Jetzt lachte Berta. Es war ein hartes, unheimliches Lachen: »Bis an
mein Lebensende, Onkel! Und ich sage dir: Ich sterbe nicht eher, als
bis die volle Wahrheit an den Tag kommt!«
Der Alte sah erst auf die Gilkaflasche und die Cervelatwurst -- er
mußte einen Halt haben: »Aber Berta -- der Mann ist nun lange tot --
das Testament ist ausbezahlt -- das hättest du doch sofort anfechten
müssen. Aber weil du ganz genau wußtest, daß du nichts machen kannst
--«
»Wer sagt dir denn, daß es mir um das Testament geht? Ich danke für
alles, was der Mensch besessen hat -- das soll nur seine Kokotte im
Grunewald behalten. Ich würde jetzt nichts mehr annehmen. Aber ich
habe das feste Gefühl in mir, daß das Recht irgendwo liegt und auf
mich wartet. Ich seh' es nur noch nicht. Aber du, Onkel, du hast jetzt
deine sichere Pension, du brauchst ja keine Rücksicht mehr zu nehmen
-- willst du dich nicht aufschwingen und noch ein gutes Werk tun?
Willst du mir nicht raten und helfen?«
Tübbeke saß zurückgelehnt und schüttelte den schwachen weißen Kopf:
»Aber Berta -- wie stellst du dir das vor?«
»Gib mir Ruhe, Onkel!«
»Ich tät's ja so gern -- aber ich glaube bestimmt: Ruhe kriegst du
nur, wenn du verzichtest.«
»Ich?! Verzichten?! In Unehre sterben, blamiert vor meinem Mann und
meinen Kindern? Nie! Nie, Onkel!«
»Hm ... ja, da wüßte ich wirklich nicht ...« Tübbeke schwieg ziemlich
lange, den Kopf in die Hand gestützt. Berta wartete in eigentümlicher
Spannung. Dann sah der Alte sie plötzlich wieder an: »Hast du
eigentlich mal im Kirchenbuch nachgesehen?«
»Im Kirchenbuch? Wo denn, Onkel? Was denn?«
»Na, du weißt doch wohl, das jede Geburt und jedes getaufte Kind in
einem Kirchenbuch stehen muß? Hier handelt es sich selbstverständlich
um den Ort, wo du geboren bist. Wie heißt doch das Nest?«
»Strelenwalde -- an der Anhalter Bahn -- -- Du meinst, da steht es
drin? Das kann noch zu finden sein?«
»Aber sicher. Merkwürdig, das du darauf noch nicht gekommen bist? Ihr
Frauenzimmer guckt doch immer übers Nächste weg. Deine Mutter hat dich
doch damals eintragen lassen, und dein Vater steht natürlich auch drin
--«
»Mein Vater?!«
»Und das ist doch der sicherste Beweis, den du kriegen kannst? Wenn's
dir bloß darauf ankommt -- so'n Kirchenbuch, das ist doch sozusagen
dem lieben Gott sein Buch -- wenn du darin stehst, kann kein Mensch
daran tippen.«
»Adieu, Onkel! Auf Wiedersehen!«
Berta war schon hinaus. Der Alte blieb kopfschüttelnd zurück. Nun
fuhr sie also nach Strelenwalde. Vernünftiger wäre es wohl gewesen,
wenn sie dort ins Amtsgericht ginge. Aber mochte sie nur in die
Kirche gehen. Übrigens Strelenwalde -- der Name erinnerte ihn an
irgend etwas, was er kürzlich in der Zeitung gelesen hatte. Es war
nichts Alltägliches gewesen. Aber, soviel er sich jetzt auch besann
-- es wollte seinem alten Kopf nicht mehr einfallen. Mochte sie nur
hinfahren. Vielleicht gelang es ihr, und sie bekam es schwarz auf
weiß. Dann hatte sie Ruhe. Er riskierte ja nichts. Seine Pension hatte
er weg, der Justizrat war tot, und wer kümmerte sich jetzt noch um
seine unehelichen Kinder? -- --
Das stille Strelenwalde war tatsächlich in den letzten Wochen oft in
den Zeitungen genannt worden. Ein Ereignis hatte sich dort abgespielt,
sehr grauenvoll und grotesk. Doch bevor es erzählt werden kann, muß
ein Blick auf die Menschen geworfen werden, die es miterlebten. Es
griff recht tief in ihre Stimmung ein, wenn sie auch noch so friedlich
im Gleise des Kleinstadt fuhren.
Liese von Rotkraut war seit einigen Jahren Witwe. Sie hatte ihren
alten Invaliden treulich in den letzten Schlummer hinübergeflegt. »Du
reines Weib!« waren die letzten Worte des Majors gewesen. Er hatte
sie mit dem einen Auge, das ihm in Afrika geblieben, lange angesehen
-- nie vergaß Liese diesen Abschiedsblick. Seltsam war ihr Herz von
schwankenden Gefühlen zerrissen worden -- einesteils glaubte sie, die
Krönung durch den ahnungslosen Mann nicht zu verdienen, andernteils
wußte sie, wie sehr sie sich Anerkennung bei ihm erworben hatte. Sie
führte ihre Rolle bis zur letzten Stunde durch. Hermann von Rotkraut
war in der Überzeugung gestorben, eine Heilige zurückzulassen. Keine
Ahnung von den wilden Strecken ihres Lebens war ihm gekommen. Aber
Liese hatte auch noch mit einem anderen Vermächtnis zu kämpfen. Das
lag weiter zurück. Noch zu Lebzeiten des Majors hatte Tante Sanftleben
die Augen geschlossen. Ihre letzten Worte an Liese lauteten: »Vergiß
deine Tochter nicht.«
Dem einen Spruch zu folgen und den anderen bestehen zu lassen --
dazu fehlte es Liese an Kraft. Sie führte ihre Konditorei weiter,
sie betäubte sich durch Arbeit, sie blieb hart und still. Auch als
die Nachricht kam, daß Viktor Schwarz gestorben, ließ sie sich nicht
aufschrecken. Gierige Freude flammte noch einmal in ihr auf, als die
große Erbschaft sie überraschte. Solchen Segen hatte sie freilich
nicht erwartet. Aber es tat ihr wohl, unter diesem Eindruck noch
Frieden mit dem untreuen Mann schließen zu können -- sie dachte sogar
mit Inbrunst im Garten der Zubermühle an ihn und sorgte im übrigen
dafür, daß die Erbschaft den Strelenwaldern nicht verdächtig wurde.
Das Kind des Toten blieb ihr fern.
Die letzte Belebung ihres Daseins brachte Käthe Bomsdorf, das
neue Ladenfräulein. Diese hübsche Person war namentlich bei der
Herrenkundschaft beliebt, aber ihr keckes Wesen stieß immer wieder
mit Liese zusammen, die ihre eigene Vergangenheit leugnete und die
wandelnde Sittenstrenge war. Von Adele Schörg hörte Liese nur wenig.
Sie wußte, wie Strelenwalde an seinem alten Prügelkinde handelte, und
es war ihr peinlich, zu diesen Roheiten Stellung zu nehmen.
Adele hatte Simba geheiratet. Sie war leidenschaftlich in ein spätes
und seltsames Glück gestolpert. Bald aber hatten sich Konflikte
ergeben, von denen sie nichts geahnt. Zunächst mußte der Neger als
christlicher Ehemann einen deutschen Familiennamen annehmen. Er war
bisher nur der Königssohn Simba gewesen, und sein afrikanisches
Selbstgefühl sträubte sich gegen einen Namen, der für ihn keinen Sinn
hatte. Er ließ sich nichts vorschreiben, auch von Adele nicht, und
beschloß plötzlich, sich einfach nach seinem fernen Vaterlande zu
nennen, nämlich Großpopo.
Adele war außer sich. Sie sah sofort, was kommen würde -- das
Gelächter war unendlich. Doch vergebens suchte sie Simba von den
Namen, dessen deutsche Bedeutung sie ihm klar machte, abzubringen. Er
war tief beleidigt. Großpopo, seine Heimat, klang ihm besonders schön,
und er spuckte aus, wenn man ihm mit Meyer oder Schulze kam. Gegen
Simbas Überzeugung war nichts zu machen -- Adele mußte sich fügen,
wollte sie ihr ganzes Glück nicht aufs Spiel setzen.
Die Strelenwalder lachten sich satt. Berühmt wurde der Ausspruch, den
die Frau Bürgermeister bei einer Kaffeegesellschaft tat: »Den neuen
Namen von Adele Schörg können anständige Leute unmöglich aussprechen.
Wir haben beschlossen, sie von jetzt an Frau Großpapa zu nennen.«
Dabei blieb es, aber es schwankte auch hin und her, bald a, bald o;
besonders die Schuljugend konnte sich an tückischen Verwechselungen
nicht genugtun. Adele erkannte nun erst, als sie eine geachtete Frau
geworden, was das Verhängnis ihres Lebens war. Sie konnte nicht wie
die andern sein -- immer wieder heftete sich das Lächerliche an ihre
Gefühle.
Sie hatte Liese Prutz die Tatkraft abgesehen -- nun übernahm sie
nach ihrer Heirat des Geschäft ihres verstorbenen Vaters. Aber sie
verkaufte das väterliche Haus und zog in ein schöneres, das sie sich
schon lange gewünscht hatte. Dicht neben der Kirche lag es -- das
erhöhte noch den Respekt. Aber Adele konnte tun, was sie wollte, sie
wurde wirklich eine tüchtige Geschäftsfrau, und Simba half ihr mit
der zähen Arbeitskraft des Negers -- ihre Existenz wurde nicht ernst
genommen. Über dem Laden hing ein Schild mit der schön gemalten Firma
S. Großpopo vormals Schörg -- das genügte, um das Haus zur Zielscheibe
täglichen Witzes zu machen. Die Schuljugend ärgerte das fleißige
Ehepaar mit ihren kleinen Streichen; jeder Erwachsene, der den Laden
betrat, schnitt ein Gesicht zwischen Ernst und Spott und feinfühlige
Leute -- das war das allerschlimmste -- vermieden es bald, bei
Großpopo zu kaufen. Adele verlor ihre beste Kundschaft.
Es war von jeher die Eigenschaft der Strelenwalder gewesen, vom
Märchen des Lebens nichts zu spüren. Jetzt blühte es mitten in ihrer
Gemeinschaft, aber sie starrten nur auf den Namen, der ihnen komisch
klang, auf den Begriff, der einer fremden Seele gehörte.
Ob Simba verstand, wie es um ihn herum zischte und kicherte, war nicht
zu erkennen. Adele fürchtete nichts so, wie sein Begreifen; denn sie
wußte, wie furchtbar er werden konnte, wenn man ihn beleidigt hatte.
Wie ein Löwe nahm er dann Rache und war zu allem fähig.
So gelang es ihr, ihm die böse Stimmung fernzuhalten, zum mindesten
in einem Licht zu zeigen, daß er selbst darüber lachen konnte. Leider
wirkte das verächtliche Wesen des Schwarzen noch aufreizender auf die
Strelenwalder. Man wurde immer unverschämter. Adele versuchte es bei
den beiden Instanzen, die sie anrufen konnte: bei der benachbarten
Kirche und bei der Polizei. Der Herr Pastor, der stolz auf seine
Missionstat war, einen Neger bekehrt zu haben, sagte: »Liebe Frau
-- Großpopo, Ihr innerer Besitz entscheidet. Sie sind doch eine
glückliche Frau, Sie sagten mir soeben, daß Sie sich Mutter fühlten
-- nun, was hat denn das Leben Größeres zu geben? Bei Schwarz und
Weiß, in Europa und in Afrika? Das muß Ihnen über jeden kleinen Ärger
forthelfen.«
»Gewiß, Herr Pastor. Aber die Leute hier benehmen sich, als ob wir in
Amerika wären, die lynchen uns ja nächstens, weil ich einen schwarzen
Mann habe.«
»Nein, Frau Adele. Das ist übertrieben. Davor schützt Sie doch
zunächst die Nachbarschaft der Kirche. Unsere Mitbürger sind auch
nicht ganz so schlimm, wie Sie meinen. Ich werde übrigens in meiner
nächsten Predigt energisch auf die Toleranz gegen eine fremde Rasse
hinweisen. Und Sie rufen am besten den Schutz der Polizei an, wenn die
Schuljugend sich noch einmal untersteht, Unrat vor Ihre Tür zu legen.«
»Mein Mann macht es mir so schwer, Herr Pastor. Wenn der so was
findet, ärgert er sich nicht mal drüber -- für den ist das nämlich
garnichts Schmutziges. Ich mußte es ihm erst auseinandersetzen. Ja,
man hat's nicht leicht, Herr Pastor.« --
Bei der Polizei erreichte Adele noch weniger. Als die Beamten Frau
Großpopo tückisch lächelnd empfingen, hinkte sie schnell wieder fort.
Nach Monaten unermüdlicher Arbeit kam das Ereignis, das Wandel
schaffen konnte. Adele gebar ein Kind. Die wilde Vaterfreude Simbas
tröstete sie wirklich. Nie hatte sie bei einem Menschen einen so
urwüchsigen Stolz gesehen. Er trug seinen Sohn wie ein Heiligtum umher
-- die feindliche Welt versank.
Otto hieß der kleine Junge, nach Bismarck. Aber es stellte sich bald
heraus, daß er es nicht leichter in Strelenwalde haben würde als
seine Eltern. Er erbte nicht nur den Namen seines Vaters, sondern
auch die Häßlichkeit seiner Mutter, und außerdem war er kein weißes
Christenkind, sondern ein bräunlicher Mulatte.
Das genügte. Alles spitzte sich auf Simbas Sohn, der natürlich zum
Unterschied Kleinpopo genannt wurde. Jahre vergingen. Erst in der
Schule erkannte Otto sein Schicksal. Da machte man ihn zum Hanswurst,
und ohne Erbarmen wurde er gehänselt. Menschliche Lehrer schritten
dagegen ein, aber vergebens -- die Bestie wollte ihr Opfer haben.
Scheinbar harmlos gingen die Jungen vor dem Sattlerhause auf und ab,
mit geschwärzten Gesichtern, Wulstlippen und humpelnd. Einer stand
Schmiere -- der gab Signale, wenn Gefahr drohte.
Eines Tages erwachte der kleine Otto. Er begriff den Zusammenhang. Das
deutsche Erbe in ihm ließ ihn den ganzen Gram empfinden -- dann aber
packte ihn auch das Blut des Afrikaners, und er dürstete nach Rache.
So ließ er sich dazu verleiten, seine Beleidiger herauszufordern. Eine
große Prügelei entstand. Otto mußte, von Todesangst gejagt, die Flucht
ergreifen. Die ganze Rotte rannte hinter ihm her. Sie erwischte ihn
nicht -- er gelangte noch eben ins Vaterhaus. Hier aber sank er vor
Simba nieder. Ein furchtbarer Ausbruch der gepeinigten Kinderseele
enthüllte dem Vater, was geschehen.
Jetzt begriff es Simba. Durch sein Kind mußte er es begreifen. Er
bezwang sein kochendes Blut und versprach seinem Sohn Genugtuung.
Adele verschwieg er sein Vorhaben und legte sich auf die Lauer. Sobald
die kleinen Teufel wieder herankamen, brach er hervor und prügelte
fürchterlich, was er erreichen konnte.
Adele kam zu spät. Jetzt konnte sie keine Duldsamkeit mehr predigen.
Entsetzt erkannte sie, daß unter den Bestraften die Kinder der
einflußreichsten Bürger waren. Sie bluteten und liefen heulend nach
Hause. Der Skandal setzte ein.
Jetzt sorgte der Pastor dafür, daß die Polizei von dem wütenden
Vater abließ. Aber was er nicht verhindern konnte, war die stille
Verschwörung gegen Simbas Geschäft. Ganz amerikanisch versammelten
sich die deutschen Kleinstädter und erklärten: ›Einen Neger, der
unsere Kinder mißhandelt, dulden wir nicht.‹ Niemand, der das
öffentliche Urteil scheute, kaufte von nun an bei S. Großpopo. Wie
viele gab es in Strelenwalde, die das öffentliche Urteil nicht
scheuten? --
Adele erkannte die Verdammung. Sie war ja ein Kind dieser Stadt. Nun
wurde es in dem kleinen Laden ganz still. Schon wollte sie ohne Simbas
Wissen Bittgänge tun, die zürnenden Bürger zum Mitleid bewegen -- aber
ihr letzter Stolz hemmte sie, und die Zeit war zu schlecht, um vom
Mitleid zu leben. Bald regte sich die Konkurrenz.
Adele schonte Simba nicht mehr. Jetzt sagte sie ihm, was er
angerichtet. Er aber warf ihr einen unvergeßlichen Blick zu: »Sie
wollen uns auch verhungern lassen, meinst du? Weil ich schwarz bin,
und weil unser Kind der Mutter gleicht? Wären sie zufrieden, wenn ich
ein weißer Dieb wäre, und wenn ich Otto von einer Dirne hätte? Wozu
haben diese Menschen Zeit? Sie arbeiten nicht, sie beten nicht, sie
stehen vor einem Apfelbaum und verspotten ihn, weil er krumme Äste hat
-- dann fressen sie seine Äpfel. Nein, Adele -- mit diesen Menschen
können wir nicht leben.«
»Dann wollen wir in eine andere Stadt ziehen, Simba.«
»Wird es dort anders sein? Wird man uns dort nicht mit Gelächter
begrüßen?«
»Du darfst nicht vergessen, daß wir ihnen wirklich viel zugemutet
haben. Ich war schon immer ihr Prügeljunge, aber damit wurde ich
schließlich fertig, und dann habe ich noch einen Schwarzen geheiratet
und mein Kind ...«
Adele konnte den Satz nicht zu Ende sprechen. Tränen würgten ihre
Stimme. Simba aber erwiderte mit einer großen und düsteren Gebärde:
»Du sagst es. Ich bin Christ geworden um ihretwillen, und man hat
mich betrogen. Hier sind keine Christen. Ich glaube, Christen gibt
es nicht. Wohin wir auch ziehen werden. Laß mich jetzt, Adele -- ich
will nachdenken für uns alle. Ich will tun, was meine alten Götter
mir befehlen.« --
Es graute ihr bei seinen Worten, aber sie nahm es hin, denn sie
hatte immer Ehrfurcht vor seinem reinen Willen. Was in ihm vorging,
konnte sie nicht ermessen. Unheimlich, wie ein dunkler Dämon, ging
Simba umher. Wenn er allein im Laden war und ein Käufer erschien, so
verschränkte er die Arme und funkelte den Weißen an, bis dieser sich
ängstlich wieder zurückzog. Bald kam niemand mehr. Ein Jahr verging,
und das verrufene Sattlerhaus steckte in Schulden. Der kleine Otto
hatte die Schule verlassen -- kein Lehrer konnte den Haß seiner
Mitschüler bändigen. Ins große Unglück starrend, hockten Simba, Adele
und ihr kleiner Mulatte beisammen.
Eines Tages erschien der Herr Pastor. Er kam als geheimer Abgesandter
der Bürgerschaft. Mild und wohltönend war seine Rede: »Sie sind uns
allen ein geschätzter Mitbürger, lieber Herr Simba, aber Sie sollten
sich doch besser in einem anderen Orte niederlassen.«
»Wo? Ich bleibe.«
»Denken Sie doch an Ihre Familie. Sind Sie nicht Christ geworden?«
»Es gibt keine Christen.«
»Das wagen Sie mir zu sagen, der Ihnen die heilige Taufe gab?«
»Sie haben mir nichts gegeben. Sie haben mir schöne Geschichten
erzählt. Draußen ist alles anders. Der Mann, der gekreuzigt wurde,
weiß nichts mehr von denen, die kreuzigen. Ich sterbe in Flammen, ich
will mich nicht kreuzigen lassen. Ich singe und sterbe in Flammen.«
Der Pastor entfernte sich. -- ›Die arme Frau und das arme Kind‹,
dachte er. ›Darf man sie in den Händen eines Wahnsinnigen lassen?‹
Aber er tat nichts weiter und glaubte seine Pflicht erfüllt zu haben.
--
Es wurde ein glühend heißer Sommer. In ihrer Stube, die kaum noch
gelüftet wurde, saß die Familie des Negers und stöhnte und starrte
verzweifelt ins Nichts. ›Was werden wir morgen essen?‹ dachte
Adele. ›Wie soll ich zum ersten die Zinsen bezahlen? Das Haus wird
versteigert und dann?‹ -- Otto aber schmiegte sich an sie und fühlte
sich als einen Teil seiner Mutter. Das linderte sein geängstigtes Herz.
Plötzlich stand Simba auf. Mit bangem Staunen folgten ihm die Augen
der anderen. Er trat ans Fenster und öffnete es.
»Endlich«, flüsterte Adele.
»Fühlst du einen Unterschied? Es brennt.«
»Wo brennt es?«
»In der Luft. Das erinnert mich an Afrika. So soll es werden, so soll
es bleiben.«
Mit diesen dunklen Worten ging er hinaus. Bei Nacht erst kehrte er
zurück. Jetzt lächelte er zum erstenmal wieder. Er brachte köstliche
Dinge mit. Wurst und Schinken, Früchte, weißes Brot und eine Flasche
Schnaps. --
»Wovon hast du das alles gekauft?« stammelte Adele. -- »Von dem Ring,
den der Herr Major mir hinterlassen hat.«
Otto weinte -- so sehnte er sich nach den guten Sachen. Da wurde er
von Vater und Mutter leidenschaftlich gefüttert, dann erst aßen sie
selbst. Der Schnaps aber hüllte alle drei in bewußtlosen Schlummer. --
--
Die Nacht blieb heiß wie der Tag. Langsam schritt Kilian, der Wächter,
zwischen den alten Giebelhäusern von Strelenwalde. Vor der Kirche
blieb er stehen und schnüffelte. Dann schüttelte er den Kopf und ging
weiter. Als er zum andern Male zurückkehrte, sah er an verschiedenen
Stellen des Sattlerhauses jähen Rauch aufsteigen. Aus Dach und
Fenstern quoll der Rauch. Was war denn das? Aber Kilian sah erst nach
der benachbarten Kirche. Die war ja die Hauptsache. Entsetzlich, da
rauchte es auch! Es züngelte, schwebte und breitete sich aus.
Jetzt schlug der Nachtwächter Lärm. Tutend lief er durch die Gassen.
Feuerlärm! Es wurde licht und lebhaft in den Häusern. Aus heißen
Betten hüpften die Strelenwalder, Nachtmützenköpfe streckten sich aus
den Fenstern.
»Wo denn? Was ist denn? Wo brennt's?« -- »In der Kirche!« -- »Gott im
Himmel! In der Kirche?« -- »Nebenan beim Sattler auch!«
Nun zog das schreckliche Gerücht schon viele Menschen auf die Gassen.
Pfeifen, Rufen, Fragen -- die freiwillige Feuerwehr mit ihren
komischen Blechhelmen formierte sich. Spritzen wurden rasselnd aus der
Remise gezogen. Ganz Strelenwalde war in einer halben Stunde auf den
Beinen. Aber das Unheil war schon viel zu groß. Man hatte die beste
Hilfe verschlafen. Jetzt galt es, von der Kirche zu retten, was noch
zu retten war.
Die größte Feuersbrunst seit Menschengedenken entfaltete sich. Das tat
der böse Gewitterwind, der durch die schwüle Nacht sauste. Der war
stärker als alle Menschenhände. Die Kirche brannte lichterloh. Dämonen
schienen hinter ihren leuchtenden Fenstern Gottesdienst zu halten.
Ein furchtbares Unglück -- man scharte sich um den Pastor, der halb
wahnsinnig vor der brennenden Kirche stand. Plötzlich rief er: »Es muß
Brandstiftung sein!« -- Ein wütender Schrei antwortete ihm: »Jawohl!
Wer hat es getan?« -- »Das weiß ich nicht!« -- »Doch, ich weiß es«,
rief ein Schüler, dem Simbas Prügel noch in den Gliedern lagen. »Der
Schwarze! Der Sattler!«
Ein Schrei aus hundert Kehlen gab ihm Recht. Nun stürmten alle zu
Simba, um Rache zu nehmen. Aber man hatte sich überhaupt noch nicht um
sein Haus gekümmert -- nun war hier noch weniger zu retten als an der
Kirche. Das Sattlerhaus war in Flammen gehüllt. Von Grauen gepackt,
wich man zurück -- man wußte drei Menschen schliefen hinter diesen
Mauern.
Sie hatten sich nicht mehr gezeigt. Später wurden fürchterliche Dinge
erzählt. Der eine wollte durch das Fenster des brennenden Hauses den
Neger gesehen haben, wie er Weib und Kind umschlungen hielt und mit
glühenden Augen sang. Der andere behauptete sogar, die Worte seines
Gesanges verstanden zu haben, und gab sie wieder: »Wir sterben in
Flammen, wir sterben zusammen, wir aus dem Lande der Sonne! Tod ist
uns Wonne! Ich liebe dich, wie du bist! Hörst du es, Mörder Christ?«
Der das erzählte, war ein verkommenes Subjekt, ein armer Literat, der
sich endlich interessant machen wollte. Die Verse stammten sicherlich
von ihm; denn bei näherer Überlegung mußte man sich ja sagen, daß
Simba, wenn er überhaupt gesungen hatte, es sicherlich in seiner
Muttersprache getan, von der man ja doch kein Wort verstand. --
Das Ereignis der schauerlichen Nacht war, daß die Kirche von
Strelenwalde halb und das Sattlerhaus, in dem auch der Küster gewohnt
hatte, ganz verbrannt war. Der Küster selbst hatte das nackte Leben
retten können, aber es wurde bald bekannt, daß bei ihm unersetzliche
Dinge, zum Beispiel die ganze Bücherei der Kirche, vernichtet worden.
Simbas Verbrechen stand fest. Aber man hatte nichts von dieser
Feststellung, denn in dem Sattlerhause fand man nur verkohlte Leichen.
Es dämmerte den Strelenwaldern auch allmählich, daß sie ihrer
Niedertracht eine furchtbare Strafe verdankten. Zerknirscht umgaben
sie ihren gebeugten Seelsorger.
Zwei Wochen vergingen. Der Brandschutt war längst beseitigt, nur ein
paar hohle Mauerreste kündeten noch das Schreckliche, was geschehen.
Im Rathause wurde schon eifrig beraten, wie schnell und wie herrlich
das verlorene Gotteshaus wieder errichtet werden könnte. Reue
diktierte den Strelenwaldern eine nie dagewesene Freigebigkeit. --
An einem schönen Augusttage kam eine Frau auf dem Bahnhof an, klein,
blaß und voll unruhiger Erwartung. Sie eilte, ihr Handtäschchen
schwingend, direkt auf die verbrannte Kirche zu. An der Prutzschen
Konditorei kam sie vorbei, aber sie mied ihren Anblick. Berta ahnte
nicht, daß eine alte Frau am Fenster stand und ihr nachstarrte. ›Ist
das nicht --?‹, dachte Liese von Rotkraut eben, da war die kleine
Person schon um die Ecke.
Starr stand Berta vor der Brandruine. Eine redselige Obsthändlerin
gesellte sich zu ihr, die glücklich war, einer Fremden noch einmal
die ganze Schauergeschichte erzählen zu können. Berta hörte zu und
schwieg. Dann sagte sie mühsam: »Das ist ja schrecklich ... Davon
hatte ich garnichts gelesen ... Aber sagen Sie mal -- wenn auch die
Kirche gelitten hat -- die Bücher müssen doch noch da sein?«
»Was für Bücher meinen Sie?«
»Nun die, wo alles darin steht -- alle Geburten und alle Verstorbenen,
mein' ich -- alle Kinder, die in Strelenwalde zur Welt gekommen sind?«