Anton. Lisette.
Anton. Nu? was will die! in meines Herrn Studierstube? Jetzt ging
Valer heraus; vor einer Weile Juliane; und du bist noch da? Ich
glaube gar, ihr habt eure Zusammenkünfte hier. Warte, Lisette! das
will ich meinem Herrn sagen. Ich will mich schon rächen; noch für das
Gestrige; besinnst du dich?
Lisette. Ich glaube, du keifst? Was willst du mit deinem Gestrigen?
Anton. Eine Maulschelle vergißt sich wohl bei dem leicht, der sie
gibt, aber der, dem die Zähne davon gewackelt haben, der denkt eine
Zeitlang daran. Warte nur! warte!
Lisette. Wer heißt dich, mich küssen?
Anton. Potz Stern, wie gemein würden die Maulschellen sein; wenn alle
die welche bekommen sollten, die euch küssen wollen.--Jetzt soll dich
mein Herr dafür wacker--
Lisette. Dein Herr? der wird mir nicht viel tun.
Anton. Nicht? Wievielmal hat er es nicht gesagt, daß so ein heiliger
Ort, als eine Studierstube ist, von euch unreinen Geschöpfen nicht
müsse entheiliget werden? Der Gott der Gelehrsamkeit--warte, wie
nennt er ihn?--Apollo--könne kein Weibsbild leiden. Schon der Geruch
davon wäre ihm zuwider. Er fliehe davor wie der Stößer vor den Tauben.
--Und du denkst, mein Herr würde es so mit ansehen, daß du ihm den
lieben Gott von der Stube treibest?
Lisette. Ich glaube gar, du Narre denkst, der liebe Gott sei nur bei
euch Mannspersonen? Schweig, oder--
Anton. Ja, so eine wie gestern vielleicht?
Lisette. Noch eine beßre! der Pinsel hätte gestern mehr als eine
verdient. Er kömmt zu mir; es ist finster; er will mich küssen; ich
stoße ihn zurück, er kömmt wieder; ich schlage ihn aufs Maul, es tut
ihm weh; er läßt nach; er schimpft; er geht fort--Ich möchte dir
gleich noch eine geben, wenn ich daran gedenke.
Anton. Ich hätte es also wohl abwarten sollen, wie oft du deine
Karesse hättest wiederholen wollen?
Lisette. Gesetzt, es wären noch einige gefolgt, so würden sie doch
immer schwächer und schwächer geworden sein. Vielleicht hätten sich
die letztern gar--doch so ein dummer Teufel verdient nichts.
Anton. Was hör ich? ist das dein Ernst, Lisette? Bald hätte ich Lust,
die Maulschelle zu vergessen und mich wieder mit dir zu vertragen.
Lisette. Halte es, wie du willst. Was ist mir jetzt an deiner Gunst
gelegen? Ich habe ganz ein ander Wildbret auf der Spur.
Anton. Ein anders? au weh, Lisette! Das war wieder eine Ohrfeige,
die ich so bald nicht vergessen werde! Ein anders? Ich dächte, du
hättest an einem genug, das dir selbst ins Netz gelaufen ist.
Lisette. Und drum eben ist nichts dran.--Aber sage mir, wo bleibt
dein Herr?
Anton. Danke du Gott, daß er so lange bleibt; und mache, daß du hier
fortkömmst. Wann er dich trifft, so bist du in Gefahr,
herausgeprügelt zu werden.
Lisette. Dafür laß mich sorgen! Wo ist er denn? ist er von der Post
noch nicht wieder zurück?
Anton. Woher weißt du denn, daß er auf die Post gegangen ist?
Lisette. Genug, ich weiß es. Er wollte dich erst schicken. Aber wie
kam es denn, daß er selbst ging? Ha! ha! ha! "Es ist mit dem
Schlingel nichts anzufangen." Wahrhaftig, das Lob macht mich ganz
verliebt in dich.
Anton. Wer Henker muß dir das gesagt haben?
Lisette. O niemand; sage mir nur, ist er wieder da?
Anton. Schon längst; unten ist er bei seinem Vater.
Lisette. Und was machen sie miteinander?
Anton. Was sie machen? sie zanken sich.
Lisette. Der Sohn will gewiß den Vater von seiner Geschicklichkeit
überführen?
Anton. Ohne Zweifel muß es so etwas sein. Damis ist ganz außer sich:
er läßt den Alten kein Wort aufbringen: er rechnet ihm tausend Bücher
her, die er gesehen; tausend, die er gelesen hat; andere tausend, die
er schreiben will, und hundert kleine Bücherchen, die er schon
geschrieben hat. Bald nennt er ein Dutzend Professores, die ihm sein
Lob schriftlich, mit untergedrucktem Siegel, nicht umsonst, gegeben
hätten; bald ein Dutzend Zeitungsschreiber, die eine vortreffliche
Posaune für einen jungen Gelehrten sind, wenn man ein silbernes
Mundstück darauf steckt; bald ein Dutzend Journalisten, die ihn alle
zu ihrem Mitarbeiter flehentlich erbeten haben. Der Vater sieht ganz
erstaunt; er ist um die Gesundheit seines Sohnes besorgt; er ruft
einmal über das andre: Sohn, erhitze dich doch nicht so! schone deine
Lunge! ja doch, ich glaub es! gib dich zufrieden! es war so nicht
gemeint!