VIERUNDZWANZIGSTES KAPITEL

Im Lokalanzeiger stand es: ›St. Petersburg. 5. Juli. Ein Streich

von Revolutionären, die kürzlich aus dem Newagefängnis entwichen

sind, bildet das allgemeine Gesprächsthema. Unter der Führung eines

Deutschen setzten die Männer nicht etwa ihre Flucht fort, sondern

blieben in der Stadt und zeigten sich bald offenkundig auf den

Straßen. Mit einer roten Fahne zogen sie umher, sogar am Winterpalais

vorbei, wo gegenwärtig der Zar wohnt, und sangen nihilistische Lieder.

Schließlich erfolgte die Verhaftung. Nach kurzem Prozeß wurden alle

Beteiligten, darunter auch der Deutsche namens Alfons Grunow, auf dem

Hof des Newagefängnisses erschossen.‹

Onkel Tübbeke saß in seinem Lehnstuhl und las diese Notiz immer

wieder. Er nickte mit dem weißen Kopf: »Ja, ja -- so mußte der Junge

enden. Gut, daß die Mutter es nicht mehr erlebt hat.«

Aber einen großen Zug hatte die Geschichte doch -- es ging da ein

bißchen anders zu als am Elisabethufer. Im Tode imponierte Alfons

seinem Onkel. Nun, Adolf Tübbeke hatte nicht so leben können. Jetzt

genoß er seine Pension, in der Belle-Alliance-Straße wohnte er, die

den großen Vorzug hatte, daß man mehr vom Berliner Leben zu sehen

bekam. Man hatte sogar zweimal jährlich die schönste Aussicht auf

die Parade, denn im Frühling und im Herbst führte der Kaiser die

Fahnenkompagnie dicht an Tübbeke vorbei.

Im übrigen war er ein einsamer Greis. Seufzend legte er die Zeitung

mit Alfons' Todesnachricht fort und humpelte zur Tür, denn es hatte

geklingelt. Er erwartete Berta Rietschel, die ihm nach Jahresfrist

wieder einmal geschrieben hatte. Jetzt regte ihn ihr Besuch nicht mehr

auf. Viktor Schwarz war erledigt, die Erbschaft auch und, es konnte

sich nur um einen freundschaftlichen Besuch handeln. Im stillen

hoffte er auch auf Bertas Freigebigkeit -- sie wußte ja, was ihm

schmeckte.

Hierin täuschte er sich nicht. Frau Rietschel brachte ihm eine Flasche

Gilka und eine Braunschweiger Cervelatwurst mit. Sie war doch eine

noble Person -- dabei hatte sie es auch nicht mehr so reichlich. Die

Zeiten waren durch den amerikanischen Börsenkrach schlecht, und die

kleinen Geschäftsleute kämpften erbittert gegen die Warenhäuser.

Außerdem zwei Schulkinder -- die kosteten schon etwas.

Berta selbst gefiel dem immer noch scharf blickenden Alten nicht. Sie

war bleich und aufgeschwemmt und sichtlich vernachlässigt. In ihren

ruhelosen Augen glomm ein Feuer, das Verderben kündete. ›Ob sie sich

noch immer nicht beruhigt hat?‹ dachte Onkel Tübbeke.

»Du wohnst hier hübsch, Onkel«, sagte Berta, die Hand auf das

schlagende Herz gedrückt. »Wenn ich ans Elisabethufer denke --«

»Na, dagegen brauchst du doch eigentlich nichts zu haben? Wenn du auch

'ne schwere Jugend hattest --«

»Alles, was verfahren an mir ist, das hängt mit meiner Jugend

zusammen! Ich habe solchen Haß auf meine Jugend, Onkel --«

»Aber wie kann man denn das?«

»Ich wünschte, ich hätte nie gesehen, was man vom Leben haben könnte,

und was einem von all den Bestien gestohlen wird!«

›Herrgott,‹ dachte Tübbeke, ›nun fängt sie wieder an.‹ Er versuchte

abzulenken. Aber die schreckliche Neuigkeit von Alfons Grunow hielt

er nicht für geeignet. Berta wäre womöglich selbst mit einer roten

Fahne durch Berlin gelaufen. Er brachte sie auf etwas Sicheres: »Warum

hast du denn die Kinder nicht mal mitgebracht? Ich hätte mich wirklich

darüber gefreut.«

Bertas Blick irrte umher: »Ach, mein Onkel. Das ist sehr nett von dir,

aber die Kinder konnte ich heute nicht brauchen. Oft kommt es mir

vor, als ob ich sie überhaupt nicht brauchen könnte --«

»Berta, Berta!«

»Na, ja! Was sind sie denn? Was tun sie denn? Wenn man sich darüber

klar wird -- sie wollen hundert Sachen von mir, Tag für Tag, aber von

meiner eigensten Angelegenheit wissen sie nichts, da stören sie mich

nur!«

»Was ist denn das -- deine eigenste Angelegenheit?«

»Das fragst du noch, Onkel? Selbstverständlich, daß ich als Tochter

von Justizrat Schwarz anerkannt werde!«

Frau Rietschel das Kind · 第 94 / 97 题