1.
Das Einweihungskonzert des neuerbauten Madison-Square-Palastes bildete
den Höhepunkt der Saison. Es war eines der außerordentlichsten Konzerte
aller Zeiten. Das Orchester umfaßte zweihundertundzwanzig Musiker, und
jedes einzelne Instrument war mit einem Künstler von Weltruf besetzt.
Als Dirigent war der gefeiertste lebende Komponist, ein Deutscher,
gewonnen worden, der für den einen Abend das unerhörte Honorar von
sechstausend Dollar erhielt.
Die Eintrittspreise verblüfften selbst New York. Unter dreißig Dollar
war kein Platz zu haben, und die Billettspekulanten hatten die Preise
für eine Loge bis auf zweihundert Dollar und höher getrieben. Wer
irgendwie etwas sein wollte, durfte nicht fehlen.
Um acht Uhr abends waren 26., 27. und 28. Straße und Madison Avenue
von knatternden, ungeduldig bebenden Automobilen blockiert. Die
Billetthändler, die ihr Leben zwischen den Pneumatiken von sausenden
Automobilen verbringen, stürzten sich, schweißtriefend trotz einer
Temperatur von zwölf Grad Kälte, Bündel von Dollarscheinen in den
Händen, tollkühn mitten in den endlos heranrollenden Strom wütend
donnernder Wagen. Sie schwangen sich auf die Trittbretter, Führersitze
und selbst Dächer der Cars und versuchten das Schnellfeuer der Motoren
mit ihren heiser heulenden Stimmen zu überbrüllen. »~Here you are!
Here you are!~ Zwei Parkettsitze, zehnte Reihe! Ein Logenplatz! Zwei
Parkettsitze ...!!« Ein schräger Hagel von Eiskörnern fegte wie
Maschinengewehrfeuer auf die Straße nieder.
Sobald ein Wagenfenster klappte -- »Hierher!« -- warfen sie sich
blitzschnell wie Taucher wieder zwischen die Wagen. Während sie aber
ihr Geschäft abschlossen, Geld in die Taschen stopften, gefroren ihnen
die Schweißtropfen auf der Stirn.
Das Konzert sollte um acht Uhr beginnen, aber noch ein Viertel nach
acht warteten unabsehbare Reihen von Wagen darauf, bei dem in Nässe
und Licht schreiend rot leuchtenden Baldachin vorzufahren, der in das
blitzende Foyer des Konzertpalastes hineinführte. Unter dem Lärm der
Billetthändler, dem Knattern der Motoren und Trommeln der Eiskörner
auf dem Baldachin quollen aus den einander blitzschnell ablösenden
Cars immer neue Menschenbündel hervor, von den dunkeln Mauern der
Neugierigen mit stets neuer Spannung erwartet: kostbare Pelze, ein
funkelndes Haargebäude, aufsprühende Steine, ein seideglänzender
Schenkel, ein entzückender weißbeschuhter Fuß, Lachen, kleine
Schreie ...
Der Reichtum der fünften Avenue, Bostons, Philadelphias, Buffalos,
Chikagos füllte den pompösen, in Lachsrot und Gold gehaltenen
überhitzten Riesensaal, der während des ganzen Konzerts von Tausenden
von hastig bewegten Fächern vibrierte. Aus all den weißen Schultern
und Büsten der Frauen stieg eine Wolke betäubender Parfüme empor,
zuweilen ganz unvermittelt von dem nüchternen und trivialen Geruch
von Lack, Gips und Ölfarbe durchsetzt, der dem neuen Raum anhaftete.
Scharen und Aberscharen von Glühlampen blendeten aus den Kassetten
der Decke und Emporen über den Raum, so gleißend und grell, daß
nur starke und gesunde Menschen die Lichtflut ertragen konnten. Die
Pariser Modekünstler hatten für diesen Winter kleine venezianische
Häubchen lanciert, die die Damen auf den Frisuren, etwas nach hinten
gerückt, trugen. Gespinste, Spinngewebe aus Spitzen, Silber, Gold, mit
Borden, Quasten, Gehängsel aus den kostbarsten Materialien, Perlen und
Diamanten. Da aber die Fächer unausgesetzt vibrierten und die Köpfe
stets in leichter Bewegung waren, so glitt fortwährend ein Glitzern
und Flimmern über das dichtgedrängte Parkett, und hundertfach sprühten
gleichzeitig an verschiedenen Stellen die Feuer der Brillanten auf.
Über diese Gesellschaft, ebenso neu und prunkvoll wie der Konzertsaal,
fegte die Musik der alten, längst vermoderten Meister dahin ...
Der Ingenieur Mac Allan hatte mit seiner jungen Frau, Maud, eine kleine
Loge dicht über dem Orchester inne. Hobby, sein Freund, der Erbauer des
neuen Madison-Square-Palastes, hatte sie ihm zur Verfügung gestellt und
Allan kostete diese Loge keinen Cent. Er war zudem nicht aus Buffalo,
wo er eine Fabrik für Werkzeugstahl besaß, hierhergekommen, um Musik
zu hören, für die er gar kein Verständnis hatte, sondern um eine zehn
Minuten lange Unterredung mit dem Eisenbahnmagnaten und Bankier Lloyd,
dem mächtigsten Mann der Vereinigten Staaten und einem der reichsten
Männer der Welt, zu führen. Eine Unterredung, die für ihn von der
allergrößten Bedeutung war.
Am Nachmittag, im Zuge, hatte Allan vergebens gegen eine leichte
Erregung gekämpft, und noch vor wenigen Minuten, als er sich durch
einen Blick überzeugte, daß die Loge gegenüber, Lloyds Loge, noch leer
war, hatte ihn die gleiche sonderbare Unruhe angefallen. Nun aber sah
er den Dingen wieder mit vollkommener Ruhe entgegen.
Lloyd war nicht da. Lloyd kam vielleicht überhaupt nicht. Und selbst
wenn er kam, so war damit noch nichts entschieden -- trotz Hobbys
triumphierender Depesche!
Allan saß da, wie ein Mann, der wartet und die nötige Geduld dazu
hat. Er lag in seinem Sessel, die breiten Schultern gegen die Lehne
gedrückt, die Füße ausgestreckt, so gut es in der Loge ging, und sah
mit ruhigen Augen umher. Allan war nicht gerade groß, aber breit
und stark gebaut wie ein Boxer. Sein Schädel war mächtig, mehr
viereckig als lang, und die Farbe seines etwas derben bartlosen
Gesichts ungewöhnlich dunkel. Selbst jetzt im Winter zeigten seine
Backen Spuren von Sommersprossen. Wie alle Welt trug er das Haar
sorgfältig gescheitelt; es war braun, weich und schimmerte an den
Reflexen kupferfarben. Allans Augen lagen verschanzt hinter starken
Stirnknochen; sie waren licht, blaugrau und von gutmütig kindlichem
Ausdruck. Im ganzen sah Allan aus wie ein Schiffsoffizier, der gerade
von der Fahrt kam, vollgepumpt mit frischer Luft, und heute zufällig
einen Frack trug, der nicht recht zu ihm paßte. Wie ein gesunder,
etwas brutaler und doch gutmütiger Mensch, nicht unintelligent, aber
keineswegs bedeutend.
Allan vertrieb sich die Zeit, so gut er konnte. Die Musik hatte
keine Macht über ihn und anstatt seine Gedanken zu konzentrieren und
zu vertiefen, zerstreute und verflüchtigte sie sie. Er maß mit den
Blicken die Dimensionen des ungeheuren Saales aus, dessen Decken-
und Logenringkonstruktion er bewunderte. Er überflog das flimmernde,
vibrierende Fächermeer im Parkett und dachte, daß »viel Geld in den
Staaten sei und man hier so etwas unternehmen könne, wie er es im
Kopf hatte«. Als praktisch veranlagter Mensch unternahm er es, die
stündlichen Beleuchtungskosten des Konzertpalastes abzuschätzen. Er
einigte sich auf rund tausend Dollar und verlegte sich hierauf auf das
Studium einzelner Männerköpfe. Frauen interessierten ihn gar nicht.
Dann streifte sein Blick wiederum die leere Loge Lloyds und tauchte
in das Orchester hinab, dessen rechten Flügel er übersehen konnte.
Wie alle Menschen, die nichts von Musik verstehen, verblüffte ihn die
maschinelle Exaktheit, mit der das Orchester arbeitete. Er rückte ein
wenig vor, um den Dirigenten zu sehen, dessen stabführende Hand und
dessen Arm nur zuweilen über der Brüstung erschienen. Dieser hagere,
schmalschulterige, distinguierte Gentleman, dem sie für diesen Abend
sechstausend Dollar bezahlten, war Allan vollends ein Rätsel. Er
beobachtete ihn lange und aufmerksam. Schon das Äußere dieses Mannes
war ungewöhnlich. Sein Kopf, mit der Hakennase, den kleinen, lebendigen
Augen, dem zusammengekniffenen Mund und den dünnen, nach rückwärts
stehenden Haaren erinnerte an den eines Geiers. Er schien nur Haut und
Knochen zu sein und nichts als Nerven. Aber er stand ruhig inmitten
des Chaos von Stimmen und Lärm und ordnete es nach Belieben mit einem
Wink seiner weißen, anscheinend kraftlosen Hände. Allan bewunderte ihn,
etwa wie einen Zauberer, in dessen Macht und Geheimnisse einzudringen
er nicht einmal den Versuch machte. Dieser Mann schien ihm einer
fernen Zeit und einer sonderbaren, unverständlichen, fremden Rasse
anzugehören, die dem Aussterben nahe war.
Gerade in diesem Augenblick aber streckte der hagere Dirigent die Hände
in die Höhe, schüttelte sie wie in Raserei, und in den Händen schien
plötzlich eine übermenschliche Kraft zu wohnen: das Orchester brandete
auf und verstummte mit einem Schlag.
Eine Lawine von Beifall rollte durch den Saal, hohl tobend in der
ungeheuren Ausdehnung des Raumes. Allan rückte aufatmend zurecht, um
aufzustehen. Aber er hatte sich getäuscht, denn drunten leiteten die
Holzbläser schon das Adagio ein. Aus der Nebenloge drang noch das Ende
eines Gesprächs herüber.... »... zwanzig Prozent Dividende, Mann! Es
ist ein Geschäft, wie es glänzender ...«
Und Allan war gezwungen, wieder ruhig zu sitzen. Er begann abermals
die Konstruktion der Logenringe zu studieren, die ihm nicht ganz
verständlich war. Allans Frau dagegen, selbst angehende Pianistin,
ergab sich mit ihrem ganzen Wesen der Musik. An der Seite ihres
Gatten erschien Maud zart und klein. Sie hatte den feinen braunen
Madonnenkopf in den weißen Handschuh gestützt, und ihr transparent
leuchtendes Ohr _trank_ die Tonwellen, die von unten herauf, von oben
herab, von irgendwoher kamen. Die ungeheure Vibration, mit der die
zweihundert Instrumente die Luft erfüllten, erschütterte jeden Nerv an
ihrem Körper. Ihre Augen waren geweitet und ohne Blick in die Ferne
gerichtet. So stark war ihre Erregung, daß auf ihren zarten, glatten
Wangen kreisrunde rote Flecke erschienen.
Nie, so schien es ihr, hatte sie Musik tiefer empfunden, nie hatte
sie überhaupt je solche Musik gehört. Eine kleine Melodie, ein
unscheinbares Nebenmotiv konnte eine niegekannte Helligkeit in ihrer
Seele wecken. Ein einzelner Klang konnte eine unbekannte, verborgene
Ader von Glück in ihr anschlagen, daß es hell daraus strömte und sie
im Innern blendete. Und alles Gefühl, das diese Musik in ihr auslöste,
war reinste Freude und Schönheit! All die Gesichte, die ihr die Musik
entgegentrug, waren in Helligkeit und Verklärung getaucht und schöner
als jede Wirklichkeit.
Mauds Leben war eben so schlicht und einfach wie ihre Erscheinung.
Es gab weder große Ereignisse noch besondere Merkwürdigkeiten darin
und glich dem von Tausenden von jungen Mädchen und Frauen. Sie war
in Brooklyn, wo ihr Vater eine Druckerei besaß, geboren und auf
einem Landgut in den Berkshire-Hills von ihrer sie verzärtelnden
Mutter, einer gebornen Deutschen, erzogen worden. Sie hatte eine
gute Schulbildung genossen, zwei Sommer lang Vorlesungen an der
~summerschool~ von Chautauqua gehört, sie hatte eine Menge von Weisheit
und Wissen in ihren kleinen Kopf hineingestopft, um es wieder zu
vergessen. Obwohl nicht übermäßig musikalisch begabt, hatte sie sich
auf dem Klavier ausgebildet und ihr Studium in München und Paris bei
ersten Lehrern abgeschlossen. Sie war mit ihrer Mutter auf Reisen
gewesen (der Vater war lange tot), sie hatte Sport getrieben und mit
jungen Männern geflirtet wie alle jungen Mädchen. Sie hatte eine
Jugendschwärmerei gehabt, an die sie heute nicht mehr dachte, sie hatte
Hobby, dem Architekten, der sich um sie bewarb, einen Korb gegeben,
weil sie ihn nur wie einen Kameraden lieben konnte, und sie hatte den
Ingenieur Mac Allan geheiratet, weil er ihr gefiel. Noch vor ihrer
Verheiratung war ihre kleine, angebetete Mutter gestorben, und Maud
hatte bittere Tränen vergossen. Im zweiten Jahr ihrer Ehe hatte sie ein
Kind geboren, ein Mädchen, das sie abgöttisch liebte. Das war alles.
Sie war dreiundzwanzig Jahre alt und glücklich.
Während sie in einer Art von herrlicher Betäubung die Musik genoß,
erblühte wie durch einen Zauber ein Reichtum von Erinnerungen in
ihr, einander scheinbar willkürlich ablösend, alle sonderbar klar,
alle merkwürdig bedeutungsvoll. Und ihr Leben erschien ihr plötzlich
geheimnisvoll, tief und reich. Sie sah die Züge ihrer kleinen Mutter
in unendlicher Vergeistigung und Güte vor sich, aber sie empfand
keine Trauer dabei, nur Freude und unaussprechliche Liebe. Als weile
die Mutter noch unter den Lebenden. Gleichzeitig erschien ihr eine
Landschaft in den Berkshire-Hills, die sie als Mädchen häufig auf dem
Rade durchquert hatte. Aber die Landschaft war voll geheimnisvoller
Schönheit und von einem merkwürdigen Glänzen erfüllt. Sie dachte an
Hobby, und im gleichen Augenblick sah sie ihr Mädchenzimmer, das
vollgestopft mit Büchern war, vor sich. Sie sah sich selbst, wie sie
am Klavier saß und übte. Aber unmittelbar darauf tauchte Hobby wieder
auf. Er saß neben ihr auf einer Bank am Rande eines Tennisplatzes, der
schon so dämmerig war, daß man nur die weißen Streifen der Courts noch
unterscheiden konnte. Hobby hatte ein Bein übergeschlagen und klopfte
mit dem Rakett auf die Spitze seines weißen Schuhs und plauderte. Sie
sah sich selbst, und sie sah, daß sie lächelte, denn Hobby sprach
nichts als verliebten Unsinn. Aber eine heitere, übermütige, ein wenig
spöttische Passage wehte Hobby hinweg und rief ihr jenes fröhliche
Picknick ins Gedächtnis zurück, bei dem sie Mac zum erstenmal gesehen
hatte. Sie war zu Besuch bei Lindleys in Buffalo, und es war im Sommer.
Im Wald standen zwei Autos, und sie waren im ganzen wohl ein Dutzend,
Damen und Herren. Jedes einzelne Gesicht erkannte sie deutlich wieder.
Es war heiß, die Herren waren in Hemdärmeln, und der Boden brannte.
Nun aber sollte Tee gekocht werden und Lindley rief: »Allan, wollen
Sie das Feuer anmachen?« Und Allan antwortete: »~All right!~« Und
Maud schien es jetzt, als habe sie schon damals seine Stimme geliebt,
seine tiefe, warme Stimme, die im Brustkorb resonierte. Da sah sie
nun, wie Allan das Feuer zurechtmachte. Wie er still, unbeachtet von
allen, Äste zerbrach, zerknackte, wie er _arbeitete_! Sie sah, wie er
mit aufgestülpten Hemdärmeln vor dem Feuer kauerte und es behutsam
anblies, und plötzlich entdeckte sie, daß er auf dem rechten Unterarm
eine blaßblaue Tätowierung trug: gekreuzte Hämmer. Sie machte Grace
Gordon darauf aufmerksam. Und Grace Gordon (dieselbe, die neulich
den Eheskandal gehabt hat) sah sie erstaunt an und sagte: »~Don't
you know, my dear?~« Und sie berichtete ihr, daß dieser Mac Allan
der »Pferdejunge von Uncle Tom« war und erzählte das romantische
Jugenderlebnis dieses braunen, sommersprossigen Burschen. Da kauerte
er, ohne sich um all die schwätzenden, fröhlichen Menschen zu kümmern,
und blies das Feuer an, und sie liebte ihn in diesem Augenblick. Gewiß
tat sie es, sie wußte es nur nicht, bis heute. Und Maud überließ sich
nun ganz ihrem Gefühl für Mac. Sie erinnerte sich an seine merkwürdige
Werbung, an ihre Trauung, die ersten Monate ihrer Ehe. Dann aber kam
die Zeit, da ihr Mädchen, die kleine Edith, zur Welt kommen sollte und
zur Welt kam. Nie würde sie Macs Fürsorge vergessen, jene Zärtlichkeit
und Ergebenheit in dieser Zeit, die für jede Frau ein Maßstab der Liebe
des Mannes ist. Es zeigte sich plötzlich, daß Mac ein fürsorgliches,
ängstliches Kind war. Nie würde sie diese Zeit vergessen, in der sie
sah, wie wahrhaft gut Mac war! Eine Welle von Liebe strömte durch Mauds
Herz und sie schloß die Augen. Die Gesichte, die Erinnerungen versanken
und die Musik trug sie fort. Sie dachte nichts mehr, sie war ganz
Empfindung ...
Ein Getöse, wie von einer einstürzenden Mauer, brach plötzlich an Mauds
Ohr und sie erwachte und holte tief Atem. Die Symphonie war zu Ende.
Mac war schon aufgestanden und reckte sich, die Hände auf der Brüstung.
Das Parkett brandete und toste.
Und Maud stand auf, ein wenig schwindlig und benommen, und begann ganz
plötzlich wild zu applaudieren.
»So klatsche doch, Mac!« jubelte sie außer sich, das Gesicht glühendrot
vor Erregung.
Allan lachte über Mauds ungewöhnliche Aufregung und klatschte einigemal
laut in die Hände, um ihr eine Freude zu machen.
»Bravo! Bravo!« rief Maud mit ihrer hellen, hohen Stimme und beugte
sich mit vor Erregung feuchten Augen weit über die Logenbrüstung.
Der Dirigent trocknete sich das magere, vor Erschöpfung bleiche Gesicht
ab und verbeugte sich wieder und wieder. Als aber der Beifall nicht
enden wollte, deutete er mit ausgebreiteten Händen auf das Orchester.
Diese Bescheidenheit war offenbar geheuchelt und erweckte Allans
unausrottbaren Argwohn gegen Künstler, die er nie für volle Menschen
nehmen konnte und, offen herausgesagt, für unnötig hielt. Maud aber
schloß sich dem neuen Beifallssturm hingerissen an.
»Meine Handschuhe sind geplatzt, sieh, Mac! Was für ein Künstler! War
es nicht wunderbar?« Ihre Lippen waren verzückt, ihre Augen leuchteten
hell wie Bernstein, und Mac fand sie ungewöhnlich schön in ihrer
Ekstase. Er lächelte und erwiderte, ein wenig gleichgültiger als er
wollte: »Ja, das ist ein großartiger Bursche!«
»Ein Genie ist er!« rief Maud und klatschte begeistert. »In Paris,
Berlin, London habe ich nie so etwas gehört --« Sie brach ab und wandte
das Gesicht der Türe zu, denn Hobby, der Architekt, trat in ihre Loge.
»Hobby!« schrie Maud, immer noch klatschend, denn sie wollte, wie
tausend andere, den Dirigenten nochmals herausrufen. »Klatsche, Hobby,
er muß nochmals heraus! Hip! Hip! Bravo!«
Hobby hielt sich die Ohren zu und ließ einen ungezogenen
Gassenbubenpfiff hören.
»Hobby!« schrie Maud. »Wie kannst du dich unterstehen!« Und sie
stampfte empört mit dem Fuß auf. In diesem Moment ließ sich der
Dirigent, schweißtriefend, das Taschentuch im Nacken, nochmals sehen,
und sie klatschte von neuem rasend.
Hobby wartete, bis der Lärm nachließ.
»Die Leute sind vollständig verrückt!« sagte er dann mit einem hellen
Lachen. »So etwas! Ich habe ja nur gepfiffen, um Lärm zu machen, Maud.
Wie geht es dir, ~girl~? ~And how are you, old chap?~«
Erst jetzt hatten sie Muße, sich richtig zu begrüßen.
Die drei verband in der Tat eine aufrichtige und selten innige
Freundschaft. Allan kannte recht wohl die früheren Beziehungen Hobbys
zu Maud, und obwohl nie ein Wort darüber gesprochen wurde, verlieh
dieser Umstand dem Verhältnis zwischen den beiden Männern besondere
Wärme und einen eigenen Reiz. Hobby war noch immer ein wenig in Maud
verliebt, war aber taktvoll und klug genug, es sich nie merken zu
lassen. Allein Mauds sicherer weiblicher Instinkt ließ sich nicht
täuschen. Sie genoß Hobbys Liebe mit leisem Triumph, der zuweilen
in ihren warmen braunen Augen zu lesen war, und entschädigte ihn
mit einer aufrichtigen schwesterlichen Zuneigung. Sie hatten sich
alle drei in verschiedenen Lebenslagen, voller Freude, sich nützlich
sein zu können, Dienste erwiesen, und besonders Allan fühlte sich
Hobby gegenüber zu großem Danke verpflichtet: hatte doch Hobby ihm
vor Jahren zu technischen Versuchen und zur Errichtung seiner Fabrik
fünfzigtausend Dollar verschafft und für diese Summe persönliche
Bürgschaft geleistet. Hobby hatte ferner in den letzten Wochen Allans
Interessen vor dem Eisenbahnkönig Lloyd vertreten und das bevorstehende
Rendezvous vermittelt. Hobby hätte alles für Allan getan, was überhaupt
möglich war, denn er bewunderte ihn. Schon in der Zeit, da Allan nichts
geschaffen hatte als seinen Diamantstahl Allanit, pflegte Hobby zu
all seinen Bekannten zu sagen: »Kennen Sie übrigens Allan? Der das
Allanit erfand? Nun, Sie werden noch hören von ihm!« Die Freunde sahen
einander jährlich einigemal. Die Allans kamen nach New York oder Hobby
besuchte sie in Buffalo. Im Sommer verlebten sie regelmäßig drei Wochen
zusammen auf Mauds bescheidenem Landgut Berkshirebrookfarm in den
Berkshire-Hills. Ein jedes Wiedersehen war für sie ein großes Ereignis.
Sie fühlten sich um drei, vier Jahre zurückversetzt, und alle jene
fröhlichen und vertrauten Stunden, die sie zusammen verbracht hatten,
wurden irgendwie lebendig in ihnen.
Diesen ganzen Winter hindurch hatten sie sich nicht gesehen, und
ihre Freude war um so lebhafter. Sie musterten einander von oben bis
unten wie große Kinder, und beglückwünschten sich in heiterem Ton zu
ihrem Aussehen. Maud lachte über Hobbys dandyhafte Lackschuhe, die
auf den Kappen wahre Rhinozeroshörner aus glänzendem Leder trugen,
und Hobby begutachtete wie ein Modekünstler Mauds Kostüm und Allans
neuen Frack. Wie bei jedem Wiedersehen nach längerer Zeit mischten
sie hundert rasche Fragen und rasche Antworten durcheinander, ohne
über irgend etwas eingehender zu plaudern. Hobby hatte, wie immer, die
sonderbarsten und unglaublichsten Abenteuer erlebt und deutete das eine
und das andere an. Dann kamen sie auf das Konzert, Tagesereignisse und
Bekannte zu sprechen.
»Wie gefällt euch übrigens der Konzertpalast?« fragte Hobby mit einem
triumphierenden Lächeln, denn er wußte schon, was die Freunde antworten
würden. Allan und Maud hielten mit ihrem Lob nicht zurück. Sie
bewunderten _alles_.
»Und das Foyer?«
»~Grand~, Hobby!«
»Nur der Saal ist mir ein wenig zu prunkvoll,« warf Maud ein. »Ich
hätte ihn gern intimer gehabt.«
Der Architekt lächelte gutmütig. »Natürlich, Maud! Das wäre richtig,
wenn die Leute hierher kämen, um Musik zu hören. Fällt ihnen gar nicht
ein. Die Leute kommen hierher, um etwas zu bewundern und sich bewundern
zu lassen. >Schaffen Sie uns eine Feerie, Hobby,< sagte das Konsortium,
>der Saal muß alles bisher Dagewesene totschlagen!<«
Allan stimmte Hobby bei. Was er aber in erster Linie an Hobbys Saal
bewunderte, war nicht die dekorative Pracht, sondern die kühne
Konstruktion des freischwebenden Logenringes.
Hobby blinzelte geschmeichelt. »Das war keineswegs einfach,« sagte er.
»Es machte mir viel Kopfzerbrechen. Während der Ring genietet wurde,
schwankte die ganze Geschichte bei jedem Schritt. So ...« Hobby wippte
sich auf den Fußspitzen. »Die Arbeiter bekamen es mit der Angst --«
»Hobby!« rief Maud übertrieben ängstlich aus und trat von der Brüstung
zurück. »Du erschreckst mich.«
Hobby berührte lächelnd ihre Hand: »Keine Angst, Maud. Ich sagte den
Burschen: wartet nur, bis der Ring ganz geschlossen ist -- keine
Macht der Welt, höchstens Dynamit ist noch imstande ... hallo!« rief
er plötzlich ins Parkett hinab. Ein Bekannter hatte ihn durch das
zusammengerollte Programm wie durch ein Sprachrohr angerufen. Und Hobby
führte eine Unterhaltung, die man durch den ganzen Saal hätte verstehen
müssen, wenn nicht gleichzeitig überall Gespräche in dem gleichen
ungeniert lauten Ton geführt worden wären.
Allenthalben hatte man Hobbys auffallenden Kopf erkannt. Hobby
hatte die hellsten Haare im ganzen Saal, silberblonde, glänzende
Haare, die peinlich gescheitelt und glattgestrichen waren, und ein
leichtsinniges schmales Spitzbubengesicht von ausgesprochen englischem
Typus, mit einer etwas aufwärts gebogenen Nase und nahezu weißen
Wimpern. Im Gegensatz zu Allan war er schmal und zart, mädchenhaft
gebaut. Augenblicklich richteten sich von allen Seiten die Gläser auf
ihn, und aus allen Richtungen klang sein Name. Hobby gehörte zu den
populärsten Erscheinungen New Yorks und zu den beliebtesten Männern
der Gesellschaft. Seine Extravaganzen und sein Talent hatten ihn rasch
berühmt gemacht. Es verging kaum eine Woche, ohne daß die Zeitungen
eine Anekdote über ihn brachten.
Hobby war mit vier Jahren ein Genie in Blumen, mit sechs ein Genie in
Pferden (er konnte in fünf Minuten ganze Heere rasender Pferde aufs
Papier werfen) und nun war er ein Genie in Eisen und Beton und baute
Wolkenkratzer. Hobby hatte seine Affären mit Frauen gehabt und mit
zweiundzwanzig Jahren ein Vermögen von hundertundzwanzigtausend Dollar
in Monte Carlo verspielt. Jahraus, jahrein stak er bis über seinen
weißblonden Scheitel in Schulden -- trotz seinem enormen Einkommen --
ohne sich eine Sekunde darüber zu bekümmern.
Hobby war am hellichten Tag auf einem Elefanten durch den Broadway
geritten. Hobby war jener Mann, der vor einem Jahre »vier Tage
Millionär spielte«, in einem Luxuszug nach dem Yellowstonepark fuhr,
um als Viehtreiber heimzufahren. Er hielt den Rekord im Dauer-Bridge,
achtundvierzig Stunden. Jeder Trambahnführer kannte Hobby und stand mit
ihm nahezu auf Du und Du. Unzählige Witze Hobbys wurden kolportiert,
denn Hobby war Spaßvogel und Exzentrik von Natur. Ganz Amerika hatte
über einen Scherz gelacht, den er anläßlich der Flugkonkurrenz New York
-- San Franzisko in Szene setzte. Hobby hatte den Flug als Passagier
des bekannten Millionärs und Sportmanns Vanderstyfft mitgemacht und
über alle Menschenansammlungen, die sie in einer Höhe von achthundert
oder tausend Meter passierten, Zettel ausgestreut, auf denen stand:
»Komm herauf, wir haben dir was zu sagen!« Dieser Scherz hatte Hobby
selbst derart entzückt, daß er ihn während der ganzen Reise, zwei Tage
lang, unermüdlich wiederholte. Vor wenigen Tagen erst hatte er New
York wiederum durch ein ungeheures, ebenso geniales wie naheliegendes
Projekt verblüfft: New York -- das Venedig Amerikas! Er, Hobby, schlug
nämlich vor (da der Boden im Geschäftsviertel einfach nicht mehr zu
bezahlen war), in den Hudson, East River und die New York-Bai riesige
Wolkenkratzer, ganze Straßen auf Betonquader zu stellen, die mit
Klappbrücken verbunden waren, so daß die großen Ozeanfahrer bequem
passieren konnten. Der »Herald« hatte Hobbys faszinierende Zeichnungen
veröffentlicht und New York war von dem Projekt berauscht.
Hobby ernährte allein ein Schock Journalisten. Er war Tag und Nacht bei
der Arbeit, für sich zu »tuten«; er konnte nicht existieren ohne die
ununterbrochene Bestätigung seines Daseins in der Öffentlichkeit.
So war Hobby. Und nebenbei war er der begabteste und gesuchteste
Architekt New Yorks.
Hobby brach sein Gespräch mit dem Parkett ab und wandte sich wieder den
Freunden zu.
»So erzähle doch, was die kleine Edith treibt, Maud?« fragte er,
obschon er sich schon vorher nach dem Kinde, dessen Pate er war,
erkundigt hatte.
Mit keiner Frage konnte man Mauds Herz mehr berühren. In diesem
Augenblick war sie von Hobby »ganz einfach entzückt«. Sie errötete und
sah ihn mit ihren warmen braunen Augen schwärmerisch und dankbar an.
»Ich sagte dir ja schon, daß Edith mit jedem Tage süßer wird, Hobby!«
antwortete sie mit zärtlichem, mütterlichem Ton in der Stimme und ihre
Augen standen voll Freude.
»Das war sie doch immer.«
»Ja! Aber -- Hobby, du kannst dir keinen Begriff machen -- und wie klug
sie wird! Sie fängt schon an zu sprechen!«
»Erzähle ihm doch die Geschichte von dem Hahn, Maud,« warf Allan ein.
»Ja!« Und Maud erzählte strahlend und glücklich eine kleine drollige
Geschichte, in der ihr Mädchen und ein Hahn die Hauptrolle spielten.
Alle drei lachten wie Kinder.
»Ich muß sie bald wieder sehen!« sagte Hobby. »In vierzehn Tagen komme
ich zu euch. Und sonst war es langweilig in Buffalo, sagst du?«
»~Deadly dull!~« versetzte Maud rasch. »Puh, todlangweilig, Hobby,
zum Sterben!« Sie zog die feinen Brauen in die Höhe und sah einen
Augenblick aufrichtig unglücklich aus. »Lindleys sind nach Montreal
übergesiedelt, das weißt du ja.«
»Das ist sehr schade.«
»Grace Kossat ist schon seit dem Herbst in Ägypten.« Und Maud schüttete
Hobby ihr Herz aus. Wie langweilig doch so ein Tag sein könne! Und wie
langweilig ein Abend! Und in scherzhaft vorwurfsvollem Ton fügte sie
hinzu: »Was für ein Gesellschafter Mac ist, das weißt du ja, Hobby!
Er vernachlässigt mich noch mehr wie früher. Manchmal kommt er den
ganzen Tag nicht aus der Fabrik. Nun hat er sich zu all den hübschen
Dingen noch ein Heer von Versuchsbohrern angeschafft, die Tag und Nacht
Granit, Stahl und Gott weiß was bohren. Diese Bohrer pflegt er wie
Kranke, genau wie Kranke, Hobby! Er träumt nachts von ihnen ...«
Allan lachte laut auf.
»Laß ihn nur machen, Maud,« sagte Hobby und blinzelte mit seinen weißen
Wimpern. »Er weiß schon, was er will. Du wirst mir doch nicht auf ein
paar Bohrer eifersüchtig werden, ~girlie~?«
»Ich hasse sie ganz einfach!« antwortete Maud. »Glaube auch nicht,«
fuhr sie errötend fort, »daß er mit mir nach New York gefahren wäre,
wenn er nicht Geschäfte hier hätte.«
»Aber Maud!« beschwichtigte Allan.
Hobby dagegen hatte Mauds lächelnd geäußerter Vorwurf an das
Wichtigste erinnert, was er Allan hatte sagen wollen. Er sah plötzlich
nachdenklich aus und faßte Allans Frack.
»Höre, Mac,« sagte er etwas leiser, »ich befürchte, daß du heute
umsonst von Buffalo hierhergekommen bist. Der alte Lloyd ist nicht
wohl. Ich habe vor einer Stunde Ethel Lloyd angeklingelt, aber sie
wußte noch nicht, ob sie kommen würden. Das wäre in der Tat fatal!«
»Es muß ja nicht gerade heute sein,« entgegnete Allan, ohne seine
Enttäuschung zu verraten.
»Auf jeden Fall bin ich wie der Satan hinter ihm her, Mac! Er soll
keine ruhige Stunde mehr haben! Und nun adieu einstweilen!«
Im nächsten Augenblick tauchte Hobby schon mit lautem Hallo in einer
Nachbarloge auf, in der drei junge rothaarige Damen mit ihrer Mutter
saßen.
Der Dirigent mit dem mageren Geierkopf stand plötzlich wieder am Pult
und ein fein anschwellender Donner stieg aus den Kesselpauken empor.
Die Fagotte intonierten ein fragendes, süß klagendes Motiv, das sie
wiederholten und steigerten, bis die Geigen es ihnen entrissen und in
ihre Sprache übertrugen.
Maud überließ sich wieder der Musik.
Allan aber saß mit kühlen Augen in seinem Sessel, die Brust geweitet
vor innerer Spannung. Er bereute nun, hierher gekommen zu sein! Lloyds
Vorschlag zu einer kurzen Besprechung in der Loge eines Konzertsaales
hatte bei der Wunderlichkeit des reichen Mannes, der nur äußerst selten
jemand in seinem Hause empfing, nichts Merkwürdiges an sich, und Allan
war ohne zu zögern darauf eingegangen. Er war auch geneigt, Lloyd
zu entschuldigen, im Falle er wirklich krank war. Aber er forderte
für sein Projekt, dessen Größe ihn zuweilen selbst überwältigte, den
allergrößten Respekt! Er hatte dieses Projekt, an dem er fünf Jahre
lang Tag und Nacht arbeitete, bisher nur zwei Menschen anvertraut:
Hobby, der ebensogut zu schweigen verstand, wenn es sein mußte,
als er schwatzen konnte, wenn man ihm die Zunge nicht festband.
Sodann Lloyd. Nicht einmal Maud. Er verlangte, daß Lloyd sich in
den Madison-Square-Palast _schleppte_, wenn es irgendwie anging! Er
verlangte, daß Lloyd ihm zum mindesten eine Nachricht schickte, ihm ein
anderes Rendezvous vorschlug! Versäumte Lloyd dies -- nun, so wollte er
nichts mehr mit dem launenhaften, kranken, reichen Mann zu tun haben.
Die von vehement bebender Musik, von Parfümen, blendenden Lichtfluten,
dem Glitzern von Edelsteinen erfüllte Treibhausatmosphäre, die ihn
umfieberte, steigerte Allans Gedanken zu höchster Klarheit. Sein Kopf
arbeitete rasch und präzis, obwohl ihn plötzlich eine starke Erregung
ergriffen hatte. Das Projekt war alles! Mit ihm stand oder fiel er! Er
hatte für Versuche, Informationen, tausend vorbereitende Arbeiten sein
Vermögen geopfert und mußte, klar gesagt, morgen von vorn anfangen,
sobald das Projekt nicht ausgeführt wurde. Das Projekt war sein Leben!
Er rechnete seine Chancen durch wie ein algebraisches Problem, bei dem
jedes einzelne Glied das Resultat der vorhergehenden Resultate ist. In
erster Linie konnte er den Stahltrust für sein Projekt interessieren.
Der Trust hatte in der Konkurrenz mit dem sibirischen Eisen den
kürzeren gezogen und lag in einer unerhörten Flaute still. Der Trust
würde sich auf das Projekt stürzen -- zehn gegen eins gewettet! --
oder aber Allan konnte mit ihm einen Krieg bis aufs Messer führen. Er
konnte das Großkapital, die Morgan, Vanderbilt, Gould, Astor, Mackay,
Havemeyer, Belmont, Whitney und wie sie alle hießen attackieren. Den
Ring der Großbanken unter Feuer nehmen. Er konnte endlich, wenn alles
fehlschlagen sollte, sich mit der Presse verbünden.
Er konnte auf Umwegen sein Ziel erreichen; klar gesehen, brauchte er
Lloyd gar nicht. Aber mit Lloyd als Verbündeten war es eine gewonnene
Attacke, ohne ihn ein mühsames Vordringen, bei dem jeder Quadratfuß
Terrain einzeln erobert werden mußte.
Und Allan, der weder sah noch hörte, arbeitete hinter unerbittlichen,
halbgeschlossenen Augen seinen Feldzugsplan bis in die kleinsten
Einzelheiten aus ...
Plötzlich aber ging etwas wie ein Schauer durch den Saal, der ohne Laut
unter der Hypnose der Musik lag. Die Köpfe bewegten sich, die Steine
begannen stärker zu flimmern, Gläser blinkten. Die Musik floß gerade in
sanftem Piano dahin, und der Dirigent wandte irritiert den Kopf, da man
im Saale flüsterte. Etwas mußte geschehen sein, das größere Macht über
das Auditorium hatte als die Hypnose der zweihundertundzwanzig Musiker,
des Dirigenten und des unsterblichen Komponisten.
In der Nebenloge sagte eine gedämpfte Baßstimme: »Sie trägt
den Rosy Diamond ... aus dem Kronschatz von Abdul Hamid ...
zweimalhunderttausend Dollar Wert.«
Allan hob den Blick: die Loge gegenüber war dunkel -- Lloyd war
gekommen!
In der dunkeln Loge war Ethel Lloyds bekanntes Profil schwach
sichtbar, zart, delikat gezeichnet. Ihr goldblondes Haar war nur an
einem unbestimmten Flimmern zu erkennen, und an der linken Schläfe
(die dem Publikum zugewendet war) trug sie einen großen Edelstein von
blaßrötlichem Feuer.
»Sehen Sie diesen Hals, diesen Nacken,« raunte die gedämpfte Stimme des
Herrn nebenan. »Haben Sie jemals solch einen Nacken gesehen? Man sagt,
daß Hobby, der Architekt -- ja, der Blonde, der vorhin nebenan war ...«
»Nun, das läßt sich denken!« flüsterte eine andere Stimme mit rein
englischem Akzent und ein leises Lachen drang herüber.
Der Hintergrund von Lloyds Loge war durch einen Vorhang abgetrennt,
und Allan schloß aus einer Bewegung Ethels, daß Lloyd dahinter saß. Er
beugte sich zur Seite und flüsterte Maud ins Ohr: »Lloyd ist nun doch
gekommen, Maud.«
Aber Maud hatte nur Ohr für die Musik. Sie verstand Allan gar nicht.
Sie war vielleicht die einzige im Saal, die noch nicht wußte, daß
Ethel Lloyd in ihrer Loge saß und den »Rosy Diamond« trug. In einer
momentanen seelischen Aufwallung, die die Musik in ihr entfachte,
streckte sie ihre kleine Hand tastend nach Allan aus. Und Allan nahm
ihre Hand und streichelte sie mechanisch, während tausend rasche, kühne
Gedanken durch sein Gehirn jagten und sein Ohr Bruchstücke von dem
Geklatsch aufnahm, das die Stimmen nebenan raunten und flüsterten.
»Diamanten?« fragte die flüsternde Stimme.
»Ja,« erwiderte die raunende Stimme. »Man sagt, so fing er an. In den
australischen Camps.«
»Er spekulierte?«
»Auf seine Weise. Er war Kantinenwirt.«
»Er hatte keine Claims, sagen Sie?«
»Er hatte seinen eigenen Claim.« (Leises inneres Lachen.)
»Ich kann Sie nicht verstehen.«
»Man sagt es. Seine eigene Mine, die ihm keinen Cent kostete ... die
Arbeiter werden, wie Sie wissen, genau untersucht ... verschlucken
Diamanten.«
»Das ist mir ganz neu ...«
»Lloyd, so sagt man ... Kantinenwirt ... er tat etwas in den Whisky ...
daß sie seekrank wurden ... seine Mine ...«
»Das ist unglaublich!«
»Man sagt es! Und jetzt gibt er Millionen für Universitäten,
Sternwarten, Bibliotheken ...«
»Ei ei ei!« sagte die flüsternde Stimme, vollkommen totgeschlagen.
»Dabei ist er schwerkrank, menschenscheu -- meterdicke Betonwände
umgeben seine Wohnräume, damit kein Laut hereindringt ... wie ein
Gefangener ...«
»Ei ei ei ...«
»Pst!« Maud wandte empört den Kopf und die Stimmen verstummten.
In der Pause sah man den lichtblonden Hobby in Lloyds Loge treten und
Ethel Lloyd wie einer vertrauten Bekannten die Hand schütteln.
»Sie sehen, daß ich recht hatte!« sagte laut die tiefe Stimme in
der Nachbarloge. »Hobby ist ein Glückspilz! Da ist allerdings noch
Vanderstyfft da --«
Dann kam Hobby herüber und steckte den Kopf in Allans Loge.
»Komm, Mac,« rief er, »der alte Mann wünscht dich zu sprechen!«
2.
»Das ist Mac Allan!« sagte Hobby, indem er Allan auf die Schulter
klopfte.
Lloyd saß zusammengekauert mit gesenktem Kopf in der halbdunklen Loge,
von der aus man einen blendenden Ausschnitt des Logenringes voll
lächelnder, schwätzender Damen und Herren überblicken konnte. Er sah
nicht auf und es schien, als habe er nicht gehört. Nach einer Weile
aber sagte er bedächtig und trocken, mit heiseren Nebengeräuschen in
der Stimme: »Ich freue mich aufrichtig, Sie zu sehen, Herr Allan! Ich
habe mich eingehend mit Ihrem Projekt beschäftigt. Es ist kühn, es ist
groß, es ist möglich! Was ich tun kann, das wird geschehen!« Und in
diesem Moment streckte er Allan die Hand hin, eine kurze, viereckige
Hand, lasch und müde und seidenweich, und wandte ihm das Gesicht zu.
Allan war von Hobby auf diesen Anblick vorbereitet worden, aber er
mußte sich trotzdem zusammennehmen, um das Grauen zu verbergen, das ihm
Lloyds Gesicht einflößte.
Lloyds Gesicht erinnerte an eine Bulldogge. Die unteren Zähne
standen ein wenig vor, die Nasenlöcher waren runde Löcher und die
tränenden, entzündeten kleinen Augen standen wie schräge Schlitze in
dem braunen, ausgetrockneten und bewegungslosen Gesicht. Der Kopf
war vollkommen haarlos. Eine ekelhafte Flechte hatte Lloyds Hals,
Gesicht und Kopf zernagt und ausgetrocknet und die tabakbraune Haut
und die eingeschrumpften Muskeln über die Knochen gespannt. Die
Wirkung von Lloyds Gesicht war fürchterlich, sie ging vom Erbleichen
bis zur Ohnmacht und nur starke Nerven vermochten den Anblick ohne
Erschütterung zu ertragen. Lloyds Gesicht war der tragikomischen Larve
einer Bulldogge ähnlich und verbreitete gleichzeitig den Schrecken
eines lebendigen Totenkopfes. Es erinnerte Allan an Indianermumien,
auf die sie bei einem Bahnbau in Bolivia gestoßen waren. Diese Mumien
hockten in viereckigen Kisten. Ihre Köpfe waren eingetrocknet, die
Gebisse erhalten, hinter den verschrumpften Lippen grinsend, die
Augen mit Hilfe von weißen und dunklen Steinen grauenhaft natürlich
nachgeahmt.
Lloyd, der die Wirkung seines Gesichtes recht gut kannte, war zufrieden
mit dem Eindruck, den es auf Allan machte, und orientierte sich mit
seinen kleinen feuchten Augen in Allans Zügen.
»In der Tat,« wiederholte er dann, »Ihr Projekt ist das kühnste, von
dem ich je hörte -- und es ist möglich!«
Allan verbeugte sich und sagte, er freue sich, Herrn Lloyds Interesse
für sein Projekt erweckt zu haben. Der Augenblick war entscheidend
für sein Leben, und doch war er -- zu seinem eigenen Erstaunen --
vollkommen ruhig. Noch beim Eintreten erregt, war er nun imstande,
Lloyds kurze, präzise Fragen klar und sachlich zu beantworten. Er
fühlte sich diesem Mann gegenüber, dessen Aussehen, Karriere und
Reichtum tausend andere verwirrt haben würde, augenblicklich sicher,
ohne daß er einen bestimmten Grund dafür hätte angeben können.
»Sind Ihre Vorbereitungen so weit gediehen, daß Sie morgen mit dem
Projekt vor die Öffentlichkeit treten können?« fragte Lloyd zuletzt.
»Ich brauche noch drei Monate.«
»So verlieren Sie keinen Augenblick!« schloß Lloyd in bestimmtem Ton.
»Im übrigen verfügen Sie ganz über mich.« Hierauf zupfte er ein wenig
an Allans Ärmel und deutete auf seine Tochter.
»Das ist Ethel Lloyd,« sagte er.
Allan wandte Ethel, die ihn während des ganzen Gespräches betrachtet
hatte, den Blick zu und grüßte.
»~How do you do~, Mr. Allan?« sagte Ethel lebhaft und reichte Allan mit
der ganzen Natürlichkeit und Freimut ihrer Rasse die Hand, wobei sie
ihm offen ins Gesicht blickte. »Das also ist er!« fügte sie nach einer
kurzen Pause mit feinem, ein wenig schalkhaftem Lächeln hinzu, hinter
dem sie ihr Interesse für seine Person zu verbergen suchte.
Allan verbeugte sich und wurde verwirrt, denn mit jungen Damen wußte er
gar nichts anzufangen.
Es fiel ihm auf, daß Ethel übermäßig stark gepudert war. Sie erinnerte
ihn an ein Pastellgemälde, so zart und weich waren ihre Farben, das
Blond ihrer Haare, das Blau ihrer Augen und das feine Rot ihres jungen
Mundes. Sie hatte ihn wie eine große Dame begrüßt und doch klang aus
ihrer Stimme etwas Kindliches, als sei sie nicht neunzehn (das wußte er
von Hobby), sondern zwölf Jahre alt.
Allan murmelte eine Höflichkeitsphrase; ein leicht verlegenes Lächeln
blieb auf seinem Munde stehen.
Ethel betrachtete ihn immer noch aufmerksam, halb wie eine
einflußreiche Dame, deren Interesse eine Huld ist, und halb wie ein
neugieriges Kind.
Ethel Lloyd war eine typisch amerikanische Schönheit. Sie war schlank,
geschmeidig und dabei doch weiblich. Ihr reiches Haar war von jenem
seltenen zarten Goldblond, das die Damen, die es nicht besitzen,
stets für gefärbt erklären. Sie hatte auffallend lange Wimpern, in
denen Spuren von Puder haften geblieben waren. Ihre Augen waren
dunkelblau und klar, erschienen aber infolge der langen Wimpern leicht
verschleiert. Ihr Profil, ihre Stirn, das Ohr, der Nacken, alles war
edel, rassig und wahrhaft schön. Aber auf ihrer rechten Wange zeigten
sich schon die Spuren jener entsetzlichen Krankheit, die ihren Vater
verunstaltet hatte. Von ihrem Kinn aus zogen hellbraune, vom Puder
fast zugedeckte Linien, wie Fasern eines Blattes, bis zur Höhe des
Mundwinkels, einem blassen Muttermal ähnlich.
»Ich liebe es, mit meiner Tochter über Dinge zu plaudern, die mich
lebhaft interessieren,« begann Lloyd wieder, »und so dürfen Sie es mir
nicht übelnehmen, daß ich mit ihr über Ihr Projekt gesprochen habe. Sie
ist verschwiegen.«
»Ja, ich bin verschwiegen!« versicherte Ethel lebhaft und nickte
lächelnd mit dem schönen Kopf. »Wir haben stundenlang Ihre Pläne
studiert und ich habe mit Papa so lange darüber geplaudert, bis er
selbst ganz begeistert war. Und das ist er jetzt, nicht wahr, Papa?
(Lloyds Maske blieb bewegungslos.) Papa verehrt Sie, Herr Allan! Sie
müssen uns besuchen, wollen Sie?«
Ethels leicht verschleierter Blick haftete an Allans Augen und ein
freimütiges junges Lächeln schwebte über ihren schöngeschwungenen
Lippen.
»Sie sind in der Tat sehr liebenswürdig, Fräulein Lloyd!« erwiderte
Allan mit einem leisen Lächeln über ihren Eifer und ihr munteres
Geplauder.
Ethel gefiel sein Lächeln. Ganz ungeniert ließ sie den Blick auf
seinen weißen starken Zähnen ruhen, dann öffnete sie die Lippen, um
etwas hinzuzufügen, aber in diesem Augenblick setzte das Orchester
rauschend ein. Sie berührte flüchtig das Knie ihres Vaters, um ihn um
Entschuldigung zu bitten, daß sie noch spreche -- Lloyd war ein großer
Musikfreund -- und flüsterte Allan wichtigtuerisch zu: »Sie haben eine
Bundesgenossin an mir, Herr Allan! Ich gebe Ihnen die Versicherung, ich
werde nicht erlauben, daß Papa seine Meinung ändert. Sie wissen, er tut
das zuweilen. Ich werde ihn zwingen, daß er alles in Fluß bringt! Auf
Wiedersehen!«
Mit einem höflichen, aber etwas gleichgültigen Kopfnicken, das Ethel
einigermaßen enttäuschte, erwiderte Allan ihren Händedruck -- und damit
war das Gespräch zu Ende, das über das Werk seines Lebens und eine neue
Epoche in den Beziehungen zwischen der Alten und Neuen Welt entschied.
Funkelnd und stark im Innern unter dem Anprall von Gedanken und
Empfindungen, die dieser Sieg in ihm auslöste, verließ er mit Hobby die
Loge Lloyds.
Vor der Türe stießen sie auf einen Mann von kaum zwanzig Jahren, der
gerade noch Zeit gehabt hatte, zurückzutreten und sich aufzurichten,
bevor er überrannt wurde. Offenbar hatte er versucht, an Lloyds Loge zu
lauschen. Der junge Mann lächelte, womit er seine Schuld eingestand und
um Entschuldigung bat. Er war ein Reporter des »Herald« und hatte den
gesellschaftlichen Teil des Abends zu bearbeiten. Ungeniert vertrat er
Hobby den Weg.
»Herr Hobby,« sagte er, »wer ist der Gentleman?«
Hobby blieb stehen und zwinkerte gut gelaunt. »Sie kennen ihn nicht?«
fragte er. »Das ist Mac Allan, von den Allanschen Werkzeugstahlwerken,
Buffalo, Erfinder des Diamantstahls Allanit, Championboxer von Green
River und der erste Kopf der Welt.«
Der Journalist lachte laut heraus: »Sie vergessen Hobby, Herr Hobby!«
erwiderte er, und indem er mit dem Kopf gegen Lloyds Loge deutete,
fügte er flüsternd und ehrerbietig neugierig hinzu: »Gibt es etwas
Neues, Herr Hobby?«
»Ja,« antwortete Hobby lachend und ging weiter. »Sie werden staunen!
Wir bauen einen tausend Fuß hohen Galgen, an dem am 4. Juli alle
Zeitungsschreiber New Yorks aufgehängt werden.«
Dieser Scherz Hobbys stand tatsächlich am nächsten Tag in der Zeitung,
zusammen mit einem (gefälschten) Porträt von Mr. Mac Allan, Erfinder
des Diamantstahls Allanit, den C. H. L. (Charles Horace Lloyd) in
seiner Loge empfing, um mit ihm über eine Millionengründung zu
verhandeln.
3.
Maud schwelgte noch immer. Allein sie war nicht mehr imstande, mit
jener heiligen Andacht zu lauschen wie vorher. Sie hatte die Szene
in Lloyds Loge beobachtet. Sie wußte wohl, daß Mac damit beschäftigt
war, etwas Neues auszuarbeiten, eine »große Sache«, wie er sagte.
Irgendeine Erfindung, ein Projekt, sie hatte ihn nie darüber gefragt,
denn nichts lag ihr ferner als Maschinen und technische Dinge. Sie
begriff auch, wie wertvoll für Mac eine Verbindung mit Lloyd sein
mußte, aber sie machte ihm stille Vorwürfe, daß er gerade diesen Abend
für eine Besprechung gewählt hatte. Den einzigen Abend des Winters,
an dem er mit ihr zusammen ein Konzert besuchte. Sie verstand nicht,
wie es ihm möglich war, während eines solchen Konzerts an Geschäfte
zu denken! Zuweilen kam ihr der Gedanke, als ob sie nicht recht in
dieses Amerika hineinpasse, wo alles Busineß war und nur Busineß, als
ob sie glücklicher geworden wäre da drüben in der Alten Welt, wo sie
noch Erholung und Geschäft zu trennen verstanden. Aber nicht das allein
beunruhigte Maud, der feine, ewig wache Instinkt der liebenden Frau
ließ sie befürchten, daß jene »große Sache«, diese Lloyds und wie sie
hießen, mit denen Mac nun zu tun haben würde, ihr noch mehr von ihrem
Gatten rauben würden, als die Fabrik und seine Tätigkeit in Buffalo es
jetzt schon taten.
Über Mauds fröhliche Laune war ein Schatten gefallen, und sie legte
die Stirn in Falten. Dann aber glitt plötzlich eine stille Heiterkeit
über ihr Gesicht. Eine fugenartige, tändelnde und heitere Passage
hatte ihr -- dank einer rätselhaften Ideenverbindung -- ganz plötzlich
ihr Kind deutlich und in den reizvollsten, eine Mutter beglückenden
Situationen ins Gedächtnis gerufen. Es verlockte sie, in der Musik eine
Prophezeiung des Lebens ihres kleinen Mädchens hören zu wollen, und
anfangs ging alles herrlich. Ja, so glücklich sollte ihre Edith werden,
so sollte Ediths Leben sein! Aber die spielerische, sonnige Heiterkeit
ging unvermittelt in ein schweres, schleppendes ~majestoso sostenuto~
über, das Beklommenheit und böse Ahnungen erweckte.
Mauds Herz klopfte langsamer. Nein, nimmermehr sollte das Leben ihres
kleinen süßen Mädchens, mit dem sie wie ein Kind spielte und das sie
wie eine erfahrene alte Frau pflegte, dieser Musik ähnlich werden.
Welch ein Unsinn, mit solchen Einfällen zu spielen! Sie breitete sich
in Gedanken über die Kleine, um sie mit ihrem Körper gegen diese bange,
schwere Musik zu decken, und nach einiger Zeit gelang es ihr auch,
ihren Gedanken eine andere Richtung zu geben.
Die Musik selbst kam ihr zu Hilfe. Denn plötzlich riß die Brandung der
Töne sie wieder fort zu einer unbestimmten Sehnsucht, die heiß und
herrlich war und alle Gedanken erstickte. Sie war Ohr, wie vorher.
Mit einer atemlosen, rasenden Leidenschaftlichkeit jagte die Musik
dahin, von heißen, verführerischen Stimmen angeführt, und Maud war wie
ein loses Blatt im Sturmwind. Plötzlich aber brach sich die wilde,
keuchende Leidenschaft an einem unbekannten Hindernis, so wie die Woge
an einem Felsen zerschellt, und die donnernde Brandung zerflatterte in
schreiende, wehklagende, zitternde und ängstliche Stimmen. Maud war
es, als ob sie plötzlich still stehen müsse und gezwungen sei, über
etwas nachzudenken, was unbekannt, geheimnisvoll und unergründlich
für sie war. Die Stille, die dem heißen Sturm folgte, war so bannend,
daß plötzlich alle vibrierenden Fächer im Parkett stehen blieben. Mit
einer Dissonanz setzten die Stimmen da drunten wieder unsicher, zögernd
ein (die Fächer bewegten sich wieder), und diese zusammengepreßten,
gequälten Töne, die sich nur schwer und mühselig zur Melodie
durchkämpften, stimmten Maud nachdenklich und traurig. Die spottenden
Fagotte drunten sprachen zu ihr, und die Celli, die ganz ehrlich
litten, und es schien Maud, als ob sie plötzlich ihr ganzes Leben
verstünde. Sie war nicht glücklich, trotzdem Mac sie anbetete und sie
ihn abgöttisch liebte -- nein, nein, es war da irgend etwas, was
fehlte ...
In diesem Augenblick, gerade in diesem Augenblick, berührte Mac ihre
Schulter und raunte ihr ins Ohr: »Entschuldige, Maud -- wir fahren am
Mittwoch nach Europa. Ich habe noch viel vorzubereiten in Buffalo. Wenn
wir jetzt gehen, können wir den Nachtzug noch erreichen. Was denkst du?«
Maud antwortete nicht. Sie saß still und regungslos. Das Blut stieg ihr
über Schultern und Nacken ins Gesicht. Ihre Augen füllten sich langsam
mit Tränen. So vergingen einige Minuten. Sie war in diesem Augenblick
Mac bitterböse im Herzen. Es erschien ihr roh, sie mitten aus dem
Konzert zu reißen, nur weil seine Geschäfte drängten.
Allan sah, daß sie schwer atmete und ihre Wange rot geworden war. Seine
Hand lag noch auf ihrer Schulter. Er machte eine liebkosende Bewegung
und raunte begütigend: »Nun, so bleiben wir, Liebling, ich machte nur
den Vorschlag. Wir können auch recht gut den Frühzug morgen nehmen.«
Maud aber war die Laune gründlich verdorben. Die Musik quälte sie
jetzt und machte sie bang und unruhig. Sie schwankte noch, ob sie
nachgeben sollte oder nicht. Da sah sie zufällig, daß Ethel Lloyd ganz
ungeniert das Glas auf sie gerichtet hatte, und augenblicklich schickte
sie sich an zu gehen. Sie zwang sich zu einem Lächeln, damit Ethel
Lloyd es sähe, und Allan war sehr erstaunt über ihren zärtlichen (noch
feuchten) Blick, mit dem sie sich an ihn wandte. »Gehen wir, Mac!«
Es freute sie, daß Mac ihr zuvorkommend beim Aufstehen behilflich war,
und heiter lächelnd, anscheinend in der glücklichsten Laune, verließ
sie die Loge.
4.
Sie erreichten Central-Station gerade, als der Zug aus der Halle zog.
Maud vergrub die kleinen Hände in die Taschen ihres Pelzmantels und
lugte aus dem aufgestülpten Kragen zu Mac hin. »Da fährt dein Zug,
Mac!« sagte sie lachend und gab sich keine Mühe, ihre Schadenfreude zu
verbergen.
Hinter ihnen stand ihr Diener, Leon, ein alter Chinese, den alle Welt
»Lion« rief. Lion trug die Reisetaschen und sah mit stupidem Ausdruck
seines welken, faltigen Gesichtes dem Zuge nach.
Allan zog die Uhr und nickte. »Es ist zu schade,« sagte er gutmütig.
»Lion, wir fahren ins Hotel zurück.«
Im Auto erklärte er Maud, daß es ihm gerade ihretwegen unangenehm sei,
daß sie den Zug versäumt hätten; sie habe gewiß noch eine Menge mit dem
Packen zu tun.
Maud lachte leise. »Weshalb?« sagte sie und sah an Mac vorbei. »Wieso
weißt du, daß ich überhaupt mitfahre, Mac?«