Sie hielt ihm stand. Verwirrt sah er auf ihre trotzige Schönheit. Er
konnte die Hand nicht heben. -- »Du hättest auf mich warten sollen,
Vater. Du hättest nicht lauern und gucken und horchen sollen. Dadurch
macht man den Menschen erst schlecht. In Strelenwalde ist es immer so
gewesen. --«
»Rede nicht so viel! Die anständigen Leute hier wissen ganz genau, was
sie tun. Ich höre nur auf anständige Leute! Was hast du mir zu sagen?«
Liese wich nicht von der Stelle: »Daß ich mich mit Assessor Schwarz
verlobt habe -- sonst nichts! Daß er heute nach elf Uhr zu dir kommt
und um mich anhält!«
Der zornige Ausdruck des Vaters blieb, aber in seine Augen kam ein
feuchter Schimmer. »So?« brummte er nach einer Weile. »Also alles
hinter meinem Rücken? Verlobt? Einfach verlobt? Er will dich heiraten?«
»Was anderes ist doch wohl nicht möglich.«
»Hm ... Also, ich werde mit dem Herrn Assessor reden. Ich werde ihm
mal gehörig meine Meinung sagen.«
»Aber du wirst auch dran denken, wen du vor dir hast. Er schafft mir
eine großartige Zukunft, Vater --«
»Abwarten!«
Nun schwiegen beide und begannen zu arbeiten.
Die gemeinsame Spannung brachte sie über die quälenden Wartestunden
fort. Als die Zeit herannahte, wurde Liese ruhiger. Sie war ihrer
Sache sicher. Doch es wurde elf, es wurde halb zwölf und zwölf
Uhr -- Viktor Schwarz kam nicht. Liese wagte den Vater nicht mehr
anzublicken. Ein schleichendes Wehgefühl packte sie. Eisig waren ihre
Glieder, aber im Gesicht brannte eine Glut, die wie Scham aussah.
Um halb eins wandte der Vater sich zu ihr. -- »Du hast wahrscheinlich
noch gar kein Mittagessen gekocht?« fragte er scheinbar gleichmütig.
»Wann sollte ich denn, Vater?«
Er lachte kurz: »Das weiß ich auch nicht! Aber dein Assessor scheint
verhindert zu sein.«
Liese setzte sich. Erschrocken sah der Alte, wie sie sich wand. Jetzt
wuchs sein furchtbarer Verdacht, aber zugleich regte sich auch der
Zorn seiner Vaterliebe.
Da bimmelte die Ladenglocke. Liese fuhr auf. Doch es war nicht der
Ersehnte -- Adele Schörg kam. Sie hatte immer etwas Trotziges in
ihrer hinkenden Langsamkeit. Mit verlegenem Lächeln sah sie auf den
Konditor. Sie hätte Liese viel lieber allein getroffen.
»Was gibt's, Adelchen?« fragte Vater Prutz fast wild. »Hast du Hunger
auf Kuchenkrümel?«
Adele wich zurück: »Nein, nein, Herr Prutz ... Ich danke sehr ...
Sowas ißt man doch bloß als Kind. Ich habe für Liese einen Brief ...«