Im Lokalanzeiger stand es: ›St. Petersburg. 5. Juli. Ein Streich
von Revolutionären, die kürzlich aus dem Newagefängnis entwichen
sind, bildet das allgemeine Gesprächsthema. Unter der Führung eines
Deutschen setzten die Männer nicht etwa ihre Flucht fort, sondern
blieben in der Stadt und zeigten sich bald offenkundig auf den
Straßen. Mit einer roten Fahne zogen sie umher, sogar am Winterpalais
vorbei, wo gegenwärtig der Zar wohnt, und sangen nihilistische Lieder.
Schließlich erfolgte die Verhaftung. Nach kurzem Prozeß wurden alle
Beteiligten, darunter auch der Deutsche namens Alfons Grunow, auf dem
Hof des Newagefängnisses erschossen.‹
Onkel Tübbeke saß in seinem Lehnstuhl und las diese Notiz immer
wieder. Er nickte mit dem weißen Kopf: »Ja, ja -- so mußte der Junge
enden. Gut, daß die Mutter es nicht mehr erlebt hat.«
Aber einen großen Zug hatte die Geschichte doch -- es ging da ein
bißchen anders zu als am Elisabethufer. Im Tode imponierte Alfons
seinem Onkel. Nun, Adolf Tübbeke hatte nicht so leben können. Jetzt
genoß er seine Pension, in der Belle-Alliance-Straße wohnte er, die
den großen Vorzug hatte, daß man mehr vom Berliner Leben zu sehen
bekam. Man hatte sogar zweimal jährlich die schönste Aussicht auf
die Parade, denn im Frühling und im Herbst führte der Kaiser die
Fahnenkompagnie dicht an Tübbeke vorbei.
Im übrigen war er ein einsamer Greis. Seufzend legte er die Zeitung
mit Alfons' Todesnachricht fort und humpelte zur Tür, denn es hatte
geklingelt. Er erwartete Berta Rietschel, die ihm nach Jahresfrist
wieder einmal geschrieben hatte. Jetzt regte ihn ihr Besuch nicht mehr
auf. Viktor Schwarz war erledigt, die Erbschaft auch und, es konnte
sich nur um einen freundschaftlichen Besuch handeln. Im stillen
hoffte er auch auf Bertas Freigebigkeit -- sie wußte ja, was ihm
schmeckte.
Hierin täuschte er sich nicht. Frau Rietschel brachte ihm eine Flasche
Gilka und eine Braunschweiger Cervelatwurst mit. Sie war doch eine
noble Person -- dabei hatte sie es auch nicht mehr so reichlich. Die
Zeiten waren durch den amerikanischen Börsenkrach schlecht, und die
kleinen Geschäftsleute kämpften erbittert gegen die Warenhäuser.
Außerdem zwei Schulkinder -- die kosteten schon etwas.
Berta selbst gefiel dem immer noch scharf blickenden Alten nicht. Sie
war bleich und aufgeschwemmt und sichtlich vernachlässigt. In ihren
ruhelosen Augen glomm ein Feuer, das Verderben kündete. ›Ob sie sich
noch immer nicht beruhigt hat?‹ dachte Onkel Tübbeke.
»Du wohnst hier hübsch, Onkel«, sagte Berta, die Hand auf das
schlagende Herz gedrückt. »Wenn ich ans Elisabethufer denke --«
»Na, dagegen brauchst du doch eigentlich nichts zu haben? Wenn du auch
'ne schwere Jugend hattest --«
»Alles, was verfahren an mir ist, das hängt mit meiner Jugend
zusammen! Ich habe solchen Haß auf meine Jugend, Onkel --«
»Aber wie kann man denn das?«
»Ich wünschte, ich hätte nie gesehen, was man vom Leben haben könnte,
und was einem von all den Bestien gestohlen wird!«
›Herrgott,‹ dachte Tübbeke, ›nun fängt sie wieder an.‹ Er versuchte
abzulenken. Aber die schreckliche Neuigkeit von Alfons Grunow hielt
er nicht für geeignet. Berta wäre womöglich selbst mit einer roten
Fahne durch Berlin gelaufen. Er brachte sie auf etwas Sicheres: »Warum
hast du denn die Kinder nicht mal mitgebracht? Ich hätte mich wirklich
darüber gefreut.«
Bertas Blick irrte umher: »Ach, mein Onkel. Das ist sehr nett von dir,
aber die Kinder konnte ich heute nicht brauchen. Oft kommt es mir
vor, als ob ich sie überhaupt nicht brauchen könnte --«
»Berta, Berta!«
»Na, ja! Was sind sie denn? Was tun sie denn? Wenn man sich darüber
klar wird -- sie wollen hundert Sachen von mir, Tag für Tag, aber von
meiner eigensten Angelegenheit wissen sie nichts, da stören sie mich
nur!«
»Was ist denn das -- deine eigenste Angelegenheit?«
»Das fragst du noch, Onkel? Selbstverständlich, daß ich als Tochter
von Justizrat Schwarz anerkannt werde!«