Alles war im Keller gut verpackt -- der Vater war heute mit Lieses
Einkäufen besonders zufrieden. Nach dem Essen ging sie bald in ihr
Zimmer, denn sie war ehrlich müde und mußte am nächsten Morgen früh
heraus. Da wartete viel Gartenarbeit auf sie.
Aber sie kleidete sich noch nicht aus. In ihrer hell tapezierten Stube
ging sie noch eine Weile umher und betrachtete, was sie genau kannte.
Von einem Bildchen, das »Erwartung« hieß und eine schöne junge Dame
in abendrotem Fenster zeigte, wandte sie sich zu ihrem eingerahmten
Konfirmationsspruch, von diesem zu »Tannhäuser und Elisabeth« und
daneben zu einer Gruppenphotographie ihrer Schulfreundinnen. An
einer Parfümflasche roch sie, und eine schimmernde Muschel hielt sie
lauschend ans Ohr. Dann besann sie sich noch einmal, ob sie auch
wirklich alle Pflichten erfüllt hatte. Unten im Stall hörte sie Peter,
den alten Schimmel, stampfen -- aber der hatte ja reichlich Futter.
Liese seufzte und wandte sich nun doch zum Fenster. Ein scheuer Blick
zeigte ihr, daß sie nichts wagte. Gegenüber war alles dunkel -- der
Herr Assessor saß wohl noch im »Goldenen Engel«. Der Herr Assessor
... Sie lachte leise vor sich hin, denn eigentlich war er ihr schon
zu vertraut für den steifen Titel. Sie atmete tief und sog die reine
Nachtluft ein. Plötzlich erschrak sie vor ihrer eigenen, fremdartigen
Unruhe.
Sie wußte, daß sie Eindruck auf den begehrtesten Mann der Stadt
gemacht hatte. Aber sie war die Tochter ihres Vaters -- nicht
ausgezeichnet fühlte sie sich, nicht über Vorteile dachte sie nach.
Ihre reifen, heißen Sinne waren geweckt. Heute, nach dem schweren
Arbeitstage, ließen sie ihr keine Ruhe. Sie fragte sich mit pochendem
Herzen, ob auch ihr dieser Mann gefiel.
Aufmerksam sah sie in das Dunkel seines Zimmers. Doch, er gefiel
ihr. Schön war er ja eigentlich nicht. Doch seine Gepflegtheit, sein
gescheiter Blick. Man merkte ihm den Großstädter an. Es war schon zu
verstehen, wie die Mädchen von Strelenwalde sich nach einer Berliner
Heirat sehnten.
Sie zuckte ärgerlich zusammen. Warum dachte sie denn überhaupt
darüber nach? Für sie kam das nicht in Frage. Selbstverständlich, ein
herrliches Leben mußte die künftige Frau dieses Mannes führen.
Das verdammte Strelenwalde! Es durfte sie nicht um die ganze Zukunft
bringen. Liese stampfte mit dem Fuß auf. Sie fror jetzt in der
Nachtluft und schloß das Fenster. Aber in ihren Kleidern warf sie
ich aufs Bett. Immer nur Arbeit, Arbeit. Ein Tag wie der andere. Sie
war erst dreiundzwanzig, und der Vater dachte nur an sich. Wie würde
das enden? Wie es immer in Strelenwalde endete. Die Konditorstochter
heiratete den Papierhändlerssohn. Neue Lasten kamen, neue Arbeit.
Froschteich. --
Am nächsten Tage war Sonntag. Liese hatte einen guten Einfall. Nach
dem Frühstück entwischte sie dem Vater, der sich ins Strelenwalder
Kreisblatt vertiefte, und schloß sich in ihr Zimmer ein. Noch war
das Fenster gegenüber zu. Im »Goldenen Engel« mußte es gestern spät
geworden sein -- nun schlief er vielleicht einen kleinen Rausch aus,
der Herr Assessor. Liese lächelte, denn sie glaubte die Ursache des
Rausches zu kennen. Dann öffnete sie ihr Klavier und sang, was ihr
eben in den Sinn kam. Es war eine wunderliche Zusammenstellung: Franz
Schubert und Operettenschlager -- doch überall kam Liebe und Sehnsucht
vor.
Sie hatte eine hübsche, unverbildete Stimme. Ihr Fenster stand offen.
Sie wollte den Langschläfer drüben wach singen. Es glückte. Nach einer
Weile hörte sie gegenüber die Vorhänge aufziehen, und bald darauf
öffnete sich das Fenster. Sie konnte kaum weitersingen -- so kam sie
ins Lachen. Deutlich spürte sie, wie Viktor Schwarz sich langsam
herauslehnte und andächtig lauschte. Sie entdeckte sogar im Spiegel
den Schimmer seines geröteten Gesichts. Da konnte sie nicht weiter.
Plötzlich schlug sie das Klavier zu, sprang auf und lief aus dem
Zimmer. --
Als sie vormittags die Kirche verließ, traf sie Viktor Schwarz auf dem
Markt. Er war heute kecker als sonst. Obwohl sie sich im Schwarm der
Leute befanden, ließ er sie nicht vorüber. -- »Fräulein Prutz, ich muß
Ihnen noch mein ganz besonderes Kompliment machen! Sie haben heute
früh ein Talent entwickelt, von dem ich keine Ahnung hatte!«
Liese sah ihn schelmisch an. -- »Wahrscheinlich waren Sie doch sehr
böse auf mich? Ich hab´ Sie doch im schönsten Morgenschlaf gestört?«
»Aber wo denken Sie hin! So angenehm bin ich in meinem Leben noch
nicht geweckt worden! Nur das Programm war -- verzeihen Sie -- etwas
bunt. Der Frühlingsglaube von Schubert und der Zigeunerbaron -- wie
kommt denn das zusammen?«
Sie wurde rot: »Ach Gott, das liegt an meinem Album! Da steht es so!
Ich singe immer alles hintereinander! So musikalisch wie Sie bin ich
nicht!«
»Sie haben vor allen Dingen eine entzückende Stimme. Was meinen Sie
wohl, was man in Berlin dafür geben würde!«
»Ich singe bloß für mich.«
»Wenn Sie den richtigen Unterricht hätten, könnten Sie direkt eine
Künstlerin werden.«
»Sagen Sie das bitte nicht so laut. Wenn die Leute hier was von
›Künstlerin‹ hören, ist man schon bei ihnen unten durch.«
Liese wurde sich der gefährlichen Situation bewußt. Man kam aus der
Kirche -- da waren die Strelenwalder besonders streng. Die hübsche
Konditorstochter, die ohnehin auffiel, sah man zum erstenmal mit dem
Herrn Assessor gehen. Gewiß, sie waren gut bekannt, aber miteinander
gehen, nicht nur stehenbleiben, plaudern und Abschied nehmen, das war
ein starkes Stück. So etwas erlaubten sich überhaupt nur öffentlich
Verlobte.
Fräulein Knittel, die Lehrerin, und Frau Apotheker Barkhusen folgten
dem Paar in unauffälliger Entfernung.
»Gestern hat man sie auch schon zusammen gesehen«, tuschelte Frau
Barkhusen. »Und in einer Situation! Das wissen Sie doch?«
Die Lehrerin zog ihre gotischen Augenbrauen noch höher. »Ich habe
keine Ahnung!«
»Kutschiert hat sie ihn!« prustete die dicke Frau Apotheker. »Vom
Küstriner Tor bis vor ihres eigenen Vaters Haus! Es ist ein Skandal,
wie das Mädchen sich benimmt!«
»Kehrten sie von einem gemeinsamen Ausfluge zurück? Waren sie wirklich
auf dem Wagen allein?«
»Die Berichte lauten verschieden. Manche behaupten, daß die alte
Sanftleben dabeigewesen sein soll. Na, wenn auch -- die merkt ja
nichts, die ist ja so dumm.«
»Das wußte ich gar nicht, daß Fräulein Sanftleben dumm ist?«
»Ein Heupferd! Im übrigen natürlich schrecklich gutmütig. Nein, mir
tut nur der Vater leid. Wissen Sie, solch Mann -- so rücksichtsvoll
in jeder Beziehung -- jetzt hat er extra meinetwegen echte Lebkuchen
aus Nürnberg kommen lassen -- nein, über Herrn Prutz sind wirklich
alle Meinungen einig. Aber mit seiner Tochter werden wir noch böse
Erfahrungen machen!«
Frau Barkhusen rief es prophetisch. Im übrigen hatte sie Asthma und
konnte die Verfolgung des interessanten Paares nicht fortsetzen.
Viktor Schwarz und Liese Prutz waren in der schmalen Johannisgasse
verschwunden.
Hier war es immer schattig und still. Die Sonne konnte nur die Spitzen
der Giebel übergolden. Vom blauen Maienhimmel war ein schmaler Streif
zu sehen. Aus den uralten Häusern kam ein etwas muffiger Geruch.
Zuweilen aber zeigte sich in einem Gärtchen auch schon blühender
Flieder.
Viktor Schwarz sah, daß seine Begleiterin ernst war. Sie trug ihr
Gebetbuch in der Hand. Da hielt er sich für verpflichtet, ein ihm
völlig fremdes Gebiet zu berühren: »Wie war die Predigt heute,
Fräulein Prutz?«