Damis. Jetzt kann ich freilich nicht alles auf einmal verrichten.
Wann ich nur erst mit dem Wichtigsten werde zustande sein. Sie
glauben nicht, was mir hier eine gewisse Untersuchung für Nachschlagen
und Kopfbrechen kostet. Noch eine einzige Kleinigkeit fehlt mir, so
habe ich es bewiesen, daß sich Kleopatra die Schlangen an den Arm, und
nicht an die Brust, gesetzt hat--
Chrysander. Die Schlangen taugen nirgends viel. Mir wäre beinahe
jetzt auch eine in Busen gekrochen; aber noch ist es Zeit. Höre
einmal, mein Sohn; hier habe ich einen Brief bekommen, der mich--
Damis. Wie? einen Brief? einen Brief? Ach, lieber Anton! einen
Brief? Liebster Herr Vater, einen Brief? von Berlin? Lassen Sie mich
nicht länger warten; wo ist er? Nicht wahr, nunmehr werden Sie
aufhören an meiner Geschicklichkeit zu zweifeln? Wie glücklich bin
ich! Anton, weißt du es auch schon, was darin steht?
Chrysander. Was schwärmst du wieder? Der Brief ist nicht von Berlin;
er ist von meinem Advokaten aus Dresden, und nach dem, was er schreibt,
kann aus deiner Heirat mit Julianen nichts werden.
Damis. Nichtswürdiger Kerl! so bist du noch nicht wieder auf der Post
gewesen?
Anton. Ich habe es Ihnen ja gesagt, daß vor neun Uhr für mich auf der
Post nichts zu tun ist.
Damis. Ah, verberabilissime, non fur, sed trifur! Himmel! daß ich
vor Zorn sogar des Plautus Schimpfwörter brauchen muß. Wird dir denn
ein vergebner Gang gleich den Hals kosten?
Anton. Schimpften Sie mich? Weil ich es nicht verstanden habe, so
mag es hingehen.
Chrysander. Aber sage mir nur, Damis; nicht wahr, du hast doch einen
kleinen Widerwillen gegen Julianen? Wenn das ist, so will ich dich
nicht zwingen. Du mußt wissen, daß ich keiner von den Vätern bin--
Damis. Ist die Heirat schon wieder auf dem Tapete? Wann Sie doch
wegen meines Widerwillens unbesorgt sein wollten. Genug, ich heirate
sie--
Chrysander. Das heißt so viel, du wolltest dich meinetwegen zwingen?
Das will ich durchaus nicht. Wenn du gleich mein Sohn bist, so bist
du doch ein Mensch; und jeder Mensch wird frei geboren; er muß machen
können, was er will; und--kurz--ich gebe dir dein Wort wieder zurück.
Damis. Wieder zurück? und vor einigen Stunden konnte ich mich nicht
hurtig genug entschließen? Wie soll ich das verstehen?
Chrysander. Das sollst du so verstehen, daß ich es überlegt habe und
daß, weil dir Juliane nicht gefällt, sie mir auch nicht ansteht; daß
ich ihre wahren Umstände in diesem Briefe wieder gefunden habe und
daß--Du siehst es ja, daß ich den Brief nur jetzt gleich bekommen habe.
Ich weiß zwar wahrhaftig nicht, was ich davon denken soll? Die Hand
meines Advokaten ist es nicht--
(Damis setzt sich wieder an den Tisch.)
Anton. Nicht? oh! die Leutchen müssen mehr als eine Hand zu schreiben
wissen.
Chrysander. Zu geschwind ist es beinahe auch. Kaum sind es acht Tage,
daß ich ihm geschrieben habe. Sollte er das Ding in der kurzen Zeit
schon haben untersuchen können? Von wem hast du denn den Brief
bekommen, Anton?
Anton. Von Lisetten.
Chrysander. Und Lisette?
Anton. Von dem Briefträger, ohne Zweifel.
Chrysander. Aber warum bringt denn der Kerl die Briefe nicht mir
selbst?
Anton. Sie werden sich doch in den Händen, wodurch sie gehen, nicht
verändern können?
Chrysander. Man weiß nicht--Gleichwohl aber lassen sich die Gründe,
die er anführt, hören. Ich muß also wohl den sichersten Weg nehmen
und dir, mein Sohn--Aber, ich glaube gar, du hast dich wieder an den
Tisch gesetzt und studierst?
Damis. Mein Gott! ich habe zu tun, ich habe sogar viel zu tun.
Chrysander. Drum mit einem Worte, damit ich dich nicht um die Zeit
bringe: die Heirat mit Julianen war nichts als ein Gedanke, den du
wieder vergessen kannst. Wann ich es recht überlege, so hat doch
Valer das größte Recht auf sie.
Damis. Sie betrügen sich, wenn Sie glauben, daß ich nunmehr davon
abgehen werde.--Ich habe alles wohl überleget, und ich muß es Ihnen
nur mit ganz trocknen Worten sagen, daß eine böse Frau mir helfen soll,
meinen Ruhm unsterblich zu machen; oder vielmehr, daß ich eine böse
Frau, an die man nicht denken würde, wann sie keinen Gelehrten gehabt
hätte, mit mir zugleich unsterblich machen will. Der Charakter eines
solchen Eheteufels wird auf den meinigen ein gewisses Licht werfen--
Chrysander. Nun wohl, wohl; so nimm dir eine böse Frau; nur aber eine
mit Gelde, weil an einer solchen die Bosheit noch erträglich ist. Von
der Gattung war meine erste selige Frau. Um die zwanzigtausend Taler,
die ich mit ihr bekam, hätte ich des bösen Feindes Schwester heiraten
wollen--Du mußt mich nur recht verstehen: ich meine es nicht nach den
Worten.--Wann sie aber böse sein soll, deine Frau, was willst du mit
Julianen?--Höre, ich kenne eine alte Witwe, die schon vier Männer ins
Grab gezankt hat; sie hat ihr feines Auskommen: ich dächte, das wäre
deine Sache; nimm die! Ich habe dir das Maul einmal wäßrig gemacht,
ich muß dir also doch etwas darein geben. Wann es einmal eine
Xanthippe sein soll, so kannst du keine beßre finden.
Damis. Mit Ihrer Xanthippe! ich habe es Ihnen ja schon mehr als
einmal gesagt, daß Xanthippe keine böse Frau gewesen ist. Haben Sie
meine Beweisgründe schon wieder vergessen?
Chrysander. Ei was? mein Beweis ist das Abc-Buch. Wer so ein Buch
hat schreiben können, das so allgemein geworden ist, der muß es gewiß
besser verstanden haben als du. Und kurz, mir liegt daran, daß
Xanthippe eine böse Frau gewesen ist. Ich könnte mich nicht
zufriedengeben, wenn ich meine erste Frau so oft sollte gelobt haben.
Schweig also mit deinen Narrenspossen; ich mag von dir nicht besser
unterrichtet sein.
Damis. So wird uns gedankt, wenn wir die Leute aus ihren Irrtümern
helfen wollen.
Chrysander. Seit wenn ist denn das Ei klüger als die Henne? he? Herr
Doktor, vergeß Er nicht, daß ich Vater bin und daß es auf den Vater
ankömmt, wenn der Sohn heiraten soll. Ich will an Julianen nicht mehr
gedacht wissen--
Damis. Und warum nicht?
Chrysander. Soll ich meinem einzigen Sohne ein armes Mädchen
aufhängen? Du bist nicht wert, daß ich für dich so besorgt bin. Du
weißt ja, daß sie nichts im Vermögen hat.
Damis. Hatte sie vorhin, da ich sie heiraten sollte, mehr als jetzt?
Chrysander. Das verstehst du nicht. Ich wußte wohl, was ich vorhin
tat: aber ich weiß auch, was ich jetzt tue.
Damis. Gut, desto besser ist es, wann sie kein Geld hat. Man wird
mir also nicht nachreden können, die böse Frau des Geldes wegen
genommen zu haben; man wird es zugestehen müssen, daß ich keine andere
Absicht gehabt als die, mich in den Tugenden zu üben, die bei
Erduldung eines solchen Weibes nötig sind.
Chrysander. Eines solchen Weibes! Wer hat dir denn gesagt, daß
Juliane eine böse Frau werden wird?
Damis. Wenn ich nicht, wie wir Gelehrten zu reden pflegen, a priori
davon überführt wäre, so würde ich es schon daraus schließen können,
weil Sie daran zweifeln.
Chrysander. Fein naseweis, mein Sohn! fein naseweis! Ich habe
Julianen auferzogen; sie hat viel Wohltaten bei mir genossen; ich habe
ihr alles Gute beigebracht: wer von ihr Übels spricht, der spricht es
zugleich von mir. Was? ich sollte nicht ein Frauenzimmer zu ziehen
wissen? Ich sollte ein Mädchen, das unter meiner Aufsicht groß
geworden ist, nicht so weit gebracht haben, daß es einmal eine
rechtschaffne wackre Frau würde? Reich habe ich sie freilich nicht
machen können; ich bin der Wohltat selbst noch benötigt. Aber daß ich
sie nicht tugendhaft, nicht verständig gemacht hätte, das kann mir nur
einer nachreden, der so dumm ist als du, mein Sohn. Nimm mir es nicht
übel, daß ich mit der Sprache herausrücke. Du bist so ein
eingemachter Narre, so ein Stockfisch--nimm mir's nicht übel, mein
Sohn--so ein überstudierter Pickelhering--aber nimm mir's nicht übel--
Damis (beiseite). Bald sollte ich glauben, daß sein erster Handel mit
eingesalznen Fischen gewesen sei.--Schon gut, Herr Vater; von
Julianens Tugend will ich nichts sagen; die Tugend ist oft eine Art
von Dummheit. Aber was ihren Verstand anbelangt, von dem werden Sie
mir erlauben, daß ich ihn noch immer in Zweifel ziehe. Ich bin nun
schon eine ziemliche Zeit wieder hier; ich habe mir auch manchmal die
Mühe genommen, ein paar Worte mit ihr zu sprechen: hat sie aber wohl
jemals an meine Gelehrsamkeit gedacht? Ich mag nicht gelobt sein; so
eitel bin ich nicht; nur muß man den Leuten ihr Recht widerfahren
lassen--