ZWEITES KAPITEL

Alles war im Keller gut verpackt -- der Vater war heute mit Lieses

Einkäufen besonders zufrieden. Nach dem Essen ging sie bald in ihr

Zimmer, denn sie war ehrlich müde und mußte am nächsten Morgen früh

heraus. Da wartete viel Gartenarbeit auf sie.

Aber sie kleidete sich noch nicht aus. In ihrer hell tapezierten Stube

ging sie noch eine Weile umher und betrachtete, was sie genau kannte.

Von einem Bildchen, das »Erwartung« hieß und eine schöne junge Dame

in abendrotem Fenster zeigte, wandte sie sich zu ihrem eingerahmten

Konfirmationsspruch, von diesem zu »Tannhäuser und Elisabeth« und

daneben zu einer Gruppenphotographie ihrer Schulfreundinnen. An

einer Parfümflasche roch sie, und eine schimmernde Muschel hielt sie

lauschend ans Ohr. Dann besann sie sich noch einmal, ob sie auch

wirklich alle Pflichten erfüllt hatte. Unten im Stall hörte sie Peter,

den alten Schimmel, stampfen -- aber der hatte ja reichlich Futter.

Liese seufzte und wandte sich nun doch zum Fenster. Ein scheuer Blick

zeigte ihr, daß sie nichts wagte. Gegenüber war alles dunkel -- der

Herr Assessor saß wohl noch im »Goldenen Engel«. Der Herr Assessor

... Sie lachte leise vor sich hin, denn eigentlich war er ihr schon

zu vertraut für den steifen Titel. Sie atmete tief und sog die reine

Nachtluft ein. Plötzlich erschrak sie vor ihrer eigenen, fremdartigen

Unruhe.

Sie wußte, daß sie Eindruck auf den begehrtesten Mann der Stadt

gemacht hatte. Aber sie war die Tochter ihres Vaters -- nicht

ausgezeichnet fühlte sie sich, nicht über Vorteile dachte sie nach.

Ihre reifen, heißen Sinne waren geweckt. Heute, nach dem schweren

Arbeitstage, ließen sie ihr keine Ruhe. Sie fragte sich mit pochendem

Herzen, ob auch ihr dieser Mann gefiel.

Aufmerksam sah sie in das Dunkel seines Zimmers. Doch, er gefiel

ihr. Schön war er ja eigentlich nicht. Doch seine Gepflegtheit, sein

gescheiter Blick. Man merkte ihm den Großstädter an. Es war schon zu

verstehen, wie die Mädchen von Strelenwalde sich nach einer Berliner

Heirat sehnten.

Sie zuckte ärgerlich zusammen. Warum dachte sie denn überhaupt

darüber nach? Für sie kam das nicht in Frage. Selbstverständlich, ein

herrliches Leben mußte die künftige Frau dieses Mannes führen.

Das verdammte Strelenwalde! Es durfte sie nicht um die ganze Zukunft

bringen. Liese stampfte mit dem Fuß auf. Sie fror jetzt in der

Nachtluft und schloß das Fenster. Aber in ihren Kleidern warf sie

ich aufs Bett. Immer nur Arbeit, Arbeit. Ein Tag wie der andere. Sie

war erst dreiundzwanzig, und der Vater dachte nur an sich. Wie würde

das enden? Wie es immer in Strelenwalde endete. Die Konditorstochter

heiratete den Papierhändlerssohn. Neue Lasten kamen, neue Arbeit.

Froschteich. --

Am nächsten Tage war Sonntag. Liese hatte einen guten Einfall. Nach

dem Frühstück entwischte sie dem Vater, der sich ins Strelenwalder

Kreisblatt vertiefte, und schloß sich in ihr Zimmer ein. Noch war

das Fenster gegenüber zu. Im »Goldenen Engel« mußte es gestern spät

geworden sein -- nun schlief er vielleicht einen kleinen Rausch aus,

der Herr Assessor. Liese lächelte, denn sie glaubte die Ursache des

Rausches zu kennen. Dann öffnete sie ihr Klavier und sang, was ihr

eben in den Sinn kam. Es war eine wunderliche Zusammenstellung: Franz

Schubert und Operettenschlager -- doch überall kam Liebe und Sehnsucht

vor.

Sie hatte eine hübsche, unverbildete Stimme. Ihr Fenster stand offen.

Sie wollte den Langschläfer drüben wach singen. Es glückte. Nach einer

Weile hörte sie gegenüber die Vorhänge aufziehen, und bald darauf

öffnete sich das Fenster. Sie konnte kaum weitersingen -- so kam sie

ins Lachen. Deutlich spürte sie, wie Viktor Schwarz sich langsam

herauslehnte und andächtig lauschte. Sie entdeckte sogar im Spiegel

den Schimmer seines geröteten Gesichts. Da konnte sie nicht weiter.

Plötzlich schlug sie das Klavier zu, sprang auf und lief aus dem

Zimmer. --

Als sie vormittags die Kirche verließ, traf sie Viktor Schwarz auf dem

Markt. Er war heute kecker als sonst. Obwohl sie sich im Schwarm der

Leute befanden, ließ er sie nicht vorüber. -- »Fräulein Prutz, ich muß

Ihnen noch mein ganz besonderes Kompliment machen! Sie haben heute

früh ein Talent entwickelt, von dem ich keine Ahnung hatte!«

Liese sah ihn schelmisch an. -- »Wahrscheinlich waren Sie doch sehr

böse auf mich? Ich hab´ Sie doch im schönsten Morgenschlaf gestört?«

»Aber wo denken Sie hin! So angenehm bin ich in meinem Leben noch

nicht geweckt worden! Nur das Programm war -- verzeihen Sie -- etwas

bunt. Der Frühlingsglaube von Schubert und der Zigeunerbaron -- wie

kommt denn das zusammen?«

Sie wurde rot: »Ach Gott, das liegt an meinem Album! Da steht es so!

Ich singe immer alles hintereinander! So musikalisch wie Sie bin ich

nicht!«

»Sie haben vor allen Dingen eine entzückende Stimme. Was meinen Sie

wohl, was man in Berlin dafür geben würde!«

»Ich singe bloß für mich.«

»Wenn Sie den richtigen Unterricht hätten, könnten Sie direkt eine

Künstlerin werden.«

»Sagen Sie das bitte nicht so laut. Wenn die Leute hier was von

›Künstlerin‹ hören, ist man schon bei ihnen unten durch.«

Liese wurde sich der gefährlichen Situation bewußt. Man kam aus der

Kirche -- da waren die Strelenwalder besonders streng. Die hübsche

Konditorstochter, die ohnehin auffiel, sah man zum erstenmal mit dem

Herrn Assessor gehen. Gewiß, sie waren gut bekannt, aber miteinander

gehen, nicht nur stehenbleiben, plaudern und Abschied nehmen, das war

ein starkes Stück. So etwas erlaubten sich überhaupt nur öffentlich

Verlobte.

Fräulein Knittel, die Lehrerin, und Frau Apotheker Barkhusen folgten

dem Paar in unauffälliger Entfernung.

»Gestern hat man sie auch schon zusammen gesehen«, tuschelte Frau

Barkhusen. »Und in einer Situation! Das wissen Sie doch?«

Die Lehrerin zog ihre gotischen Augenbrauen noch höher. »Ich habe

keine Ahnung!«

»Kutschiert hat sie ihn!« prustete die dicke Frau Apotheker. »Vom

Küstriner Tor bis vor ihres eigenen Vaters Haus! Es ist ein Skandal,

wie das Mädchen sich benimmt!«

»Kehrten sie von einem gemeinsamen Ausfluge zurück? Waren sie wirklich

auf dem Wagen allein?«

»Die Berichte lauten verschieden. Manche behaupten, daß die alte

Sanftleben dabeigewesen sein soll. Na, wenn auch -- die merkt ja

nichts, die ist ja so dumm.«

»Das wußte ich gar nicht, daß Fräulein Sanftleben dumm ist?«

»Ein Heupferd! Im übrigen natürlich schrecklich gutmütig. Nein, mir

tut nur der Vater leid. Wissen Sie, solch Mann -- so rücksichtsvoll

in jeder Beziehung -- jetzt hat er extra meinetwegen echte Lebkuchen

aus Nürnberg kommen lassen -- nein, über Herrn Prutz sind wirklich

alle Meinungen einig. Aber mit seiner Tochter werden wir noch böse

Erfahrungen machen!«

Frau Barkhusen rief es prophetisch. Im übrigen hatte sie Asthma und

konnte die Verfolgung des interessanten Paares nicht fortsetzen.

Viktor Schwarz und Liese Prutz waren in der schmalen Johannisgasse

verschwunden.

Hier war es immer schattig und still. Die Sonne konnte nur die Spitzen

der Giebel übergolden. Vom blauen Maienhimmel war ein schmaler Streif

zu sehen. Aus den uralten Häusern kam ein etwas muffiger Geruch.

Zuweilen aber zeigte sich in einem Gärtchen auch schon blühender

Flieder.

Viktor Schwarz sah, daß seine Begleiterin ernst war. Sie trug ihr

Gebetbuch in der Hand. Da hielt er sich für verpflichtet, ein ihm

völlig fremdes Gebiet zu berühren: »Wie war die Predigt heute,

Fräulein Prutz?«

Frau Rietschel das Kind · 第 10 / 97 题