Als Guido Müffel erfuhr, was die ganze Berliner Lebewelt beschäftigte,
setzte er sich auf sein Sherryfaß und sagte: »Es gibt noch Wunder.
Aber mit dem Frauenzimmer mußte so was passieren! Nun kommt sie
tatsächlich in die Hautevolée.«
Gegen Lieses Weg war nichts zu machen. Auch Direktor Toffani mußte
sich fügen. Er nützte noch die Reklame aus. Liese bekam einen
Abschiedsabend, der jede Primadonna befriedigt hätte. Als sie, beide
Arme voll Blumen, das Theater verließ, sah sie Herrn Dotzky bescheiden
im Hintergrunde stehen. Sie ging auf ihn zu; »Sie freuen sich«,
flüsterte sie. Er drückte ihr die Hand und wandte sich ab. --
Im Hotel Kaiserhof brachte Baron Bassenried seine Braut unter. Er
selbst bewohnte eine Villa in der Hitzigstraße, die nun für die junge
Frau hergerichtet wurde.
Liese konnte in keinen wachen Zustand kommen. Sie sah alles, was
sie erlebte, aber es war ein Traum. Oft fragte sie sich, ob sie nur
die Heldin einer spannenden Geschichte sei. Plötzlich aber rang
sie sich zur Wirklichkeit durch und tat eine heikle Frage: »Sind
denn eigentlich alle mit mir einverstanden, August? Ich meine deine
Familie? Du hast doch so viel Verwandte, denk' ich -- sogar in
Rußland, hast du mal gesagt?«
Er runzelte die Stirn: »Was ich dir sagte, entspricht natürlich
den Tatsachen. Aber es gibt kein Familienmitglied, nach dessen
Stellungnahme ich zu fragen hätte. Auch der Majoratsherr kümmert mich
nicht. Ich habe mein eigenes Vermögen.«
»Ich weiß«, stotterte Liese. »Aber was ist denn mit deiner Tochter?
Hast du denn schon Nachricht von der, August?«
Er strich mit seiner Reitgerte durch die Luft: »Das ist wieder
unerhört! Ich habe ihr nach Lausanne geschrieben, und sie geruht,
nicht zu antworten!«
»Das muß ein sonderbares Kind sein.«
»Sonderbar? Verrückt ist sie! Das arroganteste Geschöpf unter der
Sonne! Wenn sie auch meine Tochter ist! Sie macht mir zum Vorwurf, daß
ihre Mutter ... Nun, lassen wir das. Jedenfalls, bevormunden lasse ich
mich nicht von ihr. Sie soll endlich lernen, daß ich weiß, was sich
gehört. Den Dünkel muß ich ihr vor allen Dingen austreiben.« --
Das klang nicht sehr tröstlich. Liese hätte gern noch gewußt, was es
mit Elsbeths Vorwurf der verstorbenen Mutter wegen für eine Bewandtnis
hatte, aber sie wagte keine Frage mehr. Das eine stand fest -- in der
Tochter des Barons war eine Feindin zu erwarten. --
Als Liese nach einigen Tagen in die Hitzigstraße kam, hörte sie aus
dem Salon einen heftigen Wortwechsel.
»Herrgott, was ist denn los?« fragte sie bestürzt. »Mit wem streitet
sich denn der Herr Baron?«
Friedrich der Diener erwiderte: »Besuch vom gnädigen Fräulein aus der
Schweiz.«
»Die Baronesse ist da? Ich dachte, es wär' eine Männerstimme!«
»Das denkt jeder.«
Liese blieb lauschend im Korridor stehen. Friedrich verschwand. Bald
konnte sie jedes Wort verstehen. Der Baron ging aufgeregt umher,
während Elsbeth seine Ausfälle parierte.
»Diese Attacke sieht dir wieder ähnlich! Dir mangelt eben jedes
kindliche Taktgefühl! Du antwortest nicht, wenn dir dein Vater
mitteilt, daß er doch noch ein spätes Glück gefunden -- -- Was gibt es
da zu lachen?!«
»Zu lachen gäbe es wahrhaftig nichts, aber die Sache wird lächerlich,
wenn man bedenkt, was du für ein frühes Glück gehabt hast.«
»Ist mir deine Mutter nicht genommen worden?!«
»Du hast sie dir genommen!«
»Donner -- --!«
»Kein Wort mehr davon!!«
Liese zitterte. Es klang, als ob wilde Tiere aufeinander losstürzten.
Aber das erstaunlichste war, daß der Baron durchaus nicht die Macht
über seine Tochter besaß, deren er sich gerühmt hatte. Er schwieg.
Stumm lief er wieder im Zimmer umher.
»Mit einem Wort, Papa!« -- Jetzt stand Elsbeth auf. Liese spürte es
am Klirren einiger Gegenstände. Elsbeth mußte ein sehr gewichtiges
Mädchen sein. »Wenn ich auch das unglücklichste Geschöpf der Welt bin
-- wenn ich auch ganz bestimmt mal aus eigenem Entschluß ende --«
»Leere Redensarten!«
»Eine Bassenried bin ich! Ich halte den Namen unserer Familie rein!«
»Was willst du also? Was hast du mir auf meinen Brief zu antworten?«
»In aller Kürze: ich kann von deiner zweiten Heirat keine Notiz
nehmen. Du forderst durch diese Mesalliance das Letzte in mir heraus
-- du beschimpfst das Andenken meiner Mutter.«
»Unverschämte Person! Liese Prutz ist eine Künstlerin!«
»Ich will nicht untersuchen, was sie ist. Ich weiß aber, wo sie
herkommt -- das genügt mir. -- Jedenfalls lasse ich nach allem andern,
was ich hier erduldet habe, das nicht mehr über mich ergehen.«
»Lächerlich! Du sprichst ja, als ob du mir drohtest! Als ob du etwas
gegen mich unternehmen könntest! Gegen Deinen Vater!«
»Das kann ich auch. Du weißt, daß du vom Familienrat abhängst. Wenn
der dich über Bord wirft, bist du geliefert.«
»Du bist wahnsinnig! Man wird dich dort unterbringen, wohin du schon
lange gehörst!«
»Halt! Da muß ich mich vorsehen! Du könntest mich am Ende wirklich
einsperren! Du bringst alles fertig!«
Liese hatte in ihrer Erregung zuviel gewagt. Sie stand auf ihrem
Horchposten ohne Deckung. Als Elsbeth plötzlich auf die Flurtür
zulief, konnte sie nur in den langen Gang zurückweichen. Jetzt schritt
eine seltsame Mädchengestalt auf sie zu. Die Tochter des Barons glich
einem starkknochigen, etwas hochschulterigen Jüngling -- alles war
hastig, unschön und eckig an ihr. Sie war ohne Schmuck und Reiz mit
ihrem großen, sommersprossigen Gesicht und dem starken, gelben Haar.
Nur in den blauen Augen leuchtete etwas schmerzlich Schönes.
Der Vater folgte ihr. Erschrocken entdeckte er Liese im Korridor:
»Warum weiß ich nicht, daß du da bist? Warum hat Friedrich dich nicht
angemeldet?«
Liese hielt ihm stand: »Das braucht er doch nicht? Aber willst du mich
nicht bekannt machen -- --?«
Elsbeth stand vor ihr. Ihr Gesicht wurde grünlich -- sie war in einer
ungeheuren Aufregung -- »Wir haben uns schon erraten, Fräulein«,
stammelte sie. »Ich bitte, lassen Sie es daran genug sein! Ich kann
nicht anders! Adieu!«
Sie war schon auf der Treppe. Der Baron aber eilte ihr nach und hielt
brutal ihren Arm fest. Was sie draußen sprachen, konnte Liese nicht
mehr verstehen.
Jetzt trat der Baron in den Korridor zurück. Liese war schon in den
Salon gegangen. Er folgte ihr. Zorniges Mißtrauen war in seinem Blick:
»Mir bleibt doch nichts erspart. Nun gar noch diese Szene. Du kanntest
Elsbeth nicht -- nun hast du ja einen Begriff von ihr. Aber warum hast
du gehorcht?«
Liese stand abgewandt am Fenster. Nach einer Weile antwortete sie:
»Ich dachte, du hättest kein Geheimnis vor mir?«
Der Baron spürte, daß es Zeit war, einzulenken. Er trat zu ihr hin
und legte den Arm um sie: »Gewiß nicht, liebes Kind. Vergiß jetzt den
häßlichen Zwischenfall. Du wirst mich ja von diesem unglückseligen
Wesen befreien. Ich habe ja längst keine Tochter mehr.«
»Aber ich glaube, sie kann einem leid tun.«
»Sie ist ihr eigenes Schicksal.«
»Was hat sie denn vor? Kann sie unsere Heirat verhindern?«
»Unsinn. Hysterische Verstiegenheit. Der Familienrat wird sie
auslachen. Ich werde übrigens die Sache sofort meinem Rechtsbeistande
übergeben.«
»Das tu, August. Ich habe nämlich eine schreckliche Angst vor ihr.«
Liese gab sich zufrieden, aber wegen des Schlimmsten, was sie
erlauscht hatte, wagte sie keine Frage. Das Verhältnis des Barons zu
seiner verstorbenen Frau verfolgte sie. Sie vergaß Elsbeths Ton nicht.
Es war bei aller Häßlichkeit der Schrei einer gequälten Seele.
Die Furcht vor seiner Tochter verließ den Baron nicht mehr. Immerhin,
sie konnte ihm bei der Familie ungeheuer schaden. Wenn man mit dem
ganzen Rüstzeug des Standesbewußtseins gegen ihn vorging, kam er um
die letzte Deckung. Ein beleidigtes Kind war immer ein gefährlicher
Kläger.
So suchte er schon am nächsten Tage seinen Rechtsvertreter auf.
Eigentlich kam er auch hier in Verlegenheit. Dem erprobtesten Anwalt
konnte er seine Sache nicht mehr übergeben: Justizrat Joachim hatte
sich zurückgezogen und fungierte nur noch als Notar. Aber sein
Nachfolger war vielleicht noch besser zu gebrauchen. Er hatte sich
über die Kundschaft des unmodernen Onkels hinaus besonders an Sports-
und Börsenkreise gewandt. Verschiedene große Rennprozesse hatte
Rechtsanwalt Schwarz schon gewonnen. Immerhin fand man bei ihm die
Fühlung mit den maßgebenden Kreisen. --
Als Baron Bassenried von seinem Rechtsbeistande zurückkehrte, erfuhr
Liese, wer ihre Sache gegen Elsbeth führte. Sie mußte fast auflachen.
Immer wieder kreuzte sie doch den Weg dieses Mannes. Aber nun regte
sich auch ein Wunsch von diabolischem Übermut in ihr. Es war sicher,
daß der Baron von ihrer früheren Beziehung zu Viktor Schwarz nichts
erfahren. Zu den Leuten, die es wußten, hatte er keine Beziehung,
feindliche Denunzianten brauchte Liese nicht zu fürchten, und Viktor
Schwarz war undurchdringlich. Aber es reizte Liese, die Wirkung ihres
Glücks auf ihn zu sehen. Es war ihr die ersehnte Genugtuung. Unter
diesen Umständen glaubte sie sich sogar fähig, dem Treulosen zu
verzeihen.
Aber wie war ein Zusammtreffen möglich? Der Baron bemerkte Lieses
wachsende Unruhe. Er führte sie auf ihre Sorge um Elsbeth zurück.
Dieser Umstand brachte Liese auf die rettende Idee: Ihr Bräutigam
wurde völlig getäuscht. Sie steigerte ihre nervösen Angstzustände bis
zu Ohnmachten -- da hielt er es schließlich nicht mehr aus.
»Wie kannst du dich nur so deprimieren lassen? Ich habe dir doch
wiederholt gesagt, daß Rechtsanwalt Schwarz mich beruhigt hat. Ich
halte ihn für einen durchaus zuverlässigen Menschen.«
»Das mag er ja sein. Aber ich vergesse das Gesicht -- von deiner
Tochter nicht. So müssen die Furien ausgesehen haben -- nicht so, wie
neulich in der Pantomime bei Renz -- es geht ja auch ohne Schlangen am
Kopf.«
»Sicherlich, Liese. Die modernen Furien sind vielleicht noch
schlimmer. Na, wenn du dich garnicht beruhigen kannst, dann werde ich
mal an Schwarz telephonieren. Am Ende kannst Du selber mal mit ihm
sprechen.«