Doktor Seymour: »Ihre Wahrheitsliebe macht Ihnen alle Ehre, Herr Allan.«

Mac sagte die Wahrheit und hatte sich die Konsequenzen selbst

zuzuschreiben.

Doktor Seymour begann sein »~summing-up~«. Er sprach von zwei Uhr

nachmittags bis zwei Uhr nachts. Die Damen, die bleich vor Zorn werden,

wenn sie in einem Geschäft fünf Minuten warten müssen, hielten bis zum

Schluß aus. Er rollte das ganze schaurige Panorama von Unheil auf, das

der Tunnel in die Welt gebracht hatte: Katastrophe, Streik, Bankrotte.

Er behauptete, zwei Menschen wie Mac Allan seien imstande, die ganze

wirtschaftliche Welt zu ruinieren. Allan sah ihn erstaunt an.

Am nächsten Tag um neun Uhr morgens begannen die Plädoyers der

Verteidiger, die bis spät in die Nacht währten. Die Verteidiger legten

sich flach über den Tisch und streichelten die Geschworenen unter dem

Kinn ...

Dann kam der Tag der größten Spannung. Tausende von Menschen umdrängten

das Gerichtsgebäude. Sie alle hatten durch Allan zwanzig, hundert,

tausend Dollar verloren. Sie verlangten ihr Opfer und sie bekamen es.

Die Geschworenen wagten es gar nicht, Allans Schuld zu verneinen. Sie

hatten keine Lust, mit einer Dynamitbombe in die Höhe zu gehen oder auf

der Treppe ihres Hauses niedergeschossen zu werden. Sie sprachen Allan

der bewußten Irreführung des Publikums, kurz des Betruges schuldig.

Wiederum fehlte S. Woolf, der ruhmlos Hinabgestiegene, dessen Hände

golden abfärbten.

Das Urteil lautete auf sechs Jahre drei Monate Gefängnis.

Es war eines jener amerikanischen Urteile, die Europa nicht fassen

kann. Es war unter dem Druck des Volkes und der momentanen Lage

gegeben. Auch politische Motive spielten herein. Die Wahlen standen

bevor und die republikanische Regierung wollte der demokratischen

Partei schmeicheln. Allan hörte das Urteil mit ruhiger Miene an und

legte sofort Revision ein.

Das Auditorium aber war einige Minuten völlig erstarrt.

Dann aber sagte eine empörte, bebende Frauenstimme: »Es gibt keine

Gerechtigkeit mehr in den Staaten. Die Richter und Geschworenen sind

von den Schiffahrtsgesellschaften bestochen!«

Das war Ethel Lloyd. Diese Bemerkung kostete sie ein kleines Vermögen

und dazu zehntausend Dollar für Anwälte. Und da sie während ihres

Prozesses, der enormes Aufsehen erregte, den Gerichtshof abermals

beleidigte, bekam sie drei Tage Haft wegen Ungebühr. Ethel Lloyd

bezahlte aber freiwillig keinen Pfennig. Sie ließ sich pfänden. Und

zwar übergab sie dem Gerichtsvollzieher zwei Paar Handschuhe mit

Brillantknöpfen.

»Bin ich mehr schuldig?« fragte sie.

»Nein, danke,« antwortete der Beamte und zog mit den Handschuhen ab.

Als aber die Zeit herankam, da Ethel ins Loch wandern sollte, hatte

sie keine Lust. Drei Tage ~jail~? ~No, Sir!~ Sie riß aus an Bord ihrer

Dampfjacht »Goldkarpfen« und kreuzte in zwanzig Meilen Entfernung von

der Küste, wo ihr niemand etwas anhaben konnte. Stündlich sprach sie

funkentelegraphisch mit ihrem Vater. Die Funkenstationen der Zeitungen

fingen alle Gespräche ab und New York amüsierte sich acht Tage lang.

Der alte Lloyd lachte Tränen über seine Tochter und vergötterte sie

noch mehr. Da er aber ohne Ethel nicht leben konnte, so bat er sie

schließlich zurückzukehren. Er sei nicht wohl. Sofort richtete Ethel

den Bug des »Goldkarpfens« gegen New York, und hier fiel sie prompt in

die Hände der Gerechtigkeit.

Ethel brummte drei Tage und die Zeitungen zählten die Stunden bis zu

ihrer Befreiung. Ethel kam lachend heraus und wurde von einem Park von

Automobilen empfangen und im Triumph nach Hause gebracht.

Unterdessen aber saß Allan im Staatsgefängnis von Atlanta. Er verlor

nicht den Mut, denn er nahm das Urteil nicht ernst.

Im Juni nahm die Revision des Prozesses ihren Anfang.

Der Riesenprozeß wurde abermals aufgerollt. Das Urteil aber blieb

unangetastet und Allan kehrte nach Atlanta zurück.

Die Sache Allan ging an den Supreme Court. Und nach drei weiteren

Monaten wurde der letzte Prozeß geführt. Es wurde Ernst und ging um

Allans Hals.

Die finanzielle Krise war unterdessen abgeflaut. Handel, Verkehr,

Industrie begannen sich zu erholen. Das Volk hatte seinen fanatischen

Haß verloren. Aus hundert Anzeichen merkte man, daß jemand an der

Arbeit war, Allans Sache zu ordnen. Man behauptete, es sei Ethel

Lloyd. Die Zeitungen brachten günstiger gefärbte Artikel. Die

Geschworenen waren ganz anders zusammengesetzt.

Allans Aussehen befremdete, als er vor dem Supreme Court erschien.

Seine Gesichtsfarbe war fahl und ungesund, seine Stirn von tiefen

Falten durchfurcht, die auch blieben, wenn er sprach. Er war grau

geworden an den Schläfen und stark abgemagert. Der Glanz seiner Augen

war erloschen. Zuweilen schien er ganz teilnahmlos.

Die Aufregungen der letzten Monate, die Prozesse hatten ihn nicht

niederwerfen können. Aber die Haft in Atlanta hatten seine Gesundheit

untergraben. Ausgeschaltet vom Leben und von Aktivität mußte ein Mann

wie Allan zugrunde gehen; wie eine Maschine zusammensackt, wenn sie zu

lange stillsteht. Er wurde ruhelos und schlief schlecht. Entsetzliche

Träume bekamen Gewalt über ihn, so daß er sich am Morgen gemartert

erhob. Der Tunnel verfolgte ihn mit Schrecknissen. Es donnerte in

seinen Träumen und das Weltmeer brach in die Stollen und Tausende

trieben wie ertrunkene Tiere zu den Tunnelmündungen hinaus. Der Tunnel

saugte wie ein Trichter: er verschlang Maschinenhallen und Häuser, die

Tunnelstadt glitt in den Schlund hinein, Dampfer, Wasser und Erde, New

York begann sich zu neigen und zu sinken. New York brannte lichterloh

und er flüchtete über die Dächer der zusammenschmelzenden Stadt. Er

sah S. Woolf in drei Teile geschnitten und alle drei Teile lebten und

flehten ihn um Gnade an.

Der Supreme Court sprach Allan frei. Der Freispruch wurde mit großem

Jubel aufgenommen. Ethel Lloyd schwenkte das Taschentuch wie eine

Fahne. Allan mußte unter Bedeckung zu seinem Wagen gebracht werden, da

man ihn in Stücke gerissen hätte, um ein Andenken zu haben. Die Straßen

rings um das Gebäude hallten wider: »Mac Allan! Mac Allan!«

Der Wind blies wieder aus der andern Richtung.

Allan aber hatte nur noch einen Gedanken, den er mit dem letzten Rest

von Energie verfolgte: Einsamkeit, keine Menschen ...

Er begab sich nach Mac City.

Der Tunnel: Roman · 第 31 / 42 题