Ihr sehr ergebener

Alexander II,

Justizrat und Notar.‹

Berta blickte wie ein verwirrtes Hündchen umher. Hilflos suchte sie

Erkenntnis und Gerechtigkeit. Halb unbewußt ging sie zu den anderen

Testamentsvollstreckern. Universitätsprofessor Stieglitz, ein altes

Männchen, empfing sie, aber er stand auf einer hohen Leiter in seiner

Bibliothek. Einmal drehte er sich nach Berta um, ganz schnell, um das

Gleichgewicht nicht zu verlieren -- dann kramte er in seinen Büchern

weiter. Bertas Mitteilungen interessierten ihn nicht. Das einzige,

was er schließlich erwiderte, war »Plautus!« Mit diesem Ruf zog er

vergnügt einen versteckten Band heraus. Berta wartete noch eine Weile

-- dann warf sie in heftiger Eingebung einen Stuhl um und verließ

den Herrn Professor. Sie hörte noch deutlich zwei Worte hinter sich:

»Gans!« und »Kapitol!«

Von Professor Stieglitz lief sie zu Bankdirektor Markbreiter. »Leider

in New York«, war der Bescheid. Dahin konnte sie nun freilich nicht.

Aber sie schöpfte Hoffnung, dafür den Kommerzienrat Rosenthal zu

erwischen. Hier nannte ihr ein unvorsichtiger Diener die Sprechstunde

seines Herrn. Jede reale Angabe war für Berta jetzt ein Schatz.

Viermal kam sie wieder, viermal ließ sie sich fortschicken. Beim

fünftenmal nahm sie Rietschels Rassiermesser mit, aber sie zückte es

nicht, als der Diener wieder »Nicht zu sprechen« antwortete. Draußen,

vor der Villa, stand ein Schutzmann -- das schreckte sie ab.

Sie stürzte davon und schrieb auf der Post einen Brief voll

Beleidigungen. Zum Glück verwechselte sie bei der Adresse Rosenthal

mit Lilienthal und vergaß die Hausnummer. So ging der Brief verloren.

Rietschel hatte einen Kummer weniger. Als Berta aber eines Tages einem

Kunden Füllfederhalter vorlegte, trat sie plötzlich zurück, schlug

sich mit der flachen Hand vor die Stirn und lief aus dem Laden. Dem

verblüfften Käufer grauste es -- bei Johann Peter Rietschel hatte er

eine andere Bedienung erwartet.

Berta aber stürmte, wie sie war, auf ein Automobil zu und ließ

sich nach der Königsallee fahren. Heute hatte sie Glück. Als sie

eben das Schwarzsche Grundstück betrat, kam ihr Gusti Bernhardi

entgegen. Entschlüpfen war nicht möglich. Die erfahrene Wienerin

sah auch sofort, daß sie eine Besessene vor sich hatte. Sie wollte

Berta vor allem beruhigen und empfing sie deshalb mit bezwingender

Liebenswürdigkeit. Rasch nahm sie ihren Arm und führte sie in das Haus.

»Das ist aber reizend, daß du dich endlich meiner erinnerst«, sagte

sie mit ihrem hübschen Lächeln, das links und rechts einen Goldzahn

zeigte.

»Ich habe oft an dich gedacht«, stieß Berta tonlos hervor.

Sie saßen nun in dem Zimmer, wo Berta einst dem kranken Justizrat

gegenüber gesessen. -- »War das nicht sein Schlafzimmer?« fragte sie.

»Ach, du warst schon einmal hier? Ja, ja -- das war sein

Schlafzimmer, aber da es so schön zum Garten hinaus liegt, hab' ich es

zu meinem Zimmer gemacht.«

Frau Rietschel das Kind · 第 90 / 97 题