Valer. Was für eines Vaters?--

Juliane. Desjenigen, dem ich für seine Wohltaten diese Benennung

schuldig bin. Oder halten Sie es für keine Wohltaten, der Armut und

allen ihren unseligen Folgen entrissen zu werden? Ach, Valer, ich

würde Ihr Herz nicht besitzen, hätte nicht Chrysanders Sorgfalt mich

zur Tugend und Anständigkeit bilden lassen.

Valer. Wohltaten hören auf, Wohltaten zu sein, wenn man sucht, sich

für sie bezahlt zu machen. Und was tut Chrysander anders, da er Sie,

allzu gewissenhafte Juliane, nur deswegen mit seinem Sohne verbinden

will, weil er ein Mittel sieht, Ihnen wieder zu dem größten Teile

Ihres väterlichen Vermögens zu verhelfen?

Juliane. Fußen Sie doch auf eine so wunderbare Nachricht nicht. Wer

weiß, was Lisette gehört hat?

Lisette. Nichts, als was sich vollkommen mit seiner übrigen

Aufführung reimt. Ein Mann, der seine Wohltaten schon ausposaunet,

der sie einem jeden auf den Fingern vorzurechnen weiß, sucht etwas

mehr als das bloße Gotteslohn. Und wäre es etwa die erste Träne, die

Ihnen aus Verdruß, von einem so eigennützig freigebigen Manne

abzuhängen, entfahren ist?

Valer. Lisette hat recht!--Aber ich empfinde es leider; Juliane liebt

mich nicht mehr.

Juliane. Sie liebt Sie nicht mehr? Dieser Verdacht fehlte noch,

ihren Kummer vollkommen zu machen. Wann Sie wüßten, wieviel es ihr,

gegen die Ratschläge der Liebe taub zu sein, koste; wann Sie wüßten,

Valer--ach, die mißtrauischen Mannspersonen!

Valer. Legen Sie die Furcht eines Liebhabers, dessen ganzes Glück auf

dem Spiele steht, nicht falsch aus. Sie lieben mich also noch? und

wollen sich einem andern überlassen?

Juliane. Ich will? Könnten Sie mich empfindlicher martern? Ich

will?--Sagen Sie: ich muß.

Valer. Sie müssen?--Noch ist nie ein Herz gezwungen worden als

dasjenige, dem es lieb ist, den Zwang zu seiner Entschuldigung machen

zu können--

Juliane. Ihre Vorwürfe sind so fein, so fein! daß ich Sie vor Verdruß

verlassen werde.

Valer. Bleiben Sie, Juliane; und sagen Sie mir wenigstens, was ich

dabei tun soll?

Juliane. Was ich tue; dem Schicksale nachgeben.

Valer. Ach, lassen Sie das unschuldige Schicksal aus dem Spiele!

Juliane. Das unschuldige? und ich werde also wohl die Schuldige sein?

Halten Sie mich nicht länger--

Lisette. Wann ich mich nun nicht bald dazwischenlege, so werden sie

sich vor lauter Liebe zanken.--Was Sie tun sollen, Herr Valer? eine

große Frage! Himmel und Hölle rege machen, damit die gute Jungfer

nicht muß! Den Vater auf andre Gedanken bringen; den Sohn auf Ihre

Seite ziehen.--Mit dem Sohne zwar hat es gute Wege; den überlassen Sie

nur mir. Der gute Damis! Ich bin ohne Zweifel das erste Mädchen, das

ihm schmeichelt, und hoffe dadurch auch das erste zu werden, das von

ihm geschmeichelt wird. Wahrhaftig; er ist so eitel, und ich bin so

geschickt, daß ich mich wohl noch zu seiner Frau an ihm loben wollte,

wenn der verzweifelte Vater nicht wäre!--Sehen Sie, Herr Valer, der

Einfall ist von Mamsell Julianen! Erfinden Sie nun eine Schlinge für

den Vater--

Juliane. Was sagst du, Lisette? von mir? O Valer, glauben Sie solch

rasendes Zeug nicht! Habe ich dir etwas anders befohlen, als ihm

einen schlechten Begriff von mir beizubringen?

Lisette. Ja, recht; einen schlechten von Ihnen--und wenn es möglich

wäre, einen desto bessern von mir.

Der junge Gelehrte: Ein Lustspiel in drei Aufzügen · 第 28 / 121 题