Dritter Auftritt

Anton. Lisette.

Anton. Nu? was will die! in meines Herrn Studierstube? Jetzt ging

Valer heraus; vor einer Weile Juliane; und du bist noch da? Ich

glaube gar, ihr habt eure Zusammenkünfte hier. Warte, Lisette! das

will ich meinem Herrn sagen. Ich will mich schon rächen; noch für das

Gestrige; besinnst du dich?

Lisette. Ich glaube, du keifst? Was willst du mit deinem Gestrigen?

Anton. Eine Maulschelle vergißt sich wohl bei dem leicht, der sie

gibt, aber der, dem die Zähne davon gewackelt haben, der denkt eine

Zeitlang daran. Warte nur! warte!

Lisette. Wer heißt dich, mich küssen?

Anton. Potz Stern, wie gemein würden die Maulschellen sein; wenn alle

die welche bekommen sollten, die euch küssen wollen.--Jetzt soll dich

mein Herr dafür wacker--

Lisette. Dein Herr? der wird mir nicht viel tun.

Anton. Nicht? Wievielmal hat er es nicht gesagt, daß so ein heiliger

Ort, als eine Studierstube ist, von euch unreinen Geschöpfen nicht

müsse entheiliget werden? Der Gott der Gelehrsamkeit--warte, wie

nennt er ihn?--Apollo--könne kein Weibsbild leiden. Schon der Geruch

davon wäre ihm zuwider. Er fliehe davor wie der Stößer vor den Tauben.

--Und du denkst, mein Herr würde es so mit ansehen, daß du ihm den

lieben Gott von der Stube treibest?

Lisette. Ich glaube gar, du Narre denkst, der liebe Gott sei nur bei

euch Mannspersonen? Schweig, oder--

Anton. Ja, so eine wie gestern vielleicht?

Lisette. Noch eine beßre! der Pinsel hätte gestern mehr als eine

verdient. Er kömmt zu mir; es ist finster; er will mich küssen; ich

stoße ihn zurück, er kömmt wieder; ich schlage ihn aufs Maul, es tut

ihm weh; er läßt nach; er schimpft; er geht fort--Ich möchte dir

gleich noch eine geben, wenn ich daran gedenke.

Anton. Ich hätte es also wohl abwarten sollen, wie oft du deine

Karesse hättest wiederholen wollen?

Lisette. Gesetzt, es wären noch einige gefolgt, so würden sie doch

immer schwächer und schwächer geworden sein. Vielleicht hätten sich

die letztern gar--doch so ein dummer Teufel verdient nichts.

Anton. Was hör ich? ist das dein Ernst, Lisette? Bald hätte ich Lust,

die Maulschelle zu vergessen und mich wieder mit dir zu vertragen.

Lisette. Halte es, wie du willst. Was ist mir jetzt an deiner Gunst

gelegen? Ich habe ganz ein ander Wildbret auf der Spur.

Anton. Ein anders? au weh, Lisette! Das war wieder eine Ohrfeige,

die ich so bald nicht vergessen werde! Ein anders? Ich dächte, du

hättest an einem genug, das dir selbst ins Netz gelaufen ist.

Lisette. Und drum eben ist nichts dran.--Aber sage mir, wo bleibt

dein Herr?

Anton. Danke du Gott, daß er so lange bleibt; und mache, daß du hier

fortkömmst. Wann er dich trifft, so bist du in Gefahr,

herausgeprügelt zu werden.

Lisette. Dafür laß mich sorgen! Wo ist er denn? ist er von der Post

noch nicht wieder zurück?

Anton. Woher weißt du denn, daß er auf die Post gegangen ist?

Lisette. Genug, ich weiß es. Er wollte dich erst schicken. Aber wie

kam es denn, daß er selbst ging? Ha! ha! ha! "Es ist mit dem

Schlingel nichts anzufangen." Wahrhaftig, das Lob macht mich ganz

verliebt in dich.

Anton. Wer Henker muß dir das gesagt haben?

Lisette. O niemand; sage mir nur, ist er wieder da?

Anton. Schon längst; unten ist er bei seinem Vater.

Lisette. Und was machen sie miteinander?

Anton. Was sie machen? sie zanken sich.

Lisette. Der Sohn will gewiß den Vater von seiner Geschicklichkeit

überführen?

Anton. Ohne Zweifel muß es so etwas sein. Damis ist ganz außer sich:

er läßt den Alten kein Wort aufbringen: er rechnet ihm tausend Bücher

her, die er gesehen; tausend, die er gelesen hat; andere tausend, die

er schreiben will, und hundert kleine Bücherchen, die er schon

geschrieben hat. Bald nennt er ein Dutzend Professores, die ihm sein

Lob schriftlich, mit untergedrucktem Siegel, nicht umsonst, gegeben

hätten; bald ein Dutzend Zeitungsschreiber, die eine vortreffliche

Posaune für einen jungen Gelehrten sind, wenn man ein silbernes

Mundstück darauf steckt; bald ein Dutzend Journalisten, die ihn alle

zu ihrem Mitarbeiter flehentlich erbeten haben. Der Vater sieht ganz

erstaunt; er ist um die Gesundheit seines Sohnes besorgt; er ruft

einmal über das andre: Sohn, erhitze dich doch nicht so! schone deine

Lunge! ja doch, ich glaub es! gib dich zufrieden! es war so nicht

gemeint!

Der junge Gelehrte: Ein Lustspiel in drei Aufzügen · 第 32 / 121 题