Nur Spiegel ist das Leben,
Das Herz ist die Gestalt;
Das Wort, das _Du_ gegeben,
Tönt her nur aus dem Wald.
Auf der Hallig war die Absendung des Bootes und die Ursache dieser
ungewöhnlichen Maßregel schnell bekannt geworden. Daher fanden die
Ankommenden die ganze Gemeinde am Strande versammelt. Schon von weitem
sah man, daß Niemand fehle, und die ängstliche Besorgnis der Pastorin
wurde als Zeugnis ihrer Liebe zu dem Gatten gutmütig entschuldigt. Als
aber nun kund ward, in welcher Gefahr die vier Männer geschwebt hatten,
als deren völlige Erschöpfung diese Gefahr auf das Deutlichste bezeugte,
da wandten sich Aller Augen auf die Frau, deren lebendige Ahnung sie nun
als das Werkzeug des barmherzigen Gottes erscheinen ließ. Sie aber hing
sprachlos im Arm des geliebten Mannes und teilte ihre seliglächelnden
Blicke zwischen ihm und dem Sternenhimmel. Dahin deutete sie auch, als
eine der Frauen, deren Gatte mit Hold gewesen war, ihr laut dessen
Rettung zuschrieb. In ihren Häusern angekommen, fühlten die Geretteten
erst ganz die körperlichen Folgen der überstandenen Gefahr. In dem Maße,
wie die natürliche Aufregung des Geistes sich in der Ruhe sänftigte,
nahm die leibliche Schwäche bis zur völligen Ohnmacht zu und weckte neue
Besorgnisse in der Brust der Lieben. Der nächste Tag ging ihnen in einem
Halbtraum hin, von dem sie kaum auf wenige Augenblicke erwachten, um die
ihnen dargebotenen stärkenden Mittel zu sich zu nehmen. Hold, der dem
Ansehen nach am wenigsten kraftvolle, war doch der erste, der geistig
und körperlich Alles überwunden hatte. Vielleicht deswegen, weil sein
Gemüt eher als die Andern die wohlthuende Richtung nach Oben nahm und in
freudigem Dank gegen Gott sich ergoß. Oswald lag mehrere Tage in einem
unruhigen, durch krampfhafte Erschütterungen und ängstliche Träume
unterbrochenen Schlummer und bedurfte sorgfältiger ärztlicher Pflege.
Erst am fünften Morgen erwachte er neugestärkt nach einem mehrstündigen,
tiefen Schlaf, aber es gingen noch einige Tage hin, ehe er zum ersten
Male auf längere Zeit das Bett verlassen konnte. An seines Vaters Arm
wandelte er in der Stube auf und nieder und suchte im Gespräch mit
demselben über das Vorgefallene schon wieder seine alten leichtsinnigen
Redensarten hervor, freilich jetzt mit einem ihn oft übermannenden
inneren Widerstreben. Der alte Mander aber war ernst und feierlich, und
sagte endlich:
»Oswald, laß uns nicht widerstreben Gottes Fügungen. Ja, er hat uns auf
dies Eiland geführt, daß wir erkennen sollen das Eine, was not thut. Er
will uns retten! Auch mich hat er auf's Neue ergriffen mit Dem, was Er
über Dich verhängt in jenen schrecklichen Stunden Deines Lebens. Ich
kann Ihm nicht länger widerstehen. Ich muß Ihn loben und Ihm danken, daß
Seine Gnade größer gewesen ist, als meine Verblendung und meine Schuld.
Ich will fortan Ihm, nur Ihm allein dienen, und möchte sagen können: ich
und mein Haus, wir wollen dem Herrn dienen! Wie furchtbar hat Er sich
Dir offenbart in Seinem Gericht, und doch zugleich auch in Seiner Gnade,
die nicht will, daß Einer verloren gehe, sondern Jedermann sich zu Ihm
kehre und Buße thue. Wie die Hausmutter einen Brand aus dem Feuer reißt,
daß er nicht ganz verzehret werde, so reißt auch der Herr Deine Seele zu
sich. Oswald, mein Sohn, widerstrebe Ihm nicht länger!«
»Aber, Vater,« erwiderte Oswald, ebenso verlegen, als bewegt bei
Mander's sichtbarer Rührung, »soll ich denn meine Jugend einem finstern,
freudenlosen Ernst opfern?«
»Nein, nicht opfern,« rief Mander, »heiligen, verklären sollst Du sie
und Dein ganzes Leben bis an's Ende mit einer Freude, die mehr ist und
reicher giebt, als Alles, was Du bisher an Lust und Genuß gekannt hast.
Eine innere sichere Freudigkeit sollst Du gewinnen, die selbst Stunden
der Angst, wie die, welche Dich für immer gezeichnet haben, überwinden
lehrt.«
Oswald hatte, in Verwunderung über die Worte: »welche Dich für immer
gezeichnet haben,« einen Blick in den Spiegel geworfen, und blieb voll
starren Entsetzens vor demselben stehen. »Im grauen Haar,« hatte er
spottend zu Hold gesagt, »wolle auch er an seine Bekehrung denken,« und
siehe! nun hatte die eine schreckliche Nacht sein Haar grau gefärbt; er
war ein Greis geworden in der Blüte der Jugend. Lange blieb er bebend an
allen Gliedern, mit der Blässe des Todes übergossen, lautlos in seiner
Stellung, dann sank er mit dem Ausruf: »Gott, ich erkenne Dich!« seinem
Vater ohnmächtig in die Arme.
Als er wieder zu sich selbst kam, verlangte er nach einem Spiegel, den
er aber nach dem ersten Blick in denselben sogleich wieder schaudernd
und stöhnend von sich wies. Auf alles Zureden, sich zu beruhigen,
antwortete er nur mit abgebrochenen Lauten, welche bald die von allen
Schrecken der Verzweiflung gemarterte Seele, bald das nach dem Trost aus
der Höhe lechzende Herz verkündeten.
»Laßt ihn allein!« sagte Hold, an den Mander sich gewandt hatte. »Es ist
genug, wenn er still beobachtet wird; merken muß er es nicht. Der Herr
hat ihn ergriffen und will einen Kampf mit ihm ausringen, in welchem
jede menschliche Hülfe eine unnütze, ja gefährliche Zuthat ist. Oswald
muß noch Stunden erfahren und durchleben, furchtbarer als die in der
See, und es ist nicht gut, wenn ihm das rettende Boot zu früh
entgegengeführt wird. Er möchte es dann bald wieder verlassen.«
Und der besorgte Vater sah und hörte, wie Oswald sich vom Lager aufriß,
mit hastigen Schritten trotz seiner früheren Mattigkeit in der Stube
auf- und abeilte, jetzt mit beiden Händen die Augen bedeckte und am
Rande seines Bettes das Gesicht in die Kissen begrub, wie er nun zu
beten versuchte, nun sich alle Hoffnung auf Gott absprach, bald wieder
mehr wie ein unruhig Träumender, als wie ein Schlafender lautlos dalag.
Erst gegen Abend hörte man ihn auf seinem Bette still schluchzen und
weinen, und in diesem Zustande nahm er schwach und willenlos die
leibliche Erquickung an, die sein Vater ihm darbot. Auf dessen Frage
aber nach seinem Befinden, ergriff er die Hände desselben, benetzte sie
mit heißen Thränen und flehte:
»Vater, Vater, vergieb mir!«
»Laß uns Beide Gott bitten, uns zu vergeben, mein Kind,« erwiderte
Mander weich, und seine Thränen mischten sich mit denen seines Sohnes.
Doch der Gedanke an die Notwendigkeit der göttlichen Vergebung regte
alle Schrecken der letzten Stunden wieder auf in Oswald's Brust, und
Mander hatte eine Nacht am Lager seines Sohnes, von der er nachher
selbst gestand, daß sie eine Schule der strengsten, aber zugleich
heilsamsten Zucht auch für ihn gewesen sei.
Der Morgen kam, und mit ihm kam für Oswald das schöpferische Werde mit
seinem Siegesruf: »das Alte ist vergangen, und siehe! Alles ist neu
geworden!« Der Sturm des Aufruhrs in seiner Brust schwieg, das Meer lag
still und eben, und Gottes Sterne spiegelten sich in seinen friedvollen
Tiefen. Dieser Uebergang aus der qualvollsten Unruhe zur seligsten Ruhe
glich nicht dem langsamen Sinken der Wellen, wenn der Flügelschlag der
Windsbraut immer matter und matter wird, sondern jener wunderbaren
Wandlung, als der Herr hörte die Bitte Seiner Jünger: »Herr, hilf uns!
wir verderben!« und stand auf und bedräuete Wind und Meer. Da ward es
ganz stille. Auf gleiche Weise hatte auch hier das angstvolle: »Herr,
hilf uns! wir verderben!« die rechte Zeit und Stunde gefunden, und aus
der tobendsten Wetternacht trat plötzlich die Sonne siegstrahlend und
friedebringend hervor. So hat oft die Stunde der geistigen Wiedergeburt
in der Stunde der leiblichen Geburt ihr Gleichnis. Wie dort die
schwersten Wehen mit einem Augenblick in die Seligkeit aufgehen, daß das
Kindlein geboren ist, so fühlt hier sich die Seele auf einmal aller
Zweifel und Schrecken, aller Banden und Kämpfe entlastet und ruht
gläubig selig am Vaterherzen. Und haben nicht alle Stunden der Andacht,
wenn sie nicht ein bloses Anklopfen bleiben sollen ohne Eingang zum
Vater, solche Momente, in denen das Gefühl der Gottesnähe und die Freude
der Gemeinschaft mit ihm das Herz überwallen ohne allmälige Entwicklung,
ohne spätere Steigerung?« -- Oswald war wie ein Kind, das aus dem
ängstlichen Traum erwacht und -- den hellen Glanz der Weihnachtsfreuden
vor sich ausgebreitet sieht. Kein Gedanke an die Schrecken, die noch
eben seine Seele durchschauerten, störte das Hosianna des neuen Lebens.
Mander's Empfindungen waren mehr nur ein Nachklang der Gefühle Oswald's
und seine Freude darüber, daß dieser den Frieden gefunden, ließ es bei
ihm nicht gleich zur vollen Anerkennung dessen kommen, was er selbst in
dieser Nacht gewonnen.
Hold fand ihn in der Frühe dieses Tages auf den Knieen am Lager
des Sohnes. Beider Hände waren in einander geschlungen zum
gemeinschaftlichen. Gebet. Beider Augen, in denen noch die letzten
Thränen schwammen, verloren im Aufschauen zu Dem, der ihnen Seine
heilsame Gnade hatte widerfahren lassen.
Das Werk des heiligen Geistes war vollbracht. Daher sprach Hold nur
wenig. Sein Wort berührte keine Vergangenheit, gab keine Mahnung für die
Zukunft, sondern war mehr nur der Segen zum Schlusse, das letzte
nachtönende Hallelujah der Friedensfeier.
Erst am zweiten und dritten Tage ließ Hold sich auf eine längere
Unterredung ein und fand den jungen Mander so empfänglich für alle
Segnungen und Verheißungen des Evangeliums, so bereit und willig, in
alle Tiefen des Glaubens zu folgen, ja nach der ersten Hinleitung und
Anweisung so klar und entschieden in seinem Verständnis der
Offenbarungen Gottes, daß er voll Verwunderung ausrief:
»Seit wann haben Sie das Alles gelernt?«
»Gelernt?« antwortete Oswald. »Weiß ich's doch selbst nicht, wann und
wie? Jene qualvollen Stunden in der See kommen mir vor wie
Hammerschläge, die nur das Golderz an das Tageslicht bringen, das lange
harrte der Erlösung von den Schlacken. Wie schrecklich mir auch jene und
die nachfolgenden Stunden waren, jetzt ist es mir, als hätte ich Nichts
erduldet für den Frieden der nun mein Teil ist; als müßte ich einen noch
viel herberen Kelch trinken, um nur einigermaßen den Gnadenreichtum
aufzuwiegen, der seine Fülle über mich ausgeschüttet. O, wie ist Gott so
voll Liebe, Güte und Barmherzigkeit, weit, weit über unser Wissen und
Verstehen! Und ich konnte Ihn so lange verkennen! Wie vielfach hat Er
mich geladen. Ich sehe Ihn nun so sorgsam um meine Seele bemüht von
Anfang an; verstehe nun jede Stimme an mein Herz, die früher mir
unbeachtet verhallte. Ja, mein ganzes vergangenes Leben liegt vor mir
als eine ununterbrochene Kette von Ansprüchen an mein Herz, von
Mahnungen für mein Gewissen, von Hinweisungen auf den rechten Weg, von
Erinnerungen an Sein Gericht. Wie konnte ich doch nur so taub und
verblendet sein?«
»Wir taufen die Kinder mit Wasser,« sagte Hold für sich; »aber Gott
wählet Seine Stunde, sie mit Geist zu taufen. Und sollen wir denn die
Gnade richten, wenn wir meinen, unsere Bereitung zu dieser Taufe sei
länger und schmerzlicher gewesen, und die Taufe selber doch nicht
gabenreicher, als die des andern Kindes, das Gott bestimmt hat zu einem
Zeugnis Seiner wunderbaren Liebesmacht?«
War dies Selbstgespräch Hold's, der erst nach schweren Kämpfen und auf
weiten Umwegen durchgedrungen war zu der Glaubenshöhe, auf der er stand,
eine Anwandlung von Neid, oder ein kluges Mißtrauen in die Wiedergeburt
des früher so gottentfremdeten Jünglings? Vielleicht kam das Erstere zum
Letzteren mit hinzu, ohne daß Hold selbst das Eine von dem Andern in
seinen Gedanken klar unterschied.
Am folgenden Morgen gab Oswald seinen Entschluß zu erkennen, sich zum
Missionar vorzubereiten.
»Ich muß,« rief er, »hinaus unter die Heiden! Ich möchte meine Arme
ausstrecken nach Allen, die noch wandeln in der Finsternis, und ihnen
zurufen; Gehet ein zu Eures Herrn Friede! Es wird die Liebe, die ich
erfahren, mir zur Last und Bürde, wenn ich Nichts dafür thun und leiden
kann. Sie wird zu einer Flamme, die mich verzehrt, wenn ich nicht Andern
von ihrer Glut mittheilen soll.«
Hold bekämpfte diesen Entschluß; anfangs damit, daß er den Rat gab,
nicht bei der ersten Aufwallung der Begeisterung auf die Beharrlichkeit
zu rechnen, die dem Apostel nötig sei. Als aber Oswald die gänzliche
Umwandlung seines Wesens und Charakters versicherte, als er es für
seinen künftigen Frieden durchaus notwendig erklärte, für das Evangelium
in Not und Tod zu gehen, da erinnerte Hold mit einer Strenge, die in
seinen vorhin angedeuteten Gedanken über Oswald's Umwandlung ihre
Erklärung findet:
»Wie schwer lernen wir es, wahrhaft demütigen Herzens zu sein! Wie sehr
sträuben wir uns noch immer gegen das Empfangen und wollen nehmen,
wollen uns selber geben, wenigstens nach Möglichkeit abverdienen, was
wir dem Herrn verdanken. So wollen auch Sie jetzt kämpfen, tragen und
dulden, um sich doch am Ende noch ein wenig eigen Verdienst zurechnen zu
können bei der reinen Gnadenthat des Vaters im Himmel.«
»O, gewiß nicht!« rief Oswald. »Ich fühl' es so ganz, daß Nichts mein
ist, daß Alles Sein ist, daß nur Sein warmer Frühlingsodem die kalte
Winternacht weggehaucht hat von der Wüste meines Lebens. Mir ist so
wunderbar neu zu Mute, wie die Erde, wenn sie eine Seele hätte, fühlen
müßte in den Tagen des Lenzes, vor dessen Blick die lange erstarrten
Ströme niederschmelzen und alle Quellen wieder rieseln, auf dessen Gang
die Keime wieder erwachen zum Leben und zu Blüten und Düften
aufschwellen im Sonnenlicht. Ich will ja weiter Nichts, als dies Blühen
und Duften hinaustragen in die Wüste, wo noch der Winter lagert. Ich
will ja nur eine Seele suchen, die mit mir erwacht zum Leben, mit mir
den Vater preist, der so Großes an uns gethan.«
»Vergessen Sie nicht,« erwiderte Hold, »daß noch genug Stunden kommen
werden in Ihrem Leben, in welchen Sie Ihre Armut für sich selber fühlen,
obgleich Sie sich nun reich genug dünken, Andern mittheilen zu können.
Und dann möchte ich wenigstens für die Heiden lieber Männer einfachen
Sinnes von Jugend auf, wie die ersten Apostel es waren; Männer, die
unverwirrt und unverirrt ein empfängliches, offenes Herz dem Herrn
darbrachten von Anfang an; Männer, deren Rückblick in die Vergangenheit
weniger von Reue verfinstert wird, und die daher das Amt der
Verkündigung nur aus reiner Liebe, nicht mit dem Nebengedanken, ein
Bußopfer zu bringen, übernehmen. Deren Predigt wird einfacher sein,
weniger berechnend, weniger aus dem Eigenen schöpfend, allein mehr
gebend, was sie empfangen vom Herrn und von Ihm haben in Seinem Worte.
Sie wird nicht so sehr das Ausreuten des Verkehrten zu ihrem Geschäft
machen, als vielmehr nur darreichen, was dienet zur Erleuchtung,
Heiligung und Beseligung. Sie wird den Boden der Heidenwelt nicht so
ausschließlich als ein Feld betrachten, das zubereitet werden muß für
die Saat; sondern sie wird den Samen streuen in Hoffnung und sein
Gedeihen dem Tau und Sonnenschein von Oben überlassen; und ich glaube,
das ist die rechte apostolische Weise, von der aber gar zu leicht
derjenige abgeht, dessen Herz selbst lange ein Feld voll Unkraut war,
ehe der Weizen Raum finden konnte.«
»Ach! daß Sie auch immer Recht haben müssen,« seufzte Oswald. »Aber
unmöglich kann ich wieder zurückkehren zu jenen trocknen, nur für
irdische Genüsse arbeitenden Geschäften meines früheren Berufs;
unmöglich wieder heimatlich werden in der mir jetzt widerlichen Welt
meiner Vaterstadt.«
»Der Glaube verklärt Alles,« sagte Hold, »all' unser Lieben, Wirken,
Leiden und Hoffen. Haben Sie bisher im Kaufmannsstande nur ein Wirken
für irdische Genüsse gesehen, so werden Sie ihn jetzt in einem neuen
Lichte betrachten. Er ist es, der alle natürlichen und künstlichen
Grenzen zwischen den Völkern der Erde niederbricht. Er sendet sein
Banner hinüber über die weite Ebene des Oceans, treibt sein Rad die
Felsengebirge hinauf und hinab, zieht das Saumtier durch Wüsten und
Einöden. Ihn schreckt keine Mühe und keine Gefahr. Er trotzt dem
versengenden Mittagsstrahl und dem Eis des mitternächtlichen Pols.«
»Ja,« fiel Mander hier in die Rede, »auch wir dienen der geistigen
Entwickelung der Menschheit. Ich habe erst, seit ich mir dies recht
vergegenwärtigt von der Lectüre der Schriften, die den Geist emportrugen
über alles Eitle und Weltliche, ohne Murren aufstehen und an die Börse
gehen können. Wir fördern die allmälige Verbrüderung und höhere Reife
der Völker, indem wir ihre Entfremdung von einander rastlos bekämpfen
und dadurch auch die Folgen derselben: Mißtrauen, Feindseligkeit,
Verachtung, Einseitigkeit und Unwissenheit. Denn der Handel ist ein über
den Erdboden sich hinstreckendes, lebendiges, ewig bewegliches Gewebe,
dessen Fäden über alle Scheidungen hinweg die Völker an einander ziehen,
sich gegenseitig von einander abhängig machen und dadurch sie sich
einander achten und lieben lehren. Er ist der Träger eines nie ruhenden
Umtausches, nicht allein irdischer Güter, sondern auch geistiger
Fortschritte. Mit seinen Frachtbriefen sendet er Wissenschaft, Kunst,
Cultur den entferntesten Nationen zu; macht durch seine Ballen zum
Gemeingut Aller nicht allein die Produkte jeder Zone, sondern auch die
Geistesflamme, die ohne seine weltumfassende Thätigkeit nur einem
kleinen Fleck der Erde gestrahlt hätte. Er mindert die Kriege, weil
seine Interessen, die bei jedem Kriege so hart verletzt werden, immer
schwerer in die Wagschale fallen. Er schafft, daß die Erde ein Vaterland
und die Menschheit ein Volk werde, das, so verschieden an Sprachen und
Sitten, doch im gegenseitigen Verkehr sich befreundet, das, so oft auch
entflammt in Zwietracht, doch nach dem ersten Friedensblatt sogleich
wieder verbunden ist durch brüderlichen Austausch.«
»Und,« fuhr Hold fort, »öffnet nicht das Kaufschiff dem Boten des
Evangeliums die sonst feindlich verschlossene Küste? Baut nicht der
Handelsverkehr die Brücke von Land zu Land, von Volk zu Volk dem Worte
Gottes? Nehmen Sie den Stand des Kaufmannes hinweg, wie fern würde dann
noch die Zeit sein, von der es heißen soll: Eine Heerde unter Einem
Hirten, Ein Herr, Ein Glaube, Eine Taufe, Ein Gott und Vater Aller!? Wir
können nicht Alle unmittelbar, aber Alle mittelbar wirken für das Reich
Gottes. Und wollen wir uns unser Wirken, das scheinbar allein dem
Nächsten, dem irdischen Wolergehen dienet, verklären, so müssen wir ihm
jene Beziehung auf das Eine, was not thut, auf die Erhebung der Kinder
des Staubes zu Kindern Gottes zu geben wissen. Es ist dem Arzt eine
Freude, wenn er den Kranken von der Nähe des Grabes durch seine Kunst
zurückgerufen hat zum Genuß des Lebens. Seine Freude wird aber höher,
himmlischer, wenn er dabei bedenkt, daß Gott durch ihn einer
Unsterblichen Seele eine längere Frist bereitet hat, für die Ewigkeit zu
reifen, daß Gott durch ihn dem Sünder noch Raum gab zur Buße, dem
Glaubensschwachen noch Gelegenheit zum höheren Verständnis, dem Frommen
zur weitern Vollendung. So auch der Kaufmann. Er sorgt für Bedürfnisse
und Genüsse, die vielleicht nur die niedere sinnliche Natur des Menschen
befriedigen, und er ist ein Werkzeug in der Hand Gottes, die Wege zu
ebnen und die Bahnen zu brechen den Segnungen und Verheißungen, die
Freude und Friede bringen in Zeit und Ewigkeit. In solchem Bewußtsein
treibt er freudig sein Geschäft. Es ist ein Werk Gottes für ihn
geworden. Er beneidet nicht mehr den Priester um sein den göttlichen
Dingen allein geweihtes Amt. Er ist, wie dieser, ein Diener des Herrn,
der da will, daß Allen geholfen werde an allen Enden der Erde.«
»Nun lerne ich mehr verstehen,« bemerkte Mander, »was Sie früher einmal
sagten, daß Sie alle Bestrebungen der Menschheit nur in Beziehung auf
ihren Dienst für die eine Wahrheit würdigten.«
»Aber,« entgegnete Oswald, »sind nicht gerade große Handelsplätze die
Stätten der größten Entfremdung von den göttlichen Dingen? Führt nicht
das Streben nach Erwerb und Gewinn am leichtesten von dem Ringen nach
den wahren Gütern des Lebens ab?«
»Alle großen Städte sind jetzt hierin gleich,« war Hold's Antwort. »Doch
ist Irreligiosität keineswegs eine natürliche Zugabe des
Handelsverkehrs. Im Mittelalter waren die großen Kaufstädte, -- denken
Sie an Augsburg mit seinen edlen Geschlechtern: Fugger und Welser, -- an
Frömmigkeit, Tugend und Ehrbarkeit reicher, als viele andere Städte,
deren Ruhm sich nur auf einen Bischofssitz oder auf ein Residenzschloß
gründete. -- Kehren Sie zurück zu ihrem frühern Beruf. Zeugen Sie
inmitten der Verderbnis vom Reiche Gottes. Stellen Sie in Sinn und
Wandel einen Handelsherrn dar, der seinen rechten Schatz im Himmel weiß,
der wach und thätig in seinem Weltberufe, diesen verkläret durch das
Bewußtsein seines höhern Berufes. Schämen Sie sich auch unter den
Spöttern nicht des Evangeliums von Christo, geben Sie Rede und Antwort
über Ihren Glauben vor Jedermann, erwerben Sie ihm Achtung auch von
Denen, die ihn nicht teilen; und Sie sind, was Sie vorher zu werden
wünschten, Sie sind ein Arbeiter im Weinberge des Herrn; und vielleicht
gesegneter in Ihrer Ernte für Sein Reich, als wenn Sie die Stätten
aufsuchten, die noch völlig brach liegen.«
»Sie eröffnen mir eine Aussicht,« erwiderte Oswald, »deren Reiz ich
nicht verkenne; aber Sie senden mich zurück in einen Kampf, dem ich
schon einmal nicht gewachsen war.«
»Doch nun angethan mit den Waffen des Lichtes, doch nun gerüstet mit dem
Schwert des Glaubens und gedeckt von seinem Schilde! Wol aber ist Ihnen
sorgsame Vorsicht, strenge Aufmerksamkeit not. Was der Herr auch Großes
an Ihnen gethan, Sie sind, Oswald, doch noch eine junge Blüte im
Glauben, die der Entwickelung und Ausbildung auch noch ferner sehr
bedarf, ehe sie Andere erfreuen mag mit ihren Düften und Früchten.
Bitten Sie Gott, daß Er Sie kräftige und vollbereite. So wird Er Sie
darstellen zum Zeugnis, ohne daß Sie sich dazu drängen, ein Zeuge zu
sein.«
Oswald wagte keine weitere Gegenrede, doch fühlte er sich verletzt durch
das wenig verhehlte Mißtrauen in seine völlige Umwandlung zu einem neuen
Menschen und hätte daran wol am besten erkennen können, wie gerecht dies
Mißtrauen sei.
Zur weiteren Durchbildung und gleichsam Wurzelung im Heil wäre ein
längerer Aufenthalt auf der Hallig und Hold's Anleitung und Anregung
gewiß nützlich gewesen, und Oswald's Siegesfreude ging mehr allein aus
dem Rückblick auf die Vergangenheit hervor, als daß sie von einem
ernsten Aufschauen auf den Anfänger und Vollender des Glaubens begleitet
war.
Vielleicht mochte auch Hold zu wenig auf die Macht des lebendigmachenden
Glaubens rechnen, und eine Umwandlung, wie die vorliegende, nicht ganz
zu würdigen wissen, weil sie als eine für ihn neue Erscheinung auftrat.
Außerdem beurteilte er früher den jungen Mander nur nach Dem, was dieser
selbst von sich erkennen ließ, und verborgen war ihm die leise Arbeit,
wodurch der Geist Gottes, der die Herzen lenkt wie Wasserbäche, diesen
scheinbar so dürren Boden schon lange empfänglich gemacht; wie ja auch
Oswald diese stille Bereitung nicht verstanden, und darin nur Regungen
kindischer Schwäche gesehen, die er bekämpfen, und, um den vermeinten
Ruhm eines starken Geistes nicht zu verlieren, sorgfältig verbergen zu
müssen glaubte. Und wer konnte zeugen von der furchtbaren Qual der
Läuterung in jenen Stunden, als jede kommende Woge zu einem Boten ward,
der das immer gleiche Wort wiederholte: »dem Menschen ist es gesetzt zu
sterben, und darnach das Gericht!?« wer zeugen von seinen spätern
schweren Kämpfen, bis der Morgenstern aufging in seinem Herzen?
Doch in seinen spätern Jahren machte auch Oswald noch manche trübe
Erfahrungen, wie er sich im ersten Augenblick der Begeisterung zu viel
zugetraut, wie auch unter dem Morgenrot der Gnadensonne noch Wolken und
Stürme nicht fehlen, wie oft wir in einzelnen Momenten Höhen
überstiegen, die wir nachher erst wieder mit Mühe erklimmen müssen. Die
Kämpfe blieben für ihn nicht aus. Der Umwege wurden noch viele. Nur Das
hatte er gewonnen, daß seine Augen aufgethan waren für das rechte Ziel,
und daß er darum sich immer wieder auf den rechten Weg zurückfand, und
daß die Thränen seiner Reue gesegnet waren mir dem Troste: »Freude ist
im Himmel über einen Sünder, der Buße thut!«
Und mehr gewinnen ja auch die Meisten nicht vom Glauben an das
Evangelium. Ihrer guten Werke sind vielleicht nicht mehr, als die Derer,
welche das Heil in Christo verschmähen; aber sie wissen, daß diese Werke
ohne Verdienst und Gerechtigkeit sind, und halten darum um derentwillen
Nichts von sich selber, sondern bekennen in Demut ihr Zurückbleiben in
der Nachfolge des Herrn. Sie sind vielleicht nicht stärker in der
Versuchung als Jene; aber sie fühlen ihre Unwürdigkeit und kehren bald
um in Reue und Buße und tragen Leid über ihre Sündhaftigkeit. Daher,
wenn auch Beide wenig unterschieden sind nach ihrer äußerlichen
Erscheinung, ist doch im Innern ein völliger Gegensatz. Hier Demut; dort
Eitelkeit. Hier Betrübnis über den Mangel an Heiligung und immer tiefer
gefühltes Bedürfnis der Erlösung; dort leichtsinniges Entschuldigen und
Vergessen und Vertrauen auf das sogenannte »gute Herz« und auf die
einzelnen löblichen Bestrebungen, als ausreichend zur Befriedigung der
Forderungen des göttlichen Gesetzes.
Wir sagen: die Meisten gewinnen kaum mehr von ihrem Glauben an das
Evangelium, und bekennen gern, daß sie schon damit unendlich Viel
gewonnen haben; keineswegs aber wollen wir dieser Halbheit irgend einen
Vorschub leisten; sondern stellen das Ziel der Vollendung auf, wonach
wir unermüdlich ringen sollen mit Gebet und Flehen, mit Seufzern und
Thränen, mit Wachen und Streiten, mit Treiben und Drängen, mit Sorgen
und Hoffen: die völlige Erneuerung im Geiste des Gemütes, die Verklärung
des inwendigen Menschen, die sich abspiegelt in allen Gedanken und
Gefühlen, in allen Worten und Werken, die alles ungöttliche Wesen und
die weltlichen Lüste austreibt, wie vor der Sonne die Nebel und Schatten
schwinden; die Wiedergeburt, wodurch das Erdengeschöpf in seinem Wesen
und Thun zu einem Kinde Gottes, und der Wandel auf Erden zu einem Wandel
im Himmel wird, wodurch die Welt selbst dem also Wiedergeborenen auch zu
einer neuen Schöpfung sich umwandelt, deren Freuden und Leiden nur
Zeugnisse sind, daß sie Gottes Welt ist. Mit dem Glauben an die Erlösung
tritt erst die Möglichkeit einer solchen Wiedergeburt ein, weil durch
ihn im Menschen die Liebe, die reinste und stärkste Triebkraft im Himmel
und auf Erden, auf das Göttliche gelenkt wird; aber dieser Glaube ist
nicht die Wiedergeburt selbst, wie unsere Halbheit sich oft gern
überreden möchte, er ist nur die notwendige Bedingung dazu und bleibt
ein totes Erz und eine klingende Schelle, wenn er nicht in der Liebe
thätig ist, in der Liebe, die da schaffet und wirket zur Heiligung des
Sinnes und Wandels.