»Macht Dich das auch nervös! Herrgott, also warte mal!« Er ging zum
Telephon.
»Laß mich den andern Hörer nehmen!«
»Du bist ein Kind. Na, wie Du willst.«
Das Telephon war noch eine ziemlich neue Erfindung. So kam das
Gespräch nur langsam in Gang, aber Liese genoß es. Das Resultat
übertraf ihre Erwartung: Viktor Schwarz machte selbst den Vorschlag,
Fräulein Prutz möge ihn doch in seinem Bureau besuchen. Persönlich
könne er sie am besten beruhigen.
Liese legte den Hörer fort und umarmte ihren Bräutigam. -- »Na, also!«
rief der Baron lachend. Du verrücktes kleines Mädel! Nun fahre nur
gleich heute nachmittag zu ihm!« --
Liese stand vor Onkel Tübbeke. Ein Blick von ihr genügte, um ihn zur
Diskretion zu zwingen. Mit fremder Höflichkeit meldete er sie an. Als
sie, nun doch von Schwindel erfaßt, auf Viktor Schwarz zutrat, wußte
sie sofort, daß seine Glätte jedem Anprall gewachsen war. Er machte
einen anderen aus sich. Auch sie hatte an die Verwandlung ihrer Person
geglaubt; aber als sie den Treulosen wiedersah, tauchten die Bilder
von Strelenwalde vor ihr auf. Noch einmal sah sie den Frühlingsabend
bei der Zubermühle. Unwahr und zerbrochen war alles ...
»Bitte -- setzen Sie sich doch«, flüsterte er. »Sie sehen angegriffen
aus. Ich kann mir ja denken, was in Ihnen vorgeht -- --«
Sie saß ihm gegenüber: »Das glaub' ich kaum. Das war wohl nie der
Fall.«
Er war blaß, aber er lächelte. »Wir dürfen selbstverständlich nicht
mehr an die Vergangenheit denken. Über Jugendtorheiten sind wir wohl
beide hinaus. Ein hochstehender Mensch hat einfach keine Zeit, sich
bei überwundenen Dingen aufzuhalten.«
»Sie sind also jetzt ein hochstehender Mensch?«
»Ich bin ein Mensch, der sein Ziel erreichen will. Das sind Sie doch
wohl auch?«
»Ein Ziel habe ich eigentlich nie gehabt.«
»Na, lassen wir das beiseite. Sie sitzen jetzt jedenfalls als künftige
Baronin Bassenried vor mir, und die Dame der großen Gesellschaft
steht Ihnen ausgezeichnet. Ich bin ja sozusagen Ihr Entdecker, nicht
wahr, ich ahnte Ihr Talent. Ich will mich gewiß nicht rühmen, aber
vielleicht habe ich doch ein kleines Verdienst daran. Ja, so ist das
Leben, liebe Liese. In Strelenwalde begreift man das nicht.«
Sie hörte zu und wurde ruhiger. Er war jetzt wirklich ein anderer.
Auch sie wollte eine andere sein. Begraben -- vergessen. -- »Glauben
Sie, daß ich es gut getroffen habe?« fragte sie leise. Eine
merkwürdige Spannung zitterte in ihrer Stimme.
»Mit dem Baron? Aber Sie haben das große Los gezogen! Die Baronesse,
dieses Elefantenküken, brauchen Sie nicht zu fürchten. Die halte ich
ihnen vom Leibe. Ich wünsche mir schon lange, Ihnen einen großen
Dienst erweisen zu können.«
»Und wie geht es Ihnen? Gut, wie ich sehe?«
»Ich kann es mir nicht besser wünschen. Aber erlauben Sie mir eine
Frage: Wo steckt das Kind? Es lebt doch?«
»Freilich. In Berlin.«