NEUNTES KAPITEL

Als Guido Müffel erfuhr, was die ganze Berliner Lebewelt beschäftigte,

setzte er sich auf sein Sherryfaß und sagte: »Es gibt noch Wunder.

Aber mit dem Frauenzimmer mußte so was passieren! Nun kommt sie

tatsächlich in die Hautevolée.«

Gegen Lieses Weg war nichts zu machen. Auch Direktor Toffani mußte

sich fügen. Er nützte noch die Reklame aus. Liese bekam einen

Abschiedsabend, der jede Primadonna befriedigt hätte. Als sie, beide

Arme voll Blumen, das Theater verließ, sah sie Herrn Dotzky bescheiden

im Hintergrunde stehen. Sie ging auf ihn zu; »Sie freuen sich«,

flüsterte sie. Er drückte ihr die Hand und wandte sich ab. --

Im Hotel Kaiserhof brachte Baron Bassenried seine Braut unter. Er

selbst bewohnte eine Villa in der Hitzigstraße, die nun für die junge

Frau hergerichtet wurde.

Liese konnte in keinen wachen Zustand kommen. Sie sah alles, was

sie erlebte, aber es war ein Traum. Oft fragte sie sich, ob sie nur

die Heldin einer spannenden Geschichte sei. Plötzlich aber rang

sie sich zur Wirklichkeit durch und tat eine heikle Frage: »Sind

denn eigentlich alle mit mir einverstanden, August? Ich meine deine

Familie? Du hast doch so viel Verwandte, denk' ich -- sogar in

Rußland, hast du mal gesagt?«

Er runzelte die Stirn: »Was ich dir sagte, entspricht natürlich

den Tatsachen. Aber es gibt kein Familienmitglied, nach dessen

Stellungnahme ich zu fragen hätte. Auch der Majoratsherr kümmert mich

nicht. Ich habe mein eigenes Vermögen.«

»Ich weiß«, stotterte Liese. »Aber was ist denn mit deiner Tochter?

Hast du denn schon Nachricht von der, August?«

Er strich mit seiner Reitgerte durch die Luft: »Das ist wieder

unerhört! Ich habe ihr nach Lausanne geschrieben, und sie geruht,

nicht zu antworten!«

»Das muß ein sonderbares Kind sein.«

»Sonderbar? Verrückt ist sie! Das arroganteste Geschöpf unter der

Sonne! Wenn sie auch meine Tochter ist! Sie macht mir zum Vorwurf, daß

ihre Mutter ... Nun, lassen wir das. Jedenfalls, bevormunden lasse ich

mich nicht von ihr. Sie soll endlich lernen, daß ich weiß, was sich

gehört. Den Dünkel muß ich ihr vor allen Dingen austreiben.« --

Das klang nicht sehr tröstlich. Liese hätte gern noch gewußt, was es

mit Elsbeths Vorwurf der verstorbenen Mutter wegen für eine Bewandtnis

hatte, aber sie wagte keine Frage mehr. Das eine stand fest -- in der

Tochter des Barons war eine Feindin zu erwarten. --

Als Liese nach einigen Tagen in die Hitzigstraße kam, hörte sie aus

dem Salon einen heftigen Wortwechsel.

»Herrgott, was ist denn los?« fragte sie bestürzt. »Mit wem streitet

sich denn der Herr Baron?«

Friedrich der Diener erwiderte: »Besuch vom gnädigen Fräulein aus der

Schweiz.«

»Die Baronesse ist da? Ich dachte, es wär' eine Männerstimme!«

»Das denkt jeder.«

Liese blieb lauschend im Korridor stehen. Friedrich verschwand. Bald

konnte sie jedes Wort verstehen. Der Baron ging aufgeregt umher,

während Elsbeth seine Ausfälle parierte.

»Diese Attacke sieht dir wieder ähnlich! Dir mangelt eben jedes

kindliche Taktgefühl! Du antwortest nicht, wenn dir dein Vater

mitteilt, daß er doch noch ein spätes Glück gefunden -- -- Was gibt es

da zu lachen?!«

»Zu lachen gäbe es wahrhaftig nichts, aber die Sache wird lächerlich,

wenn man bedenkt, was du für ein frühes Glück gehabt hast.«

»Ist mir deine Mutter nicht genommen worden?!«

»Du hast sie dir genommen!«

»Donner -- --!«

»Kein Wort mehr davon!!«

Liese zitterte. Es klang, als ob wilde Tiere aufeinander losstürzten.

Aber das erstaunlichste war, daß der Baron durchaus nicht die Macht

über seine Tochter besaß, deren er sich gerühmt hatte. Er schwieg.

Stumm lief er wieder im Zimmer umher.

»Mit einem Wort, Papa!« -- Jetzt stand Elsbeth auf. Liese spürte es

am Klirren einiger Gegenstände. Elsbeth mußte ein sehr gewichtiges

Mädchen sein. »Wenn ich auch das unglücklichste Geschöpf der Welt bin

-- wenn ich auch ganz bestimmt mal aus eigenem Entschluß ende --«

»Leere Redensarten!«

»Eine Bassenried bin ich! Ich halte den Namen unserer Familie rein!«

»Was willst du also? Was hast du mir auf meinen Brief zu antworten?«

»In aller Kürze: ich kann von deiner zweiten Heirat keine Notiz

nehmen. Du forderst durch diese Mesalliance das Letzte in mir heraus

-- du beschimpfst das Andenken meiner Mutter.«

»Unverschämte Person! Liese Prutz ist eine Künstlerin!«

»Ich will nicht untersuchen, was sie ist. Ich weiß aber, wo sie

herkommt -- das genügt mir. -- Jedenfalls lasse ich nach allem andern,

was ich hier erduldet habe, das nicht mehr über mich ergehen.«

»Lächerlich! Du sprichst ja, als ob du mir drohtest! Als ob du etwas

gegen mich unternehmen könntest! Gegen Deinen Vater!«

»Das kann ich auch. Du weißt, daß du vom Familienrat abhängst. Wenn

der dich über Bord wirft, bist du geliefert.«

»Du bist wahnsinnig! Man wird dich dort unterbringen, wohin du schon

lange gehörst!«

»Halt! Da muß ich mich vorsehen! Du könntest mich am Ende wirklich

einsperren! Du bringst alles fertig!«

Liese hatte in ihrer Erregung zuviel gewagt. Sie stand auf ihrem

Horchposten ohne Deckung. Als Elsbeth plötzlich auf die Flurtür

zulief, konnte sie nur in den langen Gang zurückweichen. Jetzt schritt

eine seltsame Mädchengestalt auf sie zu. Die Tochter des Barons glich

einem starkknochigen, etwas hochschulterigen Jüngling -- alles war

hastig, unschön und eckig an ihr. Sie war ohne Schmuck und Reiz mit

ihrem großen, sommersprossigen Gesicht und dem starken, gelben Haar.

Nur in den blauen Augen leuchtete etwas schmerzlich Schönes.

Der Vater folgte ihr. Erschrocken entdeckte er Liese im Korridor:

»Warum weiß ich nicht, daß du da bist? Warum hat Friedrich dich nicht

angemeldet?«

Liese hielt ihm stand: »Das braucht er doch nicht? Aber willst du mich

nicht bekannt machen -- --?«

Elsbeth stand vor ihr. Ihr Gesicht wurde grünlich -- sie war in einer

ungeheuren Aufregung -- »Wir haben uns schon erraten, Fräulein«,

stammelte sie. »Ich bitte, lassen Sie es daran genug sein! Ich kann

nicht anders! Adieu!«

Sie war schon auf der Treppe. Der Baron aber eilte ihr nach und hielt

brutal ihren Arm fest. Was sie draußen sprachen, konnte Liese nicht

mehr verstehen.

Jetzt trat der Baron in den Korridor zurück. Liese war schon in den

Salon gegangen. Er folgte ihr. Zorniges Mißtrauen war in seinem Blick:

»Mir bleibt doch nichts erspart. Nun gar noch diese Szene. Du kanntest

Elsbeth nicht -- nun hast du ja einen Begriff von ihr. Aber warum hast

du gehorcht?«

Liese stand abgewandt am Fenster. Nach einer Weile antwortete sie:

»Ich dachte, du hättest kein Geheimnis vor mir?«

Der Baron spürte, daß es Zeit war, einzulenken. Er trat zu ihr hin

und legte den Arm um sie: »Gewiß nicht, liebes Kind. Vergiß jetzt den

häßlichen Zwischenfall. Du wirst mich ja von diesem unglückseligen

Wesen befreien. Ich habe ja längst keine Tochter mehr.«

»Aber ich glaube, sie kann einem leid tun.«

»Sie ist ihr eigenes Schicksal.«

»Was hat sie denn vor? Kann sie unsere Heirat verhindern?«

»Unsinn. Hysterische Verstiegenheit. Der Familienrat wird sie

auslachen. Ich werde übrigens die Sache sofort meinem Rechtsbeistande

übergeben.«

»Das tu, August. Ich habe nämlich eine schreckliche Angst vor ihr.«

Liese gab sich zufrieden, aber wegen des Schlimmsten, was sie

erlauscht hatte, wagte sie keine Frage. Das Verhältnis des Barons zu

seiner verstorbenen Frau verfolgte sie. Sie vergaß Elsbeths Ton nicht.

Es war bei aller Häßlichkeit der Schrei einer gequälten Seele.

Die Furcht vor seiner Tochter verließ den Baron nicht mehr. Immerhin,

sie konnte ihm bei der Familie ungeheuer schaden. Wenn man mit dem

ganzen Rüstzeug des Standesbewußtseins gegen ihn vorging, kam er um

die letzte Deckung. Ein beleidigtes Kind war immer ein gefährlicher

Kläger.

So suchte er schon am nächsten Tage seinen Rechtsvertreter auf.

Eigentlich kam er auch hier in Verlegenheit. Dem erprobtesten Anwalt

konnte er seine Sache nicht mehr übergeben: Justizrat Joachim hatte

sich zurückgezogen und fungierte nur noch als Notar. Aber sein

Nachfolger war vielleicht noch besser zu gebrauchen. Er hatte sich

über die Kundschaft des unmodernen Onkels hinaus besonders an Sports-

und Börsenkreise gewandt. Verschiedene große Rennprozesse hatte

Rechtsanwalt Schwarz schon gewonnen. Immerhin fand man bei ihm die

Fühlung mit den maßgebenden Kreisen. --

Als Baron Bassenried von seinem Rechtsbeistande zurückkehrte, erfuhr

Liese, wer ihre Sache gegen Elsbeth führte. Sie mußte fast auflachen.

Immer wieder kreuzte sie doch den Weg dieses Mannes. Aber nun regte

sich auch ein Wunsch von diabolischem Übermut in ihr. Es war sicher,

daß der Baron von ihrer früheren Beziehung zu Viktor Schwarz nichts

erfahren. Zu den Leuten, die es wußten, hatte er keine Beziehung,

feindliche Denunzianten brauchte Liese nicht zu fürchten, und Viktor

Schwarz war undurchdringlich. Aber es reizte Liese, die Wirkung ihres

Glücks auf ihn zu sehen. Es war ihr die ersehnte Genugtuung. Unter

diesen Umständen glaubte sie sich sogar fähig, dem Treulosen zu

verzeihen.

Aber wie war ein Zusammtreffen möglich? Der Baron bemerkte Lieses

wachsende Unruhe. Er führte sie auf ihre Sorge um Elsbeth zurück.

Dieser Umstand brachte Liese auf die rettende Idee: Ihr Bräutigam

wurde völlig getäuscht. Sie steigerte ihre nervösen Angstzustände bis

zu Ohnmachten -- da hielt er es schließlich nicht mehr aus.

»Wie kannst du dich nur so deprimieren lassen? Ich habe dir doch

wiederholt gesagt, daß Rechtsanwalt Schwarz mich beruhigt hat. Ich

halte ihn für einen durchaus zuverlässigen Menschen.«

»Das mag er ja sein. Aber ich vergesse das Gesicht -- von deiner

Tochter nicht. So müssen die Furien ausgesehen haben -- nicht so, wie

neulich in der Pantomime bei Renz -- es geht ja auch ohne Schlangen am

Kopf.«

»Sicherlich, Liese. Die modernen Furien sind vielleicht noch

schlimmer. Na, wenn du dich garnicht beruhigen kannst, dann werde ich

mal an Schwarz telephonieren. Am Ende kannst Du selber mal mit ihm

sprechen.«

Frau Rietschel das Kind · 第 35 / 97 题