Niemand hat übrige Zeit in Amerika. Lawrence, obgleich um eine volle
Generation der ältere der beiden, war ungeduldiger als selbst der junge
Owen, seitdem der letztere die Speisenfolge seines Gabelfrühstücks mit
Hilfe Monsieur Merciers und mehrerer Privatgelehrter auf diesem Gebiet
festgestellt hatte. Sie ließen mir kaum einige Stunden zu, wie es ihnen
schien, nutzlosen Proben meiner Maschinen. Delano, dem mürrischen
Geschäftsführer der Landwirtschaftsgesellschaft, wurde überdies um
seinen Park bange, als ich die erste Furche durch den jungfräulichen
Grasboden zog, der nie zuvor mehr als leise gekratzt worden war, und
mein Pflug den schwarzen Urschlamm des verschwundenen Sumpfwaldes
ans Tageslicht förderte. Nach seiner Ansicht sei es um so besser,
je weniger ich ihnen von meiner Kunst zeige, an der er nicht mehr
zweifelte, seitdem er im ersten Schrecken über das gespannte Drahtseil
gefallen war. So wurde der nächste Donnerstag, zwei Tage, nachdem der
Dampfpflug sein Arbeitsfeld erreicht hatte, für die Eröffnungsfeier
bestimmt.
Das Programm war einfach. Zwischen zehn und elf Uhr sollten die
geladenen Gäste erwartet werden. Von elf Uhr an hatte ich eine halbe
Stunde lang den Pflug, eine weitere halbe Stunde den Kultivator laufen
zu lassen. Um zwölf Uhr mußte in dem Pavillon, der sich neben der
Rennbahn befand, das Gabelfrühstück bereit stehen. Um zwei Uhr sollte
das Publikum gegen ein Eintrittsgeld von einem Dollar zugelassen und
das Pflügen bis gegen Abend fortgesetzt werden. Am folgenden Tag
konnte die Presse sodann erklären, daß der Dampfpflug den seitens
der Landwirtschaftsgesellschaft von Louisiana ausgesetzten großen
Preis von 750 Dollar nach eingehender Prüfung errungen habe, und ich
sollte in der Freude meines Herzens drei Tage lang und mit häufigen
Ruhepausen, um den Park nicht allzusehr zu ruinieren, weiterpflügen.
Während dieser Zeit hatte die herbeiströmende Volksmenge ihre fünfzig
Cents an der Parktorkasse abzuliefern, teils um die Gesellschaft in die
Lage zu versetzen, mir möglichst schmerzlos 750 Dollar auszubezahlen,
teils um ihr selbst eine sorglosere Zukunft anzubahnen. Im ganzen ließ
sich gegen diesen Plan nichts einwenden. Er kostete mich ein, wie mir
schien, allzu üppiges Frühstück, verschaffte dagegen, wenn alles gut
ging, dem Dampfpflug, was er vor allen Dingen brauchte: eine tüchtige,
gut amerikanische Reklame.
Die kurzen Versuche, die ich anstellen konnte, verliefen erträglich.
Der Pflug rannte nur zweimal in die Dampfmaschine, die Herrn Stone und
seinem Heizer Kato anvertraut werden mußte, während auf der andern
Lokomotive der weiße und der schwarze Jem als Lehrer und Schüler gut
miteinander auskamen; abgesehen davon, daß der schwarze sich laut und
lebhaft beschwerte, durch seinen Ehrgeiz in eine hervorragende Stellung
gedrängt worden zu sein, die unerwartet viel Mühe und Arbeit mit sich
brachte. Ich selbst saß mit Bucephalus auf dem Pflug und suchte ihm das
Steuern des Gerätes und den Begriff einer geraden Linie im allgemeinen
beizubringen. Der Mann hatte eine Riesenkraft und ließ sich mit großer
Gutmütigkeit an den Ohren ziehen, wenn er gar zu krumm dreinfuhr.
Ich tat dies zwar energisch, da er sonst nichts bemerkt hätte, aber
doch stets mit der Miene väterlichen Wohlwollens; denn es war von
der höchsten Bedeutung, meine rohen Hilfstruppen bei guter Laune zu
erhalten. Das erkannte Bucephalus auch grinsend an und hatte bald die
Genugtuung, mich wiederholt darauf aufmerksam zu machen, wie gerade
seine krummen Furchen ausfielen. -- Übrigens hielt ich es selbst für
gut, nicht allzuviele Proben abzuhalten. Jeder Augenblick, wenn das
böse Schicksal es wollte, konnte, während ich an einem Ende des Feldes
das Drahtseil regulierte oder dem mangelnden Wasserstand im Kessel
nachhalf, am andern Ende eine zerschmetternde Katastrophe herbeiführen
und uns unter Umständen auf Wochen und Monate das Handwerk legen.
Das wichtigste blieb zunächst, wenigstens mit heiler Haut und ganzen
Gliedern über das drohende Frühstück hinwegzukommen.
Eine prachtvolle Frühlingssonne strahlte über dem lieblichen Park
mit seinen moosbehangenen Baumgruppen und den noch nicht verbrannten
Grasflächen, die in dem Untergrund des Mississippideltas reichlich
Wasser finden. Die beiden Maschinen standen kampfbereit an den Enden
eines dreihundert Meter langen Feldstücks und sandten weiße, senkrechte
Rauchsäulen friedlich in den blauen Himmel empor. Jem, Bucephalus,
Kato und ein halbes Dutzend weiterer Nigger, die als Extrahilfskräfte
im Wege standen, waren nicht nur infolge der Wichtigkeit des
Tages und ihrer eignen Person, sondern auch durch das Versprechen
eines königlichen Trinkgeldes, wenn alles gut gehe, in gehobener
Stimmung. Zwischen Stone und Parker war eine gewisse ehrgeizige
Wettbewerbstimmung entstanden, die sich in kleinen trockenen Neckereien
äußerte und mir im Interesse der Sache so wohl gefiel, daß ich sie bei
beiden heimlich schürte. Es war das instinktive Gefühl zwischen jung
und alt; zwischen Amerika und Europa. Beide waren stille, wortkarge
Leute und sich kaum bewußt, was sie reizte. Aber ich sah das Gefühl
deutlich in ihnen arbeiten, und in beiden arbeitete es für mich. --
Im Pavillon hinter unserm Felde deckten sechs schwarze Kellner in
tadellosen Fräcken und weißen Halsbinden eine hufeisenförmige Tafel,
und geheimnisvolle, angenehm duftende Korbwagen fuhren durch das
Parktor. Lawrence hing seit dem frühen Morgen an meinen Fersen, und
Kapitän Owen erwartete in fieberhafter Aufregung den Champagnerwagen,
der irgendwo aufgehalten, wenn nicht umgeworfen worden war.
Dann kamen in leichten, eleganten Kabrioletts und Buggies die
vornehmeren, in den maultierbespannten Tramwagen die einfacheren der
geladenen Gäste: Longstreet mit Beauregard, Taylor mit Burnside und
Jackson, leider nicht der berühmte Stonewall Jackson, der wenige Wochen
zuvor gestorben war. Auch General Lee hatte zum allgemeinen Bedauern
abgesagt. Doch fehlte es nicht an Generalen, Regimentskommandeuren,
Majoren und Kapitänen in verwirrender Menge; dann aber kamen auch große
Grundbesitzer vom oberen und unteren Mississippi und weltbekannte
Politiker aus der alten Zeit, die heute von ihren Erinnerungen lebten
und jeden einluden, sie mit ihnen aufzufrischen; kurz, es sammelte
sich rasch eine zahlreiche, fröhlich belebte Gesellschaft, in der sich
jedermann zu kennen schien und in deren Mitte der wackere Longstreet
den liebenswürdigen Wirt spielte, während mir Owen die Heldentaten
jedes einzelnen ins Ohr flüsterte. Auch unbekannte Gestalten erschienen
zur Genüge. Ich selbst hatte nur dafür gesorgt, daß Oberst Schmettkow
nicht fehlte und der teutonische Redakteur der »Deutschen Zeitung«
seine Einladung erhielt. An alles übrige ließ ich Owen denken, der
seinerseits vertrauensvoll auf meine Fähigkeit baute, mit einem
Check auf meine englischen Freunde am Tag der Abrechnung die kleinen
Schwierigkeiten auszugleichen, die etwa entstehen sollten.
Alles sammelte sich in dem Felde, in welchem der Dampfpflug kampfbereit
aufgestellt war. Noch nie hatte dieser friedliche Träger der Kultur
ein so kriegerisches Publikum um sich gesehen. Die alten Haudegen des
großen Bürgerkriegs standen entlang dem ausgespannten Drahtseil und
sahen verständnisvoll, oder auch anders, in die tiefe Furche hinab, die
gestern abend noch gezogen worden war. Longstreet erklärte, mich von
Zeit zu Zeit zu Hilfe rufend, was er von der Sache wußte, sichtlich
bemüht, das Interesse dem Pflug zuzulenken; aber unwillkürlich
verirrte er sich samt seinen Freunden jeden Augenblick wieder in
die Erinnerungen an ein abenteuerliches Gefecht, in die Beurteilung
einer strategischen Bewegung und vor allem in die Betrachtung der
jammervollen politischen Lage der »alten und wahren« Herren des Landes.
Alle Stimmungen kamen zum lebhaften Ausdruck, vom Galgenhumor völliger
Hoffnungslosigkeit bis zur finsteren Entschlossenheit, sich knirschend
zermalmen zu lassen. Der Dampfpflug schien mit jeder Minute mehr vor
den Augen der ganzen Gesellschaft zu verschwinden.
Da ließ ich pfeifen. Das Drahtseil schnellte in die Höhe und zog an.
Die lange Reihe der leidenschaftlich gestikulierenden Herren sprang
mit Entsetzen und militärischer Präzision auf die Seite. Der Pflug
setzte sich in Bewegung, die schweren, schwarzbraunen Schollen in
sechs glatten geradlinigen Reihen aufstellend. Dies brachte meine
Gäste zur Sache zurück. Eifrig liefen die meisten hinter dem Pfluge
her, nachdenklich maßen andre die Tiefe der Furche. Es ging in der Tat
nicht schlecht, wenn man den Umständen einigermaßen Rechnung trug.
Stone und Kato auf der fernen Maschine übertrafen sich selbst. Stolz
saß Bucephalus auf dem Pflug und steuerte ihn in sanftem Zickzack über
das Feld. Er war überglücklich, da er unter den Eingeladenen seinen
alten Herrn aus der Sklavenzeit entdeckt hatte und ihm die Geheimnisse
seiner neuen Würde, als erster Dampfpflüger Amerikas, auseinandersetzen
konnte. Nachdem der Pflug sechs- bis siebenmal auf und ab gefahren
war, ohne Schiffbruch zu leiden, näherte sich allerdings das Aussehen
der letzten Furche den Windungen eines durch ein Wiesental sich
hinschlängelnden Bächleins. General Burnside tröstete mich. Die Linie
erinnerte ihn lebhaft an seinen ersten Sieg: an die Schlachtlinie der
Föderierten bei Bull Run. Dank seiner südlichen Lebhaftigkeit hatte
General Taylor mittlerweile alles begriffen und hielt den Augenblick
für gekommen, tatkräftig einzugreifen. Er schob Bucephalus von seinem
Sitz, setzte sich auf das Geräte und erfaßte das Steuerrad. Dreißig
Schritte weit ging alles gut. Der Pflug blieb in seinem durch die
Furche gegebenen Geleise, und Taylor sah sich triumphierend um. Dann
aber nahm das Instrument plötzlich eine Wendung nach dem ungepflügten
Teil des Feldes und lief, als sei es verrückt geworden, trotz der
verzweifelten Steuerbewegungen des Generals, querfeldein. Kein Pfeifen
von Parkers Maschine half. Stone, dessen Maschine am andern Ende des
Feldes während der Katastrophe den Pflug zog, war mit seinem Feuer
beschäftigt und merkte zu spät, welches Unheil vor sich ging, so daß
er erst dazu kam, anzuhalten, als sich der General mit dem entlaufenen
Pflug mitten auf ungepflügtem Felde befand, hundert Schritte von dem
Platz, wo er hätte sein sollen. Er hatte allerdings eine merkwürdig
gerade Linie diagonal zur Pflugrichtung über das Feld gezogen. Beschämt
stieg er ab und betrachtete sein Werk. Seine alten Kriegskameraden
waren außer sich vor Vergnügen. Selbst der unehrerbietige Bucephalus,
der staunend dem Pflug nachgesehen hatte, lachte mit, daß sein roter
Mund das schwarze Gesicht von Ohr zu Ohr spaltete. Der Erfolg -- der
Heiterkeitserfolg des Dampfpflugs war großartig. Der ältere Owen,
der mehr Verständnis für die wahre Lage der Dinge zu haben schien
als alle andern, sagte leise zu mir: »Lassen Sie aufhören! -- Die
Schildkrötenbouillon wird sonst kalt!« Longstreet nahm Burnside unter
den Arm. Taylor wurde von den andern im Triumph herbeigeholt und als
preisgekrönter Dampfpflüger Louisianas fast auf den Händen getragen.
Alles strömte dem Gartenpavillon zu, wo sich das blinkende Hufeisen im
Nu gefüllt hatte und die Sektflaschen zu knallen begannen.
Es ging hier noch brillanter als im Felde. Die Not der Zeit löste
sich fühlbar in dem warmen Sonnenschein, der durch den luftigen
kleinen Saal, und im perlenden Wein, der kühlend durch unsre Adern
strömte. Longstreet hielt eine prächtige kleine Rede: ernst, männlich,
geradeaus: Die große Sache sei verloren; wozu die Augen schließen und
die Hände sinken lassen? Die Männer seien noch da, die ehrlich für
sie geblutet hätten; sie würden sich nicht erdrücken lassen. Die alte
Kraft rege sich wieder und werde auf andern Feldern neue Siege bringen.
»Das Schwert ist in unsrer Hand zerbrochen«, schloß er. »In Gottes
Namen -- nehmen wir die Lage, die uns der Himmel geschickt hat. Es
lebe der Pflug!« Darauf verlangte es der Anstand, daß ich etwas sagte.
Der Staub der Pflugfurchen steckte mir noch in der Kehle und die Angst
vor dem jeden Augenblick möglichen Zusammenbruch der einen oder der
andern Maschine in der Seele; aber ich ließ getrost den Süden leben,
dessen tropische Lebenskraft schon mehr als einmal aus den Sümpfen
um den Mississippi ein Paradies geschaffen habe. Dann kamen andre,
weniger harmlos, manchmal bitter und zornig, manchmal allzu laut der
wiederkeimenden Hoffnung entgegenjubelnd. Der Pflug war vergessen. Die
politischen Phrasen rollten mächtig über die erhitzten Köpfe weg. Doch
fühlte ich mich ziemlich beruhigt, als ich unter den letzten, die das
Gartenhaus verließen, den Chefredakteur des »Picayune« Arm in Arm mit
seinem Feind, dem Chefredakteur der »Crescent City News«, bemerkte,
die abwechslungsweise versuchten, föderierte und konföderierte
Kriegslieder zweistimmig zu singen. Ein erstaunlicher Grad mangelhaften
musikalischen Sinns und der gute Wille, mit dem sie sich gegenseitig
unterstützten, ergab eine Verschmelzung von Dissonanzen, die das
Beste für die Zukunft hoffen ließ. Nur ein einziger Mißton trübte den
Schluß der schönen Feier. Meine zwei deutschen Freunde waren sich
in die Haare geraten. Oberst Schmettkow versuchte den Redakteur der
»Deutschen Zeitung« über die Irrtümer seiner politischen Auffassung des
Zustandes der Südstaaten aufzuklären. Doktor Wurzler machte vergebliche
Anstrengungen, den Obersten zu überzeugen, daß ein verunglückter
Jarde-Offizier von der Sache nichts verstehen könne. Sie wurden laut
und heftig, und nur mit Mühe konnte ich sie bewegen, in zwei getrennten
Trambahnwagen nach der Stadt zurückzukehren.
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