ACHTES KAPITEL

Das Schicksal macht Stationen, ohne daß der Reisende es merkt.

Plötzlich ist man ausgestiegen und muß sich anderswo zurechtfinden.

So erging es auch Liese Prutz. Guido Müffel hatte Geburtstag, und es

war ein alter Brauch seiner Stammgäste, bei dieser Gelegenheit einen

besonders lustigen Abend zu veranstalten. Er versprach noch netter zu

werden, weil es ja der erste Geburtstag unter Lieses Zeichen war.

Walter, der große Wagnersänger, war gekommen. Dieser blondbärtige

Recke machte nicht viele Umstände. Er goß eine ganze Sektflasche in

den silbernen Humpen, den man Guido geschenkt hatte, und nahm einen

ungeheuren Zug. Dann griff er nach Liese und zog die Überrumpelte auf

sein Knie. Das hatte noch niemand gewagt. Liese lachte und sträubte

sich -- dann aber nahm sie es als väterliche Liebkosung und richtete

sich behaglich ein. Tristan fütterte sie, Tannhäuser ließ sie wie ein

Kind aus dem Humpen trinken. Sie bekam einen Schwips -- das war etwas

köstlich Neues an ihr.

»Ein gesegnetes Mädchen«, meinte Herr Fiegel, der älteste Stammgast,

ein schlichter Rentier. Er hieß Nathan der Weise in der Gesellschaft.

Merkwürdig wirkte es, daß sein größter Gegensatz, der pensionierte

General von Grumbkow, sich immer nur mit ihm unterhielt.

»Jetzt weiß ich endlich, was sie hat«, sagte Herr Lindemann, der

Bassist des Opernhauses. »Was Rubenssches hat sie! Genau der Ausdruck,

wenn ihr euch an den ›Trunkenen Silen‹ erinnert, den die blonde Hetäre

hat! Walter paßt natürlich auch famos dazu! Ach Gott!« rief der Sänger

mit dröhnender Entfaltung seiner Baßstimme. »Warum sind wir nur

verdammt, in einer so öden Epoche zu leben! Immer alles ›angezogen‹!

Nirgends Entfaltung! Nirgends Natürlichkeit! Wir fabeln von der

Schönheit des Weibes, aber wir kennen sie nicht!«

»Leg' es man dahin«, versetzte Walter trocken.

»Wer weiß, ob nicht das Angezogene manchmal das Anziehende ist«,

kicherte Guido Müffel.

»Bei manchem wäre es sicher nicht wünschenswert, wenn man ihn auf

einem Rubensschen Bilde sähe«, meinte, an seiner Pfeife paffend, der

immer ernste Herr Fiegel.

Jetzt sah man auf den dürren Lindemann, und allgemeine Heiterkeit

brach los. Walters Wackeln benützte Liese, um von seinem Schoß zu

hüpfen. Es trieb sie zu Aloys Nagl, dem kleinen Operettentenor. Der

saß am Klavier und spielte den neuesten Schlager. Plötzlich kam Liese

ins Singen hinein. Es geschah zum erstenmal seit den Strelenwalder

Tagen. Anfangs lauschten Guido Müffels Gäste nur angenehm berührt.

Dann aber fiel es ihnen auf. Da ging ja etwas Merkwürdiges vor sich.

Aloys Nagl kam in einen Rausch, als Liese zu seinem Spiel sang --

Liese aber fand kein Ende und alles, was der unerschöpfliche Begleiter

begann, wußte sie mitzusingen.

Schließlich endete der Tenor mit einem lauten Akkord, sprang auf und

packte die Büfettdame. -- »Kind!« schrie er. »Mädel! Du hast ja Gold

in der Kehle!«

»Na, Silber allenfalls«, meinte Walter gelassen. »Das wäre auch nicht

übel.«

»Und die Figur und das Haar! Du mußt zur Operette!!«

Diese Eingebung des kleinen Sängers verursachte allgemeinen Aufruhr.

Man spürte, daß er recht hatte, aber man wurde bei aller Freude auch

ängstlich. Am schärfsten erfaßte Guido Müffel die Situation. Er

war blaß geworden, soweit ihm das möglich war. Seine Augen wurden

noch runder, und sein Mund öffnete sich. Das Schicksal wollte ihm

seine Büfettdame nehmen. Jedenfalls war ihm dieser besonders nette

Geburtstag schon verdorben.

Liese spürte, was in ihm vorging. Sie trat vom Klavier fort und legte

die Arme um Guidos Hals.

»Nein, dazu taug' ich nicht! Ich bleibe bei Ihnen!«

»Man soll sich nicht verschwören, Fräulein«, meinte der weise Herr

Fiegel. »Ein Kapital muß Zinsen tragen.«

»Immer gleich der Börsenstandpunkt!« knurrte General von Grumbkow.

»Natürlich, Fritze!« rief Walter. »Glaubst du denn, ich werde mir noch

'n einziges Mal das Gesicht beschmieren und den Leuten was vormimen,

wenn ich Kies genug habe? Mit fünfzig Jahren geh' ich in Pension!«

Der kleine Aloys Nagl näherte sich Liese mit Tänzerschritten:

»Teuerste Freundin! Glauben Sie, daß ich es ehrlich mit Ihnen meine?«

Er sprach mit weicher, klingender Stimme, seine braunen Augen blickten

wie in einer Liebesszene.

Lindemann ärgerte sich. Er war eifersüchtig, denn er spürte, daß Aloys

Nagl sich Lieses bemächtigte.

»Ehrlich sein, heißt keine falschen Illusionen machen!« polterte er.

»Du solltest etwas vorsichtiger sein, lieber Aloys! Fräulein Prutz hat

bei Guido eine sorgenfreie Zukunft!« -- Lindemann verständigte sich

durch Blicke mit dem Wirt -- er war seines Dankes gewiß.

»Will ich sie zu deiner Höhe locken?« krähte Aloys Nagl. »Verspreche

ich ihr eine Karriere bei der großen Oper? Nein! Ich weiß nur, daß die

Friedrich-Wilhelm-Stadt sie vom Fleck weg engagiert!«

»Na, selbstverständlich!« polterte Walter. »Nur keine verpfuschte

Opernsängerin! Der kleinste Erfolg bei der Operette ist tausendmal

mehr als der größte Reinfall bei der Oper!«

Walters Autorität machte alles still. Nun wagte Liese sich zu ihm.

»Aber glauben Sie denn, Herr Kammersänger, daß ich Talent habe?«

»Herrgott, Mädel, wenn man dich ansieht -- selbstverständlich! Aber

nun wollen wir mal den Humpen füllen, Guido!«

Müffel faßte sich und bediente eifrig: »Gewiß, gewiß, Herr

Kammersänger! Man vergißt ja sonst ganz, wozu man beisammen ist! Ich

finde es überhaupt nicht nett, daß Herr Nagl mir grade heute die Liese

abspenstig machen will! Das ist eigentlich gar nich nobel von Herrn

Nagl!«

Guido hatte seine Stimme gedämpft, aber der Operettentenor hatte ihn

gehört: »Will ich sie dir abspenstig machen? Nein, Guido, das tut ihr

Schicksal! Du bist ein Egoist -- ich nicht! Du willst die Attraktion

behalten, bis sie hinter deinen Soleiern verwelkt ist -- ich möchte

sie der Kunst retten!«

»Ja, ja, du bist ein edler Mensch! Dein Direktor soll dich umarmen,

und nach der großen Entdeckung willst du noch ein paar Dutzend Schüler

mehr bekommen -- weiter willst du nichts!«

Lindemann rief es mit schneidendem Sarkasmus. Die anderen lachten.

Aloys Nagl aber sah aus wie ein Mann, der seiner Sache sicher war. --

Guidos Geburtstagsfeier versandete in gedrückter Stimmung. Als alle

Gäste fort waren, wollte der Wirt es offenbar vermeiden, mit seiner

Büfettdame allein zu bleiben. Er sagte kurz: »Gehen Sie nur schlafen,

Fräulein. Ich räume schon weg.«

Aber so kam er nicht davon. Sie sah ihn mit feuchten Augen an: »Sind

Sie mir böse, Herr Müffel?«

»Man hat Ihnen Raupen in den Kopf gesetzt. So sind die Herren

Künstler. Unsereiner ist zuverlässiger. Das sage ich Ihnen. Überlegen

Sie sich die Sache gut.«

»Das tu' ich ganz bestimmt, Herr Müffel. Ich bin Ihnen doch so

dankbar.«

»Darauf kommt es mir nicht an. Ich will ihr Bestes. Aber überlegen Sie

es sich!«

Sie sagten gute Nacht und trennten sich zum erstenmal ohne die

richtige Einigkeit. --

Immer für Essen und Trinken zu sorgen, Männerlaunen zu bedienen --

das war auf die Dauer kein angenehmer Beruf. Liese hätte es weniger

gespürt, wenn das Schicksal sie nicht doch wieder in die Nähe von

Viktor Schwarz geführt hätte. Er wirkte noch in ihrem Blut. Es kam

ihr nicht mehr darauf an, untergebracht zu sein. Das größere Dasein

lockte, der Reiz des Abenteuers. Sie wollte sich entfalten.

Da war der Vorschlag des Operettensängers wie ein grelles Licht in

ihr Dunkel gefallen. Insgeheim glaubte sie trotz aller Dankbarkeit

an Guido Müffels Egoismus. Er machte ein gutes Geschäft mit ihr. Das

würde wohl beim Theater nicht anders sein, aber es galt doch einen

höheren Daseinsgenuß, eine Geltung vor Tausenden.

Sogar der große Walter glaubte an ihr Talent. So wartete sie nur

darauf, daß Aloys Nagl wiederkommen und seinen Befreiungsversuch

fortsetzen würde. Aber er blieb aus. Als er dann nach Wochen endlich

wiedererschien, war Guido Müffel abwesend. Liese kommandierte heute

allein im Lokal. Aloys Nagl aber kam mit einem korpulenten Herrn, der

sich stolz und schroff gab, weil er sehr kurzatmig war. Er glich einem

populären Komiker, hatte aber etwas Beherrschendes.

Aloys Nagl machte ein bedeutsames Gesicht. Er stellte vor. Liese hatte

Herrn Toffani, den Direktor des Friedrich-Wilhelmstädtischen Theaters,

vor sich. Bald zeigte es sich, daß der mächtige Mann nicht wegen des

guten Sherrys, sondern wegen der Büfettdame gekommen war. Er musterte

Liese von allen Seiten. Er war zufrieden.

Der kleine Sänger trat plötzlich zu Liese. »Jetzt keine Zierereien

mehr«, raunte er ihr zu. »Toffani ist von Ihnen entzückt! Ich habe

getan, was ich konnte! Jetzt kommt es auf Sie an! Kann ich ihm sagen,

daß Sie ihn morgen im Bureau besuchen werden?!«

»Herr Müffel ist doch nicht da«, flüsterte Liese.

»Zum Teufel, was geht Sie Herr Müffel an? Sie sind doch mündig!

Sie sind ein selbständiger Mensch! Machen Sie die Sache mit sich

aus, gehen Sie morgen mittag zu Toffani und unterschreiben Sie den

Kontrakt!« --

Es war eine Suggestion -- Liese konnte sich nicht mehr frei machen.

Die Angst, noch einmal das Glück zu versäumen, bestimmte sie. Sie

verschwieg Guido Müffel, wozu sie sich entschlossen hatte. Am nächsten

Vormittag saß sie bei Herrn Toffani im Theaterbureau. Die Formalität

war kurz. Viel besser stand sie sich bei dem neuen Beruf ja nicht,

aber das Tor in die Zukunft glaubte sie geöffnet. Sie verließ das

Theater sehr vergnügt.

Als sie Guido Müffel wiedersah, wußte er es schon. Er hatte Aloys Nagl

auf der Straße getroffen. Mit Mühe bewahrte er dem wichtigen Stammgast

gegenüber die Fassung. Nun aber, in seinem eigenen Reich, ließ er der

Empörung freien Lauf. Wie eine zornige Bulldogge rannte er im Lokal

umher. Liese hielt es schließlich nicht mehr aus. Sie schlug mit der

Hand auf die Büfettplatte und erhob sich:

»Sie wissen es also schon?«

»Was weiß ich?! Was ich jetzt weiß, das hab' ich allerdings nicht

geahnt! Daß es gar keinen Dank und gar keinen Verstand mehr auf der

Welt gibt! Daß solch schäbiger Komödiant einem Mädchen, wie Ihnen,

mehr gilt als ein Mann von meiner Lebenserfahrung!«

»Herrgott, Herr Müffel -- Sie wollten doch keinen Dank -- und mein

Verstand ist eben anders!«

»Na gut! Na schön! Sie werden ja Ihre Erfahrungen machen! Noch einmal

wird nicht so'n -- wie nennt man's doch -- so'n Theo ex Maschina

kommen! Wenn sie jetzt im Dreck sitzen, bleiben sie im Dreck! Das sage

ich Ihnen! Operette! Mit Ihrer Piepsstimme! Lächerlich! Man hat Ihre

hübschen Beine engagiert!«

Er knallte die Tür hinter sich zu. Durch dieses Benehmen reizte

er ihren Trotz nur noch mehr. Liese gab sich mit Leidenschaft dem

neuen Beruf hin. Wenn Guido ausgegangen, saß sie am Klavier und übte

rastlos, was Aloys Nagl ihr aufgegeben hatte. Sie lief auch zu ihm und

nützte seinen kostenlosen Unterricht. Bezahlen konnte sie ihn nicht.

Ihre kleinen Ersparnisse reichten kaum für die notwendigsten Kostüme.

Oft schwirrte ihr der Kopf, und sie wußte nicht, wie alles weitergehen

sollte. Dann packte sie auch ein bitterer Zorn gegen den Begriff

»anständig«, der eigens in Strelenwalde gemacht zu sein schien. Sie

verstand ja Aloys Nagl längst und hielt es für töricht, sich zu

widersetzen. Er war kein übler Mann, und so gab sie ihm schließlich,

was ihn belohnte. Das Dickicht lichtete sich. Sie fühlte, daß sie

durchkam. Nun beherrschte sie die erste Rolle, die man ihr gegeben

hatte. Ein Umstand nur bedrückte sie immer noch: Sie sollte eine

Seiltänzerin spielen, die zwar nicht aufs Seil kam, aber ihre Beine in

Seidentrikots zeigte. Der Held der Operette sang sogar ein Lied auf

diese Trikots. Herr Toffani war Meister darin, die Rollen zu besetzen.

»Ich habe die Persönlichkeit im Griff«, pflegte er zu sagen. So wagte

er bei Liese Prutz sofort, was bei einer Anfängerin gefährlich war.

Aber er verschwieg ihr, warum er an ihren Erfolg glaubte. --

Guido Müffel wischte sich die Augen, als Liese von ihm Abschied nahm:

»Also, ich wünsche Ihnen eine große Zukunft. So bin ich ja nicht.

Ich werde auch bei der Premiere sein. Ich werde klatschen, daß Sie's

hören. Aber bei mir wären Sie sicherer gewesen -- dabei bleib' ich.«

»Das glaub' ich auch, Herr Müffel. Doch darauf kommt es mir nicht mehr

an.« --

Sie wohnte nun in einer Pension in der Chausseestraße. Aber am Tage

der Premiere mußte sie ausziehen, da sie gar zu heftig von Wanzen

geplagt wurde. In ihrer Not fand sie bei Aloys Nagl Unterkunft. Das

war ein Fehler, den sie zu spät erkannte. Sie gab ihrem Entdecker eine

Machtstellung. Im Augenblick war ihr alles gleich -- sie wollte nur

den großen Abend bestehen.

Nichts ereignete sich, was sie daran zweifeln lassen konnte. Sie sah

entzückend aus, sang ihre zwei Lieder ohne Fehler, bewegte sich zwar

noch ziemlich eckig, aber ohne Entgleisung. Doch um sie herum blieb

alles still. Man machte kein Aufhebens von ihr. Direktor Toffani ging

an ihr vorüber und murmelte: »Ganz brav -- sehr nett -- wird schon

werden!« Liese war nicht gekränkt, aber sie wunderte sich. Sie hatte

das Ereignis ihres Debüts für bedeutsamer gehalten. Dazu kam, daß die

Premiere zu einem fürchterlichen Zusammenstoß des Direktors mit Aloys

Nagl führte. Dem eitlen Tenor wurde ein Fehler vorgeworfen, und er

gebärdete sich wie rasend. Es fehlte nicht viel an Tätlichkeiten.

Liese erlebte solche Theaterschlacht zum erstenmal. Ihre hübschen

Beine, die noch in den Seidentrikots steckten, zitterten. Das

Sonderbare aber wurde ihr bewußt, daß die Kollegen sich kaum von dem

Zweikampf aufregen ließen. Sie schienen daran gewöhnt zu sein. Die

Hauptbeteiligten aber wandten sich zu Liese, als ob sie vermitteln

sollte. Erst lief der Direktor auf sie zu und schnob: »Der Schuft! Das

Ganze war elende Mache! Er hat mit Absicht das Trinklied verpatzt!

Weil er schon einen Kontrakt mit dem Carltheater in der Tasche hat!«

-- Aloys Nagl aber kam, als der Direktor fort war, und zischte

Liese zu: »Vom Zaun gebrochen! Ja, das merkst du nicht! Der alte

Halsabschneider hat schon den Stefani aus Leipzig engagiert! Da will

er mich abschieben! Nun hat er einen Grund! Ich habe ihn einen Idioten

genannt! Na, mir soll's recht sein! Ich gehe nach Wien!« --

So kamen die Sorgen. Liese verlor ihren Lehrer. Das machte sie

unsicher. Sie wußte selbst am besten, wie wenig sie noch konnte.

An wen sie sich nun wenden sollte, blieb ganz ungewiß. Man hatte

überall nur Sinn für die pekuniäre Seite der Kunst -- Leistungen waren

persönliche Angelegenheiten. Liese spürte sogar bald, daß sie eine

etwas komische Figur wurde. Man lächelte, als sie Rat suchte. Man

beurteilte offenbar ihre ganze Laufbahn von einem andern Gesichtspunkt.

So vereinsamte sie. Es wurde ein leeres Gaukelspiel, in dem sie

erstarrte. Bald kam der Ekel, aber sie trotzte noch. Ihr Brot durfte

sie nicht verlieren, und Guido Müffel sollte nicht recht behalten.

Plötzlich -- es war bei der zwanzigsten Aufführung der ›Tollen Lotka‹

-- veränderte sich Lieses Stellung im Theater. Die Herren wurden

galanter, die Damen achtungsvoller. Liese beobachtete, daß man in

Gruppen beisammenstand und auf sie deutete. Es dauerte nicht lange,

so erschien Direktor Toffani auf der Bühne und steuerte auf Liese zu.

›Herrgott, er kündigt mir‹, dachte sie erbleichend. Dann aber sah sie

sein zärtliches Lächeln -- er flüsterte: »Prutzchen, Sie machen sich!

Jetzt freut's mich erst, daß ich Sie zu keinem Theaternamen bestimmt

habe! Liese Prutz schlankweg -- darin steckt Karriere!«

Er nickte der Erstaunten zu und watschelte weiter. Liese war ratlos.

Da fiel ihr Blick auf Herrn Dotzky, ein unscheinbares altes Mitglied,

das Dienerrollen spielte. Er galt als Grobian, aber gerade deshalb war

er Liese sympathisch. Sie näherte sich ihm. Als er ihre Ratlosigkeit

sah, konnte er ein bitteres Lächeln nicht unterdrücken.

»Was ist denn eigentlich los, Herr Dotzky? Auf einmal schein' ich ja

Teekind zu werden? Dabei war ich heute ebenso schlecht wie sonst.«

Diese seltene Ehrlichkeit entzückte den alten Schauspieler. »Aber

liebe Kollegin, haben Sie denn gar nichts gemerkt?«

»Was soll ich gemerkt haben?«

»Sie sind ein Engel, aber ich muß Sie aufklären, sonst lassen

Sie tatsächlich noch das ganze Glück vorbei. Die Ereignisse

unseres Theaters sind -- das wissen Sie offenbar noch nicht

-- die Sympathiekundgebungen gewisser Stammgäste. Wir haben

Orchesterlogenbesucher, die den Erfolg einer Novität machen. Zu den

wichtigsten gehört Freiherr von Bassenried, einer der reichsten

Sportsleute und Kunstmäzene Berlins. Er hat immer dieselbe Loge: links

unten, dicht an der Bühne.«

»Ach, der große Herr mit der Glatze und der scharfen Nase, der immer

durch ein Monokel guckt?«

»Derselbe, meine Teure. Der Serienerfolg der ›Tollen Lotka‹ war

entschieden, als Baron Bassenried zum drittenmal gekommen war. Heute

saß er zum zehntenmal in seiner Loge. Unser Sklavenhalter hatte es nur

noch nicht heraus, wer eigentlich die Attraktion ist. Unsereiner hat

einen besseren Blick dafür -- ich hätte Iwan dem Schrecklichen schon

vorige Woche sagen können: Es handelt sich einzig und allein um Liese

Prutz. Machen Sie den Blödsinn, ihr die Rolle abzunehmen, so werden

Sie Ihre ›Tolle Lotka‹ erster Klasse begraben können. Von Liese Prutz

lebt dieses irrsinnige Machwerk. Wenn Liese Prutz einmal über die

Bühne geht, liegt mehr Musik darin, als dem talentlosen Affenkopf von

Komponisten jemals einfallen wird!«

»Hören Sie auf, Herr Dotzky. Das ist ja ein furchtbares Geschimpfe.

Was hat denn das alles mit Herrn von Bassenried zu tun?«

»Besagter Salonlöwe läßt den ganzen Abend kein Auge von Ihnen. Nur

Sie, edle Strelenwalderin, kriegen es fertig, davon nichts zu merken.«

»Mich beobachtet er?« -- Liese hielt die Hand ans Kinn und sah

nachdenklich zu Boden.

Herr Dotzky machte eine huldigende Bewegung: »Es handelt sich

zweifellos um eine grandiose Leidenschaft! Er läßt nicht mehr von

Ihnen -- das werden Sie erleben! Morgen, wette ich, kommen die ersten

Blumen. Übermorgen werden wir ihn auf der Bühne haben. Nun begreifen

Sie wohl, warum sich Nebukadnezar plötzlich vor Ihnen verwandelt.

Jetzt weiß er, was los ist. Und das andere Otterngezücht -- sehen Sie

doch, wie es ich in seine Schlupfwinkel verkriecht. Ich habe seit

heute eine bessere Stellung im Theater, weil Liese Prutz mich durch

ein längeres Gespräch auszeichnet. --«

Liese schwirrte der Kopf. Aber der alte Kollege hatte aufrichtig

gesprochen -- das spürte sie. Am nächsten Abend war sie erregt und

befangen. Ein schneller Seitenblick zeigte ihr, daß Freiherr von

Bassenried wirklich wieder in seiner Loge saß. Wenn sie auf der Bühne

war, beugte er sich an die Brüstung vor und starrte durchs Monokel.

Wenn sie abgegangen war, lehnte er sich sofort zurück und blickte

zerstreut ins Publikum. Im dritten Akt wechselte Liese den ersten

Blick mit ihm. Da sah sie ein Aufblitzen in seinen müden Augen.

Er klatschte fanatisch. Als Liese in ihre Garderobe kam, lag ein

wunderbarer Rosenstrauß auf dem Tisch. Die angeheftete Karte trug die

Worte: ›Ein geringes Zeichen höchster Bewunderung. August Freiherr von

Bassenried.‹

Am nächsten Abend kam der Verliebte noch nicht auf die Bühne, wie Herr

Dotzky prophezeit hatte. Aber am dritten, nach Schluß der Vorstellung,

als alles schon verlaufen war, stand seine hohe, etwas gebückte

Gestalt plötzlich vor Liese. Sie sah eben noch, wie Direktor Toffani

sich um die Ecke drückte. Baron Bassenried wirkte in der Nähe recht

alt; auf seinen großen Zügen, namentlich um die ausdrucksvollen Augen

herum, gab es viele Runzeln, die Glatze war umfassend; aber der ganze

Mann hatte die sichere Gepflegtheit des Hochadels.

Er stellte sich vor und teilte ihr mit, daß er gekommen sei, um sie

zum Souper zu laden. Zugleich überreichte er ihr einen Veilchenstrauß,

in dessen blauer Tiefe Liese etwas blitzen sah. Sie erkannte, während

sie neben dem Baron das Theater verließ, ein kostbares Armband.

Ohne Überlegung hatte sie zugesagt. Hier warnte sie nichts. Sie

hatte sogar die feste Empfindung, endlich geborgen zu sein. Bei

Hiller wurde er lebhafter. Er begann von seinem Leben zu erzählen.

Wunderbare Fernen taten sich vor Liese auf. Alles trug den Stempel

abenteuerlicher Wahrheit. Der Baron hatte die halbe Welt gesehen,

und nun trachtete er nach einem wirklichen Hafen. Sein schwerer,

etwas starrer Blick schien anzudeuten, wo er ihn erhoffte. Freilich

brachte er das meiste wie eine etwas unheimliche Phantasie heraus. Der

chinesische Opiumrausch schien noch in ihm nachzuwirken.

Einige Abende später waren sie wieder beisammen. Heute hatte Liese

Urlaub. Direktor Toffani gab sie für seinen mächtigen Stammgast

frei. Sie fuhren in den Zirkus Renz. Der Baron betrachtete Liese

entzückt, wenn sie über jeden Clownspaß lachte. Später saßen sie in

einem Chambre séparée. Da fragte sie ihn plötzlich, ob er denn nie

geheiratet habe? Er nickte ernst -- seine Frau sei tot. In reuiger

Betroffenheit legte Liese zum erstenmal die Hand auf seinen Arm:

»Haben Sie Kinder?« -- »Eine Tochter. Sie ist ebenso alt wie du.«

Liese schlug die Augen nieder. Nun wußte sie schon viel von ihm.

Dieser stolze Mann schien ihr alles anzuvertrauen. Aber was sollte

daraus werden? Sie war ihm ehrlich dankbar. Nur daß sie sich keine

falschen Illusionen machte, sollte er wissen.

Sie stieß mit ihm an: »Prosit, Herr Baron! Wer weiß, ob man sich

wiedersieht?«

Er sah sie mit großen Augen an: »Was meinst du damit? Ich glaube, wir

trennen uns nie mehr.«

»Aber bedenken Sie doch, wer Sie sind, und wer ich bin!«

»Das habe ich genügend bedacht. Glaube mir, mein Kind, ein Mann wie

ich weiß, was er tut. Ich will dich glücklich machen.«

Frau Rietschel das Kind · 第 31 / 97 题