9. Das Elefantenrennen

Ein kurzer, scharfer Regenguß, der in der Nacht gefallen war und die

Frühlingsregenzeit einleitete, konnte unsrer Rennbahn zwar nicht

sonderlich zuträglich sein, doch trocknete der sonnige Morgen die

Wege, die Tribüne und deren etwas spärliche Dekoration genügend,

so daß alles glänzte und prangte, wie es sich für einen großen

Tag geziemt. In der Stadt war für ein kundiges Auge eine gewisse

Bewegung deutlich erkennbar. Gruppen umstanden die Anschlagsäulen

und die Bretterwände der im Bau begriffenen Häuser, an denen sich

das von Lawrence gedichtete Plakat in Riesenbuchstaben breit machte:

»Unerhörte Sensation! Amerika gegen England; England gegen Amerika! Das

Mammutwettrennen der zwei Dampfelefanten Jonathan und John Bull« usw.

An Straßenecken wurden von zweifelhaften Gestalten Wetten angeboten und

angenommen. Gegen nachmittag war die Trambahnlinie in der Richtung des

Ausstellungsparks belagert, und von vier Uhr an hingen aufgeregte und

im allgemeinen fröhliche Menschen in lebensgefährlicher Weise an den

Geländern und Treppen der Wagen, von denen alle acht Minuten fünf und

sechs unmittelbar hintereinander nach Osten fuhren.

Schon um elf Uhr hatten wir bei verschlossenen Türen im Parkpavillon

eine geheime Sitzung abgehalten: Lawrence, Delano, ich und die

zwei Elefantenjockeys Parker und Stone. Es handelte sich um genaue

Anweisungen für die beiden letztgenannten. Flüsternd ersuchte ich sie,

nachdem die Türen verriegelt waren, ihr heiliges Ehrenwort abzugeben,

daß nichts -- aber auch nichts! --, was sie in dieser feierlichen

Stunde hören sollten, jemals über ihre Lippen kommen werde. »~I will

be blown~,« sagte der Engländer bereitwillig, aber ernst, »wenn ich je

etwas ausplaudere.« -- »~I will be darned!~« schwur der Amerikaner.

Wörtlich übersetzt heißt das eine: »ich will geblasen«, das andre

»ich will gestopft sein« und ist in der Heimat der Betreffenden die

landesübliche Umschreibung für den Wunsch, in der untersten Hölle zu

braten. Ich konnte beruhigt fortfahren:

»Sie wissen, meine Herren, daß, was wir heute zu tun haben, die Grenze

eines kleinen, heiteren Humbugs nicht überschreitet. Ich brauche Ihnen,

bei Ihrer Intelligenz, nicht mitzuteilen, daß unsre Elefanten keine

wirklichen Elefanten, unser Wettrennen kein wirkliches Wettrennen ist.

Herr Lawrence wird Ihnen vielleicht auseinandersetzen, wenn Sie dies

wünschen sollten, wie weit unser Vorgehen vom ethischen Standpunkte

aus haltbar ist. Ich überlasse ihm diesen Punkt, da derselbe

ausschließlich die Anschauungsweise der großen und erleuchteten Nation

betrifft, die wir heute zu erfreuen und zu belehren hoffen, und für

deren hervorragenden Vertreter ich ihn ansehe. Ich beschränke mich

darauf, Ihnen die Versicherung zu geben, daß Herr Lawrence in diesem

Punkte völlig beruhigt ist.«

Stone nickte mit einem kaum merklichen Anflug eines Lächelns um seine

dünnen Lippen, Parker in stummem Staunen.

»Die Sache ist also einfach die,« begann ich wieder in

geschäftsmäßigerem Ton, »Punkt halb fünf Uhr haben Sie sechs

Atmosphären Dampf im Kessel, Wasser und Kohle in Ordnung, alle Lager

gut geölt -- vergessen Sie das Bremsband auf der Hinterachse nicht,

Herr Stone --, kurz, die Maschine zur Abfahrt vollständig bereit zu

halten. Sie fahren dann vor die Tribüne, wo ich Ihnen Ihre Plätze

anweisen werde. Punkt fünf Uhr gibt Herr Delano ein Zeichen; er wird

einen Revolver abschießen, wenn ich recht weiß, und Sie, meine Herren,

fahren dann dreimal auf dem großen Ring herum. Keine Übereilung; keine

unnötige Anstrengung. Zuerst bitte ich Herrn Stone, vorauszufahren, --

dann, nach etwa hundert Schritt, muß Parker ihn überholen und einen

ziemlichen Vorsprung beibehalten, bis bei der dritten Umfahrt, kurz vor

dem Ziel, Herr Stone ihn wieder einholt und eine halbe Minute, oder

besser nur ein paar Sekunden, vor Parker durchs Ziel fährt. Hier zum

Schluß müssen Sie natürlich ein wenig aufpassen, daß die Sache nicht

umgekehrt ausfällt. Sie haben mich verstanden?«

Parkers rundes, harmloses Gesicht verdüsterte sich. »Aber« -- fing er

an.

»Kein ›Aber‹, Parker,« sagte ich bestimmt, »Sie tun, wie ich Ihnen

sagte. Wir sind in Amerika und müssen den Herren Amerikanern zeigen,

daß ein englischer Gentleman höflich sein kann.«

Stone lächelte mitleidig; Parker hing den Kopf. »Ich möchte mit Ihnen

allein sprechen«, murmelte er in sichtlicher Seelennot.

Wir traten in eine Fensternische, und Jem flüsterte, während sein Kopf

purpurrot wurde:

»Mir wäre es ja gleichgültig, Sir, wer am Schluß vorausfährt; aber

Sally -- ich habe Sally versprochen --«

»Weibergeschichten! Dummheiten! Schämen Sie sich, Parker!« sagte ich

entrüstet. »Ich hoffe -- die Herren Fowler in England hoffen, daß Sie

Ihre Pflicht tun werden.«

Er schwieg und schämte sich. Hiermit konnte die geheime Konferenz

geschlossen werden. Stone und Parker entfernten sich, um ihren

Maschinen, die hinter der Tribüne und einer provisorischen Zeltwand

friedlich nebeneinander rauchten, vor dem großen Kampfe die letzten

liebevollen Handreichungen angedeihen zu lassen und sich sodann in

den dunklen Hohlräumen der Tribüne in ihr schmuckes Jockeykostüm zu

werfen. Delano eilte in fieberhafter Stimmung nach den Kassenhäuschen

am Eingang, wo bereits zwei Kassierer auf ihre kommende Tätigkeit

warteten. Sie kam auch, mit jeder Viertelstunde sichtlich wachsend. Der

Ausstellungspark, sonst ein Bild tiefer, melancholischer Einsamkeit,

begann sich zu beleben. Lawrence strahlte wie eine zweite Sonne über

dem Platz, Freunde begrüßend, Fremde zurechtweisend. Es war sein Werk,

das sich ringsumher entwickelte, und er fühlte, daß die Augen von zwei

Weltteilen auf ihm ruhten.

Die Tribüne füllte sich langsam; um die Barrieren des großen Rings

schloß sich ein Menschenring in Form einer dünnen riesigen Mondsichel,

deren Hörner sich bereits zu einem Kreis zusammenschlossen. Daß das

Sonntagspublikum der Stadt in Bewegung geraten könnte, hatte ich halb

und halb gehofft; daß aber auch die Aristokratie der Crescent City

erscheinen werde, war mehr, als ich erwartete. Longstreet kam --

man hörte sein vergnügliches lautes Lachen schon von weitem --, der

ernste Beauregard, Taylor, unruhig wie ein Wiesel, nach allen Seiten

auf Jonathan und gegen John Bull wettend. Die Owens mit der jüngeren

Generation belebten das Innere des Rings und brachten ganze Scharen von

Damen in glänzenden Toiletten. Es gab doch noch schwarze leuchtende

Augen und blitzende Diamanten in der Stadt. Gelegentlich sah man Delano

mit einem Leinwandbeutel im Arm vom Eingangstor nach dem Pavillon

laufen. Es waren Geldsäcke, die er in Longstreets Bureau entlehnt

hatte. Er lachte förmlich, zum erstenmal seit dem Bürgerkriege, wie

mir Owen, ebenfalls lachend, versicherte. Eine heitere Aufregung

bemächtigte sich der Menge in steigendem Grade. Der improvisierte

Zeltverschlag, hinter dem in stoischer Ruhe die zwei Maschinen ihre

Rauchwolken zum Himmel sandten, war von hundert Jungen umdrängt, die

die Leinwandwände einzudrücken versuchten und von Zeit zu Zeit von

Bucephalus und dem schwarzen Jem mit entrüsteter Beredsamkeit verjagt

wurden. Es half wenig, da der eine eine riesige amerikanische, der

andre eine englische Kokarde trug, die sofort der Mittelpunkt jubelnder

Bewunderung wurden.

So wurde es halb fünf Uhr. Aus einem Loch in der Rückwand der Tribüne

schlüpfte jetzt Stone in hellgrüner Jacke und gelben Beinkleidern und

marschierte, von dreißig Jungen geleitet, ernst, als ob er in einer

grünen Jacke geboren wäre, dem Maschinenzelt zu. Keine Muskel rührte

sich in seinem steinernen Gesicht. Er war der echte Jockey, der mit

zusammengebissenen Zähnen einem Kampf auf Leben und Tod entgegengeht.

Vor dem Loch in der Tribüne wartete in sichtlicher Ungeduld eine

junge Dame in feuerrotem Seidenkleid und einem wogenden Federhut

von erstaunlicher Größe. Als Parker in seinem prachtvollen

Kakadugefieder, rot und blau, in der Öffnung erschien, wollte er

wieder zurückschlüpfen. Der große Junge war so rot wie seine Jacke.

Aber es half ihm nichts; die begeisterte Sally erfaßte ihn beim Arm,

zog ihn heraus und begleitete ihn stolz nach dem Maschinenzelt, wo sie

mit Bucephalus in ein entrüstetes Zwiegespräch geriet, der ihr rund

erklärte, daß hier Damen nicht zugelassen würden.

Fünfzehn Minuten vor fünf öffneten sich die Zeltwände mit erfreulicher

Pünktlichkeit. Es ging alles wie am Schnürchen. Die beiden Elefanten

dampften keuchend und rasselnd, aber mit feierlichem Ernste, aus

der Hütte hervor und wälzten sich in den Ring, der Tribüne zu. Die

Aufregung wuchs; die Volksmenge umringte sie schreiend, manchmal

in jähem Schreck auseinanderstiebend, dann wieder sich gefährlich

zusammenballend. »Das ist Jonathan!« -- »Das ist John Bull!« erklärten

sie sich hundertstimmig. »Ein feiner Bursche, John Bull!« -- »Sehen

Sie, die Räder! diese Breite!« -- »Und wie Jonathan dampft! Das

heiß' ich ein paar Lungen!« -- »Aufpassen! Aus dem Weg!« -- »Vier

gegen drei auf Jonathan!« -- »Zwei gegen eins auf John Bull!« --

»Hipp, hipp, hurra für Amerika!« -- »Zwei gegen eins auf Jonathan!«

So schwirrte es durcheinander, bis die beiden Maschinen vor der

Tribüne angelangt waren und nebeneinander zum Stillstand kamen. Der

kleine schwarze Jem, der bei Jonathan, und Bucephalus, welcher bei

John Bull Heizerdienste versah, grinsten sich an. Parker und Stone

lehnten auf ihren Steuerrädern und sahen ernst und schweigend auf die

brausende Volksmenge herab, die zögernd die Rennbahn freigab und,

heftig protestierend, von sechs Schutzleuten unter die Barrieren

durchgejagt wurde, wobei abgestreifte Zylinderhüte die Heiterkeit

wieder herstellten. Das Ganze schien einen durchaus würdigen Verlauf

nehmen zu wollen. Lawrence, der an alles zu denken schien, hatte selbst

für Komiteemitglieder gesorgt, die in amerikanischen und englischen

Schärpen um die Maschinen herumliefen, sichtlich ohne zu wissen, was

sie zu tun hatten, und dadurch dem Publikum zu denken gaben.

Auf der Pavillonuhr schlug es fünf. Atemlos kam Delano aus der Richtung

des Kassentors herbei, eine riesige Pistole in der Hand. Er wechselte

mit Parker und Stone einige hastige Worte, um sicher zu sein, ob er das

Zeichen geben könne. Beide nickten. Fräulein Sally, die ihre nächste

Umgebung nur mit Mühe verhindern konnte, die Barriere zu überklettern,

rief ihrem Jem ermunternde Zärtlichkeiten zu. Dann knallte der

Schuß. Sally stieß einen gellenden Schrei aus, sank in die Arme

ihres Nachbars, raffte sich aber ebenso rasch wieder empor. Mit acht

offenen Zylinderhähnen, Dampf und Feuer speiend, beide Pfeifen schrill

trompetend, hatten sich die zwei Maschinen in Bewegung gesetzt. Das war

nicht der Augenblick für weibliche Schwächen. »Hurra, Jonathan!« --

»Hurra, John Bull!« brüllte die beglückte Menge. »Vorwärts, vorwärts!«

-- »Hurra, Jonathan!« -- »Amerika für immer!« -- »Hurra, Jonathan!«

Der Start war untadelhaft; das Wettrennen hatte durchaus programmgemäß

begonnen. Beide Maschinen liefen in behaglicher Ruhe hintereinander her

die Rennbahn entlang. Da aber sämtliche Zylinderhähne geöffnet blieben

und sie demgemäß unter lautem Zischen Wolken von Wasser und Dampf

ausspieen, machten sie den Eindruck außerordentlicher Kraftanstrengung,

so daß das Publikum hochbefriedigt war. »Hurra, John!« -- »Vorwärts,

vorwärts, Jonathan!« schrie es in steigender Erregung. Ich wunderte

mich anfänglich, daß der England repräsentierende John Bull mindestens

ebenso viele brüllende Freunde zu haben schien als Jonathan. Aber

eine große Anzahl Wetten waren zugunsten Johns abgeschlossen worden.

Der schlauere Teil der Wettlustigen traute der Sache doch nicht ganz

und vermutete, daß ich, der Leiter und Besitzer der Elefanten, dem

Engländer geheime Vorteile verschaffen werde. Daß ich weder Engländer

noch Amerikaner, sondern »nur« -- wir schrieben, wie erwähnt, noch

nicht 1870 -- ein ehrlicher Deutscher war, wußten natürlich die

wenigsten. -- Eine schrille, den größeren Teil des Ringes beherrschende

Stimme leitete den Chor der Rotblauen. Es war Sally, die den

Tribünenaufgang erklettert hatte, auf dem ich selbst stand und mich

vergebens bemühte, unberechtigte, aber enthusiastische Zuschauer

hinunterzujagen. Sally sah mir mit ihren blitzenden, kohlschwarzen

Augen lachend ins Gesicht, ohne ihr Schreien einzustellen, und

klammerte sich fest ans Geländer an. Man sah, sie war entschlossen,

nicht zu weichen, ohne das Gebälke mitzunehmen. Ich kapitulierte ohne

weiteres. Diese Lungen! Ein gewaltiger Perlmutterknopf über ihrem

königlichen Busen sprang mit einem hörbaren Knall ab und flog in

großem Bogen in die untenstehende Volksmenge. »Hurra, Jonathan!« --

»Hurra, Jem!« Ihre Gefühle für die Lokomotive mischten sich bereits

bis zur Unkenntlichkeit mit denen für den Lokomotivführer, und als die

Maschinen die Bahn zum erstenmal umkreist hatten und John Bull sechs

Maschinenlängen vor Jonathan durch das Ziel dampfte, kannte ihre Freude

und ihr Stolz keine Grenzen mehr. »Hurra, Jem! Hurra, Jem!« jubelte sie

dem Blauroten zu, der in stoischer Ruhe, den Anlaßhebel in der einen,

den Regulator in der andern Hand, auf seinem Tender stand und sich

sichtlich bemühte, die Freudenrufe seiner jungen tropischen Liebe nicht

zu hören. Zu unsern Füßen sahen Leute entrüstet herauf und suchten ihre

Chorführerin zu belehren, daß ihr Elefant nicht Jem heiße, sondern

John, John Bull. Aber nichts in der Welt hätte Sally irre gemacht.

»Hurra, Jem! Hurra, Jem!«

[Illustration]

Höhnend behandelte sie Jonathan, der eine halbe Minute später an uns

vorüberdampfte. Auch Stone sah ruhig und trocken, wie sich's geziemt,

von seiner Maschine herab. Das Brüllen der Grüngelben, aus dem schon

Angst und Zorn deutlich durchklang: »Vorwärts, Jonathan!« -- »Nicht

nachlassen, nicht nachlassen!« -- »Schneller!« -- »Hurra für Amerika!«

-- »Schneller, schneller!« schien an seinem starren Yankeegesicht

abzuprallen wie ein tosender Gebirgsbach an einem Felsblock. Dagegen

konnte ich jetzt mit meinem Opernglas bemerken, daß der schwarze Jem,

sein Heizer, in sichtlicher Aufregung große Klumpen Kohle in das Feuer

warf und dazu zornig in das Feuerloch hineinschrie. Trotzdem erweiterte

sich die Entfernung zwischen den beiden Rennern mehr und mehr.

»Donnerwetter, der Amerikaner verliert's!« sagte Longstreet, der

unmittelbar hinter mir auf der Tribüne stand, zu seinem Freund

Beauregard. Die Aufregung und das Geschrei der tausendköpfigen Menge

hatte seine bekannte, magnetische Wirkung. Selbst die beiden, damals

weltberühmten Generale der konföderierten Armee, die in blutigen

Schlachten kühl ihre Befehle gegeben hatten, begannen den Einfluß der

wunderlichen Nervenströmung zu fühlen, die in solchen Augenblicken

durch die schwüle, brausende Luft zieht. »Was wetten Sie, Beauregard,

der Amerikaner verliert's?«

»Zwei gegen eins, in Zehndollarnoten«, sagte der andre trocken. »Vor

dem Krieg hätten wir mit Hundertdollarnoten gespielt, Longstreet, aber

es geht auch so.«

»Und es geht ehrlich zu, da drunten?« fragte Longstreet, sich über

meine Schulter neigend.

»So ehrlich wie irgendwo in diesem großen und erleuchteten Lande!«

antwortete ich, in der Hoffnung, er werde mich verstehen. »Es ist alles

aufs beste geordnet und geregelt, General!«

Aber Longstreet war zu ehrlich für sein großes und erleuchtetes

Vaterland und verstand mich nicht. Die beiden notierten die Wette und

verfolgten jetzt das behagliche Elefantenrennen mit derselben Teilnahme

wie die Volksmasse unter uns, deren brausendes Geschrei mit den

Maschinen zum zweitenmal um den Ring lief.

Jonathan, welcher keuchend schwarze Rauchwolken ausblies, war jetzt

über hundert Schritte hinter John Bull geblieben, mehr, als ich für

gut hielt. War nicht alles in Ordnung? Wollte Stone den Schlußeffekt

um so glänzender gestalten? Schon bewegte sich seine Maschine in einem

Sturm von Entrüstung entlang der Barriere. Höhnische Zurufe, zornige

Mahnungen, sein Vaterland nicht zu verraten, wurden ihm zugeschleudert.

Der schwarze Jem, in heftigem Wortwechsel mit seinem Vorgesetzten, warf

eine Schaufel Kohle nach der andern ins Feuer. Und wirklich, jetzt

endlich schien die Maschine sich aufzuraffen. Rasselnd und klappernd

brauste sie ihrer Genossin nach. Der Zwischenraum nahm sichtlich ab.

»Hurra, Jonathan! Hurra, Jonathan!« Die Grüngelben gewannen wieder Mut.

Bei der zweiten Vorbeifahrt am Ziel war Jonathan eine halbe

Elefantenlänge voraus! Dies war gegen das verabredete Programm. Als sie

aneinander vorübergefahren waren, hatte Parker seinem Kollegen zornige

Blicke zugeworfen. Stone sah nach der andern Seite, als ob er allein

in der Welt wäre. Die beiden Heizer dagegen, der schwarze Jem und

Bucephalus, hatten ein lebhaftes Zwiegespräch eröffnet, sobald sie sich

hören konnten.

»Glaubst du in den Himmel zu kommen mit deinem Gekeuch, du großer

Maulesel?« erkundigte sich Jem.

»Wir alle gehen über den Jordan, o Jerusalem!« sang Bucephalus mit

lauter Stimme, indem er das alte Baptistennegerlied benutzte, um

seinen schwarzen Mitbruder außer sich zu bringen. Aber auch er

tanzte vor Wut auf dem Tender, als seine Maschine wirklich langsam

zurückblieb. Es war für den Augenblick nicht zu ändern. Parkers Dampf

war um etwas gesunken, während bei Stone beide Sicherheitsventile

abbliesen wie toll. Der weiße Jem unterbrach die nutzlosen Wutausbrüche

seines Heizers mit einer gelinden Ohrfeige und stieß ihm den Kopf gegen

das Feuerloch. Diesen Wink billigte der Schwarze und begann wie wütend

Kohlen in die Feuerbüchse zu schaufeln.

Sally war zum erstenmal seit Beginn des Rennens still geworden und

starrte mit weit aufgerissenen Augen dem Unheil entgegen, das ihren

Jem betroffen hatte. Jetzt riß sie ihren prachtvollen Federhut vom

Kopf und schwenkte ihn an den Bändern wie ein Rad in der Luft, um

den Geliebten aufzumuntern. »Hurra, Jem! Schnell, schnell! Vorwärts!

Hurra!« Der Chor der Blauroten, der etwas schwächer geworden war,

brauste unter diesem Gefühlssturm seiner Führerin wieder auf, die sich

durch das Hutschwenken rasch Platz verschafft hatte und jetzt auf der

Tribünentreppe eine hervorragende Stellung einnahm. Aber Jonathan

gewann noch immer. Fünf Minuten mußten vergehen, ehe Parker Dampf genug

hatte, um das verlorene Terrain wiederzugewinnen.

Nun aber war es an mir, etwas bange zu werden. Mein Opernglas war gut,

so daß ich die Bewegungen der zwei Leute auf jeder Maschine genau

beobachten und fast sehen konnte, was sie sich sagten. Es war klar,

sowohl Stone als Parker hatte das Programm völlig vergessen. Vielleicht

hatte der erstere den Hohn seiner Landsleute nicht länger ertragen

können, vielleicht war der Stoizismus Parkers den leidenschaftlichen

Ausbrüchen seiner hitzigen Geliebten erlegen. Tatsache war: die

Maschinen liefen nicht mehr hintereinander her, wie es der Würde eines

braven Dampfpflugs entspricht; sie stießen zornige Rauchwolken aus, sie

rannten, sie suchten sich zu überholen. Beide Maschinenführer hatten

die eine Hand auf den Sicherheitsventilhebeln -- ein böses Zeichen --,

die erregbaren Heizer drohten sich mit den Kohlenschaufeln und stimmten

jauchzend in das Geschrei der Menge ein. -- Das Wettrennen war ernst

geworden, und von allen Beteiligten wußte eigentlich nur Parker genau,

was er tat. Wenn es so fortging, konnte der Spaß jeden Augenblick mit

einer Katastrophe enden, und die Zeichen mehrten sich, daß wir einem

tragischen Ende entgegentrieben.

Auch der Himmel hatte sich plötzlich verdüstert. Eine schwarze

Regenwolke trieb mitten durch den Sonnenschein über den Park hin, eine

im März gewöhnliche Erscheinung des Klimas von Louisiana. Das helle

Bild lag plötzlich in tiefem Schatten, und eine Minute später schüttete

der Himmel Wasser in Strömen auf die Rennbahn. Doch dauerte der

sündflutartige Guß nur zwei Minuten lang, dann glänzte die Abendsonne

wieder durch das dampfende Gewölke, und alles strahlte und funkelte in

frischen Farben.

Auf die Volksmenge hatte das gewohnte Zwischenspiel kaum einen

merklichen Eindruck gemacht. Lachend wurden tausend triefende

Regenschirme wieder zugeklappt und der gefüllte Rand von hundert

Hüten dem zu nahe stehenden Nachbar in den Nacken geschüttet. Dagegen

hatten die Elefanten mit einer neuen und jedem, außer mir und Parker,

unerwarteten Schwierigkeit zu kämpfen. Während des Regens war John

Bull wieder vorgeeilt und hatte Jonathan um zwanzig Schritte überholt.

Beide rangen jetzt mit allen Mitteln um den Sieg. Sie waren noch

hundert Schritte vom Ziel, aber auf dem nassen Rasen, auf dem der

kurze stürmische Regen da und dort kleine Seen zurückgelassen hatte,

glitten und glitschten jetzt die Triebräder in hilflosem Eifer. Auch

die Vorderräder, durch deren Stellung die Maschine gesteuert wird,

hatten keinen Halt mehr und schlüpften nach rechts oder links mit

unberechenbarer Willkür. Die wuchtigen Lokomotiven schwankten hin und

her wie Betrunkene, blieben stecken, schossen vorwärts, versuchten sich

quer zur Bahn zu stellen. Es war ein tolles Ringen mit den Elementen,

die sich gegen beide Renner gleichmäßig verschworen hatten.

Da hielt Parker plötzlich still und sprang von seiner Maschine,

Bucephalus ihm nach. Zischend heulte der gepreßte Dampf durch die

sich weit öffnenden Sicherheitsventile. Stone, wenn auch mühselig

und in unregelmäßigen Stößen sich fortbewegend, fuhr an der stehenden

Maschine vorüber. England brüllte vor Wut; Amerika brach in brausenden

Siegesjubel aus. Sally verlor den zweiten Perlmutterknopf über dem

gepreßten Herzen: »Vorwärts, Jem! Vorwärts! O Jerusalem, vorwärts!«

Parker, der noch hundert Meter der überfluteten Rennbahn vor sich

sah, war nicht stehen geblieben, um Luft zu schöpfen, und verstand

sein Geschäft. Mit aller Macht, aber stumm drauf los arbeitend, den

willigen, aber ungeschickten Bucephalus nur mit Rippenstößen anleitend,

seine rotblaue Jacke mit Schmutz und Lehm bedeckend, befestigte

er an den Triebradreifen ein halbes Dutzend sogenannter »Sporen«,

gewaltige eiserne Schaufeln, die, in den Boden einhauend, auch auf

nassem, schlüpfrigem Felde die Maschine vorwärts bringen. Stone hatte

trotz seiner Nöte sechzig Schritte Vorsprung gewonnen, ehe Parker mit

dieser Arbeit fertig war. Er war nur noch vierzig Schritte vom Ziel,

aber seine Maschine, kaum mehr steuerbar, die Räder handhoch mit Lehm

bedeckt, taumelte hilflos hin und her. Jetzt sprang Parker wieder auf

den Tender, ließ die Dampfpfeife spielen, und stolz und ruhig hieb sich

die Maschine vorwärts.

Das Geschrei wurde betäubend. John Bull klatschte mit einer Sicherheit

durch das Wasser, als sei er darin geboren. Sally warf ihren Federhut

in die Luft, der einen wild gestikulierenden, achtbaren Geistlichen

unter ihr zudeckte. »Hurra, Jem! Hurra, Jem!« So dampfte Parker an uns

vorüber. Noch zwanzig Schritte, und England hatte gesiegt.

Doch plötzlich stockte auch John Bull wieder. Die Hinterräder drehten

sich, aber die Maschine ging nicht vorwärts. Auf einen Augenblick wurde

die tausendstimmige Menge fast still; das Interesse war aufs höchste

gestiegen. Wasser spritzte nach allen Seiten; große Klumpen Erde flogen

in die Luft. Die Nächststehenden stoben entsetzt auseinander; sie

wußten nicht, was vorging. Ich wußte es nur zu gut: Parkers Maschine

war auf eine besonders weiche Stelle geraten; die Sporen, anstatt

einzuhauen und die Maschine vorwärts zu treiben, warfen den Boden nach

hinten und begannen nach den besten Regeln der Kunst der Maschine ihr

eignes Grab zu graben. Parker sprang wieder herab und riß Bucephalus

mit. Beide hoben mit Anstrengung aller Kräfte, Bucephalus laut heulend

vor Wut, ein Stück der nächstgelegenen Barriere aus dem Boden und

warfen das gewonnene Gebälk unter die Räder. Aber es half nichts.

Knirschend, alles zermalmend arbeiteten die Sporen das Holz in die

tiefer und tiefer werdende Grube. Die Maschine sank -- sank! -- Der

Schornstein neigte sich wie zum Sterben. Im nächsten Augenblick saß der

Tender auf dem Boden, und alle weiteren Versuche, vorwärts zu kommen,

waren zu Ende.

Und langsam, bedächtig, durch nichts entmutigt, kroch Stones Maschine

hinterher. Jetzt passierte sie Parker. »Hipp, hipp, hurra!« schrie

der kleine Jem, ganz außer sich vor Freude, obgleich ihm Bucephalus

ein Stück Kohle an den Kopf warf. Glitschend und gleitend, oft fast

quer über die Bahn stehend, quälte sich Jonathan weiter. Drei Minuten

brauchte er zu den letzten zehn Schritten. Aber keuchend und röchelnd,

platschend und scheinbar halb schwimmend, über und über mit Schmutz

bedeckt, glitt er endlich durch das heiß erkämpfte Ziel.

Jonathan hatte gewonnen -- programmgemäß.

Stone sprang ab. »Hurra für Amerika!« schrie er laut und schwenkte

feierlich seine Mütze. »Hurra für Amerika!« heulten tausend Stimmen

in dem rasch sich füllenden Ring. Dreißig Schritte davon stand Parker

trotzig und stumm neben seiner versunkenen Maschine und versuchte

vergeblich, sich Sallys zu erwehren, die laut schluchzend an seinem

Halse hing.

[Illustration]

Geld und Erfahrung · 第 20 / 27 题