiger Henker in Frack, ein Jesuit, wie ein schwarzer
und böser Strich, ein knopfblanker Bauer mit einer zerfressenen Nase,
die ihm wie eine Traube von roten Beeren aus dem Gesichte hing, ein
Neger, ein Gehenkter, ein Mensch im Zuchthauskittel, eine besoffene
Teerjacke, ein Spitalsbruder, ein Brigant und ein lebendig Begrabener.
Um das ungerührt erscheinende und verschwindende Grinsen dieser Zwölf
flogen die Bälle -- trafen mit dumpfem Halt Brust, Aug’ und Stirn. Hie
und da gab es einen Treffer. Dem Mandarin fiel dann seine Mütze, dem
Offizier sein Tschako, dem Bauer sein Dreispitz in den Nacken.
Manchmal -- und ich erinnere mich oft an diese Puppen -- kommt mir
der Gedanke: Es sind zwölf Höllensträflinge, von Gott verurteilt, als
Holzfiguren ihr grauenhaft irdisches Wahnbild weiter zu bewohnen und
hier in den Schulbänken des Budenbesitzers zu einer ewigen Turnstunde
verdammt, ihr Leben nachzusitzen.
Mögen sie erlöst werden!
Ganz anders aber war die Gesellschaft, die sich im Kreise auf der
großen Scheibe drehte, welche die Mitte des Budenhintergrundes einnahm.
Es waren wiederum zwölf! Aber zwölf, die eine solche unnachahmlich
schäbige Würde auszeichnete, daß sie kaum auseinander zu halten waren.
Der Beruf dieser zwölf Holzmenschen war klar. Was denn anders konnten
sie sein als Leichenbitter, Wucherer, Zeremonienmeister der Begräbnisse
dritter bis siebenter Klasse, Tanzlehrer letzter Sorte, Klavierspieler
bei den Unterhaltungen der Armen!
Alle waren sie in Trauer gekleidet, trugen lange, schwarze,
ausgefranste Bratenröcke, hohe, blinde Zylinder, von denen Flöre
niederhingen. Sie drehten sich langsam und gemessen im Kreise, so, daß
ich weniger ihre toternsten, starren Gesichter sehen konnte, als den
Rücken, der das Traurigste von der Welt war.
In ihrer schleichenden Haltung schienen sie einem unsichtbaren Sarge
zu folgen oder verflucht zu sein, dort, fern im Schatten, eine Türe
zu sehn, der sie ewig zustreben, die sie doch nie erreichen durften,
immerdar an der Möglichkeit des ersehnten Abgangs vorbeigedreht. Die
alten traurigen Männer, mehr als die Teufelsbilder rechts und links,
waren Zielscheiben der sausenden Steinigung. -- Trat eine Pause im
Bombardement ein, so erschien hinter einem Vorhang des Hintergrundes
ein Junge und setzte den Greisen die Zylinder auf, die ihnen die Bälle
vom Kopf geschlagen hatten.
Er war nicht älter als ich. Vielleicht feierte er heute auch seinen
Geburtstag. Sein Antlitz war ebenso mager und blaß wie das meinige;
seine schwarzen Augen leuchteten aus tiefen Höhlen.
Und doch! Wie gut hatte er es --, wie schlecht hatte ich es! Er trug
an seinen Gliedern keine vorschriftsmäßige Uniform, er ging wohl in
die Bürgerschule, wo die Buben zu spät kommen, ausbleiben und Allotria
treiben dürfen, so viel sie nur wollen. Sein Vater lachte während der
Arbeit viel und aus Herzensgrund, war beredt, behaglich, und jetzt,
-- jetzt zündete er sich die Pfeife mit dem Türkenkopf an und begann
wohlig keuchend zu paffen.
Die Bälle schwirrten, die haßerfüllten Fratzen tauchten auf und nieder,
die schäbig würdigen Greise wandelten hoffnungslos an der Türe ihrer
Erlösung vorbei.
Auch der kleine Junge hatte mich gleich entdeckt. Wir waren die
einzigen Kinder hier. Sofort spann sich eine starke Beziehung von mir
zu ihm, -- von ihm zu mir.
Er winkte mir, einen Ball zu werfen, kniff bedeutsam die Augen ein,
pfiff mir ein Signal zu, schnitt eine Fratze und winkte mir immer
wieder.
Oft sah ich nichts als seine Hand, die wie ein Gespenst mit Daumen und
Fingern hinter dem Vorhang hervorgestikulierte.
Ich machte schüchtern meinerseits Zeichen, deren Sinn ich selbst nicht
verstand.
Verloren starrte ich diesen hohläugigen Knaben an, der mir glücklich
wie die Freiheit selbst erschien!
Ich fuhr zusammen. Denn die kommandierende Stimme meines Vaters
schnarrte: „Karl, nun zeig’, ob du eine sichere Hand hast und ob du
einmal das Recht haben wirst, des Kaisers Rock zu tragen!“
Er gab mir einen Ball in die Hand. Was sollte ich damit anfangen? Auf
und nieder tauchten die Bösen; die Leichenbitter schlichen an dem
Jungen vorbei, der immer wieder den Kopf vorbeugte und mir mit fünf
gespreizten Fingern winkte und winkte.
Alle Puppen hatten ihre Hüte auf -- denn kein Mensch warf mehr einen
Ball, so scharf war die Stimme meines Vaters gewesen. Die Leute
sahen ihn erstaunt und feindlich an. Alle Blicke waren auf uns beide
gerichtet. Zitternd hielt ich den Ball in meiner Hand. Alles schwieg
und nur der Budenbesitzer sagte: „Nun, junger Mann!?“...
Mein Vater richtete sich auf. Die Bedrückung, einer nur unter Tausenden
zu sein, war von ihm gewichen. Er stemmte die Hand in die Hüfte, wie es
der tut, der endlich das Übergewicht über andere gewonnen hat, wie der
geblähte Leutnant es macht, der vor seine Rekruten tritt. Das Schweigen
um uns tat ihm sichtlich wohl.
„Wird’s bald!? Wirf!!“ sagte er mit lauter Kasernhofstimme.
Mein ganzer Körper brannte vor Scham und Angst. Ich hob den Ball und
warf ihn kraftlos ins Ungewisse hinein. Er fiel schon in der Mitte der
Bude zu Boden. Nichts unterbrach das Schweigen, nichts als die kleine
Lache, die der Junge aus seinem Versteck hervor anschlug.
„Tolpatsch!“ Der Vater reichte mir streng einen zweiten Ball.
„Wähle dir eine Figur, ziele gut, und dann erst wirf!“
Alles tanzte vor meinen Augen! Auf und nieder tauchten die
Höllensträflinge. Ich nahm alle Kräfte zusammen, meinen Blick zu
sammeln. Mir war, als müßte mein Kopf sogleich in Flammen aufgehen.
In den Gelenken der Hand, die den Ball hielt, spielte ein süßlich
giftiges Gefühl. Immer furchtbarer wurde der Rhythmus des Auf- und
Niedertauchens. Da! -- Eine Gestalt löste sich aus den andern, wurde
deutlicher, die Grimasse fletschte mir eindringlich entgegen, ein ewig
verschlossener Mund schien mir zurufen zu wollen: „Ich! Ich!“ Es war
der Offizier in Phantasieuniform.
Ich sah ihn, -- ich sah ihn! -- Die Pferdezähne meines Vaters waren
entblößt, ~seine~ Schnurrbartspitzen starrten, an ~seinen~
Epauletten blitzten die Messingknöpfe.
Ich beugte mich weit über das Brett und warf, einen kurzen Schrei
ausstoßend, den Ball, -- der aber ganz nah von mir in irgend eine
sinnlose Ecke fuhr.
Jetzt lachte der Knabe im Hintergrund laut und höhnisch auf.
Der Vater trat dicht an mich und zischte mir ins Ohr:
„Rindvieh! Du blamierst mich! Jetzt wirf und triff, sonst -- -- -- --
--!“
Ich fühlte einen neuen Ball in der Hand.
Dort! Auf und nieder raste der Legionsoffizier. Von Mal zu Mal immer
klarer offenbarte er sich. Wo stand mein Vater? Nicht ~neben~ mir!
Dort stand er! Dort...!
Er blies Rauch durch die Nase, so wenig ermüdete ihn die furchtbare
Bewegung. Ohne Falte blaute sein Waffenrock.
„Korporal! Korporal!“ rief er --
Gott! Gott!
Ich will es tun!
Er selbst befiehlt es mir ja!