Allan sah sie erstaunt an. »Du wirst schon mitkommen, denke ich, Maud?«

»Ich weiß wirklich nicht, ob es angeht, mit Edith im Winter zu reisen.

Und ohne Edith gehe ich auf keinen Fall.«

Allan blickte nachdenklich vor sich hin.

»Daran dachte ich im Augenblick gar nicht,« sagte er nach einer Weile

zögernd. »Freilich, Edith. Aber ich denke, es ließe sich trotzdem

machen.«

Maud entgegnete nichts. Sie wartete. So leicht sollte er diesmal nicht

davonkommen. Nach einer Pause setzte Allan hinzu: »Der Dampfer ist ja

genau wie ein Hotel, Maud. Ich würde Luxuskabinen nehmen, damit ihr es

bequem hättet.«

Maud kannte Mac genau. Er würde nicht weiter in sie dringen,

mitzukommen, sie nicht bitten. Er würde nun kein Wort weiter sagen und

es ihr auch gar nicht übelnehmen, wenn sie ihn allein reisen ließe.

Sie sah ihm an, daß er sich jetzt schon mit diesem Gedanken abzufinden

suchte.

Er blickte nachdenklich und enttäuscht vor sich hin. Es kam ihm gar

nicht in den Sinn, daß ihre Absage nichts als eine Komödie war, ihm,

der nie in seinem Leben Komödie spielte und dessen Wesen so einfach und

aufrichtig war, daß es sie immer von neuem überraschte.

In einer plötzlichen Aufwallung ergriff sie seine Hand. »Natürlich

komme ich mit, Mac!« sagte sie mit einem zärtlichen Blick.

»Ah, siehst du!« erwiderte er und drückte ihr dankbar die Hand.

Die Überwindung ihrer schlechten Laune machte Mauds Herz plötzlich froh

und leicht, und sie begann rasch und heiter zu plaudern. Sie sprach von

Lloyd und Ethel Lloyd.

»War Ethel sehr gnädig, Mac?« fragte sie.

»Sie war wirklich sehr nett zu mir,« entgegnete Allan.

»Wie findest du sie?«

»Sie kam mir sehr ungekünstelt vor, natürlich, ein wenig naiv sogar,

fast wie ein Kind.«

»Oh!« Maud lachte. Und sie begriff selbst nicht, weshalb Macs Antwort

sie wieder leicht gegen ihn verstimmte. »Oh, Mac, wie du dich auf

Frauen verstehst! ~Lord~! Ethel Lloyd und natürlich! Ethel Lloyd und

naiv! Hahaha!«

Nun mußte auch Allan lachen. »Sie kam mir in der Tat so vor,«

versicherte er.

Maud aber ereiferte sich. »Nein, Mac,« rief sie aus, »ich habe doch

nie so etwas Komisches gehört! So seid ihr Männer! Es gibt kein

gekünstelteres Wesen als Ethel Lloyd, Mac! Ihre Natürlichkeit ist

ihre größte Kunst. Ethel ist, glaube mir das ruhig, Mac, eine ganz

raffinierte, kokette Person und alles an ihr ist Berechnung. Sie möchte

euch Männer alle behexen. Glaube mir das, ich kenne sie. Hast du ihre

Sphinxaugen gesehen?«

»Nein.« Allan sagte die Wahrheit.

»Nicht? Aber sie sagte einmal zu Mabel Gordon: ich habe Sphinxaugen,

alle Leute sagen es. Und du findest sie naiv! Sie ist ja so schrecklich

eitel, dieses hübsche Geschöpf, oh, du mein Gott! Jede Woche mindestens

einmal erscheint ihr Bild in der Zeitung. Ethel sagt: --! Sie macht

Tag und Nacht Reklame für sich, genau wie Hobby. Sogar mit ihrer

Wohltätigkeit macht sie Reklame.«

»Vielleicht hat sie aber wirklich ein gutes Herz, Maud?« warf Allan ein.

»Ethel Lloyd?« Maud lachte. Dann sah sie Mac plötzlich in die Augen,

während sie sich an den Nickelgriffen des sausenden, schleudernden

Autos festhielt. »Ist sie wirklich so schön, Ethel?«

»Ja, sie ist schön, Maud. Aber, Gott weiß, weshalb sie sich so stark

pudert!«

Maud sah enttäuscht aus. »Hast du dich in sie verliebt, Mac? Wie alle

andern?« fragte sie leise, mit geheuchelter Angst.

Allan lachte und zog sie an sich. »Du bist ein kleiner Narr, Maud!«

rief er aus und drückte ihr Gesicht an seine Wange.

Nun war Maud wieder ganz zufrieden. Wie kam es doch, daß sie heute jede

Kleinigkeit irritieren konnte? Was ging Ethel Lloyd sie an?

Sie schwieg eine Weile, dann sagte sie in aufrichtigem Ton: »Es kann

übrigens sein, daß Ethel wirklich ein gutes Herz hat, ich glaube es

sogar.«

Aber gerade, als sie dies ausgesprochen hatte, fand sie, daß sie im

Grunde nicht recht an das gute Herz Ethels glaubte. Nein, heute war

nichts mit ihr anzufangen.

Nach dem Diner, das sie sich auf dem Zimmer servieren ließen, ging Maud

gleich zu Bett, während Allan im Salon blieb, um Briefe zu schreiben.

Allein Maud konnte nicht sofort einschlafen. Sie war seit dem frühen

Morgen auf den Beinen gewesen und übermüdet. Die trockene, heiße Luft

des Hotelzimmers versetzte sie in ein leises Fieber. Alle Aufregungen

des Tages, die Reise, das Konzert, die Menschenmenge, Ethel Lloyd,

alles erwachte wieder in ihrem übermüdeten Kopf. Sie hörte wieder

Konzert und Stimmen in ihren Ohren klingen. Drunten schwirrten die

Autos. Es tutete. In der Ferne rauschten die Hochzüge. Gerade als sie

einschlummern wollte, weckte sie ein Knacken in der Dampfheizung. Sie

hörte, daß der Lift im Hotel emporstieg und leise sang. Die Spalte an

der Tür war noch hell.

»Schreibst du noch immer, Mac?« fragte sie, fast ohne die Lippen zu

öffnen.

Mac erwiderte: »~Go on and sleep~.« Aber seine Stimme klang so tief,

daß sie, im leichten Fieber des Halbschlafes, lachen mußte.

Sie schlief ein. Aber plötzlich fühlte sie, daß sie ganz kalt wurde.

Sie wachte wieder auf, voller Unruhe und seltsamer Angst, und dachte

nach, was sie erschauern hatte lassen. Sofort fiel es ihr ein. Sie

hatte geträumt: sie kam in Ediths Zimmer, und wer saß da? Ethel Lloyd.

Ethel Lloyd saß da, blendend schön, den Diamanten auf der Stirn und

bettete die kleine Edith sorgfältig ein -- ganz als sei sie Ediths

Mutter ...

Mac saß in Hemdärmeln in der Sofaecke und schrieb. Da knackte es an der

Türe und Maud erschien in ihrem Schlafkleid, schlaftrunken ins Licht

blinzelnd.

Ihr Haar glänzte. Sie sah blühend und jung aus, wie ein Mädchen, und

Frische strömte von ihr aus. Aber ihre Augen flackerten unruhig.

»Was hast du?« fragte Allan.

Maud lächelte verwirrt. »Nichts,« entgegnete sie, »ich träume solch

dummes Zeug.« Sie setzte sich in einen Sessel und strich das Haar

glatt. »Weshalb gehst du nicht schlafen, Mac?«

»Die Briefe müssen morgen mit dem Dampfer fort. Du wirst dich erkälten,

Liebling.«

Maud schüttelte den Kopf. »O nein,« sagte sie, »es ist im Gegenteil

sehr heiß hier.« Dann sah sie Mac mit wachen Augen an. »Höre, Mac,«

fuhr sie fort, »warum verschweigst du mir, was du mit Lloyd zu tun

hast?«

Allan lächelte und erwiderte langsam: »Du hast mich nicht danach

gefragt, Maud. Ich wollte auch nicht darüber sprechen, solange die

Sache noch in der Luft hing.«

»Willst du es mir jetzt nicht sagen?«

»Doch, Maud.«

Da erklärte er ihr, worum es sich handele. Zurückgelehnt ins Sofa,

gutmütig lächelnd und in aller Ruhe setzte er ihr sein Projekt

auseinander, ganz als ob er nur eine Brücke über den East River bauen

wolle. Maud saß in ihrem Schlafkleid da und staunte und verstand nicht.

Aber als sie anfing zu verstehen, staunte sie immer mehr, und ihre

Augen wurden immer größer und glänzender. Ihr Kopf wurde ganz heiß!

Nun begriff sie plötzlich seine Tätigkeit in den letzten Jahren, seine

Versuche, seine Modelle und seine Stöße von Plänen. Nun begriff sie

auch, weshalb er zur Abreise gedrängt hatte: er hatte keine Minute Zeit

zu versäumen! Nun begriff sie auch, weshalb all die Briefe mit dem Boot

morgen fort mußten. Es erschien ihr fast, als träume sie wieder ...

Als Allan zu Ende war, saß sie mit großen glänzenden Augen da, die

nichts als Strahlen und Bewunderung waren. »Nun weißt du es, kleine

Maud!« sagte Allan und bat sie schlafen zu gehen. Maud trat zu ihm und

umschlang ihn, so fest sie konnte und küßte ihn auf den Mund.

»Mac, mein Mac!« stammelte sie.

Als aber Allan sie nochmals bat, sich niederzulegen, gehorchte sie

augenblicklich und ging hinaus, noch ganz trunken im Kopf. Es war ihr

plötzlich der Gedanke in den Sinn gekommen, als ob Macs Werk ebenso

groß sei wie jene Symphonien, die sie heute gehört hatte, ebenso groß

-- nur ganz anders.

Zu Allans Erstaunen kam sie aber nach einigen Minuten wieder herein.

Sie brachte eine Decke mit, und während sie flüsterte: »Arbeite!

Arbeite!« bettete sie sich zusammengerollt neben ihm aufs Sofa. Den

Kopf an seinen Schenkel gelegt, schlief sie ein.

Allan hielt inne und sah sie an. Und er dachte, daß sie schön und

rührend sei, seine kleine Maud, und er sein Leben tausendfach für sie

hingeben würde.

Dann schrieb er eifrig weiter.

5.

Am folgenden Mittwoch schiffte sich Allan mit Maud und Edith auf dem

deutschen Drei-Tage-Boot nach Europa ein. Hobby begleitete sie; er »kam

auf acht Tage mit«.

Maud war in wunderbarer Stimmung. Sie hatte ihre heiterste Laune --

ihre Mädchenlaune -- wiedergefunden, und diese Laune hielt während der

ganzen Fahrt über den winterlichen und ungastlichen Ozean an, obwohl

sie Mac nur bei den Mahlzeiten und am Abend zu Gesicht bekam. Lachend

und fröhlich plaudernd stapfte sie, in Pelze eingehüllt, in dünnen

Lackschuhen auf den eisigen Verdeckkorridoren hin und her.

Hobby war der populärste Mann auf dem Boot. Von den Kabinen der Ärzte

und Zahlmeister an bis hinauf zur geheiligten Kommandobrücke war er zu

Hause. Vom frühen Morgen bis zum späten Abend gab es keine Stelle auf

dem Schiff, wo man nicht seine helle, etwas nasale Stimme gehört hätte.

Von Allan dagegen hörte und sah man nichts. Er war den ganzen Tag

über beschäftigt. Zwei Typistinnen des Schnellbootes hatten während

der ganzen Reise alle Hände voll zu tun, seine Briefe abzuschreiben.

Hunderte von Briefen lagen fertig und adressiert in Allans Kabine. Er

traf die Vorbereitungen zur ersten Schlacht.

Die Reise ging zuerst nach Paris. Von da nach Calais und Folkestone,

wo der Tunnel unter dem Kanal im Bau war, nachdem England seine

lächerliche Angst vor einer Invasion, die mit einer einzigen Batterie

verhindert werden konnte, überwunden hatte. Hier hielt sich Allan

drei Wochen auf. Dann gingen sie nach London, Berlin, Essen, Leipzig,

Frankfurt und wieder zurück nach Paris. Allan blieb an all diesen Orten

einige Wochen. Am Vormittag arbeitete er für sich, nach Tisch hatte

er täglich Konferenzen mit Vertretern großer Firmen, Ingenieuren,

Technikern, Erfindern, Geologen, Geographen, Ozeanographen,

Statistikern und Kapazitäten der verschiedensten Fakultäten. Eine Armee

von Gehirnen aus allen Gegenden Europas, aus Frankreich, England,

Deutschland, Italien, Norwegen, Rußland.

Am Abend speiste er allein mit Maud, wenn er nicht gerade Gäste bei

sich hatte.

Mauds Laune war noch immer ausgezeichnet. Die Atmosphäre von Arbeit und

Unternehmungen, die Mac umgab, belebte sie. Sie hatte vor drei Jahren,

kurz nach ihrer Heirat, fast genau die gleiche Reise mit Mac gemacht,

und damals hatte sie ihm nur schwer verzeihen können, daß er die meiste

Zeit mit fremden Menschen und unverständlichen Arbeiten verbrachte.

Nun, da sie den Sinn all dieser Konferenzen und Arbeiten begriff, war

alles natürlich ganz anders geworden.

Sie hatte viel Zeit und sie teilte sich diesen Überfluß an Zeit

sorgfältig ein. Einen Teil des Tages widmete sie ihrem Kinde, dann

besuchte sie Museen, Kirchen und Sehenswürdigkeiten, wo sie auch immer

sein mochten. Auf ihrer ersten Reise war sie nicht oft zu diesen

Genüssen gekommen. Mac hatte sie natürlich überallhin begleitet, wenn

sie es wünschte, aber sie hatte bald gefühlt, daß ihn diese herrlichen

Gemälde, Skulpturen, alten Gewebe und Schmuckstücke nicht besonders

interessierten. Was er gerne sah, das waren Maschinen, Werke, große

industrielle Anlagen, Luftschiffe, technische Museen, und davon

verstand sie ja nichts.

Nun aber hatte sie Muße und sie entzückte sich an all den tausend

Herrlichkeiten, die ihr Europa so teuer machten. Sie besuchte Theater,

Konzerte, so oft es anging. Sie sättigte sich für Amerika. Sie

bummelte stundenlang in alten Straßen und engen Gassen umher und

machte photographische Aufnahmen von jedem kleinen Kaufladen, den sie

»entzückend« fand, und jedem krummen alten Hausgiebel. Sie kaufte

Bücher, Reproduktionen aus den Museen und Ansichtskarten von alten

Häusern und neuen. Diese Ansichtskarten waren für Hobby bestimmt, der

sie darum ersucht hatte. Sie gab sich ehrliche Mühe, ihr Material

zusammenzubekommen, aber für Hobby, den sie liebte, war ihr keine

Arbeit zu viel.

In Paris ließ Allan sie acht Tage allein. Er hatte in der Nähe von

Nantes, bei Les Sables an der biskayischen Küste mit Geometern und

einem Schwarm Agenten zu tun. Dann schifften sie sich mit Geometern,

Ingenieuren und Agenten nach den Azoren ein, wo Allan über drei Wochen

auf den Inseln Fayal, San Jorgo und Pico beschäftigt war, während

Maud mit Edith den herrlichsten Frühling genoß, den sie je erlebt

hatte. Von den Azoren fuhren sie mit einem Frachtdampfer (als die

einzigen Passagiere, was Maud entzückte!) quer durch den Atlantik

nach den Bermudas. Hier, in Hamilton, trafen sie zu ihrer großen

Freude Hobby, der eine kleine Reise herüber gemacht hatte, um sie zu

erwarten. Die Geschäfte auf den Bermudas waren rasch erledigt und im

Juni kehrten sie nach Amerika zurück. Allan mietete ein Landhaus in

Bronx, und die gleiche Tätigkeit wie in London, Paris und Berlin begann

nun in Amerika. Täglich konferierte Allan mit Agenten, Ingenieuren,

Wissenschaftlern aus allen Städten der Staaten. Da er häufig lange

Besprechungen mit Lloyd hatte, so begann die Öffentlichkeit aufmerksam

zu werden. Die Journalisten schnüffelten in der Luft wie Hyänen, die

Aas riechen. Gerüchte von den abenteuerlichsten Gründungen schwirrten

durch New York.

Aber Allan und seine Vertrauensmänner schwiegen. Maud, die man

aushorchen wollte, lachte und sagte kein Wort.

Ende August waren die Vorbereitungsarbeiten beendet. Lloyd ließ an

dreißig der ersten Vertreter des Kapitals, der Großindustrie und

Großbanken Einladungen zu einem Meeting ergehen; diese Einladungen

hatte er eigenhändig geschrieben und durch Spezialkuriere aushändigen

lassen, um die Bedeutung der Konferenz zu betonen.

Und am 18. September fand diese denkwürdige Konferenz im Hotel

Atlantic, Broadway, statt.

6.

New York briet in diesen Tagen in einer Hitzwelle, so daß Allan sich

entschloß, die Versammlung auf dem Dachgarten des Hotels abzuhalten.

Die Geladenen, die größtenteils auswärts wohnten, waren im Laufe des

Tages und einige schon gestern eingetroffen.

Sie kamen in riesigen, staubbedeckten Tourencars mit Frauen, Töchtern

und Söhnen angerollt aus ihren Sommerresidenzen in Vermont, Hampshire,

Maine, Massachusetts und Pennsylvania. Die Einsamen und Schweiger

flogen in Extrazügen, die glatt jede Station ignorierten, von St.

Louis, Chikago und Cincinnati herbei. Ihre Luxusjachten dockten am

Hudson-River. Drei Chikagoleute, Kilgallan, Müllenbach und C. Morris,

waren mit dem Expreß-Luftliner, der die 700 Meilen von Chikago nach New

York-Centralpark in acht Stunden durchschneidet, angekommen, und der

Sportmann Vanderstyfft war im Laufe des Nachmittags auf dem Dachgarten

des Atlantic mit seinem Eindecker gelandet. Andere wieder trafen als

ganz unscheinbare Reisende, zu Fuß, mit einer bescheidenen Tasche in

der Hand, vor dem Hotel ein.

Aber sie kamen. Lloyd hatte sie in einer Angelegenheit von allererster

Bedeutung gerufen, und jene Solidarität, die das Geld in weit höherem

Maße als das Blut erzeugt, erlaubte ihnen nicht zurückzustehen. Sie

kamen nicht allein, weil sie ein Geschäft witterten (es war sogar

möglich, daß sie bluten mußten!), sie kamen in erster Linie, weil sie

erwarteten, ein Projekt mit starten helfen zu können, dessen Bedeutung

ihren Unternehmungsgeist befriedigte, der sie groß gemacht hatte. Lloyd

hatte jenes mysteriöse Projekt in seinem Sendschreiben »das größte

und kühnste aller Zeiten« genannt. Das genügte, um sie aus der Hölle

herauszuholen; denn das Schaffen neuer Werke war für sie soviel wie

leben selbst.

Die Bewegung so vieler Häuptlinge des Kapitals war natürlich nicht

unbemerkt geblieben, denn jeder einzelne war von einem ausgearbeiteten

Alarmsystem umgeben. Am Morgen schon war die Börse von einem leichten

Fieber geschüttelt worden. Ein zuverlässiger Tip jetzt bedeutete ein

Vermögen! Die Presse verkündete die Namen all der Männer, die im

Atlantic abgestiegen waren, und vergaß nicht hinzuzufügen, wieviel

jeder einzelne wert war. Nachmittag um fünf Uhr ging es schon hoch in

die Milliarden. Auf jeden Fall stand etwas Ungewöhnliches bevor, eine

Riesenschlacht des Kapitals. Einzelne Zeitungen taten so, als kämen sie

gerade vom Lunch bei Lloyd und seien bis zum Halse mit Informationen

geladen, Lloyd aber habe ihnen einen Knebel zwischen die Zähne

getrieben. Andere gingen weiter und veröffentlichten, was ihr Freund

Lloyd ihnen beim Dessert anvertraut hatte: es handele sich um nichts

Besonderes. Die elektrische Einschienen-Schnellbahn sollte von Chikago

weiter bis San Franzisko geführt werden. Das Netz des Luftverkehrs

sollte über die ganzen Staaten erweitert werden, so daß man nach jeder

beliebigen Stadt genau so fliegen könnte, wie heute nach Boston,

Chikago, Buffalo und St. Louis. Hobbys Idee: New York, das Venedig

Amerikas, stände dicht vor ihrer Realisierung.

Die Reporter umschnupperten das Hotel wie Polizeihunde, die auf der

Spur liegen. Sie traten mit den Absätzen Löcher in das zerweichte

Asphalt des Broadways und starrten an den sechsunddreißig Stockwerken

des Atlantic empor, bis die gleißende Kalkwand ihnen Halluzinationen

ins Gehirn spiegelte. Ein ganz Gerissener kam sogar auf den genialen

Einfall, sich als Telephonarbeiter ins Hotel zu schmuggeln, und nicht

nur ins Hotel -- bis in die Zimmer der Milliarden, wo er an den

Zimmertelephonen herumbastelte, um etwa ein Wort aufzuschnappen. Aber

der Manager des Hotels entdeckte ihn und machte ihn höflich darauf

aufmerksam, daß alle seine Apparate in Ordnung seien.

Umfiebert von glühender Hitze und Erregung stand das kalkweiße

Turmhaus da und schwieg. Es wurde Abend und es schwieg noch immer.

Der Gerissene von heute nachmittag kehrte in seiner Verzweiflung mit

einem Schnurrbart im Gesicht als ein Monteur Vanderstyffts zurück, der

an der Maschine oben auf dem Dach etwas nachzusehen habe. Aber der

Manager erklärte ihm mit höflichem Lächeln, daß Herrn Vanderstyffts

Marconi-Apparat ebenfalls in Ordnung sei.

Da trat der Gerissene auf die Straße und zerplatzte: er war plötzlich

irgendwohin verschwunden, um etwas Neues zu ersinnen. Nach einer

Stunde erschien er als Globetrotter in einem Automobil voll beklebter

Koffer und forderte ein Zimmer im 36. Stock. Da das 36. Stockwerk

aber von Hotelbediensteten bewohnt wurde, so mußte er sich mit

Zimmer Nummer 3512 begnügen, das ihm der Manager mit zuvorkommender

Geschäftsmiene anbot. Hier machte er einem chinesischen Boy, der zur

Dachgartenbedienung gehörte, ein bestechendes Angebot, wenn er einen

unscheinbaren Apparat, nicht größer als ein Kodak, in irgendeines

der Kübelgewächse da droben schmuggele. Allein er hatte nicht damit

gerechnet, daß Allanit ein Hartstahl war, den kein Geschoß durchschlägt.

Allan hatte seine genauen Instruktionen gegeben, und der Manager

verbürgte sich dafür, daß sie eingehalten wurden. Sobald alle Geladenen

den Roofgarden betreten hatten, durfte der Lift nicht weiter als bis

zum 35. Stock geführt werden. Die Boys der Bedienung durften den

Dachgarten nicht eher verlassen, als bis der letzte Gast sich entfernt

hatte. Nur sechs Vertretern der Presse und drei Photographen war der

Zutritt erlaubt (Allan brauchte sie ebenso wie sie ihn) -- allein gegen

die ehrenwörtliche Versicherung, während der Konferenz nicht mit der

Außenwelt in Verbindung zu treten.

Einige Minuten vor neun Uhr erschien Allan selbst auf dem Dachgarten,

um sich zu überzeugen, ob man all seine Anordnungen genau befolgt

habe. Er entdeckte augenblicklich den eingeschmuggelten drahtlosen

Telephonapparat im Geäst eines Lorbeerbaumes, und eine Viertelstunde

später hatte ihn der Gerissene wieder als ein hübsch verschnürtes und

versiegeltes Expreßpaket auf Nummer 3512 -- ohne überrascht zu sein,

denn er hatte deutlich in seinem Empfangsapparat gehört, wie eine

Stimme etwas unwillig sagte: »Schaffen Sie das Zeug weg!«

Von neun Uhr an begann der Lift zu spielen.

Die Geladenen tauchten schwitzend und pustend aus dem Hotelblock empor,

der trotz den Kühlanlagen in allen seinen Poren glühte. Sie kamen aus

der Hölle ins Fegfeuer. Jeder einzelne, der aus dem Lift stieg, prallte

vor dieser Mauer von Hitze zurück. Dann aber legte er augenblicklich

den Rock ab, nicht ohne die anwesenden Damen vorher höflich um

Erlaubnis gebeten zu haben. Diese Damen waren Maud -- heiter, blühend,

schneeweiß gekleidet -- und Mrs. Brown, eine alte, kleine, ärmlich

aussehende Frau mit gelbem Gesicht und dem argwöhnischen Blick

schwerhöriger Geizhälse: die reichste Frau der Staaten und berüchtigte

Wucherin.

Die Geladenen kannten einander ohne Ausnahme. Sie hatten sich auf

verschiedenen Kriegschauplätzen getroffen, sie hatten jahrelang

Schlachten Schulter an Schulter oder gegeneinander geschlagen. Ihre

gegenseitige Hochachtung war nicht allzu groß, aber sie schätzten

sich immerhin. Sie waren fast alle schon grau oder weiß, ruhig,

würdig, abgeklärt und besonnen wie der Herbst, und die meisten hatten

gutmütige, freundliche, ja kindliche Augen. Sie standen in Gruppen

beisammen und plauderten und scherzten oder gingen zu Paaren auf und

ab und flüsterten. Die Einsamen und Schweiger saßen schon still in den

Klubsesseln und blickten kühl, nachdenklich und mit etwas übelgelauntem

Gesichtsausdruck auf den persischen Teppich, der über den Boden

gebreitet war. Zuweilen zogen sie die Uhr und warfen einen Blick auf

den Lift: immer noch kamen Nachzügler ...

Drunten brodelte New York und das Brodeln schien die Hitze zu

verdoppeln. New York schwitzte wie ein Ringkämpfer nach getaner Arbeit,

es pustete wie eine Lokomotive, die ihre dreihundert Meilen hinter

sich hat und in einer Bahnhofhalle verschnauft. Die Autos, die im

zerweichten Asphalt der Straße klebten, surrten und brummten in der

Broadway-Schlucht dahin, die einander drängenden Züge der elektrischen

Cars hämmerten ihre Glockensignale; irgendwo, ganz fern, gellte eine

schrille Glocke: ein Feuerlöschzug, der durch die Straßen fegte. Es

war ein Summen wie von riesigen Glocken in der Luft, untermischt mit

fernen Schreien, als würden irgendwo in der Ferne Haufen von Menschen

abgeschlachtet.

Ringsum standen und funkelten Lichter in der tiefblauen, heißen

Nacht, von denen man auf den ersten Blick nicht sagen konnte, ob

sie dem Himmel oder der Erde angehörten. Vom Dachgarten aus sah man

einen Abschnitt der zwanzig Kilometer langen Broadway-Schlucht, die

ganz New York in zwei Teile spaltet: einen weißglühenden, klaffenden

Schmelzofen, in dem farbige Feuer schwangen und auf dessen Boden

mikroskopische Aschenteilchen entlang trieben: Menschen. Eine

Seitenstraße in nächster Nähe blendete wie ein Strom flüssigen Bleis.

Aus ferner gelegenen Querstraßen dampften lichte Silbernebel. Einzelne

Wolkenkratzer erhoben sich gespenstisch weiß im Lichtscheine eines

Platzes. Wiederum aber standen Gruppen von eng aneinander gedrängten

Turmhäusern dunkel, schweigsam, wie riesige Grabsteine, die über die

eingesunkenen verschwindenden Zwerghütten von zwölf und fünfzehn

Etagen emporragten. In der Ferne am Himmel ein Dutzend Stockwerke

mattblinkender Fensterscheiben, ohne daß das geringste von einem Haus

zu sehen gewesen wäre. Da und dort vierzigstöckige Türme, auf denen

matte Feuer lohten: die Dachgärten von Regis, Metropolitain, Waldorf

Astoria, Republic. Rings am Horizont glommen schwüle Feuersbrünste:

Hoboken, Jersey City, Brooklyn, Ost-New York. In der Spalte zwischen

zwei dunklen Wolkenkratzern zuckte jede Minute ein doppelter

Lichtstrahl auf, wie elektrische Funkennähte, die zwischen den Mauern

übersprangen: die Hochbahn der sechsten Avenue.

Rings um das Hotel flimmerte das Feuerwerk der Nacht. Unaufhörlich

schossen Lichtfontänen und farbige Strahlengarben aus den Straßen

empor zum Himmel. Ein Blitz zerriß ein Turmhaus von unten bis oben und

setzte einen riesigen Schuh in Brand. Ein Haus ging in Flammen auf

und in den Flammen erschien ein roter Stier: Bull Durham Rauchtabak.

Raketen jagten zur Höhe, explodierten und bildeten beschwörende Worte.

Eine violette Sonne kreiste wie irrsinnig hoch oben in der Luft und

spie Feuer über Manhattan, die bleichen Lichtkegel von Scheinwerfern

tasteten nach dem Horizont und beleuchteten kalkweiße Häuserwüsten.

Hoch oben am Himmel über dem blitzenden New York aber standen blaß,

unscheinbar, elend, geschlagen, die Sterne und der Mond.

Von der Battery herauf kam ein Reklameluftschiff mit weichem Surren der

Propeller und zwei großen Augen, eulenhaft. Und auf dem Bauch der Eule

erschienen abwechselnd die Worte: Gesundheit! -- Erfolg! -- Suggestion!

-- Reichtum! -- Pinestreet 14!

Drunten aber, sechsunddreißig Stockwerke tief unten, wogte ein Heer

von Hüten um den Hotelblock, Reporter, Agenten, Broker, Neugierige --

in der blendenden Lichtflut _alle ohne Schatten_ -- schwirrend vor

Spannung, die Augen auf die Lichtgirlanden des Dachgartens gerichtet.

Durch das fiebernde Stimmengewirr, das das Hotel umbrandete, drangen

deutlich die Rufe der Broadway-Ratten, der Zeitungsausrufer, herauf:

»Extra! Extra!« Die »World« hatte im letzten Moment ihren letzten

und besten Triumph ausgespielt, mit dem sie alle anderen Journale

überstach. Sie war allwissend und kannte das Projekt genau, das die

Milliarden, die da droben schwitzten, vom Stapel ließen: eine submarine

Postbeförderung! ~A. E. L. M.! America-Europe-Lightning-Mail~! Genau

wie heute die Briefe durch Luftdruck in unterirdischen Röhren von New

York nach San Franzisko gepreßt wurden, sollten sie durch gewaltige

Röhren, die wie Kabel gelegt werden würden, nach Europa geschossen

werden. Über die Bermudas und Azoren! In drei Stunden! (Man sieht, die

»World« hatte Allans Reiseroute genau feststellen lassen.)

Selbst die ruhigsten Nerven hier oben konnten sich dem Eindruck der

fiebernden Straße, des brodelnden und glitzernden New Yorks und der

Hitze nicht entziehen. Alle wurden, je länger sie warteten, mehr oder

weniger erregt und empfanden es wie eine Erlösung, als der blonde

Hobby, der sich sehr wichtig gebärdete, die Versammlung eröffnete.

Hobby schwenkte ein Telegramm und sagte, daß C. H. Lloyd bedaure,

durch sein Leiden abgehalten zu sein, die Herrschaften persönlich

zu begrüßen. Er habe ihn beauftragt, ihnen Herrn Mac Allan, den

langjährigen Mitarbeiter der Edison-Works-Limited und Erfinder des

Diamantstahls Allanit, vorzustellen.

»Hier sitzt er!« Hobby deutete auf Allan, der neben Maud in einem

Korbstuhl saß, in Hemdärmeln wie alle andern.

Herr Allan habe ihnen etwas zu sagen. Er wolle ihnen ein Projekt

vorschlagen, das, wie sie wüßten, C. H. Lloyd selbst das größte und

kühnste aller Zeiten genannt habe. Herr Allan besäße Genie genug, das

Projekt zu bewältigen, für die Ausführung aber brauche er ihr Geld. (Zu

Allan:) »~Go on, Mac~!«

Allan stand auf.

Aber Hobby machte ihm ein Zeichen, noch einen Moment zu warten, und

schloß, indem er einen Blick in das Telegramm warf: Er habe vergessen

... für den Fall, daß die Versammlung auf Mac Allans Projekt eingehe,

beteilige sich C. H. Lloyd mit fünfundzwanzig Millionen Dollar. (Zu

Allan:) »~Now, my boy!~«

Allan trat an Hobbys Stelle. Die Stille wurde schwül und drückend.

Die Straße drunten fieberte wirrer und lauter. Alle Augen richteten

sich auf ihn: das war also er, der behauptete, etwas _Ungewöhnliches_

zu sagen zu haben! (Mauds Lippen standen vor Spannung und Angst

weit offen!) Allan drückte seinem Auditorium durch nichts seine

Wertschätzung aus. Er ließ den Blick ruhig durch die Versammlung

wandern, und niemand hätte ihm die große Erregung angemerkt, von der

er im Innern geschüttelt wurde. Es war keine Kleinigkeit, diesen

Leuten den Kopf in den Rachen zu stecken, und sodann: er war alles,

nur kein Redner. Es war das erstemal, daß er vor einer größeren und

distinguierten Versammlung sprach. Aber seine Stimme klang ruhig und

klar, als er begann.

Allan sagte zunächst, daß er, nachdem C. H. Lloyd die Erwartungen so

hoch gespannt habe, befürchte, die Versammlung zu enttäuschen. Sein

Projekt verdiene kaum größer genannt zu werden als der Panamakanal oder

Sir Rodgers Palk-Street-Bridge, die Ceylon mit Vorderindien verbindet.

Es sei, recht besehen, sogar einfach.

Hierauf zog Allan ein Stück Kreide aus der weiten Hosentasche und warf

zwei Linien auf die Tafel, die hinter ihm stand. Das sei Amerika und

das sei Europa! Er verpflichte sich, im Zeitraum von fünfzehn Jahren

einen submarinen Tunnel zu bauen, der die beiden Kontinente verbinde,

und Züge in vierundzwanzig Stunden von Amerika nach Europa zu rennen!

Das sei sein Projekt.

In diesem Augenblick flammte das Licht der Photographen auf, die ihr

Schnellfeuer eröffneten, und Allan machte eine kurze Pause. Von der

Straße herauf kam wirres Geschrei: sie wußten, daß die Schlacht da

droben begonnen hatte.

Es schien zunächst, als ob Allans Projekt, das eine Epoche in

der Geschichte zweier Kontinente bedeutete und selbst für diese

vorgeschrittene Zeit nicht alltäglich war, nicht den geringsten

Eindruck auf die Zuhörerschaft gemacht habe. Manche waren sogar

enttäuscht. Es schien ihnen, als hätten sie dann und wann schon gehört

von diesem Projekt, es lag in der Luft wie viele Projekte. Und doch

hätte es niemand noch vor fünfzig -- wie sagst du? -- vor zwanzig

Jahren aussprechen können, ohne daß man darüber gelächelt hätte. Es

gab hier Leute, die, während sie die Uhr aufzogen, mehr verdienten,

als die Mehrzahl der Menschen in einem Monat, es gab hier Leute,

die keine Miene verzogen, wenn die ganze Erde morgen wie eine Bombe

explodierte, aber es gab hier keinen einzigen, der erlaubte, daß man

ihn _langweilte_. Und davor hatten sie sich alle am meisten gefürchtet,

denn, bei Gott, C. H. Lloyd konnte auch einmal versagen! Es wäre ja

möglich gewesen, daß dieser Bursche irgendeine alte Sache auskramte,

etwa, daß er die Wüste Sahara bewässern und fruchtbar machen wolle,

oder sonst etwas. Sein Projekt war wenigstens nicht langweilig. Das

war schon sehr viel. Besonders die Einsamen und Schweiger atmeten

erleichtert auf.

Allan hatte keineswegs erwartet, sein Auditorium durch sein Projekt

niederzustrecken, und war mit dem Eindruck, den seine Ankündigung

machte, vollkommen zufrieden. Mehr konnte er vorläufig nicht verlangen.

Er hätte ja seine Idee langsam abbrennen können, aber er hatte sie

absichtlich wie eine Kartätsche gegen seine Zuhörerschaft abgeschossen,

um diesen Panzer einer scheinbaren Indifferenz, die jeden Redner hätte

entmutigen können, diesen Panzer aus Phlegma, Schulung, Ermattung,

Berechnung und Abwehr auf einen Schlag zu sprengen. Er mußte diese

sieben Milliarden zwingen, ihm zuzuhören. Das war seine erste Aufgabe,

das und nichts anderes. Und es schien, als ob ihm dies gelungen sei.

Die ledernen Sessel knirschten, einige lehnten sich bequem zurecht, sie

zündeten sich eine Zigarre an. Mrs. Brown nahm den Hörapparat zu Hilfe.

Wittersteiner, von der New York-Central Bank raunte I. O. Morse, dem

Kupfermann, etwas ins Ohr.

Und Allan fuhr ermutigt und sicherer fort.

Der Tunnel sollte hundert Kilometer südlich von New York von der Küste

New Jerseys ausgehen, die Bermudas und Azoren und Nordspanien berühren

und an der biskayischen Küste Frankreichs emporsteigen. Die beiden

ozeanischen Stationen, die Bermudas und Azoren, waren vom technischen

Standpunkt aus unentbehrlich. Denn mit ihnen, zusammen mit der

amerikanischen und den zwei europäischen, waren fünf Angriffsstellen

für die Tunnelstollen gegeben. Ferner waren die ozeanischen Stationen

für die Rentabilität des Tunnels von größter Bedeutung. Die Bermudas

würden den gesamten Personenverkehr und die Post des mexikanischen

Beckens, Westindiens, Zentralamerikas und des Panamakanals aufsaugen.

Die Azoren den gesamten Verkehr Südamerikas und Afrikas an sich reißen.

Die ozeanischen Stationen würden Angelpunkte des Weltverkehrs werden

von der Bedeutung New Yorks und Londons. Es war ohne jeden Kommentar

einleuchtend, welche Rolle die amerikanische und die europäischen

Stationen in Zukunft auf dem Erdball spielen würden! Die einzelnen

Regierungen würden gezwungen sein, ihre Zustimmung zum Tunnelbau

zu erteilen, ja, er, Mac Allan, würde sie zwingen, die Papiere des

Tunnel-Syndikats an ihren Börsen zuzulassen -- wenn anders sie nicht

gesonnen waren, ihre Industrien um Tausende von Millionen zu schädigen.

»Der Tunnel der Behringstraße, der vor drei Jahren in Angriff genommen

wurde,« sagte Allan, »der Dover-Calais-Tunnel, der in diesem Jahr

seiner Vollendung entgegengeht, haben zur Genüge bewiesen, daß der Bau

submariner Tunnel der modernen Technik keine Schwierigkeiten bereitet.

Der Dover-Calais-Tunnel hat eine Länge von rund fünfzig Kilometern.

Mein Tunnel hat eine Länge von rund fünftausend Kilometern. Meine

Aufgabe besteht demnach lediglich darin, die Arbeit der Engländer und

Franzosen zu verhundertfachen, wenn ich auch keineswegs die größeren

Schwierigkeiten verkenne. Aber ich brauche es Ihnen nicht erst zu

sagen: wo der Mensch von heute eine Maschine aufstellen kann, da ist

er _zu Hause_! Finanziell hängt die Ausführung des Projektes von Ihrer

Zustimmung ab. Ihr Geld brauche ich nicht -- wie Hobby sagte -- denn

ich werde den Tunnel mit amerikanischem und europäischem Geld, mit

dem Geld der ganzen Welt bauen. Das Projekt technisch in der Zeit von

fünfzehn Jahren zu bewältigen, ist allein von meiner Erfindung bedingt,

die Sie kennen, dem Allanit, einem Hartstahl, der der Härte des

Diamanten nur um einen Grad nachsteht, die Bearbeitung des härtesten

Gesteins ermöglicht und es erlaubt, eine unbeschränkte Anzahl von

Bohrern in beliebiger Größe äußerst billig herzustellen.«

Das Auditorium folgte. Es schien zu schlafen, aber gerade das war

ein Zeichen, daß es seine Arbeit aufgenommen hatte. Die meisten

der grauen und weißen Scheitel hatten sich gesenkt, nur zwei, drei

schweißglänzende Gesichter waren nach oben zum Himmel gerichtet, wo die

Sterne wie Scherben glitzerten. Jemand drehte eine Zigarre zwischen den

gespitzten Lippen und blinzelte zu Allan empor, ein anderer nickte,

das Kinn in der Hand, nachdenklich vor sich hin. Fast aus allen Augen

war der gutmütige und kindliche Ausdruck gewichen und hatte einem

nachdenklichen, verschleierten oder gespenstisch wachen Blick Platz

gemacht. Mrs. Brown hing an Allans Lippen und ihr Mund zeigte einen

scharfen, höhnischen, fast bösartigen Ausdruck. All die Gehirne

der dreißig Sklavenhalter, in die Allan seine Ideen und Argumente

hineinhämmerte, daß sie wie Keile festsaßen, waren in Schwung gekommen.

Das Geld dachte, das Eisen, der Stahl, das Kupfer, das Holz, die Kohle.

Diese Sache Allan war nicht gewöhnlich. Sie verdiente, daß man sie

überlegte und erwog. Ein Projekt wie dieses fand man nicht täglich auf

der Straße. Und diese Sache Allan war nicht leicht! Es handelte sich

hier nicht um ein paar Millionen Bushel Weizen oder Ballen Baumwolle,

nicht um tausend King-Edward-Mines-Aktien, Australien. Es handelte

sich um weit mehr! Für die einen bedeutete die Sache Allan einen Berg

von Geld ohne besonderes Risiko für das Eisen, den Stahl, die Kohle.

Ihr Entschluß war kein Kunststück. Für die andern bedeutete sie Geld

bei großem Risiko. Aber es hieß Stellung nehmen. Stellung! Denn es

handelte sich hier um noch etwas, es handelte sich hier um Lloyd und

um keinen andern als Lloyd den Allmächtigen, der wie ein goldenes

Gespenst, schaffend und vernichtend, über den Erdball schritt! Lloyd

wußte recht wohl, was er tat, und dieser Allan wurde geschoben und

glaubte zu schieben. In den letzten Wochen waren in Wallstreet große

Transaktionen in Montanwerten und Papieren der schweren Industrie vor

sich gegangen. Nun wußten sie, daß es Lloyd war, der seine Armeen durch

Strohmänner hatte vorschieben lassen! Es lag auf der Hand, Lloyd, der

jetzt in seinem Tresor saß und seine Zigarre lutschte, hatte schon seit

Wochen losgeschlagen, und dieser Mac Allan war seine Faust! Immer war

Lloyd der erste, immer hatte er die besten Claims schon besetzt, wenn

der allgemeine Rush kam. Allein noch wäre es ja Zeit, den Vorsprung

einigermaßen einzuholen. Man brauchte nur heute abend noch seine

Depeschen über die Welt zu jagen, sofort nach dem Meeting. Morgen früh

allerdings wäre es schon viel zu spät.

Es galt Stellung zu nehmen ...

Einzelne, deren Gehirne sich heißgelaufen hatten, unternahmen den

Versuch, dem Problem dadurch beizukommen, daß sie Allans Person unter

die Lupe nahmen. Während sie genau hörten, was Allan über den Bau des

Tunnels sagte -- wie er die Stollen vortreiben, ausbauen, belüften

wolle -- studierten sie ihren Mann von den Patentlederschuhen an --

seine schneeweißen Flanellhosen, seinen Gürtel, sein Hemd, seinen

Kragen und seine Binde -- bis hinauf zu den soliden Stirnknochen, über

die sich sein glatter, kupferrot schimmernder Scheitel spannte. Das

Gesicht dieses Mannes glänzte im Schweiß wie Bronze, aber es zeigte

jetzt, nach einer Stunde, nicht die leiseste Abspannung. Im Gegenteil,

es war markanter und wacher geworden. Die Augen dieses Mannes hatten

kindlich und gutmütig ausgesehen, als er begann, nun aber, schwimmend

in Schweiß, waren sie kühn und klar, stählern und blinkend wie jenes

Allanit, das dem Diamanten nur um einen Grad an Härte nachstand. Und

es war gewiß, daß dieser Mann sich nicht oft so in die Augen blicken

ließ! Wenn dieser Mann Nüsse aß, so brauchte er auf keinen Fall

einen Nußknacker. Die Stimme dieses Mannes hämmerte und rauschte im

Brustkasten, bevor sie herauskam. Allan warf eine Skizze auf die Tafel,

und sie studierten seinen gebräunten Unterarm mit den tätowierten

gekreuzten Hämmern, es war der Arm eines trainierten Tennisspielers

und Fechters. Sie studierten Allan wie einen Boxer, auf den man setzen

will. Der Mann war gut, ohne Zweifel. Man konnte auf ihn verlieren und

brauchte sich nicht zu schämen. Es war Lloyds Blick! Sie wußten, daß

er mit zwölf Jahren Pferdejunge in einer Kohlengrube war und daß er

sich im Laufe von zwanzig Jahren aus einer Tiefe von achthundert Metern

unter der Erde bis empor auf den Roofgarden des Atlantic gearbeitet

hatte. Das war etwas. Es war auch etwas, dieses Projekt auszuarbeiten,

aber das weitaus Schwerere und Bewunderungswürdigere war, daß er es

fertiggebracht hatte, dreißig Menschen, für die ein Tag ein Kapital

bedeutet, zu einer bestimmten Stunde hierher zu beschwören und sie

zu zwingen, ihm bei einer Temperatur von neunzig Grad Fahrenheit

zuzuhören. Vor ihren Augen schien sich das seltene Schauspiel

abzuspielen: einer kam den Glasberg herauf zu ihnen, gesonnen, seinen

Platz zu beanspruchen und zu verteidigen.

Allan sagte: »Zur Verwaltung der Stollen und für den Betrieb brauche

ich eine Stromstärke, die etwa jener der gesamten Niagara-Power-Works

gleichkommt. Der Niagara ist nicht mehr zu haben, so werde ich mir

meinen eigenen Niagara bauen!«

Und sie erwachten aus ihren Gedanken und sahen Allan ins Gesicht.

Noch etwas fiel ihnen an diesem Burschen auf: er hatte während

des ganzen Vortrages weder gelächelt noch einen Scherz gemacht.

Humor schien nicht gerade seine Sache zu sein. Nur einmal hatte

die Gesellschaft Gelegenheit gehabt zu lachen. Das war, als die

Photographen ein wütendes Zwischengefecht eröffneten und Allan sie

anherrschte: »~Stop your nonsense!~«

Allan las am Schluß die Gutachten der ersten Kapazitäten der Welt,

Gutachten von Ingenieuren, Geologen, Ozeanographen, Statistikern,

Finanzgrößen aus New York, Boston, Paris, London, Berlin.

Das größte Interesse erweckte Lloyds Resümee, der die Finanzierung

und die Rentabilität des Projektes ausgearbeitet hatte. Allan las

es zuletzt, und die dreißig Gehirne arbeiteten mit ihrer größten

Geschwindigkeit und Präzision.

Die Hitze schien sich urplötzlich verdreifacht zu haben. In Schweiß

gebadet lagen sie alle in den Sesseln und das Wasser rann ihnen über

die Gesichter. Selbst die Kühlapparate, die hinter den Gebüschen und

Sträuchern aufgestellt waren und ununterbrochen kalte, ozongesättigte

Luft aushauchten, schufen keine Linderung mehr. Es war wie in den

Tropen. Chinesische Boys, in kühles, schneeweißes Linnen gekleidet,

glitten lautlos zwischen den Sesseln hindurch und reichten Limonade,

~horses-neck~, ~gin-fizz~ und Eiswasser. All das half nichts. Die Hitze

stieg in Schwaden von der Straße herauf und wälzte sich als glühender

Brodem, den man mit den Händen greifen konnte, über den Dachgarten.

New York, aus Eisenbeton und Asphalt, war wie ein vieltausendzelliger

Akkumulator, der die Glut der letzten Wochen aufgespeichert hatte und

sie jetzt ausspie. Und ununterbrochen gellte und schrie die fieberige

Broadway-Schlucht tief unten. New York, von den Menschen zwischen

3000 Meilen Ozean und 3000 Meilen Kontinent aufgetürmt, dieses

kochende, schlaflose New York selbst schien zu fordern, zu beschwören,

anzupeitschen zu immer größeren, immer unerhörteren Anstrengungen.

New York selbst, das Gehirn Amerikas, schien zu denken, einen

Riesengedanken hin und her zu wälzen, zu gebären ...

In diesem Augenblick hörte Allan auf zu sprechen. Fast mitten im Satze.

Allans Rede hatte gar keinen Schluß. Es war eine umgekehrte Rede, deren

Steigerung am Anfang lag. Der Schluß kam so unerwartet, daß alle in der

gleichen Lage sitzen blieben und ihre Ohren noch arbeiteten, als Allan

schon gegangen war, um sein Projekt der Diskussion zu überlassen.

Das Reklameluftschiff kreuzte über dem Dachgarten und trug die Worte

über Manhattan dahin: »25 Jahre Lebensverlängerung! -- Garantie! -- Dr.

Josty, Brooklyn!«

7.

Allan fuhr mit Maud bis zum zehnten Stock ab, um zu dinieren. Er war

vom Schweiß derart durchnäßt, daß er sich vollständig umkleiden mußte.

Aber selbst dann schlugen augenblicklich wieder die Schweißperlen aus

seiner Stirn. Seine Augen waren noch geweitet und blicklos von der

großen Anspannung seiner Kräfte.

Maud trocknete ihm vorsorglich die Stirn und kühlte seine Schläfen mit

einer Serviette, die sie in Eiswasser getaucht hatte.

Maud strahlte! Sie plapperte und lachte vor Erregung. Was für ein

Abend! Die Versammlung, die Lichtgirlanden, der Dachgarten, das

zauberische New York ringsum, nie würde sie diesen Anblick vergessen.

Wie sie alle im Kreise saßen! Sie, die _Namen_, die sie seit ihrer

frühesten Jugend tausendmal gehört hatte, deren bloßer Klang eine

Atmosphäre von Reichtum, Macht, Genie, Kühnheit und Skandal erzeugte.

Und sie saßen und hörten ihm zu, Mac! Maud war unendlich stolz auf Mac.

Sein Triumph begeisterte sie, sie zweifelte keinen Augenblick an seinem

Erfolg.

»Welch schreckliche Angst ich doch hatte, Mac!« sprudelte sie hervor

und umschlang seinen Nacken. »Aber du hast gesprochen! Ich traute

meinen Ohren nicht! Guter Gott, Mac!«

Allan lachte. »Ich hätte lieber zu einer Herde von Teufeln gesprochen

als zu diesen Burschen, Maud, das kannst du mir glauben!« entgegnete er.

»Wie lange wird es nun dauern, denkst du?«

»Eine Stunde, zwei Stunden. Kann sein, die ganze Nacht.«

Maud öffnete überrascht den Mund.

»Die ganze Nacht --?«

»Kann sein, Maud. Auf jeden Fall werden sie uns Zeit lassen, ruhig zu

Abend zu essen.«

Allan war nun wieder vollkommen ins Gleichgewicht gekommen. Seine Hände

zitterten nicht mehr und in seine Augen war der Blick zurückgekehrt.

Er erfüllte seine Anstandspflicht als Gatte und Gentleman und legte

Maud das schönste Stück Beef vor, so wie sie es liebte, die schönsten

Spargel und Bohnen, und machte sich hierauf selbst ruhig an die Arbeit,

während ihm der Schweiß in großen Tropfen auf der Stirn stand. Er

fand, daß er außerordentlich hungrig war. Maud dagegen plauderte so

eifrig, daß sie kaum zum Essen kam. Sie ließ die ganze Gesellschaft

der Geladenen aufmarschieren. Sie fand, daß Wittersteiner einen

wunderbaren und bedeutenden Kopf habe. Über Kilgallans jugendliches

Aussehen wunderte sie sich, und John Andrus, den Minenkönig, verglich

sie mit einem Nilpferd; C. B. Smith, der Bankier, dagegen kam ihr wie

ein kleiner, grauer, schlauer Fuchs vor. Und diese alte Hexe Mrs. Brown

habe sie in der Tat gemustert, als sei sie ein Schulmädchen! Ob es wahr

sei, daß diese Mrs. Brown aus purem Geiz nie Licht zu Hause brenne ...?

Mitten in der Mahlzeit kam Hobby ins Zimmer. Hobby, der es gewagt

hatte (und es sich leisten konnte), in Hemdärmeln im Lift des Atlantic

herunterzufahren.

Maud sprang sofort erregt auf. »Wie steht es, Hobby?« schrie sie.

Hobby lachte und warf sich in einen Sessel.

»So etwas habe ich noch nicht erlebt!« rief er aus. »Sie liegen sich

in den Haaren! Es ist wie in Wallstreet nach den Wahlen! C. B. Smith

wollte gehen -- nein, das müßt ihr hören! Er will gehen, sagt, die

Sache sei ihm zu gewagt und steigt in den Lift. Aber sie sind hinter

ihm her und ziehen ihn mit aller Gewalt an den Rockschößen wieder aus

dem Lift heraus! Keine Lüge! ~Ye gods and little fishes!~ Kilgallan

steht in der Mitte und schwingt die Gutachten, Mac, und schreit wie ein

Ausrufer: Dagegen können Sie nicht ankommen, dagegen können Sie nichts

sagen!«

»Natürlich Kilgallan!« warf Allan ein. »Er hätte nichts dagegen!«

(Kilgallan war das Haupt des Stahltrusts.)

»Und Mrs. Brown! Es ist nur gut, daß Photographen da sind! Sie sieht

aus wie eine Vogelscheuche in Ekstase! Sie ist verrückt geworden, Mac.

Sie hat Andrus fast die Augen ausgekratzt. Sie ist außer sich und

schreit fortwährend: Allan ist der größte Mann aller Zeiten! Es wäre

eine Schande für Amerika, wenn sein Projekt nicht ausgeführt würde!«

»Mrs. Brown?« Maud war starr vor Erstaunen. »Aber sie brennt ja nicht

einmal Licht vor lauter Geiz!«

»Trotzdem, Maud!« Hobby brach von neuem in helles Gelächter aus. »Der

Teufel kennt die Menschen, ~girl~! Sie und Kilgallan, die zwei werden

dich durchsetzen, Mac!«

»Willst du nicht mit uns essen, Hobby?« fragte Allan, der einen

Hühnerschenkel zwischen den Zähnen bearbeitete und Hobby aufmerksam

zuhörte.

»Ja, komm doch her, Hobby!« rief Maud und stellte Teller zurecht.

Aber Hobby hatte keine Zeit. Er war weitaus erregter als Allan, obwohl

ihn die ganze Sache wenig anging. Er stürzte wieder hinaus.

Von Viertelstunde zu Viertelstunde kam er wieder, um über den Stand von

Allans Sache zu berichten.

»Mrs. Brown hat zehn Millionen Dollar gezeichnet, Mac! Es beginnt!«

»Mein Gott!« schrie Maud mit schriller Stimme und schlug vor

Überraschung die Hände zusammen.

Der Tunnel: Roman · 第 6 / 42 题