Und jetzt wollen wir ans Frühstück.«

Der nasse Heinrich brachte einen schwärzlichen Klumpen aus dem Feuer

vor sich und zerschlug ihn. Es war Lehm, in den er Fleisch geknetet

hatte, das mit Fett umwickelt war und nun in der hartgebrannten Kruste

rosig und in all seinem Safte geblieben war.

»Scheckensimon, die Flasche!«

Und mit ernstem Gesichte weihte der nasse Heinrich die ersten Tropfen

eines ganz ausgezeichneten Pflaumenbranntweins seinen Lieblingsgöttern,

dem Phöbus, dem Pan und dem Äolos. Dann begann ein herrliches

Frühstück, und dem Offizier war ganz wunderbar zumute, den närrischen,

davongelaufenen Schulmeister hier in Feindesland so unbekümmert zu

finden, als gäbe es keine Staaten und keinen Weltkrieg und keine

wackligen Zivilisationsdogmen.

»Die Kultur ist nur mehr bei unsereins, und die Staaten erkenne ich

seit dem Aufhören der Naturreligionen nicht an,« sagte der nasse

Heinrich.

Angelegentlich rückte der Leutnant zu dem Philosophen, auf den er ja

zwar lachend heruntersah, den er aber in einem Winkel seines Herzens

dennoch anregend, ja aufregend fand, und fragte ihn heimlich: »Sag'

mir, da du doch so sehr gebildet bist: Genügt dir denn der Umgang von

die zwei Kerl'n, die doch unter dir stehn, und zwar recht weit?«

»Da irrst du aber gehörig!« rief der nasse Heinrich. »Abgesehen

davon, daß mindestens der scheckige Simon ein großer Philosoph ist,

steht kein Mensch tief da, der alle Tage so nahe mit Gott zu tun hat

wie wir; denn der ist die Natur! Dazu haben wir eine oft sorgenvolle

und oft so freudige Interessengemeinschaft, daß wir uns endlos zu

unterhalten wissen und immer Gesprächsstoff haben, aber schon sehr

gehaltvollen! Kannst du sowas von irgendeiner Frau Pastor oder einem

Landesgerichtsrat auch behaupten? Wenn ja, dann muß er von seinen

Gaunern erzählen, die sind das einzige, was ihm von wahrem Leben

begegnet!«

Die Sonne fiel steigend auf das kleine Rund inmitten der tollwuchernden

Jungkastaniendickung, und behaglich grunzend lag der Scheckensimon

im warmen Gnadenlichte. Der Schlampenschneider hatte schweigend

gegessen und dem Aviatiker gutmütig die besten Bissen zugeschoben,

jetzt schlief er. Dem nassen Heinrich aber tat es wohl, seine Lehren

in ein dürstendes Gemüt zu versenken. Er saß am Feuer, eine Schnitte

Fleisch auf Brot gelegt in der mageren Hand, die dürftige Gestalt

zusammengekauert wie ein hockender Neger, das spitze Gesicht aufmerksam

und frisch, die Nase fröhlich in der Luft, die pfiffigen Äuglein hell

aufblitzend. Er hatte einen genialen Schwung, sich das lange, blonde

Haar, das ganz verwachsen und verwittert war, aus dem Gesicht zu

streichen, und schüttelte es gleich wieder wuschelköpfig hinein, wenn

er irgend was verneinte.

Tikosch sah den unscheinbaren und doch so zähen Gesellen belustigt

an, und ihm war wohl, wie schon lange nicht. Eine liebe, geborgene

Stimmung überkam ihn mit leichter Schläfrigkeit, und nur um was zu

sagen, fragte er noch, wie sich denn die Gesellen zu den Nachrichten

aus dem Norden stellten, und ob sie Sicheres über den Gang der Dinge da

oben wüßten.

»Was gehen uns die da oben an?« sagte der nasse Heinrich. »Die haben

uns außerhalb ihrer Gesetze gestellt, und wir haben sie dafür aus

unsern Herzen geschoben. Denn sie haben eine andere Seele, die mit

Kohle und Zement mehr zu tun hat, als gut und gottesmöglich ist. Alles

haben sie auf stupide Zahl und Maße hinauflizitiert, und nun sitzen sie

ja mitten drin in den Folgerungen ihres Massenwahnsinns. Jeder nimmt

heutzutage an dem heillosen Morden teil, ob er inneren Soldatenberuf

habe oder nicht, und so hocken sie und schießen und stürmen, ohne

persönliches Emporwachsen. Ja, ja, diese zehntägigen Schlachten, in

denen der einzelne nichts sein darf als eine kleine, kleine Ziffer!«

Der lange Simon gab ein Wort herüber. »Zehntägige Schlachten; das

macht, in einer modernen Schlacht messen sich nicht die Überlegenheiten

zweier Herrschernaturen, sondern die Angst zweier Feldherrn

voreinander.«

Mit einer Art belustigtem Respekt sah nun Tikosch zu dem Schuster

hinüber, während er über die drastische Kritik des Vagabunden lachen

mußte. »Ich möchte nich' Feldherr sein,« sagte der scheckige Simon

noch, gähnte und wollte gerade einschlafen, wie der vorbildliche

Schlampenschneider, als der nasse Heinrich sagte: »Halt, Simon! Unser

Gast wird jetzt noch, da er gegessen hat, nach antikem Gastrecht um

seinen Namen und Stand gefragt, damit wir über sein ferneres Schicksal

in unserem Kreise entscheiden können. Hör' zu, dann brauchen wir den

Schlampenschneider nicht in unserm Rate; er wird majorisiert.«

Und Tikosch setzte sich zurecht, wischte sich den ansteckenden Schlaf

wieder aus den Augen und erzählte offenherzig seine ganze Geschichte

bis auf den Umstand, daß er Leutnant war; denn der hätte verstimmend

wirken können. Sondern er sagte, daß er Feldwebel wäre.

»Tut nichts. Das sah ich aus deinem etwas hunnischen Habitus und

deiner geringen klassischen Bildung,« tröstete ihn der nasse Heinrich

freundlich. »Aber was nicht ist, kann noch werden. Es wird noch 'n ganz

brauchbarer Tippelkunde aus dir werden.«

Tikosch schämte sich ein wenig. Auch seine Neigung zur schönen Rumänin

verriet er nicht und sagte nur, daß sie ihn aus Mitleid gefüttert und

dann hierher geschickt hatte.

»Dann müssen wir'n auch all behalten,« sagte der Scheckensimon und sah

den nassen Heinrich an, der gedankenvoll nickte.

»Die Livia,« sagte er dann in einer Art Wehmut, »die kenne ich nun seit

meiner zweiten Griechenlandsfahrt. Damals war sie noch ein reicher

Backfisch und hat viel gelacht, wie ich ihr meine Gotteserkenntnisse

vortrug. Aber dann haben ihre Brüder den ganzen Familienübermut

durchgebracht, und wie sie arm wurde und ein eleganter Offizier sie

verließ, weil sie nichts hatte, da war sie reif. Sie ist meine einzige

Schülerin in dieser zum Irrtum verdammten Welt, und sie ist dankbar

wie ein reines Tier. Also auch an dir, Aviatiker, ist sie zur Nausikaa

geworden. Ja, ja, sie ist ein seltenes Geschöpf. Zum Beispiel, sie wird

nie heiraten. Denn wer einmal von der geheimnisvollen Nilschlange des

Jenseitsgedankens gebissen wurde, der kann nur einsam bleiben oder

einen Halbgott freien. Und woher sollte ein solcher kommen? In diesem

Lande. Und woher bei uns, im Lande der Hosen mit den Bügelfalten!«

Damit legte er sich nieder und schlief auch schon.

Der Scheckensimon aber weckte den Schlampenschneider und sagte:

»Schlampenmann, du bist heute +du jour+.«

Der Angeredete gähnte, streckte sich und kletterte dann wortlos auf die

große Edelkastanie, in deren Krone Tikosch einen sehr bequemen Sitz

erblickte, von dem es sich im Sonnenscheine dieses milden Tages ganz

behaglich Wache halten lassen mochte.

Im Kreise der drei Seltsamen umherblickend und im Gefühle, wieder bei

Menschen, ja bei seltsamen und nicht gewöhnlichen Erdenkindern zu

sein, wuchs das Gefühl der Behaglichkeit auch in ihm so sehr, daß er

sich vertrauensvoll ausstreckte und entschlief, als sänge ihm Mutter

ein sicheres Schlummerlied. Es war aber nur die riesige Edelkastanie,

die im Ostwinde, der das schöne Wetter gebracht hatte, eintönig

rauschte und sauste. Und da wußte er auch schon nichts mehr von Gefahr,

Weltkrieg und Massenwahnsinn. Die Natur hatte ihn in ihre Arme genommen.

Zu Hause bei ihrer sorgenvollen Mutter saß die schöne Livia.

»Du lädst dir nichts als Ungelegenheiten mit solchen Strolchen auf und

schiebst dabei die geringe Aussicht beiseite, doch noch an den Mann zu

kommen,« sagte die alte Dame, die mit ihrer Tochter nur Französisch

sprach. »Hast du den österreichischen Leutnant gar nicht gefragt, ob er

vermögend ist oder nicht?«

»Es würde nichts entscheiden, das weißt du ja,« erwiderte Livia ruhig.

»Nicht? Wenn wir unser Gut entschulden könnten? Wenn die Brüder wieder

ein menschenwürdiges Dasein führen könnten?«

Livia sagte nichts mehr. Die Mutter kannte nur die Brüder und hätte das

schöne Mädchen ruhig verkauft sehen können, wenn ihre geliebten Lumpe

wieder an der Riviera ihren Sekt und ihre Dirnen gehabt hätten.

»Ein Glück,« grollte die Mutter, »daß deine Brüder nicht hier

sind. In ihrem Haß gegen alles, was deutsch ist, gingen sie deinem

Fliegerleutnant scharf zu Leibe.«

»Sie haben so wenig in sich selber und so wenig Eigenes, daß sogar

ihr Haß ein französischer ist,« erwiderte Livia ruhig. »Sie waren

nie in Deutschland und kennen das Leben dort so wenig wie all unsere

Bojarensöhne. Aber den Haß, den haben sie.«

Und Livia ging fort, durch das Haus, durch den Wald, in die Einsamkeit

hinaus, die ihr allein Mutter und Bruder war.

Sie dachte an Tikosch und prüfte sich wieder und wieder. Männer von

jener Art, die lärmt, trinkt, reitet und ficht, hatte sie durch die

Brüder und ihre Freunde genügend kennen gelernt. Sie wußte, daß diese

Rasse, so sehr sie männlich genannt werden durfte, nie viel Größe und

Güte in sich barg. Tikosch würde sie auch nur so lange achten, als er

sie nicht besaß. Unterlag sie ihm, so ritt, trank, raufte und flog er

wieder, und alles war wie zuvor, nur sie selber war Dienerin eines

Herrn, dem sie im geheimen unbequem war wegen ihrer hellen, scharfen

Augen, die alles Niedrige und Tierische durchschauten. Wenn Tikosch zu

denen dreien im Kastaniendickicht kam, dann entschied es sich übrigens,

wohin er gehörte. Siegten die drolligen Lehren des nassen Heinrich

und brachen die wilde Gleichgültigkeit dieser Reiternatur, dann war

Seele in ihm. Schlug er die Philosophie selbst dann in den Wind, wenn

sie in Not und Waldeinsamkeit zu ihm kam, dann war er ein Verlorener

für sie und ihr Haus, mochte er für seinen Staat noch so sehr das

Prachtexemplar bedeuten.

Schwach war sie nicht, und Sinnlichkeit reichte nicht an ihre einsamen

Stunden heran. Aber sie hätte gern einen starken Mann und Kinder

gehabt. Darum wünschte sie sehnlich, Tikosch möchte doch den Weg aus

seinem Walddickicht zu den drei Walzenbrüdern finden. Daß es die Tage

her so unerbittlich und seelenbedrängend geregnet hatte, dankte sie

den Göttern des nassen Heinrich sehr, dem Pan, dem Aeolos und dem

Sonnengotte. Nun ging sie gegen das Dickicht, um zu sehen, ob der

Trotzkopf schon kirre geworden und heruntergekommen sei, aus seiner

Luchshöhle oben in der sturmübertosten Planina. Aber sie stockte bald

wieder gedankenvoll und kehrte zerstreut um.

Es war herbstlich geworden, so schön auch die sonnigen Spätsommertage

ihr blitzendes Seidennetz über die Wälder spannen. Die silbernen

Marienfäden segelten, und aus den großen Kastanienbäumen fielen die

ersten reifen, süßmehligen Früchte. Es war gut sein und schön am

Lagerfeuer; die Gesellen rösteten sich die Himmelsgabe als wohlige

Zutat zu dem, was ihnen der neue Kamerad mit der Flinte im Walde

geholt hatte, und als es Abend ward, rückten sie nah zusammen und

erzählten Geschichten. Dabei kam allerdings an das Licht, warum der

philosophische Vagabund Heinrich »der nasse« hieß. Denn alle Abend

trank er so viel, bis ein reichlicher Tränenstrom sein zärtliches Herz

erleichterte. »Er hat alle Vesperzeit das heulende Elend,« sagte der

Norddeutsche, der Scheckige, der dem Offizier immer sympathischer zu

werden begann. Denn dem war es ernst mit seiner Sehnsucht, zu seinem

kämpfenden Volke einzurücken.

»Bei Prahovo an der Donau unter der großen Insel ist der Strom schmal;

da weiß ich 'n Kahn, der nur für uns Kunden versteckt ist und uns

allen von der fahrenden Gilde gehört. Er ist so gut versteckt, daß sie

'n noch nie gefunden haben. Denn die Serben bewachen alles, was nach

Rumänien rübergehen will. Uns aber wer'n sie nicht erwischen. Wenn wir

eine Nacht lang rüstig wandern, so sind wir am Fluß; aber 'rüberfahren

könn' wir erst in der andern Nacht, denn es dauert eine halbe Stunde,

bis man drüberkommt, so groß ist das Wasser selbst dort noch. Und wenn

wir noch so gut marschieren, es sind doch gute fünfzig Kilometer, und

es wird grau werden, bis wir hinkommen. Da heißt sich's verstecken, den

Tag über, wie wir hier allemal zu leben gewohnt waren. Um Mitternacht

fahren wir dann ins Rumänische hinüber und schlagen uns von dort am

hellen Tage nach Ungarn durch. Herrgott, in welcher Sprache soll'n wir

denn dann fechten?«

Der nasse Heinrich hatte sich erst in seiner ganzen Andacht den

Hasenbraten schmecken lassen und dann die süßen Maronen. Aber er trank,

obwohl er den Göttern spendete, gar nicht antik. Denn Wasser mischte

er in seine Pulle durchaus nicht, sondern benahm sich ihr gegenüber so

großzügig, daß sie bald leer war und er voll.

»Simon, was willst du dort oben tun?« bat er. »Simon, sie werden dich

zum Krüppel schießen! Komm mit mir 'runter nach Hellas! Wenn's dort

oben eine Zeit gäbe wie sonst, ja, wie sonst! Och, mein Deutschland,

um die Zeit, da man in den Zimmern den Ofen zum ersten Male bullern

hört, da bist du so schön, daß ich oft schon bürgerliche Triebe mächtig

in mir erwachen fühlte und an gebratenen Äpfeln beinahe grundsatzlos

geworden wäre. Ach, ich hätt' ja schon so oft heiraten können!«

Und er trank wieder und sank in tiefes Sinnen.

»Aber jetzt denkt jeder nur an Schießen und Stechen, und wer daheime

sitzt, liest die verflixten Zeitungen und studiert Karten.«

Er sank wieder eine Zeit in Schweigen. Dann brach die erste Rührung

hervor, als er weinerlich ergänzte:

»Oder Verlustlisten.«

Die andern drei waren ernst und still, das Feuer brannte klein und

vorsichtig. Die Nacht war schneidend kalt, und jeder drehte sich, um

gelegentlich auch seine Hinterseite zu wärmen. In dieser Beschäftigung

hörten sie alle nur mit halbem Ohr auf die sattsam bekannten

abendlichen Klagen des nassen Heinrich. Nur dem Leutnant war das

neu, und er hörte dem sonderbaren Patron zu, der so wetterhart und

lebensstark und dennoch in allem, was sonst den ganzen Mann erfordert,

so weichlich war. Mit ein paar kurzen Worten sagte er ihm das auch:

»Mich wundert, woher du die Kraft nimmst, dies Leben zu ertragen, immer

in Lebensgefahr, immer frierend oder hungernd, immer in denselben

Lumpen; bald schauernd vor Regennässe, bald verschmachtend, und doch

bist du an dieser einen Stelle heikler als ein Hund am Bauch: dort, wo

es heißt: Pflicht!«

»Ich bin allein geboren und habe allein zu sterben,« sagte der nasse

Heinrich mit wiedererwachender Klarheit. »So geht es niemanden was an,

wenn ich mein Leben auch abgesondert von den allgemeinen Bemerkungen

eurer Weisheit führe. Du bist wohl noch nie in einer Großstadt im

Kaffeehause gesessen, mein lieber Aviatiker, wo solche Genies ihre

Ecken haben, die immer noch auf den Ruhm warten. Sonst wüßtest du, daß

es kein nutzloseres Ding für den Staat gibt als eine große Intelligenz

ohne Güte. Leute wie du sind das Richtige für das allgemeine Wohl; sie

fühlen sich als Kanonenfutter geheiligt. Aber sobald ein Gehirn die

ganze zwecklose Grausamkeit des Geborenwordenseins zu erkennen fähig

ist, so ist es für die Allgemeinheit verloren und sucht nur mehr sich

selber zu retten, wie ein Kopfloser auf einem sinkenden Schiff. Drum

hat der Staat die Einrichtung getroffen, daß die Schiffsoffiziere mit

Revolvern auf diejenigen schießen, die allzu deutlich auf ihre eigene

Haut bedacht sind, und das ist ganz recht und billig. Ich für mein

sterblich Teil würde auch auf einem sinkenden Schiffe an die Frauen

und Kinder denken. Das kann ich dir versichern. Aber ich habe nicht

Lust genug, ohne Not mit den andern ihr trauriges Spiel zu machen.

Daß wir alle mit'nander ~ein~ Wesen sind, das ist die Erkenntnis

des Herzens. Daß wir einsam sind, ist die Erkenntnis des Kopfes. Wenn

du gut beraten sein willst, so wisse, daß das Hirn der irrende Teil

ist, und daß näher an der göttlichen Erkenntnis der ist, der sich für

andere totschießen läßt. Er weiß mehr als der gescheiteste Professor

an der berühmtesten Universität! Ogottogott! Aber ich! Ich bin ja

so unglücklich, daß ich so intelligent bin! Ich schäme mich ja so

durchdringend, daß ich es aus Gründen der Hochschätzung meiner Person

vermeide, mich für alle zu opfern, was der Weisheit und Güte letzter

Schluß wäre. Das ist mir versagt, oh, das ist mir versagt!« Und der

nasse Heinrich begann zu heulen und zu jaffen wie ein Hund, der bei

Nachtfrost ausgesperrt wurde.

Mit seltsamen Gefühlen sah Tikosch auf dieses Musterbeispiel eines

gänzlich Freien, der sich selber anklagte. Er überlegte, ob er in

seiner simplen Freude, das Gefährliche zu wagen, nicht eine bessere

Antwort dem höhnischen Gotte gab, der das Leben als Fraß des Todes

schuf, als dieser Genießer, der dem Leben unwürdig bettelnd nachkroch

und nur sich selber kannte.

Und in das erbärmliche Weinen des haltlosen Trunkenen, dem der Tiroler

gleichmütig, der Hannoveraner mitleidig schmunzelnd horchte, klang

seine entschlossene Soldatenstimme:

»Komm, scheckiger Simon, mit dir hab' ich ein gutes deutsches Wort zu

reden.«

Beide verschwanden im Busch, und Tikosch schlug mit dem Gefährten

den Weg nach dem Timok ein. Er gab dem Deutschen seine geladene

Schrotflinte, zog seine Repetierpistole hervor, und vorsichtig,

als ahne er, daß irgendein Soldatenstück im Werke sei, folgte der

Scheckensimon dem neuen Kameraden.

Als sie weit genug waren und das Weinen des Betrunkenen nicht mehr

hören konnten, erzählte Tikosch dem Hannoveraner seine ganze Geschichte

mit völliger Offenheit und sagte, als der gute dicke Kerl beim Erwähnen

der Tatsache, daß Tikosch Leutnant wäre, mit einem kurzen Ausruf der

Freude stramm stehen blieb:

»Simon, auf dich zähle ich. Wir wollen hier mitten in Feindesland für

unser verbündetes Vaterland kämpfen. Da unten ist die große Lebensader

des Serbenreiches nach Osten; die Brücke, die zwei Eisenbahnen an die

rumänische Grenze bringt! Hier holen sich die Serben alles, was sie

brauchen. Das Negotiner Land ist reich, aus Rumänien bekommen sie

russische Hilfe dazu. Wenn wir diese eine Brücke sprengen, so treffen

wir die Kerle in den Magen.«

»Haben denn der Herr Leutnant die Mittel, die Brücke zu sprengen?«

fragte der scheckige Simon.

»Simon, wir sind in der gemeinsamen Not Kameraden geworden, und

für euch bin und bleibe ich der arme Kunde, als der ich unter euch

vertrauliche Aufnahme gefunden habe. Wir sind per Du. Jetzt wollen wir

rekognoszieren.«

Der Deutsche ging mit beflügeltem Eifer mit. Die Sache gefiel ihm

über die Maßen; namentlich, als ihm Tikosch sagte, daß er den

Neuangeworbenen sicherlich für eine soldatische österreichische

Auszeichnung melden könnte, wenn die Geschichte gut ginge. »Denk dir,

Simon, was für ein Furore die große goldene Tapferkeitsmedaille auf

deiner Brust bei euch oben machen tät! Ich nehm' dich gleich, nachdem

wir gesehen haben, was mit der Brucken zu machen ist, für den Kaiser

in Eid, und du bist dann Soldat. Die Tapferkeitsmedaille ist dann nur

deine eigene Sach'!«

»Donnerwetter, wenn ich mit der fechten gehe, kann ich bei jedem

Landrat anklopfen: dann rücken sie mit silbernen Halbmärkern 'raus,«

sagte Simon begeistert.

Vorsichtig schlichen die neuen Gesellen zur Brücke, die ein zartes,

dunkles Eisengewebe über den raschen Bergfluß spann. Das Mondlicht,

das im Schwinden war, zeigte ihnen den Posten, der auf der Brücke hin

und her schlenderte. Er war in Nationalkleidung, also kein geschulter

Soldat. Aber jenseits des Flusses, knapp an der Brücke, stand eine

Bretterbaracke, aus der ein kleines, rötliches Licht in die Nacht

hinaus sagte, daß dort eine Wachabteilung ihren Sitz hatte, welche

gegen Bulgarien zu scharf aufpaßte.

»Wir müssen ins Wasser, sonst sehen sie uns,« sagte Tikosch.

»Donnerwetter,« fluchte der Scheckensimon, aber er stieg entschlossen

hinter dem Leutnant das Steilufer hernieder, warf die Kleider ab und

panschte leise in die herbstkalte Flut.

»Gib acht, Simon! Ich schwimme über den Fluß und untersuche den

Pfeiler, der drüben im tiefen Wasser steht. Du watest bis an die

Brücke. Entdeckt uns der Posten, so schieß' ihn nieder, und der zweite

Schuß gehört dem ersten, der ihm zu Hilfe kommt. Sie werden verschlafen

und verwirrt sein. Kannst du schwimmen?«

»Ja.«

»Werden wir gesehen, so schwimmen wir bis in die Donau hinunter! Bei

Tag werden wir in den Dickungen schlafen; fangen sollen sie uns nicht!

Was?«

Die Ausforschung der Brücke gelang aber ohne Störung. Hier, weitab vom

Feinde, glaubten die schlecht geschulten Komitatschis nicht an Gefahr,

und der Posten langweilte sich in dumpfer Zwecklosigkeit auf der Brücke

hin und her.

Tikosch sah bald, wo im Pfeiler das Sprengloch für die Mine war, das

an jeder Brücke angebracht ist, und es tat ihm nur leid, daß er die

Ekrasitbüchse nicht gleich zur Hand hatte. Aber beim Emporklettern

wäre er ja doch entdeckt worden. Es mußte ein eigener Plan entworfen

werden. Aufmerksam prüfte Tikosch die ganze Gegend, merkte sich jeden

Busch, hinter dem man Versteck finden konnte, und besonders die

Umgebung des Wachhauses prägte er sich aufs beste ein. Dann schwamm

er wieder über den Fluß zurück, dessen reißende Strömung ihn so weit

nach abwärts trug, daß er erst nach langem Flußaufwandern den wartenden

Simon, schon in ehrlicher Angst, antraf, weil er glaubte, der Leutnant

müsse ertrunken sein.

Tikosch kleidete sich an. Beide schnapperten vor Kälte, lachten aber.

»Und nun Laufschritt,« kommandierte Tikosch, als sie aus dem Bereich

der Wache gekommen waren. Und fröhlich liefen sie bergauf, erreichten

die Straße, die in dritthalb Stunden nach Rgotina führte, und waren

bald wieder warm und aufrecht.

In der Dickung empfing sie der Schlampenschneider in seiner

phlegmatischen Art, aber doch mit Vorwürfen. »Da laßt ös ein alleinig

mit der b'soffenen Metten in der Nacht!« brummte er. Aber Simon warf

einen raschen Blick auf den nassen Heinrich, der in steinfestem Schlafe

lag, und erzählte dann klipp und klar den ganzen Plan des Leutnants. Ob

der Tiroler mittun wollte?

»Wär net schlecht,« schmunzelte der; »unsereiner hat doch nie net das

Vaterland im Stich lassen.«

So hatte Tikosch zwei Mann für seinen Kaiser angeworben, und es galt

nur noch, den nassen Heinrich zur Tat zu überreden.

»Er wird mithalten,« sagte der scheckige Simon. »Aber nach Österreich

geht der nicht mit uns. Ihr werdet sehen, in Rumänien sagt er uns

Adjes und wendet sich ins Griechische hinunter. Er kann kein Schnee

vertragen, der länger liegen bleibt als bis zur nächsten Sonne; das ist

einmal seine Eigenheit, und er nennt's Religion.«

Zufrieden und neubelebt, daß es mal was Ordentliches zu tun gab in

ihrem zwecklosen Dasein, legten sich alle dreie nieder. Der scheckige

Simon tat noch ein paar Scheite ins Feuer, liebe Wärme zog sich an

ihren müden Gliedern entlang; dann schliefen sie, tief und getrost.

Am anderen Morgen erwachte Tikosch schon frühe. Der Gedanke an das nahe

Ziel und seine baldige Rückkehr zu den Fahnen seines Kaisers ließ ihm

keine Ruhe. Auch mußte er Wild für die drei Gefährten beschaffen. Denn

seit der nasse Heinrich einen der kleinen Feldkeller der Weinbauern,

wie sie dort zahlreich in die Abhänge gegraben und ohne richtige

Aufsicht sind, allzu freigebig geplündert hatte, war man in der hier

dichter bevölkerten Gegend doch etwas aufmerksamer geworden und

fahndete nach rumänischen Zigeunern, die man als Täter vermutete. Es

hieß sich also am Tage still im Dickicht verhalten; von Stehlen oder

gar von Fechten war natürlich keine Rede, und selbst der Weg zur immer

freigebigen Livia stand nur in solchen Nächten offen, wo wegen Sturm

und Regen kein Hund sich ins Freie wagte.

Vor Tagesanbruch mußten sie also versorgt sein, und Tikosch hatte das

Glück, zum ersten Male in diesem an größerem Wild armen Lande einen

kapitalen Rehbock zu strecken, den die reichliche Herbstäsung, um nicht

zu sagen die Mast der Edelkastanien, in seinen Bereich herübergezogen

haben mochte. Schwerbeladen kam er zu seinen Genossen, die ihn mit

Jubel empfingen. Dem nassen Heinrich sah man von seinem tiefen Trunk

wenig an. Er vertrug dergleichen ohne Nachwirkungen, und Tikosch

benützte das erhöhte Behagen, das den verlaufenen Schulmeister bei

einer gerösteten Rehleber überkam, um ihm seinen Plan mitzuteilen.

Er zögerte auch nicht, den Gesellen ausgiebigen Lohn in Gold zu

verheißen, und war entschlossen, die ganze große Summe, die er bei sich

trug, beim Übertritt auf österreichische Erde hinzugeben.

Heinrich neigte den Kopf hin und her. »Das wäre ein Fall, wo man

des Erfolges ziemlich sicher sein kann,« sagte er. »Wenn schon der

Aviatiker in Dingen seelischer Erkenntnis nie ein überragender Kopf

sein wird, so habe ich das Gefühl, daß er eine schneidige Führernatur

ist, und überdies: Wenn jemand etwas will, so setzt er's durch. Die

an der Brücke wollen nichts als ihre Ruhe, und das ist zu wenig. Die

friedlichen Kerle werden im Grunde genommen froh sein, wenn die Brücke

kaputt ist und sie infolge Verstärkung der Wache weniger dabei zu tun

haben werden, wenn man sie wieder aufbaut. Ich werde euch also in allem

beistimmen und helfen, wenn ihr mich dafür sicher in rumänisches Land

bringt. Von dort hoffe ich infolge der Empfehlungen der schönen Livia

schon weiterzukommen. Aber als Soldat in Eid nehmen? Für eine der

Parteien, die jetzt um die Weltherrschaft zu raufen meinen, in die sich

ja doch der Amerikaner und der Asiate teilen werden? Ne! Das ist mir zu

töricht.« Und dabei blieb er; man mußte zufrieden mit dem sein, was er

versprochen hatte.

Als die Verbündeten noch beim Frühstück saßen, raschelte das

Gebüsch und Tikosch griff nach dem Browning. Aber der Warnlaut des

Rotkehlchens, ein Zeichen, das die drei Kunden gut kannten, bestimmte

den scheckigen Simon, ihm lachend die Hand auf den Arm zu legen.

Im nächsten Augenblick war Livia bei den Vogelfreien.

Tikosch fühlte, wie ihm das heiße Scharlachrot ins Gesicht strömte,

weil er von dort oben so fügsam heruntergekommen war und sich mit der

fraglichen Gesellschaft schon so gut stand. Aber Livia begrüßte ihn

heiter und vertraulich und zog, nachdem sie den drei Geächteten einen

Korb voll guter Dinge hingestellt hatte, erst den nassen Heinrich

ins Gespräch. Es sei nahe bei Zajetschar, dicht unter den Forts, ein

ländlicher Weinkeller gründlich ausgestohlen worden; ob er davon wisse?

Und der kecke Gesell wurde unter dem Blicke ihrer ernsten klaren Augen

sehr verlegen.

»Also doch,« sagte sie langsam. »Wissen Sie denn nicht, Heinrich, wie

sehr Sie dies Trinken heruntersetzt? Aller Erde König glauben Sie zu

sein mit Ihrer Freiheit und Ihrer Philosophie und lassen sich durch

eine Flasche Branntwein zum schwätzenden, heulenden Spottbild eines

Menschen herunterziehen! Was muß Tikosch von Ihnen denken? Ist denn

nicht das tüchtige, praktische Mannesdasein, wie er es führt, höher und

mehr als das Ihre, das er haltlos gefunden haben muß? Was ist das für

ein starker Kopf, der sich von jeder Weinflasche umwerfen läßt? Sie

entweihen Ihre eigene Religion, und wenn ich nicht wüßte, daß diese

Lehre in einem würdigeren Herzen als dem Ihren groß sein könnte, so

müßte ich an ihr verzweifeln. Ein trauriges Beispiel! Herr Leutnant,

hat er's arg getrieben?«

Das verlegene Lachen des Tikosch sagte ihr mehr, als ihr lieb war. Sie

sah, wie dieser viel simplere Reiteroffizier den großen Philosophen

rasch verachten gelernt hatte.

»Tikosch,« sagte sie, »man muß den Menschen von seinen Erkenntnissen

zu trennen verstehen wie das Gefäß vom Inhalt. Er hat viel erkannt,

was außer ihm heute in der Welt keiner mehr zu empfinden versteht, und

es ist von ihm manches zu lernen. Da er zu frei sein will, ist er zu

sehr Sklave geworden; sehen Sie ihn nachdenklich an, aber verachten

Sie ihn darum nicht. Ich habe Ihnen einen Vorschlag zu machen. Aus

diesem Lande kommen Sie, namentlich seit man wegen des Mundraubs dieser

drei aufmerksam geworden ist, nicht leicht heraus. Zwar Ihre Freunde

hier müssen sehen, wie sie die nahe Grenze erreichen; sie sind weniger

bedroht. Aber der österreichische Offizier würde nicht leichten Kaufes

davonkommen. Ich kann Ihnen nun im Namen meiner Mutter Versteck und

Quartier bei uns anbieten. Schlimmstenfalls müssen Sie Kriegsgefangener

auf Ehrenwort werden, wenn man Ihren wahren Charakter entdeckt.

Ich aber kann Ihnen versichern, daß man Sie dann bei uns lassen

wird. Bis ein solcher Unglücksfall eintritt, gelten Sie für einen

Wirtschaftsbeamten, den wir uns aus der Schweiz zur Verbesserung

unseres Gutes verschrieben haben. Gilt's?«

Und zum ersten Male sah ihn Livia so weiblich und persönlich, ja

beinahe vertraulich an, daß ihm siedigheiß wurde. Er schwieg; das Herz

kämpfte ihm, aber die Entscheidung war nicht sein.

»Eher unglücklich, eher Lieb' und Leben verlieren, als so in kommoder

Sicherheit, derweil meine Kameraden bluten,« sagte er ruhig. »Livia,

wie können Sie einem Offizier das zumuten!«

Da schwieg das Mädchen und sah traurig zu Boden. Auch sie hätte ihn im

Innersten nicht recht achten können, wenn er bei ihr geblieben wäre.

Aber nun, da sie wußte, daß sie ihn verlor, kam die ganze unterdrückte

Torheit dieses Mädchenkopfes mit Macht über sie, und als sie sich

wegwandte, stürzten ihr Tränen heraus.

Tränen des Zornes, verschmäht zu sein, Tränen der Reue, diesen

Mann geschulmeistert zu haben, statt ihn mit all der Wärme und der

berückenden Liebe an sich zu binden, die sie erst jetzt im Augenblicke

des Abschieds voll süßer Torheit in sich brennen fühlte.

»Begleiten Sie mich ein Stück nach Hause,« bat sie einsilbig, und still

und traurig ging Tikosch mit ihr.

»Den kriegt sie noch herum,« sagte der nasse Heinrich. »Er kommt nicht

zu uns zurück.«

»Wetten, daß er ja kommt? Und daß wir die Brücke sprengen!« rief der

scheckige Simon voll Temperament.

Der nasse Heinrich sah den plötzlich so lebhaft gewordenen Phlegmatiker

erstaunt an. »Du hast ja auf einmal ein sonderbares Vertrauen in die

Menschen, Philosoph,« sagte er.

»Mein Lieber,« dozierte der Schuster, »du bist jetzt außer Mode. Ich

war zu lange mit einem bloß gescheiten Menschen zusammen, um nicht

gelernt zu haben, daß es das Herz ist, welches die Wunder vollbringt.«

In einer tiefen, seltsamen Traurigkeit, wie sie nur zwei Menschen

haben, die wissen, daß sie einander nie im Leben wiedersehen werden,

und daß sie doch so viel aneinander verlieren wie nie mehr im Leben,

gingen der stillgewordene junge Offizier und die ernste und stolze

Rumänin nebeneinander durch den Hochwald, der vor dem Dickicht begann.

Der Herbst war hoch in Flammen ausgebrochen, und die Sonne prahlte

in allen Farben, als hätte sie alle Ritterschaften der Welt zu einem

Turnier versammelt. Die blauen Fernen waren noch zarter und winkender

und verschleierter und sehnsüchtiger als sonst, und eine so weiche und

ertötend süße Wehmut durchdrang alles, daß die stärkste Seele wehrlos

und weich bis ins Innerste von dieser Ergriffenheit des Weltvalets

werden mußte.

Beinahe zum ersten Male ging Tikosch scheulos am hellen Tage durch

serbisches Land, der bisher so verkrochen gelebt hatte! Glanz und

Duft im Walde und das Winken der Ferne hatte er stets nur von seinem

Versteck aus gesehen. Nun gehörte es ihm auf einmal ganz an, und er

genoß die Luft, als sei sie von anderem Geschmack, weil er sie offen

wandelnd trinken durfte. Nach Freiheit roch sie und war frisch wie

kühler Eisenduft. Das machte der herbe Geruch der gerbstoffhaltigen

Blätter, die um die beiden Abschiednehmenden goldwinkend umhertanzten

wie Amoretten: +Valete, valete!+ Die herrlich gefärbten machten

den Himmel, dem sie vorüberflogen, noch einmal so blau wie sonst, mit

ihrem grellen Gelb. Ihr Vergänglichkeitsduft, der nur einmal im Jahre

durch die sonnigen Lüfte irrt, zu des Jahres schmerzlich schönster

Zeit, griff ihm durch und durch!

»Es ist ein wunderbarer Tag, dieser allerletzte,« sagte Livia weich.

»Wann wollen Sie die Flucht antreten?«

»Heute nacht,« sprach Tikosch wie im Traum, und es kam ihm vor, als

sei das gar nicht möglich. Dieser Tag war wie mitten aus der Ewigkeit

genommen, und Abschied lag genug und zuviel in seiner wehen Schönheit.

Aber das Schneiden und Brennen in seinem Herzen ließ ihn sich nicht

ganz verlieren.

»Von jetzt ab weiß ich völlig,« sagte er nach einer Weile, »was Sie

den Gott der freien Natur nennen. Daß der in den Mann übersiedelt, der

sich ihm zu ergeben weiß. Ich hab' ihn schon dort oben verstanden,

wenn die Fernen so recht gerufen haben. Da war ich der Höchste und

Einsamste in meiner tödlichen Aufgeschlossenheit. Aber noch besser habe

ich den kapiert, den Sie Gott nennen, wenn's im Walde toll g'worden

war. Da hab' ich begriffen, daß man sich als Bruder des Boreas fühlen

kann, und das Kämpfen und Brüllen des Waldes war mir bekannter als jede

menschliche Red'! Es war schön dort oben wie bei Gott selber, und daß

man ihn in Ewigkeit anschauen und nichts anderes begehren kann, das

versteh' ich jetzt. Nie mehr werde ich ganz von ihm loskommen, seit

ich weiß, wo der Weg zu ihm geht. Und das dank' ich dir, du seltsames

Mädel!«

Er blieb stehen und sah in das weite Land hinaus, über den Fluß und in

die Weingärten, die bald unter dem Walde begannen. In diesem Paradies

konnte er bleiben, an der Seite eines wunderschönen Mädchens, das er

liebte, und das er sich nun doch gewinnen konnte? Er sah sie an, wie

sie wortlos und dennoch mit dringlich leiser Frage neben ihm ging,

schön und leidend wie dieser überirdisch klare, bewußte Herbsttag.

Diese herrlichen Glieder, die nie um eines Mannes willen gebebt hatten,

vibrierten jetzt zum ersten Male in mädchenhaftem Schauern, und das

hochgemute Geschöpf war weich, traumverloren und gelöst; er fühlte es.

»Wenn ich wiederkäme, Livia?«

»Du wirst nicht wiederkommen. Jahrelang wird der Krieg über diesem

unseren Lande liegen und nichts als Haß und Elend daraus saugen.

Vielleicht kommt ihr als Sieger bis daher. Da aber dieses Land entweder

von selbst in eure Hände fallen wird, wenn ihr dem Russen auf der Brust

kniet, oder nie, so müßtest du kommen, wenn ein ungeheures Erleben

sich zwischen dich und mich gedrängt haben wird: in einer Zeit, die

dreifach zählt. Du wirst gejubelt und gefrevelt haben, gelitten,

gehungert, gepraßt, geflucht und gebetet, und deine Seele wird sich mit

Größe und mit Lastern bedeckt haben, von denen jedes einzelne schon

dich von mir trennen wird. Bei deinen Kameraden wirst du lachen über

das stille Gottesgefühl, das ich dir geben wollte, und du wirst wieder

werden, wie du warst, und wie sie sind. Ich weiß das, und ich werde es

mir immer wieder sagen, um dich zu vergessen. Wir sind aus zwei andern

Welten.«

Sie schwieg, denn die Tränen standen ihr nahe, und sie wollte ihn durch

ihre Schwäche nicht begehrlich machen, damit sie nicht sein Opfer

würde; hier, am letzten, nach Glück rufenden Tage in der lockenden

Einsamkeit. Er sah sie an, prüfte sie und wurde wieder irre, so stolz

sah sie aus. Dann blickte er nach dem Süden. Dort lagen klein und

geduckt um die Stadt Zajetschar die Forts, und der Timok ging dahin,

bis zur fernen Brücke, die er heute nacht geprüft hatte. Da riß es sich

in ihm mächtig empor, und er sah alle Schönheit und Weichheit des Tages

und des jungen Weibes nicht mehr. Krieg war ja, Krieg! Und für ein

weichliches Glück war keine Zeit. Die eiserne Tat rief ihn gewaltig an,

und sein Herz wurde wie von Stahl.

»Sie haben recht, Livia,« sagte er fest. »Ich bin zu ganz andern Dingen

auf der Welt, als glücklich zu sein. Es gibt Singvögel, und es gibt

Raubvögel. Den einen gehört die Liebe, den andern der Haß. Ich wäre

doch nie Ihrer wert geworden, weil ich zu schlecht bin für Sie und doch

auch wieder zu gut. Männer gibt es, die man am besten nur auf sich

selber bestehen lassen darf, weil sie nicht gemacht sind, andere zu

beglücken. Meine Arbeit ist anders als die der Erlösernaturen. Leben

Sie wohl; Sie waren mir wie eine Gottheit, und ich werde Sie nie,

nie vergessen! Vielleicht bekehre ich mich einst gänzlich zu Ihrer

Religion, wenn sie mir einen Arm oder einen Fuß abgeschossen haben,

oder wenn ich alt und krank bin; denn für alle Hilflosen und Schwachen

liegt der wunderbarste Trost in dem, was Sie glauben! Vielleicht

sitze auch ich einmal still im Sonnenschein und schaue seltsam

verwandtschaftlich auf diese Wolken, die der Erlösung näher scheinen

als ich. Aber jetzt mag und kann ich nicht.«

Kräftig ergriff er ihre Hand, schüttelte sie und ließ sie los.

Livia blieb stehen.

»Was wollen Sie tun?« fragte sie mit halber Stimme.

»Das ist jetzt Mannes Sache und muß auf sich allein bestehen,«

erwiderte er. »Nochmals tausend Dank, du wunderbares, einsames Mädchen!«

Und er ging von ihr, ohne sich mehr umzusehen. Aber Livia schaute ihm

tiefbewegt nach, wie er mit dem erobernden Schritte des Soldaten das

Weite gewann, ins dichte Holz gelangte, mit kräftiger und biegsamer

Windung des schlanken Körpers ins Dickicht eindrang und verschwand.

Langsam, langsam ging sie heim, allein in diesem eindringlich wehen

Herbste.

Als Tikosch sich leise dem Biwak seiner kleinen Patrouille näherte,

fand er den nassen Heinrich im Begriffe, den Schlampenschneider Wiener

Walzer tanzen zu lehren. Er hielt stille und lauschte, wie der weinende

Philosoph dem phlegmatischen Tiroler zeigte, wie sich die Dame zu

halten hätte und wie der Herr. Aber als er mit zierlicher Verbeugung

auf den scheckigen Simon zuging und den, als den Vorbildlicheren in

Dingen guten Tones, zum Tanze aufforderte, als Simon kokett nach seinem

Jackenzipfel griff und den über den Ärmel legte wie eine Schleppe

und seine Arme um den nassen Heinrich schloß, da wieherte er ein

schallendes Kasernenlachen heraus. Vergessen waren Livia, Pan und

Apollo!

Die Walzenbrüder begrüßten ihn stürmisch, er aber winkte sie heran,

entwarf auf seinem Notizblock einen Plan von Wachthaus und Brücke und

sagte jedem so klar, was er wolle, und wie er das Ding zu sprengen

gedenke, ohne daß sie Gefahr liefen, daß alle gleich voll Eifer bei der

Sache waren und das todsichere Gefühl hatten, das Ding müsse und müsse

glücken!

Dann kam die Nacht, die bänglich erwartete Nacht. Dem nassen Heinrich

hatte Tikosch allen Schnaps fortgenommen. »Bloß dicht vor der Brücke

kriegst du einen ungeheuren Kriegsschluck,« sagte er. Nun fröstelte der

nervöse Philosoph beständig, und tiefes Unbehagen würgte in ihm.

»Hast du Angst?« lachte Tikosch.

Der nasse Heinrich schüttelte etwas kläglich den dünnen, blonden Kopf

mit der spitzen Nase.

»Angst nicht,« sagte er; »nur meine Phantasie arbeitet zu grell und

deutlich alle Konsequenzen voraus.«

»Es gibt keine Konsequenzen,« sagte Tikosch entschieden. »Wir wissen,

wohin wir zu schießen haben, die wissen es nicht. Wir sind die

Entschlossenen, sie die Überraschten. Allen Grund, sich zu fürchten,

haben sie.«

Es ging eine solche Entschlossenheit von dem stahlhart gewordenen Manne

aus, daß der nasse Heinrich, der durchaus nicht energielos war, fühlte,

daß auch in ihm selber dergleichen stak und jetzt stärker und stärker

wurde. Es ist wunderbar, wie das Selbstvertrauen und die Kraft einer

starken Natur ausströmen und sich verteilen kann, wie Christi sieben

Gerstenbrote auf fünftausend! Die drei Vagabunden waren in wenigen

Minuten Männer von Federstahl geworden; unzerbrechbar und doch von

gefährlicher Schnellkraft. Nun schlichen sie durch die Waldnacht und

mieden, heraustretend, sorgfältig die bewachten Weingärten. Erst im

Bachbette, dann durch Ried und Sumpf wateten sie; Tikosch trug seinen

Browning.

In weitem Bogen wichen sie dem nachtstillen Orte Vrazograci aus,

der nur eine Viertelstunde vor der Brücke lag. Näher an der Brücke

steckte Tikosch seine Pistole ein und zog das Jagdmesser, denn es

mußte womöglich stille Arbeit getan werden, damit man sie nicht vom

Orte aus ertappte. Der Hannoveraner hatte den Standhauer und schwang

ihn angriffslustig durch die Luft, daß er pfiff; nur der Tiroler, dem

das Schießen von Kind auf im Blute lag, hatte den Vorderlader bekommen

mit dem scharfen Befehl, erst dann zu schießen, wenn es nichts mehr

zu verheimlichen gab und Not am Manne war. Sein Phlegma verbürgte,

daß er die Ladung im Laufe behielt, wenn nicht der Feind früher

schoß. Der nasse Heinrich trug die Fliegerbomben. Tikosch hatte ihm

gesagt, daß sie erst acht Sekunden nach dem Aufschlagen zündeten, und

zeigte ihm, wie man sie durch Schlag entzünden mußte. Dann hieß es

kaltblütig bis fünf oder sechs zählen, und dann erst sorgsam werfen.

Das hatten sie im Biwak geübt. Stürmte eine Übermacht auf sie zu und

war für das Schnellfeuer der Browning zu stark, so bekamen sie ein paar

»Knallzuckerl«, wie Tikosch seine Bomben nannte, zwischen die Beine.

Das sollte auch auf der Brücke gelten, wenn die ganze Wache auf sie

loskam; so kriegte die Brücke auch gleich was ab. Lief aber alles in

Ruhe ab, so kam die große Sprengbüchse an den Pfeiler; das gab dann

ungleich mehr aus.

Sie bogen nun weit nach Süden aus; der Ort war überwunden.

Gegen die Brücke zu lief ein Bahndamm, und Tikosch hatte geplant,

sich hinter dem Schutze dieses anzuschleichen und auf die Gelegenheit

zu warten. Während sie hier die Telegraphenleitung mehrfach

durchschnitten, kam ein fernes Hallen aus dem Norden, das sich an den

Wäldern und Bergen links immer mehr verwirrte und verstärkte, und

brachte sie zum Lauschen.

»Es ist ein Zug, der von der Donau herkommt; er muß in Trnawatsch

sein,« sagte Tikosch. »Warten wir, bis er in Vrazograci eingefahren

ist, und benützen wir ihn dann, um in seinem Schutze ganz nahe

heranzukommen. Übrigens ist in Zajetschar Knotenpunkt, und kurze Zeit

nach dem Donauzug wird einer von Zajetschar aus abgelassen. Das haben

wir jedesmal gehört in diesen Nächten. Mit dem Donauzug pirschen wir

uns an. Mit dem Zajetscharer Zug überrumpeln wir den Posten auf dem

linken Ufer. Den auf dem rechten nähme ich gerne auch selber auf mich,

denn das wird Arbeit für einen ungewöhnlich geschickten Kerl sein. Aber

ihr könnt keiner die Sprengbüchse sachgemäß befestigen?«

Der scheckige Simon widersprach hartnäckig; den Posten am rechten

Timokufer wollte er allein abtun, und zwar so stille, daß die in der

Baracke gar nichts ahnten. Er hatte seinen Plan, und eine solche

Zuversicht brannte in seinen Augen, daß Tikosch ihn gewähren ließ. Sie

lauerten. Der schwache Mond trat dann und wann hervor und zeigte ihnen,

daß wirklich zwei Posten auf der Brücke hin- und wiedergingen. Der vom

linken Ufer, auf ihrer Seite also, ging stets ein Stück den Bahndamm

entlang gegen Vrazograci, kehrte dann um und ging bis über die Mitte

der Brücke, wo er sich mit dem andern Posten häufig traf. Sie schienen

sich aber dort, in trägem Hinduseln, wenig mitzuteilen, denn oft

machten sie schon dreißig Schritt voneinander kehrt und streiften dann

jeder wieder seine eigene Partie ab. Auch geschah ihr Zusammentreffen

auf der Mitte der Brücke durchaus nicht regelmäßig, sondern meist

kehrte der eine um, wenn er den andern jenseits erscheinen sah. Aber

gerade auf dieses Zusammentreffen gründeten Tikosch und der scheckige

Simon ihren Plan.

Endlich grollte das schwache Donnern des Zuges von Norden heran. Seine

Fenster waren fast gar nicht beleuchtet; es mußten viele Lastwagen

darunter sein. »Da kriegen die Kerle wieder Fraß und Munition von

Rußland über Rumänien,« sagte Tikosch grimmig. »Schade, daß wir nicht

gleich den Zug mit ins Wasser sprengen können!« Der Eisenwurm kroch

heran; langsam wurde das Rollen und Grollen stärker, ging in ein

Donnern über.

Tikosch warf noch einen furchtbaren Blick auf den ahnungslosen Posten,

der auf der linken Bahnseite stand. Ihm gegenüber war ein kleiner

Busch, den sich Tikosch merkte. Er wußte, daß die Posten instinktiv

stehenblieben, wenn ein Zug vorüberrollte, und diesen anstarrten. Durch

das wenige Licht, das aus den Fenstern drang, mußte der Posten doch

immerhin etwas geblendet werden, und wenn er die Stelle erreichte, ehe

der letzte Wagen vorübergerollt war, so konnte er auf einen Erfolg

rechnen.

Als daher der Zug herankam, sagte Tikosch: »Folgt mir, so schnell ihr

könnt!«

Dann sprang er, auf die Dunkelheit und den Umstand bauend, daß die

Augen des Lokomotivführers ans Grelle gewöhnt waren, empor, sobald ihn

die Maschine erreicht hatte, und lief in einem geradewegs verrückten

Tempo neben dem Zuge her, dessen Geschwindigkeit die eines frischen

Radfahrers nicht übertraf. So überholte ihn der Zug nur langsam, wie er

unten am Damme in der Dunkelheit dahinsprang, und der letzte Wagen kam

eben an den Busch, als Tikosch diesen erreichte.

Wie ein Panther sprang der geschmeidige Offizier dicht hinter den

Signallichtern des davoneilenden Zuges über den Damm und sah das

beleuchtete Antlitz des Postens dem Zuge nachstarren; aber das war nur

eines Blitzes Länge so. Denn im nächsten Augenblick hatte sich der

rasend schnelle Ungar auf den emporschreckenden Mann geworfen, die

eine Hand faßte nach der Kehle, die andere stieß zu -- -- lautlos fiel

der Mann um, und über die ihn festhaltenden Hände des Offiziers, der

noch einen Schrei befürchtete, sprang in heißem Strahle das Blut des

Erstochenen.

Tikosch rollte beinahe mit dem Fallenden den Bahndamm herunter, so

schwer sank der hintenüber.

Dann, als er sah, daß der fremde Mann ein schmerzlos und angstfrei

Ende gefunden hatte, glitt er wieder über den Damm zurück, wo die

Gefährten eben ankamen. »Den einen haben wir,« sagte er atemlos, aber

mit grausiger Sachlichkeit. Nun warteten und lauschten sie. Wenn auch

nur ein Mensch im Zuge etwas von den Anspringenden gemerkt hatte, so

blieb die Maschine jenseits der Brücke stehen. Dann hieß es nur schnell

die Bomben werfen, damit wenigstens der Oberbau zertrümmert würde und

die von drüben nicht nachkämen. Aber in ungemindertem Donnern rollte

der Zug weiter gegen Veliki Izbor zu und verrasselte in der Ferne, wo

die steilen Felsenufer der bulgarischen Grenze das Donnern hundertfach

wiederholten.

Aufatmend standen die viere. Nun kam aber das Schwierigste, und so

spannend wurde jetzt die Szene, daß selbst das Herz des Offiziers

zu jagen und tollzuwerden begann. Wie ein Jagdfieber ergriff es

ihn, und er mußte mit aller Gewalt Herr dieser Erregung werden, die

ihn schüttelte, während er dem Toten die Kleider auszog und dem

scheckigen Simon hineinhalf. Grimmig lachend streckte sich der in der

wilden, schmutzigen Tracht des Komitatschis, und wohlgefällig ergriff

er das alte Mausergewehr des Gefallenen. Er erkannte gleich die

deutsche Arbeit. »Da kenn' ich mich aus,« sagte er und schlug an den

Verschluß. Dann sah er nach, ob die Büchse geladen war, nickte kurz und

schritt langsam und hochaufgerichtet mit der ganzen trägen Würde des

Orientalen, dessen Kleider er trug, auf dem Damme nach der Brücke zu.

In entsetzlicher Angespanntheit folgten ihm, an den Damm geduckt, die

drei andern, die eine ganze Weile nur Zuschauer sein durften; denn auf

die Brücke konnte außer Simon sich keiner wagen.

Langsam, schauerlich langsam schritt der Deutsche auf dem Damme dahin,

und Tikosch, der ihn am liebsten befeuert hätte, bewunderte dennoch

klopfenden, jagenden Herzens die entsetzliche Fassung dieses Mannes,

der ganz genau wußte, daß die geringste Eile Verdacht erregen mußte! In

grausig träger Faulheit schlenderte der Mordgierige gegen die Brücke,

kam an das Ufer, drehte sich faul und gelangweilt um, sah hinter sich,

neben sich am Flusse hinab und schien gar nicht mehr von der Stelle

zu wollen. Aber er wartete mit der Gespanntheit einer lauernden Katze

auf den Posten von der andern Seite, der ebenso träge herankam und gar

nicht auf die Brücke zu wollen schien. Und doch mußte er so weit wie

möglich herüber!

Endlich, als sein Kamerad so gar nicht aufhörte, in den Fluß zu

schauen, kam er schlendernd und gleichgültig näher, und eine Welt von

Zwecklosigkeit lag in seinem Todesgange. Denen an der Brücke brannten

und kreisten die Augen, so fressend verfolgten sie ihn mit den Blicken.

Und langsam schlenderte auch der falsche Posten in seinen Opanken vor

sich hin; die beiden kamen sich in unerträglicher Gleichgültigkeit

näher, näher. Nun waren es noch drei Schritt, und Simon brachte es

zuwege, sein Gewehr, Kolben rückwärts, über die Schulter zu nehmen und

sich über das Brückengeländer zu beugen. Da trat der fremde Posten

neugieriger ganz nahe an ihn heran.

Die dreie sahen nur noch, wie der Gewehrkolben des Simon blitzschnell

in die Luft fuhr und herniederzuckte. Das Krachen des furchtbaren

Hiebes verschlang der rauschende Fluß, aber sie hörten es dennoch in

ihrer entflammten Phantasie, so grauenhaft deutlich war ihnen alles.

Und wie vom Blitz erschlagen lag der serbische Mann. Simon beugte sich

noch über ihn, als die drei schon heranwaren, aber da gab es nichts

mehr zu retten; der feindliche Posten war schon hinüber.

Mit schrecklicher Geschwindigkeit entwaffnete ihn Tikosch und gab

Gewehr, Patronentasche und Bajonett an den Tiroler, der seinen

Vorderlader nun an den Schullehrer abtreten mußte. Dann schwang

sich der Offizier, der rasch ein Seil hervorgezerrt und an das

Brückengeländer geknüpft hatte, über die Brüstung, um den Hals die

große Sprengbüchse, und verschwand in der Nacht unter ihnen.

Atemlos lauschten die dreie nach der Baracke, und jede Minute kam ihnen

vor wie eine Stunde. Wenn jetzt Ablösung herauskam! Der Schulmeister

hielt in jeder Hand eine Bombe; nervös zuckten ihm die Arme, aber er

wußte doch, was er zu tun hatte, wenn sie jetzt ertappt wurden. Ja, er

ging sogar ein paar Schritt über den Brückenpfeiler hinaus, damit er

nicht voreilig seinen Leutnant mit absprengte, wenn die von drüben sie

anrannten. Und sie brannten ihre Blicke in die Nacht, lange, lange;

dies Warten war zum Wahnsinnigwerden. Denn jetzt gab es nichts zu sehen

wie früher; nur das Nichts belauschen konnten sie, das Nichts, aus dem

jeden Augenblick der Tod auf sie zuspringen konnte.

Aber die Kerle drüben schienen zu schlafen, wie die ewige Gnade in

dieser schaurigen Zeit!

Endlich, endlich kam Tikosch über den Bord der Brücke geklettert,

keuchend quoll ein unterdrückter Triumphruf aus seinem aufgerissenen

Munde. »Und jetzt hallo, zurück, die Lunte brennt! Brrr! Aber leise,

husch, husch, es dauert eine ganze Weile, bis es knallt, und sie

können noch dreimal herüber!« Und geduckt wie Katzen sprangen die

Verschworenen den tödlichen Weg zurück, den sie gekommen waren, wichen

dem Städtchen ostwärts am Flusse hinbiegend aus und traten dort, wo

die Bahn wieder an die Krümmung des Timok schloß, ans Ufer. Gespannt

horchten sie -- nichts war. Da kam das Rollen des Zuges von Zajetschar,

ganz ferne.

»Der Teufel, wenn die Zündschnur ausgelöscht wäre oder sonst was nicht

in Ordnung ist!« flüsterte Tikosch. »Wir müßten zurück!«

»Ich kann nimmer,« keuchte der nasse Heinrich. »Das war zu viel!«

»Du wirst,« sagte Tikosch mit erschreckend tierischem Ausdruck in den

Augen.

Er war wild geworden. Wenn der Sprengschuß nicht losging, dann war er

in seiner sinnlosen Wut zu allem fähig.

Der nasse Heinrich senkte sein Haupt und war wieder im Banne des

starken und gefährlichen Kerls, der ihn mit seiner ganzen Gescheitheit

umzudrehen vermochte wie der Riese ein Kind. Er biß sich im geheimen

auf die Lippen, nahm sich vor, diese Gewaltnatur baldigst zu meiden und

dann drüber nachzudenken, ob es ein Mittel des Geistes gegen derartige

tyrannische Energien gäbe.

Aber mehr und mehr stieg sein Unbehagen, unter dem er sich wand und

drehte, weil das Hinhorchen Tikoschens nach der Brücke sich jetzt

gänzlich in Spannung und in einem schrecklichen Blick konzentriert

hatte, den er auf den rebellischen Schwächling heftete. Dieser Blick

drehte und bohrte an ihm wie etwas körperlich Wuchtendes.

»Siehst du, daß du mußt,« sagte der Leutnant mit einem unbeschreiblich

teuflischen Hohn in der Stimme, als hätte er selber seine ungeheure

Gewalt über dieses feine Gehirn erkannt. »Ich wußte schon seinerzeit,

als ich dich das erstemal -- -- --«

Weiter kam er nicht. Ein leiser Schrei Simons, der die Feuergarbe an

der Brücke emporfahren sah, unterbrach ihn. Dann kam ein furchtbarer

Knall; er erschütterte die Nacht und wurde von einem wilden Triumphruf

des Offiziers begleitet, der jetzt wie umgewandelt war. Er lachte, fiel

dem nassen Heinrich um den Hals, schrie ihm zu: »Bruder, Bruder, sei

gut!« Und dann rannten sie um Tod und Leben am Timokufer entlang, erst

an der Lahn, dann ins Wasser springend und watend, soweit es die Ufer

zuließen, die hier bald wieder steiler wurden. Der Fluß riß einen um

den andern dahin, aber immer wieder warf Tikosch ihm den Strick zu, den

er von der Brücke in merkwürdiger Geistesgegenwart noch losgeschnitten

hatte, und rettete so erst den nassen Heinrich, der jetzt wirklich bis

auf die Haut durchgeweicht war, und dann den Tiroler.

Als sie sahen, daß ihre Munition, deren sie jetzt sehr bedurften,

auf diese Weise zu Schaden kommen müsse, bogen sie gegen Westen ab

und kamen hinter Mala Jasikova wieder auf die Straße, ohne etwas von

Verfolgern gesehen zu haben. Denn die drüben, welche glauben mußten,

daß die Brücke von der bulgarischen Seite gesprengt worden war, hatten

genug zu tun, um den Zug von Zajetschar her aufzuhalten. Man hörte sie

brüllen!

»Wenn die Kerle Kavallerie haben, dann geht's heiß zu,« sagte Tikosch.

»Aber zu fürchten ist auch dann immer noch nichts! Sie glauben uns ja

doch am andern Ufer!«

Sogleich wollte der besonnene Simon auch hier die Telegraphenleitung

durchschneiden, wie sie es an der Brücke getan hatten, aber Tikosch

hinderte ihn daran. »Es wäre geradezu ein Wegweiser für unsere

Verfolger,« sagte er. »Unsere Spuren, die sie ja wieder mit Hunden

aufnehmen werden, führen an den Timok gerade an die Stelle, wo die

bulgarische Grenze am nächsten ist! Da wir in den Fluß hinein sind,

müssen sie glauben, wir haben uns hinübergerettet, und uns für eine

bulgarische Bande halten, die sie nicht mehr weiter verfolgen können.

Ich wette, es kommt niemand auf die Idee, daß wir ganz gemütlich im

Lande gegen Negotin weitermarschieren!«

»Aber warum sind wir nicht gleich nach Bulgarien hinüber?« fragte der

Schulmeister.

»Ich danke! Ich habe an ~einem~ neutralen Land, das uns festhalten

kann, gerade genug und will nicht doppelte Grenzschwierigkeiten haben,«

lachte Tikosch und trieb seine Gefährten zu einem Gewaltmarsch an,

bei dem ihre durchnäßten Kleider bald wieder trocken und ihre Körper

warm wurden. So wanderten sie in einem Tempo, das nur abgehärtete

Walzenbrüder zu ertragen vermochten, mit beinahe sechs Kilometer in der

Stunde die ganze Nacht.

Eine Stunde vor Mitternacht war die Brücke in die Luft geflogen, und

mit Anbruch des Tages, der in diesen Herbstzeiten erst lange nach fünf

Uhr zu grauen begann, kamen sie hinter Salasch in ein Hügelland, in dem

die Straße stark zu steigen begann. Bisher waren sie durch fruchtbares

und angebautes Land gewandert, immer flugs im Straßengraben, sooft ein

einsamer Nachtwanderer oder ein Wagen nahekam; jetzt wurde das Land

öde. Links von ihnen zogen sich noch Felder und Viehweiden gegen Sikale

hin, rechts begann aber der Wald, und das Gebirge, durch dessen Paß die

Straße sich wand, mochte immerhin schon als Bergland gelten. Der große

Wald rechts an der Straße war der letzte auf ihrem Wege; denn bis über

Negotin und an die Donau hin gab es außer Fruchtland nur Sümpfe und

bestenfalls Auen. So beschloß Tikosch, hier den Tag zu verschlafen, und

die drei Vagabunden wollten im nächsten Dickicht schon hinfallen, so

müde waren sie.

Tikosch, der auch ein Gefühl hatte, das ihn antrieb, am liebsten auf

dem Bauche weiterzukriechen, hielt sich mit übermenschlicher Gewalt

aufrecht. »Es ist der letzte Tag auf serbischem Boden,« redete er den

Erschöpften zu; »wenn sie uns heute entdecken, ist alles verloren! Es

heißt, alle Kräfte zusammenraffen und eine große, undurchdringliche

Dickung suchen, wie die, an welche wir gewöhnt waren, und die uns ganz

sicher schützte.« Und er trieb sie wieder auf, bis sie an einem ganz

mit Brombeerdorn verwucherten Schlag eine niedrige, wildverworrene

Waldstelle fanden, in die Tikosch den Weg mit Messer und Standhauer

bahnen mußte. Denn seine Kerle waren dazu außerstande und warfen sich

gleich auf die Erde hin, um zu schlafen.

Als Tikosch ihnen inmitten des Jungholzes, das hier aus Buchen und

Eichenhorst bestand, ein Nest geschaffen hatte, trug er die Waffen und

die ganze ärmliche Habe der dreie hinein und entzündete aus trockenen,

kurzen Holzstücken eines jener kleinen Feuer, die beinahe gar nicht

rauchen. Dann bereitete er ein tüchtiges Frühstück und weckte erst

jetzt seine drei armen Teufel, die zuerst nur immer weiterschlafen und

gar nichts essen wollten, bis der nasse Heinrich am Dufte des Tees

merkte, daß das ein Grog war, wie man ihn an der Nordsee braut: bei

dem das Wasser nur die Rolle einer verschämten Anstandsdame spielt. Da

riß er durch seine Begeisterung die beiden andern hin. Diese griffen

jetzt auch nach dem auf einem Spieße gebratenen Fleische vom letzten

Rehbock, den Tikosch hatte schießen können, und so trocken das an

der Sonne Gedörrte auch war, es schmeckte jetzt. Erst als Tikosch

sie wieder satt, erheitert und ganz bei Kräften sah, ließ er sie

weiterschlafen, warf sich selber hin und schlief auch schon während

der Überlegung, ob es sich auf der andern Seite nicht noch behaglicher

läge, ein.

Den ganzen sonnigen Tag raunzten die viere so dahin. Gegen Nachmittag

streckte sich einer, gähnte und suchte nach Futter; die andern folgten

ihm und aßen, was ihnen noch geblieben war: geröstete Maronen, Speck

und kalten Braten, und tranken den letzten Wein, den Heinrich gestohlen

hatte. Dann schliefen sie wieder weiter. Nur Tikosch sah sich die Karte

an und berechnete den Weg, den sie um das dichtbesiedelte Negotiner

Gebiet zu umschlagen hatten, um an die Donau zu kommen, ohne gesehen

zu werden. Denn ihre Vorräte waren zu Ende, und die nächste Nacht mußte

sie auf rumänischem Boden finden.

Dieser Nachtmarsch durch Sümpfe und Auhölzer, oft bloß den Sternen und

dem Kompasse nach, war trotz seiner geringeren Länge von kaum dreißig

Kilometer der anstrengendste, den sie bisher durchgemacht hatten,

und obwohl die viere schon nach Einbruch der Dunkelheit aufgebrochen

waren und über zehn Stunden Nacht vor sich hatten, so war schon ein

ungewisses Licht über der Ebene des Ostens, als sie an dem riesigen

Strome anlangten, wo sie lange, lange in steigender Verzweiflung nach

dem Boote suchten, ohne es zu finden. Keiner erkannte die Gegend, so

düster, neblig und ungewiß war alles.

Der Fluß wurde graulich, und immer noch hatten sie kein Boot. Da

sagte Tikosch entschlossen: »Jetzt gehen wir so weit, bis wir eines

zu rauben oder zu stehlen finden. Wir müssen einfach drüber, und

wenn's knallen sollte. Herrgott, ich würde für einen ordentlichen

Kampf dankbar sein!« Und ohne sich um die verdutzten Gesichter seiner

Genossen, die sich schon sicher gefühlt hatten, zu kümmern, schlug er

den Weg nach dem Orte Prahovo ein.

Es war die höchste Zeit, denn die Gegenstände am Ufer wurden schon

ungewiß und verwaschen sichtbar. »Es muß ein Zollhaus oder sonst was

dort im Dorfe sein; da nehmen wir gleich das offizielle Kriegsboot der

Finanzwache weg! Haha!«

Und wirklich: gleich am Beginne des Ortes lag eine kleine Lehmhütte,

die das serbische Wappen trug. Eine elende Holztreppe führte zur Donau

hinunter, und dort lagen, undeutlich zu sehen, zwei Boote. Tikosch

rannte hin. Besinnungslos, und so schnell er konnte, stürzte er

den Abhang hinab und mußte nun auch die Arbeit allein tun, die er

hier fand. Denn er prallte gerade mitten unter ein halbes Dutzend

von Zollwächtern, die eben auf ihre Boote zukamen, um flußabwärts zu

streifen. Ohne Besinnung riß er den Browning heraus und schoß auf

die schattenhaft sichtbaren Gestalten, indem er so scharf zu zielen

versuchte, als es nur möglich war. Einer fiel, ein zweiter wankte, die

andern schrien auf und schossen blindlings vor sich hin. Tikosch hatte

sich sogleich auf die Erde geworfen und schoß, die Pistole auflegend,

mit noch mehr Besonnenheit nach einem dritten der nebelgrauen Männer,

der auf ihn zugestürzt war. Lang hinschlagend schmetterte auch

der zu Boden, und jetzt kamen mit Hurra und Donnerwetter die drei

Strolche hinterher; die Finanzer prallten zurück und verschwanden im

Morgennebel. Mit rasender Geschwindigkeit durchschnitt jetzt Tikosch

die Stricke, die beide Boote hielten, trieb seine Gefährten hinein und

stieß ab, indem er das andere Boot hinter sich herzog.

Die dreie ruderten verzweifelt in das träge Grau des Stromes hinaus,

und vom Ufer her knallte und prasselte es kopflos und wütend ins Graue

hinein. Der Nebel verbarg die Flüchtlinge; aber da die Wache nach dem

Schlagen der Ruder die Richtung vermuten konnte, so sauste und heulte

es in bedenklicher Nähe dicht um sie. Alle Augenblicke sprühte ein

Wasserschlitz neben ihnen dahin, wenn ein Geschoß den Fluß streifte.

Der nasse Heinrich, der das zweite Boot zu halten hatte, ließ es los.

Dann wurde es stiller. Sie fahndeten dort drüben jetzt offenbar nach

dem anderen Boote.

Tikosch hatte das zwecklose Feuer gar nicht erwidert, um den Gegnern

nicht die Richtung, in der sie hielten, noch deutlicher anzugeben.

Jetzt packte er selber ein Ruder und stemmte sich dagegen, daß es

beinahe brach. Mit leisen Rufen eiferte er seine Gefährten an: »Hallo,

wacker! Die Donau ist hier mindestens ein Kilometer breit, und wir

können sie nur schräge durchrinnen! Das braucht eine halbe Stunde, aber

es muß eine Viertelstunde draus werden! Nasser Heinrich, du Lump hast

das Boot losgelassen? Zieh an, zieh an! Was hast du denn?«

»Ich weiß nicht,« sagte der Vagabund ängstlich; »mich hat's da vorn an

die Brust geschlagen, und jetzt wird mir so warm an der Stelle.«

»Kreuz Teufel!« rief Tikosch leise und sprang zu ihm hin. Er riß ihm

Rock und Hemde auf und sah, daß der verlaufene Schulmeister mitten

durch die Brust geschossen war. »Rudern, rudern, wie die Teufel,«

drängte er, und nachdem er den Ärmsten, der sich gar keiner Gefahr

bewußt schien, notdürftig verbunden hatte, griff er selber zum Ruder.

Aber es schien, als führen sie ins Endlose, ins Nebelreich ohne Trost

und Hoffnung hinein! Dieser Weltenfluß war wie ein großer See, und kaum

eine leise Strömung zeigte die Richtung, wohin er wollte.

Der Verwundete wurde blaß; aber als Tikosch ihn fragte, ob er Schmerzen

hätte, lächelte er ungemein gütig und trostreich und schüttelte den

Kopf. Nur daß er mit dem Atem Beschwerden hatte, war deutlich. Und die

dreie bissen die Zähne aufeinander und ruderten und ruderten.

Der Morgen wurde klarer, die Nebel trieben hier- und dorthin, und wenn

sie einen Augenblick die Ferne preisgaben, sahen die Flüchtlinge große

Segelschiffe wie Geisterbriggs auf den Wassern schweben, geräuschlos,

verschlafen und unbelebt. Endlich hörte selbst die leise, unmerkliche

Strömung auf, die sie bis hier abgetrieben hatte, und Tikosch sah

graulich die Bäume des andern Ufers. »Rumänien!« rief er.

Der nasse Heinrich lächelte noch immer. »Hier werde ich von euch

Abschied nehmen,« sagte er leise. »Ich muß diese dumme Wunde ausheilen,

dann aber gehe ich nach Süden. Ich mag nichts zu tun haben mit den

Händeln der Menschen. Ich bin vielleicht ein Egoist; aber wer wie ich

den alten Göttern so nahe in die unsterblichen Augen geschaut hat,

der kann nie und nimmer zu den Märkten, zum Gewinn und -- -- -- und

solchen Dingen zurück. In Griechenland wird mich die Sonne heilen. In

Griechenland wird mir mein Onkel Boreas seine schönste Musik machen,

die ich so gern habe, und ich werde dabei schlafen wie ein Kind, ohne

daß ein Leutnant mich anschnauzt. Na, nichts für ungut. Ich habe mich

ja doch für einen armen Schulmeister brav genug gehalten.«

Tikosch drückte ihm die Hände; dann stießen sie, unverfolgt und in

großer Stille, an das Ufer, und der Leutnant trug den Wunden mit

behutsamen Händen auf den Grasboden der Au. Hinter den Bäumen glänzte

es feurig empor, die Sonne, die neue Sonne ging auf, unter der sie frei

waren und wieder am Tage leben durften, sie alle, bis auf den einen.

Der sprach noch einige undeutliche Worte, man möge ihn zudecken, es

würde frostig; dann murmelte er etwas vom feurigen Phöbus, riß seine

Augen groß auf, drehte sich neugierig nach dem Morgenrot und starrte so

lange hinein, bis seine Pupillen ganz groß wurden, trotz der blendenden

Glut. Die Augen nahmen den Ausdruck ungeheurer Neugier und Spannung an

und blieben selbst, als der Körper mit einem kleinen Rückchen in sich

zusammensank, eine ganze Weile so, bis Tikosch merkte, daß sie wesenlos

geworden waren.

»Nach Griechenland,« sagte Tikosch wehmütig. »Jetzt ist er nahe

beisammen mit seiner Natur und seinen alten Göttern. Sonne, Wind und

Wald!« Und er griff seufzend nach seinem kleinen Infanteriespaten und

begann das Grab zu schaufeln.

Auf der Gerebenczer Pußta stand das neue Flugzeug des Oberleutnants

Tikosch klar zum Aufstieg. Ein Generalstabsoffizier saß schon im

zweiten Sitz und breitete seine Karten vor sich aus. Tikosch sah seinen

Ettrich-Flieger noch einmal in allen Teilen sorgsam durch, dann ließ er

es sich nicht nehmen, selber den Motor anzuwerfen. In diesem Augenblick

trat ein Mann in der Uniform des deutschen Skutaridetachements, jedoch

mit der großen silbernen Tapferkeitsmedaille geschmückt, auf ihn zu,

machte stramm Stellung und sagte: »Ich wollte dem Herrn Oberleutnant

nur Glück zu seinem Fluge wünschen und mich vor Abschied gehorsamst

für die schöne Eingabe über mich bedanken, der ich die Medaille

verdanke.«

Einen Augenblick starrte Tikosch, der schon ganz bei seinem Fluge

gewesen war, den Khakibraunen verständnislos an, dann aber schrie er

lachend heraus: »Ja, Simon, scheckerter Simon, was machst denn du in

der Maskerad?«

»Ich melde gehorsamst, Herr Oberleutnant, die ist von einem Gefallenen

des deutschen Detachements, und ich liefere sie gleich auf meinem Leibe

nach der Heimat zurück ab. Ich bin telegraphisch angenommen worden, und

Herr Oberleutnant werden verstehen, daß ich doch lieber an der Seite

der eigenen Leute gegen unsre vollen Franzosen gehe, als hier gegen

diese Mistkerls.«

»Du, Mistkerls sind die Serben gerade nicht,« sagte Tikosch. »Sie

schlagen sich wie die Teufel. Aber du willst natürlich besser

verpflegt sein, du alter Lump! Glückliche, ihr da droben in den

Weingärten der Champagne! Unsere armen Kerle da fressen seit Wochen

rohen Kukuruz und sonst nichts. Wenn du zu deinen Kameraden hinauf

kommst, erzähl' ihnen von unsern stillen Tagen im Dickicht! Weißt

du, warum es damals gar so einsam in der Negotiner Gegend war? Die

Timokdivision hat gerade damals den Vorstoß nach Österreich gemacht,

und während wir die Brücke bei Zajetschar gesprengt haben, ist sie mit

Putz und Stengel von den Unserigen aufgerieben worden. Und jetzt geht's

nach Serbien hinein, aber schon ordentlich! Leb' wohl, Simon, grüß'

mir die deutschen Brüder und sag' ihnen, daß wir da herunten noch nie

gewichen sind!«

Er stieg in das Flugzeug. Seine letzten Worte mußte er schreien,

denn der donnernde Motor verschlang jeden anderen Ton. Das Flugzeug

zitterte unter seinen Vibrationen, Simon sprang zur Seite, denn der

Vogel begann zu laufen, erhob sich leicht wippend in die Lüfte und

kreiste empor. Tikosch war wieder in seinem Element. Trunken vor

Glück zog er die scharf entgegenpfeifende Luft ein; das viele Licht

des herrlichen Oktobertages machte ihn wie toll. Und als er, hoch in

den Lüften, ganz klein geworden war für die vielen, die ihm von der

Erde her hoffnungsreich nachsahen, lenkte er den Kurs über die Donau

ins Serbische hinein, für den Plan des großen Angriffes, den die

Österreicher auf die wankenden Mordbrüder zu machen gedachten, klaren

Tisch zu schaffen.

Als sie von Pozarewatsch gegen Palanka flogen, immer von Kugeln

umschwirrt wie von lästigen Fliegen, lachend in ihrer sicheren Höhe,

da zeigte Tikosch dem Generalstabshauptmann links vor sich die kahlen

Höhen des Lissatz.

»Schau, dort hinüber; hinter diesen höchsten Waldbergen, das ganz

Blaue, das ist die Golobinje Planina und der Stol. Dort bin ich aus

der Luft gefallen und hab' dem wilden Wald so recht alle Geheimnisse

abgucken müssen, damit ich nur hab' leben können. Wie Robinson hab' ich

mir alles selber machen und einlernen müssen. Du! Denn wenn sie mich

erwischt hätten, ich wär' massakriert worden. Du, hast du auch schon

philosophische Anwandlungen g'habt?«

»Ja,« schrie der Generalstäbler, was er konnte; denn der Motor donnerte

gar zu prächtig.

»Ich noch nie,« sagte Tikosch, »aber dort oben bin ich ins Grübeln

'kommen. Weißt du, eine Zeit hab' ich die Leut' beneidet, die so

mit einem recht gescheiten Schädel auf die Welt 'kommen sind und

jetzt ihr Leben dazu benützen, um nachzudenken, was mit allen diesen

Verrücktheiten, die wir erleben müssen, gemeint sein könnt'! Alsdann:

da oben im Wald sind auch mir solche Gedanken gewachsen. Du, und ein

Mädel hab' ich dort kennen gelernt, schön und g'scheit wie eine Göttin!

Aber im Grund genommen war sie doch eine Gans. Denn wozu ist das Weib

auf der Welt, als seine Armerln unsereinem um den Hals zu legen? Also,

das hat sie nicht wollen, auch bei keinem andern. Ich hab' damals schon

geglaubt, ich bin keinen luckerten Kreuzer wert. Fazit: das Denken

entnervt und nimmt einem sein Selbstvertrauen; der Mensch soll nicht

denken!«

»Hast recht! Zu große Gescheitheit ist immer das End',« schrie der

Generalstäbler fröhlich zurück. »Das Volk, das am festesten an

irgendeiner Nationaldummheit hängt, lebt am längsten. Erfinden wir für

Deutschland und Österreich einen Spezialjehova. He, he, wo fliegst denn

hin?«

»Herr Hauptmann, ich nehm' Richtung auf das Hügelland im Westen. Ist

das da unten Palanka?«

»Noch weiter nach Süden,« rief der Hauptmann. »Wir müssen uns in

Kragujewatsch umschauen!«

Eine Schrapnellsalve platzte; rings um sie pufften die gelben Wölkchen.

Tikosch lachte.

»Herrgott,« rief er, »müssen sich die Kerl' unten ärgern, daß sie uns

nicht herunterkriegen! Jede Kugel, die sie uns schicken, ersparen wir

einem von unsern Bakas! Schießt's, was ihr habt's, herauf und geht's

betteln!«

Die Tragflächen wurden da und dort durchlöchert, aber selten. Und

wie berauscht, daß sie im feindlichen Feuer, siegreich wie Adler

und lachend über den Grimm der Tiefe, ihren stolzen Zug über das

Himmelsblau schrieben, saßen die beiden kühnen Männer; der eine über

seiner Karte notierend und kurze Weisungen nach vorne rufend, die der

andere jedesmal mit einer neuen graziösen Kurve ausführte, die Hand am

Steuer, den Blick fest und fröhlich, alle Sinne gespannt, alles auf

einen Punkt gerichtet.

Auf einen Punkt!

Ganz, ganz anders als dort oben, in den gotteseinsamen Wäldern des

Stol, wo der Geist sich ins Grenzenlose breiten wollte und zu verzagen

begann! Kein Philosoph: Nein! Aber ein Mann der Tat! -- -- --

Der Flieger · 第 7 / 16 题