»Sie wird ein hübsches, aber ein trauriges Ding«, sagte Fräulein
Milchner, die Lehrerin.
»Ja, ja.« -- Frau Grunow stimmte düster bei. -- »Sie ist 'ne
Zimmerpflanze. Übrigens, hoffen tu' ich doch drauf, daß sie mal einen
findet. Es gibt doch Männer, zu denen so was paßt. Außerdem hat sie's
in sich. Das Blut von die Mutter -- Sie können sich schon denken.
Tanzen tut sie wie der Deibel.«
»Ein Fehltritt wäre jedenfalls zu bedauern«, meinte Fräulein Milchner.
»Leider bietet sich ja die Versuchung in Berlin auf Schritt und
Tritt.« --
Fräulein Milchner hatte recht, aber Berta wußte es noch besser. Sie
war nun achtzehn Jahre alt und steckte schon in der kleinen Welt,
die aus der großen Freude und Inhalt sog. Lange war sie von ihren
geheimen Kämpfen umdüstert geblieben und schlich unbeachtet zwischen
den Kameradinnen der Handelsschule. Sie wollte nicht gefallen. Immer
trug sie seit dem Tage in Strelenwalde die scharfe Brille, und wenn
sie ihre kleine Gestalt im Spiegel betrachtete, glaubte sie ernstlich
an einen Buckel. Gezeichnet war sie, wie das arme Fräulein in der
Konditorei. Sie trug es nur schwerer und tiefer -- sie hatte die Last
im Gemüt.
So sah sie es in trüber Verachtung mit an, wie die Mädchen um sie her
erhaschten, was auf dem ungeheuren Markt erreichbar war. Man hatte sie
gern, weil man sie für sehr anständig hielt, man bedauerte sie auch,
aber es fand sich keine Freundin zu Berta. Der Arbeitstag war lang,
der freie Abend des Genusses kurz. -- Niemand wollte sich von einer
›Unbegabten‹ aufhalten lassen.
Aber man tat ihr unrecht. Sie verkannte ihn nicht, den Tanz der
Motten um das große Licht. Eigentlich spürte auch sie da drüben ein
Vergessen, die Entschädigung für alles, was an ihr gesündigt worden.
Aber eine Überzeugung, die sie nirgends aussprach, hielt sie auf dem
reinen, dunklen Wege. Gerade die Rechtlosigkeit gab ihr den Mut, das
Recht zu suchen. Erst wenn sie es hatte, glaubte sie leben zu dürfen.
So störte und kränkte sie es fast, als das männliche Geschlecht
nicht ihrer Meinung blieb, daß sie eine Mißratene war. Trotz ihrer
Brille wurde sie immer wieder betrachtet, und es kamen deutliche
Zeichen, daß sie mehr gefiel als lebenslustige Kameradinnen. Ihr
voller Mädchenmund, der nach dem ersten Kuß zu dürsten schien, lockte.
Die Energie ihrer Züge und die dunklen, etwas krankhaften Augen
versprachen mehr als Dutzendmädchen. Sie trug ein Zeichen, von dem sie
noch nichts gewußt: sie war ein Kind der Liebe.
Als sie ihre Wirkung auf das andere Geschlecht spürte, wurden ihre
Wege zur Flucht. Kopfschüttelnd sah man sie mit finsterm Blick
vorbeistolpern. Sie galt bei den Mädchen für etwas verrückt. Der
Teufel in der männlichen Jugend aber beschloß eben, eine Hetze auf sie
zu veranstalten, als die Rettung von einer lichten Stelle kam, die
Berta noch gar nicht gesehen hatte. Sie lebte aber schon lange in ihr
-- ihr ratloses Gemüt wurde für die Kunst empfänglich.
Alfons Grunow verhalf ihr endlich zu einem wirklichen Trost. Er
sah zwar auch in der Kunst nur Tendenz -- er war Mitglied eines
sozialdemokratischen Volksbühnenvereins und ließ sich von der Bühne
predigen. Doch Berta empfand ›Kabale und Liebe‹ ganz anders als er. --
Auch ›Die Weber‹ rührten sie tief und wühlten mehr ihre Verlassenheit
auf, als daß sie die Anklage des Kapitalismus hörte. Bei der Musik
aber ließ Alfons, ihr Begleiter, sie noch mehr allein. Sie wußte
keinen Wunsch zu äußern, und so führte er sie dorthin, wo es ihm
gefiel. Zum Glück handelte es sich auch um die populären Konzerte
in der Philharmonie, zuweilen sogar um Richard-Wagner-Abende. Hier
konnte man rauchen und Bier trinken -- Alfons spendierte Berta einen
Heringssalat. Sie wurde aber von dem gemischten Programm verwirrt.
Gern hätte sie einmal mehr von einem gewissen Beethoven gehört. Doch
Alfons fuhr ihr über den Mund und achtete nur auf Ouvertüren und
Solistenstücke.
Immerhin, es war ein Tappen in besserer Luft. Versöhnung kam mit
dunklen Leiden, Begegnung mit hohen Gefühlen. Berta ließ zu Alfons'
Arger immer ihr Bier stehen, da sie wirklich zuhörte. Sie liebte auch
allmählich die Menschen mehr, da sie ihre musikalische Andacht sah.
Irgendwo mußte auch sie noch geliebt werden. Vater und Mutter konnten
nicht ganz fern sein. Wie edle Schemen zogen sie im Rausch der Töne
vorbei.
Mit einem jungen Mann, der in der Philharmonie neben ihr saß, kam
sie eines Abends ins Gespräch. Er hatte blondes Haar und eine kühne
Nase -- seine blauen Augen leuchteten. Berta fand ihn schön -- zum
erstenmal stellte sie das bei einem Manne fest. Er sprach zwar einen
drolligen Dialekt, aber er überraschte sie durch die freimütigsten
Äußerungen. Alfons hörte nicht zu. Der junge Mann hatte vermutlich
keine politischen Interessen -- außerdem war er ihm zu bürgerlich.
Berta aber staunte über die musikalischen Kenntnisse des Fremden. Da
der Zigarrenrauch ihr beizend in die Augen stieg, nahm sie plötzlich
die Brille ab. Da sah ihr Nachbar sie ganz betroffen an und sagte:
»Lasse Sie doch bitt' scheen die Brill' da drunte, Frailein. Jetzt
sieht man ja erscht, was für scheene Auge Sie habe.«
Berta wurde sehr rot und erwiderte lächelnd: »Ich bin aber schrecklich
kurzsichtig. Ich bin halb blind ohne Glas -- besonders auf der Straße.«
Da sagte er mit einem Ausdruck, dessen Anmut sie nie vergaß: »Lieber
möcht' ich Sie für immer fihre, als jemals wieder die abscheuliche
Brill' auf Ihrem Gesicht sehe.«
Berta zitterte, sie hätte ihren Kopf auf seine schmalen Hände legen
mögen. Nun wechselten sie kein Wort mehr. Nach dem Konzert empfahl
sich der junge Mann. Berta fühlte, daß sie ihn nicht wiedersehen
würde. Aber von nun an trug sie keine Brille mehr. Heimlich kaufte
sie sich ein Lorgnon mit langem Stil, wie Onkel Tübbeke es ihr schon
angeboten hatte. Man spottete über sie, aber sie kümmerte sich nicht
darum.
Bei dem Jubiläum der Handelsschule sollte ein Festakt mit lebenden
Bildern aufgeführt werden. Lehrer Hupfer, der Dichter des Spieles,
wählte die Schönheiten unter den Schülerinnen aus. Berta dachte
keineswegs in Betracht zu kommen, aber sie drückte sich für alle
Fälle in die letzte Reihe, um nicht beachtet zu werden. Ein seltsamer
Schreck befiel sie aber, als der scharf blickende Herr Hupfer rief
»Bitte, Fräulein Prutz, warum verkrümeln Sie sich? Man immer 'ran zum
Dienst der guten Sache! Wir brauchen schöne Figuren -- das ist die
Hauptsache! Sie sind zwar eine ~kleine~ Tanne, aber eine Tanne
sind Sie doch, eine richtige Edeltanne!«
Unter gutmütigem Gelächter wurde die Verlegene hervorgezogen. Sie
mußte eine Elfe von des Dichters Gnaden übernehmen. Das hatte sie nie
für möglich gehalten. Sie machte aber ihre Sache bei der Aufführung so
gut, daß der eigentliche Erfolg des Abends ihr zufiel.
Diese Erfahrung stärkte ihr Selbstbewußtsein mehr als alles andere.
Der Ernst ihrer sehnsüchtigen Vereinsamung war nicht von ihr genommen,
aber er verband sich jetzt mit der Koketterie eines Mädchens, das
von seiner Anziehungskraft wußte. Oft wurde Berta auf der Straße
nun angesprochen, aber sie haßte solche Angriffe unter dem Mantel
der Dunkelheit -- jeder Mann, der so vorging, erschien ihr feig und
gewöhnlich. Sie hörte auf keinen -- trotzig schritt sie weiter.
Freilich waren die meisten Mädchen anderer Art. Man dachte ans
Vergnügen, nicht an Sitte. Wer sich abkehrte, versäumte seine
Jugend. Berta erkannte nun erst, da sie selbst mitzählte, die naive
Verderbtheit ihrer Kameradinnen. Alles lebte um sie her in eitler
Hast, im Nichtversäumenwollen. An den Hafen der Ehe glaubte man
nicht, und wenn es dazu kam, glich es dem Abschied von der goldenen
Freiheit. Man kroch unters Joch, um ›versorgt‹ zu sein.
Berta hatte sich die arbeitenden Frauen anders vorgestellt. Ein ödes
Tagespensum wurde für den abendlichen Genuß erledigt. Sie ließ sich
allmählich mitziehen, stutzte aber noch vor wirklicher Gefahr. Es
geschahen schlimme Dinge um sie her -- ein frisches, junges Ding starb
an Abtreibung, und ein anderes kam als Kindesmörderin vor Gericht.
Zum erstenmal wurde Berta vom Grauen gepackt, jetzt sah sie die
eigentliche Gewalt des Lebens. Ihre Sehnsucht nach Vater und Mutter
verblaßte dagegen. Es gab eine Rechtlosigkeit, die viel vernichtender
war.
So kam sie zu einer ernsten und kritischen Betrachtung ihrer
Freundinnen, aber man ließ es ihr nicht durchgehen. Sie sollte auch
ihren Tribut an den großen Moloch zahlen. Am empfindlichsten wurden
die Berliner Mädchen, wenn eine Kameradin sich für etwas ›Besseres‹
hielt. So schleppte man Berta mit Absicht zum Sonntagsbummel Unter den
Linden und in den Zoologischen Garten mit. Man belehrte sie, daß ein
Radrennen in Friedenau das höchste Vergnügen sei. Aber noch gelang es
nicht, was die Intrigantinnen wollten. Berta ging zwar mit und gab
nichts nach, wenn man bei den nächtlichen Heimfahrten fidel war, sang
und lärmte. Auch sie schritt am Arm eines Jünglings, den sie wenig
kannte, aber ihr Sonntag schloß immer in nüchterner Sichtbarkeit, und
es blieb zweifelhaft, ob sie einen Kuß bekommen.
Man ärgerte sich über sie. Da, eines Abends auf der Wannseebahn,
schien sich das Blättchen zu wenden. Man hatte beim ›Schwof‹ in
Schlachtensee Herrn Sonnenschein getroffen, für den die Mädchen der
Handelsschule eine verliebte Ehrfurcht empfanden. Sie wußten alle, daß
bei ihm die berufliche Zukunft war, denn er erbte einst das größte
Konfektionsgeschäft Berlins. Sonnenschein junior ging als Sardanapal
durch das großstädtische Leben. Er suchte sich aus, was ihm dienen
sollte, und jede war durch seine Wahl beglückt. Leutselig hatte er
sich heute zwischen den Sonntagstänzerinnen in Schlachtensee bewegt.
Er flog auf Berta Prutz.
Sie tanzte immer wieder mit ihm -- sie schien endlich Feuer zu fangen.
Hier kam sie nicht so schnell davon -- das hatte man vorausgesehen.
Auf dem Heimwege nach Berlin wich Herr Sonnenschein nicht von Bertas
Seite. Aber man wurde nicht neidisch, denn man war ja selbst versorgt,
so gut und bescheiden, wie es sich für ein billiges Sonntagsverhältnis
gehörte. Neugierig aber beobachtete man das interessante Paar. In
Berlin konnte Berta diesmal nicht entschlüpfen -- sonst kannte man
schon ihr schnippisches ›Gute Nacht!‹ Gehorsam wanderte sie neben
Herrn Sonnenschein durch die dunkle Bellevuestraße. Kichernd stoben
die anderen auseinander.
»Fräulein, ich bin für Tempo«, sagte schließlich der junge Herr. »Ich
denke, Sie wissen, wer ich bin, und ich weiß schon vollkommen, wer Sie
sind.«
»Ich glaube, davon wissen Sie sehr wenig.« -- Berta sagte diese Worte
nicht schroff oder scharf, sondern mit einer stillen Traurigkeit.
Herr Sonnenschein hatte schöne, dunkle Augen. Teilnehmend sah er Berta
an: »Ich verstehe Sie. Sie haben mir ja schon erzählt, Sie sind eine
arme Waise, Sie müssen sich Ihr Brot verdienen. Und ich -- sehn Sie
mal, ich mache mich wahrhaftig nicht besser, als ich bin. Ich lebe
auch unter dem Zwang der Verhältnisse. Als Millionär ist man durchaus
nicht besser dran, eher schlechter, denn ich habe keinen freien
Willen, ich kann nicht, wie Sie, sagen: So lebe ich, und anders nicht.
Ich habe für eine große Firma einzustehen. Ich werde leider auch mal
heiraten müssen im Interesse der Firma.«