SECHZEHNTES KAPITEL

»Sie wird ein hübsches, aber ein trauriges Ding«, sagte Fräulein

Milchner, die Lehrerin.

»Ja, ja.« -- Frau Grunow stimmte düster bei. -- »Sie ist 'ne

Zimmerpflanze. Übrigens, hoffen tu' ich doch drauf, daß sie mal einen

findet. Es gibt doch Männer, zu denen so was paßt. Außerdem hat sie's

in sich. Das Blut von die Mutter -- Sie können sich schon denken.

Tanzen tut sie wie der Deibel.«

»Ein Fehltritt wäre jedenfalls zu bedauern«, meinte Fräulein Milchner.

»Leider bietet sich ja die Versuchung in Berlin auf Schritt und

Tritt.« --

Fräulein Milchner hatte recht, aber Berta wußte es noch besser. Sie

war nun achtzehn Jahre alt und steckte schon in der kleinen Welt,

die aus der großen Freude und Inhalt sog. Lange war sie von ihren

geheimen Kämpfen umdüstert geblieben und schlich unbeachtet zwischen

den Kameradinnen der Handelsschule. Sie wollte nicht gefallen. Immer

trug sie seit dem Tage in Strelenwalde die scharfe Brille, und wenn

sie ihre kleine Gestalt im Spiegel betrachtete, glaubte sie ernstlich

an einen Buckel. Gezeichnet war sie, wie das arme Fräulein in der

Konditorei. Sie trug es nur schwerer und tiefer -- sie hatte die Last

im Gemüt.

So sah sie es in trüber Verachtung mit an, wie die Mädchen um sie her

erhaschten, was auf dem ungeheuren Markt erreichbar war. Man hatte sie

gern, weil man sie für sehr anständig hielt, man bedauerte sie auch,

aber es fand sich keine Freundin zu Berta. Der Arbeitstag war lang,

der freie Abend des Genusses kurz. -- Niemand wollte sich von einer

›Unbegabten‹ aufhalten lassen.

Aber man tat ihr unrecht. Sie verkannte ihn nicht, den Tanz der

Motten um das große Licht. Eigentlich spürte auch sie da drüben ein

Vergessen, die Entschädigung für alles, was an ihr gesündigt worden.

Aber eine Überzeugung, die sie nirgends aussprach, hielt sie auf dem

reinen, dunklen Wege. Gerade die Rechtlosigkeit gab ihr den Mut, das

Recht zu suchen. Erst wenn sie es hatte, glaubte sie leben zu dürfen.

So störte und kränkte sie es fast, als das männliche Geschlecht

nicht ihrer Meinung blieb, daß sie eine Mißratene war. Trotz ihrer

Brille wurde sie immer wieder betrachtet, und es kamen deutliche

Zeichen, daß sie mehr gefiel als lebenslustige Kameradinnen. Ihr

voller Mädchenmund, der nach dem ersten Kuß zu dürsten schien, lockte.

Die Energie ihrer Züge und die dunklen, etwas krankhaften Augen

versprachen mehr als Dutzendmädchen. Sie trug ein Zeichen, von dem sie

noch nichts gewußt: sie war ein Kind der Liebe.

Als sie ihre Wirkung auf das andere Geschlecht spürte, wurden ihre

Wege zur Flucht. Kopfschüttelnd sah man sie mit finsterm Blick

vorbeistolpern. Sie galt bei den Mädchen für etwas verrückt. Der

Teufel in der männlichen Jugend aber beschloß eben, eine Hetze auf sie

zu veranstalten, als die Rettung von einer lichten Stelle kam, die

Berta noch gar nicht gesehen hatte. Sie lebte aber schon lange in ihr

-- ihr ratloses Gemüt wurde für die Kunst empfänglich.

Alfons Grunow verhalf ihr endlich zu einem wirklichen Trost. Er

sah zwar auch in der Kunst nur Tendenz -- er war Mitglied eines

sozialdemokratischen Volksbühnenvereins und ließ sich von der Bühne

predigen. Doch Berta empfand ›Kabale und Liebe‹ ganz anders als er. --

Auch ›Die Weber‹ rührten sie tief und wühlten mehr ihre Verlassenheit

auf, als daß sie die Anklage des Kapitalismus hörte. Bei der Musik

aber ließ Alfons, ihr Begleiter, sie noch mehr allein. Sie wußte

keinen Wunsch zu äußern, und so führte er sie dorthin, wo es ihm

gefiel. Zum Glück handelte es sich auch um die populären Konzerte

in der Philharmonie, zuweilen sogar um Richard-Wagner-Abende. Hier

konnte man rauchen und Bier trinken -- Alfons spendierte Berta einen

Heringssalat. Sie wurde aber von dem gemischten Programm verwirrt.

Gern hätte sie einmal mehr von einem gewissen Beethoven gehört. Doch

Alfons fuhr ihr über den Mund und achtete nur auf Ouvertüren und

Solistenstücke.

Immerhin, es war ein Tappen in besserer Luft. Versöhnung kam mit

dunklen Leiden, Begegnung mit hohen Gefühlen. Berta ließ zu Alfons'

Arger immer ihr Bier stehen, da sie wirklich zuhörte. Sie liebte auch

allmählich die Menschen mehr, da sie ihre musikalische Andacht sah.

Irgendwo mußte auch sie noch geliebt werden. Vater und Mutter konnten

nicht ganz fern sein. Wie edle Schemen zogen sie im Rausch der Töne

vorbei.

Mit einem jungen Mann, der in der Philharmonie neben ihr saß, kam

sie eines Abends ins Gespräch. Er hatte blondes Haar und eine kühne

Nase -- seine blauen Augen leuchteten. Berta fand ihn schön -- zum

erstenmal stellte sie das bei einem Manne fest. Er sprach zwar einen

drolligen Dialekt, aber er überraschte sie durch die freimütigsten

Äußerungen. Alfons hörte nicht zu. Der junge Mann hatte vermutlich

keine politischen Interessen -- außerdem war er ihm zu bürgerlich.

Berta aber staunte über die musikalischen Kenntnisse des Fremden. Da

der Zigarrenrauch ihr beizend in die Augen stieg, nahm sie plötzlich

die Brille ab. Da sah ihr Nachbar sie ganz betroffen an und sagte:

»Lasse Sie doch bitt' scheen die Brill' da drunte, Frailein. Jetzt

sieht man ja erscht, was für scheene Auge Sie habe.«

Berta wurde sehr rot und erwiderte lächelnd: »Ich bin aber schrecklich

kurzsichtig. Ich bin halb blind ohne Glas -- besonders auf der Straße.«

Da sagte er mit einem Ausdruck, dessen Anmut sie nie vergaß: »Lieber

möcht' ich Sie für immer fihre, als jemals wieder die abscheuliche

Brill' auf Ihrem Gesicht sehe.«

Berta zitterte, sie hätte ihren Kopf auf seine schmalen Hände legen

mögen. Nun wechselten sie kein Wort mehr. Nach dem Konzert empfahl

sich der junge Mann. Berta fühlte, daß sie ihn nicht wiedersehen

würde. Aber von nun an trug sie keine Brille mehr. Heimlich kaufte

sie sich ein Lorgnon mit langem Stil, wie Onkel Tübbeke es ihr schon

angeboten hatte. Man spottete über sie, aber sie kümmerte sich nicht

darum.

Bei dem Jubiläum der Handelsschule sollte ein Festakt mit lebenden

Bildern aufgeführt werden. Lehrer Hupfer, der Dichter des Spieles,

wählte die Schönheiten unter den Schülerinnen aus. Berta dachte

keineswegs in Betracht zu kommen, aber sie drückte sich für alle

Fälle in die letzte Reihe, um nicht beachtet zu werden. Ein seltsamer

Schreck befiel sie aber, als der scharf blickende Herr Hupfer rief

»Bitte, Fräulein Prutz, warum verkrümeln Sie sich? Man immer 'ran zum

Dienst der guten Sache! Wir brauchen schöne Figuren -- das ist die

Hauptsache! Sie sind zwar eine ~kleine~ Tanne, aber eine Tanne

sind Sie doch, eine richtige Edeltanne!«

Unter gutmütigem Gelächter wurde die Verlegene hervorgezogen. Sie

mußte eine Elfe von des Dichters Gnaden übernehmen. Das hatte sie nie

für möglich gehalten. Sie machte aber ihre Sache bei der Aufführung so

gut, daß der eigentliche Erfolg des Abends ihr zufiel.

Diese Erfahrung stärkte ihr Selbstbewußtsein mehr als alles andere.

Der Ernst ihrer sehnsüchtigen Vereinsamung war nicht von ihr genommen,

aber er verband sich jetzt mit der Koketterie eines Mädchens, das

von seiner Anziehungskraft wußte. Oft wurde Berta auf der Straße

nun angesprochen, aber sie haßte solche Angriffe unter dem Mantel

der Dunkelheit -- jeder Mann, der so vorging, erschien ihr feig und

gewöhnlich. Sie hörte auf keinen -- trotzig schritt sie weiter.

Freilich waren die meisten Mädchen anderer Art. Man dachte ans

Vergnügen, nicht an Sitte. Wer sich abkehrte, versäumte seine

Jugend. Berta erkannte nun erst, da sie selbst mitzählte, die naive

Verderbtheit ihrer Kameradinnen. Alles lebte um sie her in eitler

Hast, im Nichtversäumenwollen. An den Hafen der Ehe glaubte man

nicht, und wenn es dazu kam, glich es dem Abschied von der goldenen

Freiheit. Man kroch unters Joch, um ›versorgt‹ zu sein.

Berta hatte sich die arbeitenden Frauen anders vorgestellt. Ein ödes

Tagespensum wurde für den abendlichen Genuß erledigt. Sie ließ sich

allmählich mitziehen, stutzte aber noch vor wirklicher Gefahr. Es

geschahen schlimme Dinge um sie her -- ein frisches, junges Ding starb

an Abtreibung, und ein anderes kam als Kindesmörderin vor Gericht.

Zum erstenmal wurde Berta vom Grauen gepackt, jetzt sah sie die

eigentliche Gewalt des Lebens. Ihre Sehnsucht nach Vater und Mutter

verblaßte dagegen. Es gab eine Rechtlosigkeit, die viel vernichtender

war.

So kam sie zu einer ernsten und kritischen Betrachtung ihrer

Freundinnen, aber man ließ es ihr nicht durchgehen. Sie sollte auch

ihren Tribut an den großen Moloch zahlen. Am empfindlichsten wurden

die Berliner Mädchen, wenn eine Kameradin sich für etwas ›Besseres‹

hielt. So schleppte man Berta mit Absicht zum Sonntagsbummel Unter den

Linden und in den Zoologischen Garten mit. Man belehrte sie, daß ein

Radrennen in Friedenau das höchste Vergnügen sei. Aber noch gelang es

nicht, was die Intrigantinnen wollten. Berta ging zwar mit und gab

nichts nach, wenn man bei den nächtlichen Heimfahrten fidel war, sang

und lärmte. Auch sie schritt am Arm eines Jünglings, den sie wenig

kannte, aber ihr Sonntag schloß immer in nüchterner Sichtbarkeit, und

es blieb zweifelhaft, ob sie einen Kuß bekommen.

Man ärgerte sich über sie. Da, eines Abends auf der Wannseebahn,

schien sich das Blättchen zu wenden. Man hatte beim ›Schwof‹ in

Schlachtensee Herrn Sonnenschein getroffen, für den die Mädchen der

Handelsschule eine verliebte Ehrfurcht empfanden. Sie wußten alle, daß

bei ihm die berufliche Zukunft war, denn er erbte einst das größte

Konfektionsgeschäft Berlins. Sonnenschein junior ging als Sardanapal

durch das großstädtische Leben. Er suchte sich aus, was ihm dienen

sollte, und jede war durch seine Wahl beglückt. Leutselig hatte er

sich heute zwischen den Sonntagstänzerinnen in Schlachtensee bewegt.

Er flog auf Berta Prutz.

Sie tanzte immer wieder mit ihm -- sie schien endlich Feuer zu fangen.

Hier kam sie nicht so schnell davon -- das hatte man vorausgesehen.

Auf dem Heimwege nach Berlin wich Herr Sonnenschein nicht von Bertas

Seite. Aber man wurde nicht neidisch, denn man war ja selbst versorgt,

so gut und bescheiden, wie es sich für ein billiges Sonntagsverhältnis

gehörte. Neugierig aber beobachtete man das interessante Paar. In

Berlin konnte Berta diesmal nicht entschlüpfen -- sonst kannte man

schon ihr schnippisches ›Gute Nacht!‹ Gehorsam wanderte sie neben

Herrn Sonnenschein durch die dunkle Bellevuestraße. Kichernd stoben

die anderen auseinander.

»Fräulein, ich bin für Tempo«, sagte schließlich der junge Herr. »Ich

denke, Sie wissen, wer ich bin, und ich weiß schon vollkommen, wer Sie

sind.«

»Ich glaube, davon wissen Sie sehr wenig.« -- Berta sagte diese Worte

nicht schroff oder scharf, sondern mit einer stillen Traurigkeit.

Herr Sonnenschein hatte schöne, dunkle Augen. Teilnehmend sah er Berta

an: »Ich verstehe Sie. Sie haben mir ja schon erzählt, Sie sind eine

arme Waise, Sie müssen sich Ihr Brot verdienen. Und ich -- sehn Sie

mal, ich mache mich wahrhaftig nicht besser, als ich bin. Ich lebe

auch unter dem Zwang der Verhältnisse. Als Millionär ist man durchaus

nicht besser dran, eher schlechter, denn ich habe keinen freien

Willen, ich kann nicht, wie Sie, sagen: So lebe ich, und anders nicht.

Ich habe für eine große Firma einzustehen. Ich werde leider auch mal

heiraten müssen im Interesse der Firma.«

Frau Rietschel das Kind · 第 63 / 97 题