Da leuchtete es noch einmal in Bertas Augen: »Das tu' ich auch!« --

Sie kannte in der Zimmerstraße einen Kunden ihres Mannes, den

Rechtsanwalt Albin Fuchs-Trota, den sie für sehr gescheit hielt.

Keinesfalls wollte sie heute nach Hause, ohne bei diesem Mann gewesen

zu sein. Rietschel wartete auf sie -- sie mußte ihm unbedingt ein

positives Ergebnis mitbringen.

So besuchte sie noch Albin Fuchs-Trota. Der kleine, kurzatmige Mann

war kühl und skeptisch, bevor er den Namen des Erblassers wußte.

Sobald er aber hörte, daß es sich um Viktor Schwarz handelte,

leuchtete es in seinen Äuglein auf und er rief: »Mein alter

politischer Gegner? Tot ist er jetzt, Gott sei Dank, aber nun wird man

ihm noch eins aufs Protzengrab versetzen! Da kommt mir Ihre Sache sehr

gelegen, liebe Frau Rietschel! Lassen Sie mir bitte freie Hand!«

Berta griff tastend nach jeder Hoffnung: »Glauben Sie denn, daß noch

was zu machen ist, Herr Rechtsanwalt?«

»In moralischer Beziehung unbedingt! Praktisch, da muß ich mich erst

mal über die Rechtslage informieren! Jedenfalls gibt es einen famosen

publizistischen Kampf! Mit seiner ganzen Clique!«

»Mir liegt natürlich bloß daran, endlich als seine Tochter anerkannt

zu sein.«

»Eins mit dem andern, liebe Frau! Wir werden ja sehen!« --

Was Berta dann sah, war wenig und wurde immer weniger. In einem

Skandalblatt begannen Artikel zu erscheinen, deren anonymer Verfasser

Fuchs-Trota war. Sie wühlten das ganze Leben des verstorbenen

Justizrates auf. Unsaubere Hände waren am Werk, eine Säule der

Gesellschaft noch nachträglich ins Wackeln zu bringen. Als Haupttrumpf

mußte schließlich das Kind eines sehr unmoralischen Verhältnisses

herhalten. Wer gemeint war, wurde immer durchsichtiger. Es kam dazu,

daß man Rietschel daraufhin ansprach und ihm zu verstehen gab, daß

er einschreiten müsse, sonst würde sich die ganze Kundschaft von ihm

zurückziehen. Rietschel war außer sich, aber er durfte Bertas Nerven

gegenüber nicht zu weit gehen. Seinen wirklichen Vorwurf hielt er

zurück. Er ahnte, wie die Enttäuschung sie erschütterte.

Als er eben damit umging, Fuchs-Trota persönlich um das Ende des

schmählichen Feldzuges zu bitten, hörte er schon von selbst auf. Eine

neue »Affäre« erschien, und man brauchte andere Artikel. Es wurde

wieder still um Berta. Sie wandte sich an keinen Rechtsanwalt mehr --

sie haßte jetzt Rechtsanwälte. Aber die Testamentsvollstrecker nahm

sie noch aufs Korn. An Justizrat Alexander II schrieb sie einen langen

Brief, der dem fremden Manne ihr ganzes Leben schilderte. Antwort kam,

aber es fror Berta bei diesen abgewogenen Worten. Ein Vielgewandter

dankte ihr verbindlich für ihre ausführlichen Mitteilungen, die ihn

~sehr~ interessiert hätten, allerdings nur in rein menschlicher

Hinsicht; denn rechtlich sähe er keinen Weg, ihr irgendwie nützlich

zu sein. Selbst wenn Bertas Behauptung, eine uneheliche Tochter

des Entschlafenen zu sein, zuträfe, selbst dann wäre ja jedem

gesetzlichen Anspruch vollauf Genüge geschehen. ›Wenn Ihnen auch an

meiner persönlichen Ansicht gelegen sein sollte,‹ schloß der Justizrat

sein Skriptum, ›so gebe ich gern zu, daß wir in puncto Legitimität

noch immer in recht besserungsbedürftigen Zuständen leben. Noch

fehlt uns das Gesetz, das im höchsten Sinne Gerechtigkeit schafft.

Sicherlich ist die Frau hier gegen den Mann benachteiligt. Unsere

Kindeskinder werden vielleicht ein solches Gesetz genießen, wir aber,

wie gesagt, wir haben es noch nicht, und es bleibt uns nichts anderes

übrig, als uns den bestehenden Verfügungen zu unterwerfen. Dies möchte

ich auch Ihnen, sehr geehrte Frau Rietschel, dringend empfehlen, in

Ihrem eigenen Interesse und in dem Ihrer Angehörigen, denn von jeher

ist der Schwache, der gegen die Mauer des Starken anrennen wollte,

zerschellt.

Frau Rietschel das Kind · 第 88 / 97 题