Tikosch lachte und fragte mit dem alten Zauberworte: »Kunde?«

»Kenn's, kenn,« sagten alle drei auftauend und in fragender, banger

Freude! Teurer Heimatlaut, Handwerksgruß der Nichtstuer, Kennzeichen

aller Freiesten der Freien, aller, die nichts und doch alles besitzen,

aller Walzenbrüder und Wanderphilosophen, die zwar der Bürger wenig

liebt, die aber der Heiland des Ur- und Wanderchristentums insonderheit

in sein Herz geschlossen zu haben schien!

»Na,« sagte der Leutnant, »mit der Schlamperei in eurem Wachdienst muß

das ein End' nehmen, sonst kommen wir alle viere an den Galgen!«

»Alle viere!« Mit Brudergefühlen, die bei diesem Worte rascher

erwachten, als es sonst wohl der Fall gewesen sein würde, sahen die

drei Vagabunden den seltsamen Neuling an. Auch er musterte sie, als er

ihnen die Hände reichte, und sagte:

»Ich bin der Aviatiker.«

Tikosch wußte, daß diese Herren alle einen Künstlernamen zu tragen

pflegten, weil sie ihren eigenen durch häufigen Mißbrauch meistens ein

wenig in Mißkredit gebracht hatten.

»Nanu, Aviatiker,« sagte der Norddeutsche, »woll aus'm Zuchthaus

ausgeflogen?«

Tikosch, dem der Vorrat rotwelscher Worte nicht sehr reichlich floß,

und der einsah, daß er nur das Mißtrauen der dreie ernten würde, wenn

er seine Stellung als Tippelkunde würde festhalten wollen, besann sich

einen Augenblick. In der Lage, in der er sich befand, mußte Vertrauen

gegen Vertrauen stehen, und der lustige Ungar, dem ohnedies immer das

Herz auf der Zunge lag, schwankte nicht lange.

»Hört also,« sagte er zu den dreien. »Ich will euch meine ganze

Geschicht' wahrhaftig erzählen. Vor allem also: das Fräulein Ternaveanu

hat mir den Weg zu euch ang'sagt.«

»Alle Wetter,« sagte der Scheckensimon und lud ihn freundlich ein, am

Feuer Platz zu nehmen. Dann stellte er dem Leutnant sich und seine

Freunde vor.

»Wenn der Herr ein Spion ist,« sagte er, »so kann er nicht mehr

erraten, als er schon erspäht hat, nämlich daß wir existieren. Sonst

haben wir keiner was andres auf dem Ehrenschild als einen kleinen

Einbruch in'n Weinkeller; und wir sind freie Männer, und bei jetzigen

Zeitläuften wollen wa's auch bleiben. Da seine deutsche Sprache uns

sagt, daß er uns kaum unter die serbischen Soldaten stecken wollen

wird, so kann der Aviatiker ruhig wissen, wer und was wir sind. Also,

und denn!«

So machte Tikosch jetzt die denkwürdige Bekanntschaft dreier

außerordentlich freier Männer mitten in einer Zeit, da sogar die

Republikaner sehr stark zu Botmäßigkeit neigten. Der scheckige Simon

war ein Schuster aus der hannöverschen Gegend, und seinen Namen hatte

er sichtlich von der gefleckten Farbe seiner Haut, die eine Zeichnung

aufwies wie das schönste Reptil. Er war untersetzt, etwas wohlbeleibt,

frech und behäbig zugleich, mit einem gutmütig spottenden Schmunzeln

um den Mund. Er beteuerte, nur Umstände halber in Serbien zu sein,

da ihn der Krieg hier überrascht hätte. Er würde aber für diesmal

und ausnahmsweise, wenn sich eine Gelegenheit böte, doch lieber nach

Deutschland zu seiner Truppe einrücken, selbst wenn er dort Schuhe

machen müßte, einen Beruf, den er nur in größter Notlage ausübte.

»Aber wa könn' auch mit der Schieße umgehen, und Männer wie ich hat

mein Vaterland nötich,« sagte er stolz und streichelte das Gewehr

des Tikosch. »Das is'nn Vorderlader,« sagte er. »So'nn hatten die

Österreicher Anno sechsundsechzig, und drum verloren sie ihre Chose.

Wir ha'm das Mauser mit Muster +S+!«

Der zweite hieß der Schlampenschneider und war ein Tiroler, dem

alles recht und alles gleichgültig war, wenn er nur zu essen und zu

trinken hatte. Im übrigen war dieser Mensch von einer Zähigkeit und

Wetterhärte wie das Wild auf der Höh'. Er konnte im Regen schlafen

und dreimal des Tages in seinen Kleidern naß werden und wieder darin

trocknen, ohne daß er fror oder sich erkältete. Er war gutmütig und

wußte auf die Frage des Tikosch, warum er nicht zur Truppe eingerückt

sei, nichts anderes zu sagen als: »Miar hat's halt nöt pascht.«

Der dritte aber, der nasse Heinrich, begann Tikosch bald am meisten zu

interessieren. Denn an die gleiche Frage, warum er nicht kämpfe, schloß

er eine so lückenlose Kette von Vernunftfolgerungen, daß Tikosch gleich

sah: hier war ein Philosoph von der Sorte, zu der er gerne in die Lehre

gegangen wäre!

Der nasse Heinrich war ein Schlesier aus dem Kuhländchen und sprach

ein ganz einwandfreies Deutsch, als er eine drollige Rede gegen den

Kriegsdienst und die Verkürzung menschlicher Freiheit hielt, die

ungefähr so ging:

»Erstens bin ich eine Intelligenz und sehe leider genau, was weiß

ist und was schwarz. Ob auch meine näheren und ferneren Vorgesetzten

Intelligenzen sind, das habe ich nach allen Beispielen, die ich bisher

in Erwägung ziehen konnte, sehr zu bezweifeln. Wie soll ich nun meinen

ganz lichten Willen und mein überhelles Hirn unter das Kommando eines

dumpferen Kopfes stellen, von dem ich vollkommen deutlich erkenne, wie

er mich sicher und unfehlbar in das große Heringspökelfaß führt, wo die

Granaten am dichtesten stille Leute machen? Nein; wenn schon gestorben

sein muß, dann auf eigene Fasson. Ich will wissen, warum und ob es sich

lohnt, ein so gescheites Dasein wie das meine aufzugeben.

Des weiteren habe ich gefunden, daß ein Leben recht die Mitte halten

muß zwischen besinnungsloser Streberei und Quietismus, wie das in

meinen Büchern heißt. Du mußt wissen, Aviatiker, daß ich viel lese.

Aber Quietismus, das ist besonnene Faulenzerei. Christus, Mohammed und

Buddha haben ihn zwar gepredigt, waren aber Orientalen. Wir Abendländer

können nun keine Ruhe geben, und da haben wir insoferne recht, als

Besonnenheit, wenn sie nicht auch praktisch geübt wird, keinen Wert

nicht hat. Was? Wo aber braucht es mehr praktischer Übung in der

Lebensführung, wo gibt's mehr Kampf, wo zeigt sich unsre Überlegenheit

besser, als in dem Berufe, dem die gesamte zivilisierte Welt wie ein

Mann als Feind gegenübersteht? In dem Berufe der Lilien auf dem Felde,

als welche wir uns darstellen! Wir Sonnenbrüder vom faulen Pelz, wir

von der Walze, wir müssen uns jede freie Stunde erhungern, erfechten,

erwandern, oft genug erstehlen. Natürlich halten das nur Leute aus,

die ihre eigenen Gedanken haben und an sich selber eine bessere

Gesellschaft haben, als die gesicherten Dutzend weisen Bürgerheringe an

ihren Stammtischen sie uns zu bieten vermögen.

Siehst du, Aviatiker: ich war bestallter Schulmeister in Odrau, und ich

verließ den Ofen mit den gebratenen Äpfeln der Behaglichkeit darauf,

um mich in Sturm und Regenschauern umzutun. Ja. Denn da war ich stets

in der unmittelbaren Nähe Gottes. Wenn wir uns ein Feldfeuer anzünden,

dann erkennt Unsereiner, weiß der Himmel, daß es einen Gott des Feuers

gibt, und daß die Flamme heiliges Leben in Essenz enthält! Verstehst

du mich, Aviatiker? Nur das täglich schwer eroberte Leben ist der

Religion nahe! Ich bin in Italien gewesen und in Griechenland. Nur eine

Meinungsverschiedenheit meiner Gefährten hier hindert mich, mit ihnen

abermals den Himmel aufzusuchen, unter dem die Ölbäume wachsen. Es ist

da unten auch rauh und es stöbert der Schnee uns auch in Hellas recht

wüste um den Schafpelz, wie schon in der Odyssee zu lesen steht:

Jetzo kam graulich die Nacht des verdunkelten Mondes und rastlos

Regnete Zeus, laut sauste der West mit ergossenen Schauern!

Wie, Aviatiker, da staunst du! Kannst du die Odyssee auswendig? Nein,

armer Kerl, hab' ich mir gedacht. Da geht es wunderbar weiter, wie sie

im Felde frieren: die Griechen! Und wie Odysseus beinahe vor Frost zu

sterben meint, bis er sich durch eine List 'nen Mantel verschafft. Ich

habe schon in den verlassenen Heiligtümern des Äolos und des Apollon

geschlafen. Ich, der erste Mensch seit dritthalbtausend Jahren, der

die Götter erkennt und gläubigen Herzens zu ihnen betet! Draußen

herum heulte Boreas seine Wut über die götterlosen Menschen, aber mir

wehte er Blätter über Blätter in den Steinrund herein zum Schutze,

und wenn sich die Oliven knarrend bogen, fröstelte meine Seele in der

wonnigen Erkenntnis, wie nahe ich den alten Göttern sei. Oh, oh, die

alten Götter, die alle noch da sind, die aber ein immer naturferneres,

stupides Menschengeschlecht zu begreifen verlernt hat!

Der Flieger · 第 6 / 16 题