Liese Prutz war endlich geborgen. Nun erwachte das alte Bürgertum
in ihr. Sie kehrte sachte zu ihrem Ausgangspunkt zurück. Aber sie
war still und langsam geworden. Das Jugendfeuer erlosch. Ihr letztes
Lebensgesetz wurde die Pflicht.
Sie täuschte sich nicht darüber, daß ihr ein karges Leben bevorstand.
Sie wurde die Pflegerin eines Absterbenden, und der Hauptmann war arm.
Dieser alte Haudegen war nie ein Geldjäger gewesen.
Durchhungern hieß es, denn auf Hilfe aus der Heimat hoffte Liese
nicht mehr. Trotzdem bot ihr der Mann, den sie gefunden, noch große
Überraschungen. Sie spürte, daß er aus dem Lande der Abenteuer kam.
Von seinem guten Diener hatte Hauptmann von Rotkraut ihr oft erzählt.
Der seltsame Name -- er hieß Simba -- war Liese schon aufgefallen,
aber sie war dermaßen von ihrer Lebenswandlung erfüllt, daß sie nie
danach gefragt hatte. Als sie nun den Hauptmann zum erstenmal besuchte
-- er wohnte recht dürftig in der Auguststraße -- öffnete Simba
ihr die Tür. Liese fiel fast die Treppen wieder hinunter, denn ein
baumlanger Neger stand vor ihr. Grinsend verbeugte er sich vor der
schönen, blonden Dame, deren Bedeutung er kannte. In tiefster Ergebung
geleitete er sie zu seinem Herrn.
Der Hauptmann lag auf dem Sofa. Liese drückte ihn, als er aufstehen
wollte, zurück und sah zum erstenmal ein Lächeln in seinen dunklen
Zügen. -- »Hat Simba dich erschreckt?« fragte er. »Verzeih, daß ich
dich nicht auf ihn vorbereitet habe. Ich bin zu sehr an ihn gewöhnt.
Du wirst dich auch gewöhnen und eine treue Seele an ihm haben. Er hat
mir zweimal das Leben gerettet. Zuerst vor seinen eigenen Landsleuten
und dann -- ja, das ist was für dich -- vor einem großen Krokodil.«
Liese schüttelte sich. Dann sah sie aber sehr freundlich auf den
Schwarzen: »Ich finde ihn gar nicht so häßlich. Die kolossale Figur
und die blaue Mütze auf dem schwarzen Wollkopf! Werden wir uns aber
einen Diener leisten können Hermann?«
»Von Simba trenne ich mich nicht. Diese Neger sind so genügsam -- über
ihren Dienst vergessen sie oft Essen und Trinken.«
Aber nun hatten sie über wichtige Dinge zu sprechen. Etwas sehr
Ernstes harrte der Erledigung. Liese war mit Bassenried fertig, die
Scheidungsklage war eingeleitet, doch von jeder Pflicht aus ihrer
ersten Ehe sagte sie sich nicht los. Elsbeth, Bassenrieds Tochter,
hatte Eindruck auf sie gemacht -- nun fürchtete sie das Elend des
unschönen, hochmütigen Mädchens.
»Nichts hat sie, und häßlich ist sie -- dafür kann sie doch nichts.
Aber ich glaube auch nicht, daß sie viel gelernt hat. Vom Bücherlesen,
Bergsteigen und Tennisspielen kann man heutzutage nicht leben. Sie muß
in einen Beruf. Darum will ich für sie hergeben, was ich von ihrem
Vater übrig habe die Kleider und die Perlenkette. Das bringt ungefähr
60000 Mark. Wir könnten das Geld ja auch gut brauchen, aber ich
schicke es lieber der Elsbeth. Ist es dir recht?«
Ohne Besinnen nickte der Hauptmann: »Ich sehe dich lieber ohne jedes
Bassenriedsche Erbe.« --
Liese führte ihren Vorsatz aus. Zwei Wochen später stand Elsbeth vor
ihr. Sie sah verwildert aus. Liese führte sie in das einzige möblierte
Zimmer der großen Wohnung, das ihr noch geblieben war.
»Was machen Sie denn in Berlin? Warum sind Sie nicht in Lausanne
geblieben?«
Elsbeth saß ihr gegenüber. Ihre großen Züge zuckten, in den
hysterischen Augen war ein flackernder Glanz: »Weil ich Ihren Brief
bekommen habe. Ich bin nach Berlin gekommen, um Ihnen zu sagen, daß
ich die Annahme des Geldes verweigere.«
»Machen Sie jetzt keinen Blödsinn! Wir wollen beide vernünftig sein!
Was ich Ihnen geschickt habe, stammt von Ihrem Vater!«
»Nein, es stammt von Ihnen!«
»Elsbeth, reden Sie nicht weiter. Ich habe keine Lust mehr, mich von
Ihnen ärgern zu lassen. Von euch Bassenrieds hab' ich genug. Aber Sie
waren mir immer sympathisch, trotz Ihres unerhörten Benehmens. Darum
wollte ich nicht, daß Sie plötzlich ohne Pfennig dastehen. Sind denn
die elenden Perlen und die blödsinnigen Kleider nicht noch was nutze,
wenn Sie sich damit 'ne Existenz gründen können? Ich brauche sie nicht
mehr, ich bin versorgt. Sie aber sollen endlich eine Sicherheit haben.«
Elsbeth schwieg eine Weile und schüttelte langsam den strohblonden
Kopf. Dann flüsterte sie: »Von Ihnen nehme ich nichts. Außerdem sollen
Sie sehen, daß ein Mädchen, wie ich, was gelernt hat. Ich werde mich
durchsetzen, aus eigener Kraft. Ich werde den Namen Bassenried rein
waschen. Sie haben ihn nie mit Recht getragen.«
Jetzt sprang Liese auf. »Hol' Sie der Deibel! Ich verzichte auf Ihren
Namen und auf alles! Machen Sie, was Sie Lust haben! Jedenfalls, wenn
Sie das Geld nicht nehmen -- ich nehme es auch nicht! Dann kann's auf
der Straße liegen!«
Elsbeth maß Liese mit geringschätzigem Blick: »Nein -- ich schütze
es vor weiterem Mißbrauch. Ich werde es wohltätigen Stiftungen
überweisen.«
»Das hätten Sie ja gleich tun können! Wozu kommen Sie dann noch zu
mir?«
Elsbeths Augen irrten umher: »Weil ich -- weil ich in der großen
Wohnung hier -- es muß doch noch ein Andenken an meine Mutter geben
... Ist denn alles fort? Hat man Ihnen nichts als die Sachen in diesem
Zimmer gelassen?«
»Nichts ... Ich esse bei der Generalin. Die läßt mich hier noch
wohnen, bis ... Aber da fällt mir was ein -- der Gerichtsvollzieher
hat ja was liegen lassen, ein Bildchen in 'nem echten Goldrahmen --
ich war nachher ganz froh, daß ich ihm nicht damit nachgelaufen bin
-- nicht wegen des Rahmens, sondern weil ich mir dachte, es könnte
vielleicht was für Sie sein.«
»Für mich? ... Haben Sie daran gedacht? ... Was ist es denn?«
»Ihr Vater sagte mir mal, es sei Ihre Mutter als Braut. Da sehen Sie.«
Liese holte das Bildchen aus einer Schublade. Elsbeth griff danach,
betrachtete es und verstummte. Erstaunt sah Liese, daß jede Härte aus
ihren Zügen schwand.
Nach einer langen Pause sagte Elsbeth: »Das war noch da? ... Das hatte
ich mir oft gewünscht ... Als Kind schon hatte ich das Bild so gern
... Ich dachte, Vater hätte es längst nicht mehr ...«
»Dann stimmt es also? Es macht Ihnen Freude?«