Roman. 10. Auflage. Geheftet 5 M., gebunden 6 M.
Hier sind Menschen, eine Fülle Menschen, nicht nur scharf voneinander
geschieden und als Einzelgestalten deutlich in der Phantasie,
sondern in Bewegung, im Zusammensein, im Gespräch in einer Vielzahl
von Aktionen. Ich sehe alle, die im Eisenbahnkupee den Selbstmord
des Dienstmädchens erörtern -- wie hört man das Laute ihrer Reden,
die Heftigkeit ihrer Diskussion und Überzeugungssucht das Rasseln
und Knattern des Zuges übertönen! Der Liederkranzball, den fünf
Kapitel umschließen, bleibt wie ein Erlebtes unverlöschlich in der
Erinnerung: hier ist ein solcher Sturm, ein solches Getöse, ein solches
Ineinanderspielen von Tätigkeiten und Gesprächen, von Trunk, Spiel,
Streit und Hohn, ein solches Chaos bewegter Menschlichkeiten, aus dem
die Gestalten des Helden und seiner Geliebten leuchtend hervortreten,
ein solches Auf- und Abstürmen des lebendigsten Lebens, daß man im
Lesen den Atem anhält, von der Fülle und Intensität einer ganz nahen
Wirklichkeit bis an das eigene Fühlen wunderbar beherrscht ... Nicht
Vergangenes erzählt dieser Dichter, wie alle vor und neben ihm: er
trägt die Gegenwart. Sein Stil, knapp, rasch, ungeduldig, reißt hin.
Kurze Sätze jagen hintereinander her, überstürzen sich, erleuchten und
verdunkeln einander -- dann wieder langsam hintereinander schreitend,
lassen sie der Einbildungskraft Raum, das Bild, das sie halten, zu
betrachten, das Gefühl, die unsichtbare Gottheit, der sie dienen, zu
begreifen. Und wie sie dem Gefühl dienen! Jedes Wort, jeder Ausruf
glaubt sich stark genug, das Göttliche durch sich offenbaren zu
können, und ist doch so gering, daß alles nur hingestammelt wird,
bebend, flehend, erstickt, überwältigt. Alles ist da, ist Leben, ist
Augenblick. Geschehnis und Gedanke gehen ineinander über, eins aus
dem andern hervor. Eh man sich's versieht, biegt der Weg um: neue
Landschaft erschließt sich dem Staunenden -- man muß das Buch für
Augenblicke sinken lassen, um sich zurückfinden zu können.
(Neue Freie Presse, Wien)