Berta ging zum Fenster und starrte hinaus. --

»Nein, Peter,« sagte sie nach einer Weile -- »Du siehst die Sache

nicht richtig. Ich weiß es ganz genau. Was er im Leben nicht konnte,

das war ihm im Tode möglich -- oder vielmehr in seinem letzten

Willen, wovon ja bis jetzt kein Mensch was weiß. Da kommt die große

Überraschung. Denn ich will dir sagen, was die Hauptsache ist: Er

hat es ~gebraucht~. So weit kannte ich ihn auch. Der Mann war

nie glücklich, weil er ~mir~ gegenüber ein schlechtes Gewissen

hatte. Das wußte ich, und darum blieb ich hinter ihm her. Ich sage

dir, es war nicht vergebens, daß ich ihm nicht von der Pelle ging. Ein

Erbschleicher war ich darum nicht -- darf man die eigene Tochter so

nennen?! Ich wollte nur erreichen, daß er mich nicht vergißt, und das

habe ich erreicht. Du wirst sehen -- ganz zuletzt hat er noch Frieden

mit mir gemacht. Der Mann war ja so klotzig reich -- was lag ihm denn

daran, mich mit hunderttausend Mark 'reinzusetzen?«

»Man sachte, sachte«, sagte Rietschel, den Kopf schüttelnd.

»Hunderttausend Mark -- das ist leicht gesagt. Mich soll's wundern,

wenn es tausend sind ...«

»Willst du mir schon wieder den Mut nehmen?«

»Nein, Kind, ich weiß ja, du meinst es gut. Du denkst an die Kinder.

Aber Geld allein macht nicht glücklich --«

»Man muß es auch haben!« -- Scharf auflachend verließ Berta das

Zimmer. Er kam nicht weiter mit ihr. --

In den nächsten Tagen studierte sie mit fieberhafter Spannung alle

Zeitungen. Doch was sie suchte, fand sie nicht. Immer wieder standen

Nachrufe darin -- ein Dutzend Aktiengesellschaften ehrten ihren

verstorbenen Aufsichtsrat, viele Vereine und Stiftungen priesen den

verblichenen Wohltäter -- nur die einfache Anzeige der Familie fehlte.

Die mußte ja Ort und Stunde des Begräbnisses mitteilen.

Abends sagte Berta zu Rietschel: »Eine Bitte mußt du mir erfüllen,

Peter!« -- Er zuckte zusammen: »Erst sage, was es ist.«

»Du wirst es mir nicht abschlagen. Ich rate dir, tu's nicht. Ich

möchte mit dir zu der Beerdigung gehen --«

»Berta!«

»Doch, Peter! Das ist die einzige Gelegenheit, wo ich mal alle

beisammen sehen kann! Die Leute, zu denen ich ja auch gehöre! Ich bin

doch eigentlich die Hauptperson!«

»Das ist ja peinlich, Berta. Was soll ich denn da? Ich kenn' doch

keinen Menschen, und wo bloß die Neugierigen stehen, da willst du doch

nicht bleiben --«

»Sicher nicht! Ich stell' mich in die vorderste Reihe! Dicht an den

Sarg!«

»Da haben wir's! Womöglich noch in Schwarz und mit 'n langen Schleier?«

»Was denn sonst? Ich weiß, was sich gehört!«

»Also -- Berta -- wann wirst du endlich Vernunft annehmen?«

»Du hast es mir versprochen!«

»Ich -- --«

»Du hast es mir versprochen!« --

Berta blieb bis zum nächsten Morgen in einer geradezu glücklichen

Spannung. Sie versprach sich alles mögliche von dem Begräbnis. Als sie

aber in die Zeitung blickte, wich die Farbe wieder aus ihrem Gesicht

-- zusammenknickend stand sie vor Rietschel.

»Na, was ist denn? Steht was drin?«

Sie antwortete nicht. Nun las er die Anzeige der Familie:

›Am 5. Mai verschied nach langem Leiden unser lieber Vetter, Onkel

und Schwager, Herr Justizrat Viktor Schwarz, Ritter hoher Orden. Im

Sinne des teuren Entschlafenen hat das Begräbnis bereits in aller

Stille stattgefunden.

Frau Rietschel das Kind · 第 82 / 97 题