ERSTES KAPITEL

»Sache mit Wohnung wäre gemacht.«

Diese Worte flüsterte Viktor Schwarz, der junge Assessor am

Amtsgericht Strelenwalde. Es war ein Monolog, den er am offenen

Fenster seines neuen Zimmers hielt. Viktor Schwarz liebte kurze

Monologe. Sie schlossen seiner Selbstzufriedenheit eine Reihe

wichtiger Überlegungen ab, und er konnte sich unbeschwert dem nächsten

Unternehmen zuwenden.

Das hatte er wirklich wieder gut gemacht. Die Hände auf das Gesims

gestützt, lehnte er sich in den hellen Frühlingstag hinaus. Direkt

gegenüber lag das Häuschen des Konditors. Wie nett man es von hier

aus übersehen konnte! Etwas geradezu Rührendes hatte der alte

Patrizierbau mit dem spitzen Giebel und den bunten Hyazinthen, die

an allen Fenstern leuchteten. Viktor Schwarz konnte sich denken, wer

die Blumenfreundin war. Eine Frau Konditor gab es nicht mehr -- die

lag schon lange draußen auf dem Friedhof. Aber Liese, die Blonde,

Liese, die Schlanke, herrschte in der Wohnung, wie im Laden. Von

ihren fleißigen Händen lebten die Blumen. Und man konnte von der

vorzüglichen neuen Wohnung aus auch hinter das Haus des Konditors

sehen. Da lag der kleine Hof, da lag das Gärtchen. Der ganze Kreis von

Lieses Tätigkeit war zu überblicken.

Freilich -- hier runzelte sich die Stirn des Assessors, als ob er

seinem schwächeren Ich widersprechen müßte; er hatte auch noch anderes

zu tun, als am Fenster zu stehen und ein junges Mädchen zu beobachten.

Mit seinem Beruf nahm er es sehr ernst. Er hatte nicht umsonst die

Verbannung aus Berlin auf sich genommen. Die beiden Jahre Amtsgericht

mußte er hinter sich haben -- dann noch Landgericht, vielleicht schon

Moabit -- und dann: er sah sich wie ein Sultan über den abendlichen

Bosporus fahren -- Rechtsanwalt in der Taubenstraße, Erbe der

Joachimschen Praxis.

Immerhin -- Viktor Schwarz war nie ein Bücherwurm geworden. Indem er

es mit Goethe hielt, der ja auch Jurist gewesen, bewahrte er sich von

Anfang an das Ausleben seiner Persönlichkeit. In Strelenwalde war es

auch so übel nicht. Immer geachtet, immer als Instanz befragt -- am

Honoratiorentische im »Goldenen Engel« saß der Herr Assessor neben dem

Kreisarzt und dem Bürgermeister gegenüber. Ließ Viktor Schwarz sich

auf der Gasse blicken, grüßte man ihn aus Türen und Fenstern. Mancher

hübsche Mädchenkopf drehte sich nach ihm um.

Er pflegte eine gewisse Leutseligkeit. Auch die Huld der Frauen nahm

er als selbstverständlich hin. Schon über seiner Kindheit hatte das

Gesetz gewaltet: Mache dich beliebt, aber verkaufe dich nicht, sei den

Menschen, mit denen du lebst, ein Wohlgefallen, aber verpflichte dich

nirgends. Es waren Grundsätze des Altberliner Liberalismus, der in

der Familie Schwarz erfolgreiche Stützen hatte. Viktor Schwarz kannte

die Menschen. Er fühlte sich gefeit, und das beste war, daß man es

ihm nicht anmerkte. Nur wer tiefer in seine blanken Augen blickte,

die durch allzu scharfe Gläser ein wenig zum Schielen neigten, konnte

mißtrauisch werden. Aber noch lebte der Kern des Starken und Guten

in ihm: er war noch jung, er hatte Empfänglichkeit für das wirklich

Wertvolle. Deshalb wandelte sich ihm die Welt, als er Liese Prutz

erblickt hatte.

Bisher war er nur als Gast in ihre Nähe gekommen. Jeden Nachmittag

erschien er in der Prutzschen Konditorei und nahm an dem runden

Marmortischchen Platz, das dem Herrn Assessor geheiligt war. Liese

kam in ihren netten Schuhen und fragte: »Wie immer, Herr Assessor?«

Nach wenigen Minuten hatte er den guten Kaffee mit dem noch besseren

Napfkuchen vor sich. Liese war das Muster einer züchtigen und doch

freien Kleinstadtbedienung. Sie gab sich Herren gegenüber durchaus

nicht schüchtern. Sie verweilte mit graziöser Sicherheit am Tisch.

Man durfte ganz ausführlich ihre schlanke Gestalt betrachten, man

konnte auch lange Blicke in das frische Gesicht emporsenden und den

reinen, blonden Scheitel bewundern -- alles blieb in Ehren.

Viktor Schwarz verstand sich auf weibliche Reize. Hier störte ihn

nichts Zimperliches, hier brauchte er keine Spekulation zu fürchten --

dieses Mädchen lebte im Gleichgewicht seiner bürgerlichen Kraft. Liese

Prutz suchte keinen Mann, sie ließ das Schicksal an sich herankommen.

Ahnte sie, wie groß ihr Erfolg bei ihm war? Sie war das erste Weib

in Strelenwalde, nach dessen Gunst der Herr Assessor trachtete. Doch

allmählich brachte sie auch eine peinliche Unruhe über ihn. Viktor

Schwarz stellte als strenger Selbsterzieher die Kardinalfrage: »Was

ist mit dir los? Bist du verliebt? Das wäre fatal, aber man muß es

sich eingestehen.«

Er gestand es sich ein. »Wenn du dich nur nicht verplemperst«, hatte

Onkel Joachim in Berlin zu ihm gesagt. Nein, das wollte er nicht. Das

war schon aus dem einfachen Grunde ausgeschlossen, weil ein Mädchen

wie Liese Prutz ihm heilig war. Aber er wußte nicht, was er mit ihr

anfangen sollte.

Da kam es wie eine Eingebung über ihn, als er erfuhr, daß im Hause

des Sattlermeisters Schörg, der Prutzschen Konditorei gegenüber, ein

Zimmer zu vermieten sei. Und wenn es eine Million kostete. So viel

kostet es natürlich nicht, aber Viktor Schwarz mietete es sofort und

erklärte im »Goldenen Engel«, daß er doch wieder Furcht vor Wanzen

habe. Die eine Wanze, die sich einmal in seinem Zimmer gezeigt hatte,

verwandte er als Kündigungsgrund.

Liese erzählte er nicht, daß er ihr jetzt gegenüber wohnte. Sie wußte

es natürlich längst, denn Neuigkeiten hatten in Strelenwalde schnelle

Beine. Gerade weil der Herr Assessor nichts von seiner neuen Wohnung

erwähnte, spürte Liese die Bedeutung seines Schrittes. Es ergab sich

nun ein hübsches Spiel von Blicken und Nicken über die Gasse fort.

Wenn Liese am Fenster stand und ihre Hyazinthen begoß, erschien

»zufällig« gegenüber auch der Assessor. Dann kam es immer wieder zum

Gruß, nicht ohne schelmische Verlegenheit. Erglühend zog sich Liese

zurück, und Viktor Schwarz hätte vor Begeisterung den Hochzeitsmarsch

von Mendelssohn spielen mögen. Er hatte aber noch kein Klavier.

Als er richtig verliebt war, wurde er auch wieder naiv. Er rechnete

nämlich mit allem, nur nicht mit der bösen Beobachtungsgabe der

Strelenwalder. Geradezu blind aber zeigte er sich gegen Vater Prutz.

Der alte Konditor war ein typischer Vertreter seiner Heimat. Nirgends

ließ sein Horizont eine Lücke offen. Er wirkte wie ein milder,

abgeklärter Greis, aber er trug eine Maske, denn es blieb ihm nichts

anderes übrig. Das Schicksal war grausam gegen ihn gewesen, es hatte

ihm früh seine gute Berta genommen. Nun fügte er sich dem Leben, wie

es in Strelenwalde vorgeschrieben war. Er bediente seine Kunden, er

sorgte für sein sauberes, altes Geschäft. Denken und Fühlen nützte

er nur für eine vorbildliche Schlagsahne. Er glich mit seinem weißen

Vollbart und der goldenen Brille einem alten Professor, wenn er über

süße Leckereien grübelte.

Aber auch Liese, seine Tochter, galt ihm nur für den Beruf bestimmt.

Daß sie hübsch und allgemein beliebt war, nützte dem Geschäft --

anders sah er sie nicht. Er wies den Gedanken von sich, daß Liese

einmal heiraten und ihn verlassen könnte. Aber er war ein Kenner

der Strelenwalder Lebemänner -- deshalb blieb er auf seiner Hut. Da

war es ihm denn gar nicht recht, daß Assessor Schwarz plötzlich bei

Sattlermeister Schörg wohnte. Die gesellschaftliche Stellung des

jungen Mannes schätzte er richtig ein, aber um so mehr mißtraute er

seinen Absichten. Auch wurmte es ihn, daß der neidische Sattlermeister

tückische Bemerkungen unter die Leute bringen konnte. Schörgs Tochter

war verwachsen, und Liese galt als die Schönheit von Strelenwalde. Da

konnte man sich vorstellen, wer die Anziehungskraft für Viktor Schwarz

bildete.

Nach zornigem Nachdenken beschloß Vater Prutz, der unvorsichtigen

Liese gegenüber deutlicher zu werden. Sie brachte eben die ersten

Spargel auf den Tisch und glaubte ihren Vater in gute Laune zu

versetzen -- da knurrte er: »Den Herrn Assessor habe ich wirklich für

einen feineren Mann gehalten.«

Liese zuckte zusammen, aber sie beherrschte sich:

»Warum denn, Vater?«

»Na, das tut doch kein feiner Mann, daß er plötzlich zu dem Gauner, zu

dem Schörg zieht, und den ganzen Tag am Fenster steht und uns in die

Stuben guckt!«

»Hat er das getan? Davon weiß ich garnichts.«

»So?«

»Außerdem sind doch im ›Goldenen Engel‹ Wanzen --«

Jetzt ließ Vater Prutz seinen Spargel, den er schon in den Mund

gesteckt hatte, wieder auf den Teller fallen. Er schlug mit der Faust

auf den Tisch und schrie: »Komm du mir auch noch damit! Ich sage

dir, daran glaub' ich nicht! Ich würde mich nicht wundern, wenn der

Engelwirt den Assessor bei seinem eigenen Gericht wegen Verleumdung

verklagt!«

»Vater, Vater --«

»Jedenfalls ist es unverschämt von dem Mann! Er hat den ganzen Tag

sein Fenster offen und zwingt uns, unsere Fenster zuzuhalten!«

»Ja, um Gottes willen -- wieso denn?«

»Frage nicht, als ob du erst zwölf wärst! Du bist doch ein anständiges

Mädchen! Das Fenster von deiner Stube muß selbstverständlich immer

geschlossen bleiben!«

»Unsinn, Vater! Ich will auch mal frische Luft haben! Was soll denn

das alles? Der Herr Assessor kann doch wohnen, wo er Lust hat! Der hat

außerdem was andres zu tun, als mir in die Stube zu gucken! Der hat

den halben Tag im Gericht zu tun! Der ist überhaupt ein sehr feiner

Mann! Der ist feiner als hier alle zusammen!«

Nach diesen Worten verließ Liese das Zimmer und knallte die Tür hinter

sich zu. Nun blieb ihr Vater mit dem Spargel allein. Aber er war etwas

eingeschüchtert. --

Am nächsten Morgen fuhr Liese zum Einkauf über Land. Sie lenkte selbst

ihren steifbeinigen Schimmel.

Voll Unruhe lief Viktor Schwarz heute durch die Strelenwalder Straßen.

Er wollte sich doch noch einmal prüfen. Vielleicht täuschte er sich

über seine Gefühle. Vielleicht liebte er Liese Prutz gar nicht,

sondern war nur ein bißchen in sie verschossen. Jedenfalls konnte er

jetzt noch tadellos davonkommen.

Da führte ihn sein Weg bis zum Küstriner Tor hinaus. Selten kam er

in diese Gegend. Hier wohnten Arbeiter in niederen blaugetünchten

Häuschen. Es war Abend geworden. Lange war er über das alte

Holperpflaster gelaufen -- mit schmerzenden Füßen blieb er stehen.

Indem er auf den gotischen Bogen des Küstriner Tores starrte, sah

er, wie etwas Helles und Lebendiges durch sein Dunkel kam. Ein

weißer Pferdekopf erschien und dahinter ein Wägelchen, das von einer

weiblichen Gestalt gelenkt wurde. Etwas Frisches und Frühlingshaftes

ging von diesem Bilde aus. Wie sie die Peitsche schwang -- kein

Zweifel: Liese Prutz kam auf ihn zu. Hinter ihr saß in freundlicher

Bescheidenheit, das Kapotthütchen auf dem Kopf und die eingekauften

Waren hütend, Tante Sanftleben.

Viktor Schwarz zog tief den Hut. Liese erkannte ihn jetzt, lachte

fröhlich und hielt bei ihm.

»Guten Abend, Herr Assessor! Wie kommen Sie denn ans Küstriner Tor?«

»Bin auch müde genug, Fräulein Prutz! Ihre Vaterstadt hat ein

mörderisches Pflaster!«

»Finden Sie? Darüber hab' ich noch gar nicht nachgedacht.«

»Ach ja«, seufzte Tante Sanftleben. -- »Der Herr Assessor hat ganz

recht.«

»Aber dann steigen Sie doch bei uns ein -- Sie brauchen doch nicht den

langen Weg zurückzulaufen. Sie wohnen uns doch gegenüber.«

Viktor Schwarz sah Liese betroffen an: »Geht das? Glauben Sie, daß ich

mir so was erlauben darf?«

»Warum denn nicht?«

»Na, wissen Sie, in Strelenwalde haben die Leute komische Ansichten.«

Liese lachte: »Das stimmt! Aber daraus macht man sich am besten

nichts! Steigen Sie nur ruhig ein -- Tante rückt noch ein bißchen!«

Das alte Fräulein errötete, wagte aber nicht zu opponieren. --

»Natürlich«, flüsterte sie eifrig. »Es geht ja sehr gut! Nur Vorsicht,

Herr Assessor -- daß Sie sich ja nicht auf die Eier setzen!«

Mit Grazie turnte Viktor Schwarz hinauf und saß nun hinter Liese. Dann

klatschte die schöne Kutscherin mit ihrer Peitsche, und in frischem

Trabe ging es über das Holperpflaster. Es stieß zwar heftig, aber

Viktor Schwarz glaubte über eine Himmelswiese zu fahren. Keck sah er

auf die erstaunten Strelenwalder, die die Köpfe zusammensteckten.

Jetzt stand es für ihn fest: er begrub jeden Zweifel. Er wollte um

Liese Prutz kämpfen, denn sie war das lieblichste Geschöpf.

Frau Rietschel das Kind · 第 9 / 97 题