Chrysander. Aber vergiß das Hauptwerk nicht! Vom Heiraten--

Anton. Ja darüber hat er schon Teufelsgrillen im Kopfe gehabt. Zum

Exempel: ich weiß die Zeit, da er gar nicht heiraten wollte.

Chrysander. Gar nicht? so muß ich noch heiraten. Ich werde doch

meinen Namen nicht untergehen lassen? Der Bösewicht! Aber warum denn

nicht?

Anton. Darum: weil es einmal Gelehrte gegeben hat, die geglaubt haben,

der ehelose Stand sei für einen Gelehrten der schicklichste. Gott

weiß, ob diese Herren allzu geistlich oder allzu fleischlich sind

gesinnt gewesen! Als ein künftiger Hagestolz hatte er sich schon auf

verschiedene sinnreiche Entschuldigungen gefaßt gemacht.--

Chrysander. Auf Entschuldigungen? kann sich so ein ruchloser Mensch,

der dieses heilige Sakrament--Denn im Vorbeigehen zu sagen, ich bin

mit unsern Theologen gar nicht zufrieden, daß sie den Ehestand für

kein Sakrament wollen gelten lassen--der, sage ich, dieses heilige

Sakrament verachtet, kann der sich noch unterstehen, seine

Gottlosigkeit zu entschuldigen? Aber, Kerl, ich glaube, du machst mir

etwas weis; denn nur vorhin schien er ja meinen Vorschlag zu billigen.

Anton. Das ist unmöglich richtig zugegangen. Wie stellte er sich

dabei an? Lassen Sie sehen; stand er etwa da, als wenn er vor den

Kopf geschlagen wäre? sahe er etwa steif auf die Erde? legte er etwa

die Hand an die Stirne? griff er etwa nach einem Buche, als wenn er

darin lesen wollte? ließ er Sie etwa ungestört fortreden?

Chrysander. Getroffen! du malst ihn, als ob du ihn gesehen hättest.

Anton. O da sieht es windig aus! Wann er es so macht, will er haben,

daß man ihn für zerstreut halten soll. Ich kenne seine Mucken. Er

hört alsdenn alles, was man ihm sagt; allein die Leute sollen glauben,

er habe es vor vielem Nachsinnen nicht gehört. Er antwortet zuweilen

auch; wenn man ihm aber seine Antwort wieder vorlegt, so wird er

nimmermehr zugestehen, daß sie auf das gegangen sei, was man von ihm

hat wissen wollen.

Chrysander. Nun, wer noch nicht gestehen will, daß zu viel

Gelehrsamkeit den Kopf verwirre, der verdient es selber zu erfahren.

Gott sei Dank, daß ich in meiner Jugend gleich das rechte Maß zu

treffen wußte! Omne nimium vertitur in vitulum: sagen wir Lateiner

sehr spaßhaft.--Aber Gott sei dem Bösewichte gnädig, wann er auf dem

Vorsatze verharret! Wann er behauptet, es sei nicht nötig, zu

heiraten und Kinder zu zeugen, will er mir damit nicht zu verstehn

geben, es sei auch nicht nötig gewesen, daß ich ihn gezeugt habe? Der

undankbare Sohn!

Anton. Es ist wahr, kein größter Undank kann unter der Sonne sein,

als wenn ein Sohn die viele Mühe nicht erkennen will, die sein Vater

hat über sich nehmen müssen, um ihn in die Welt zu setzen.

Chrysander. Nein; gewiß, an mir soll der heilige Ehestand seinen

Verteidiger finden!

Anton. Der Wille ist gut; aber lauter solche Verteidiger würden die

Konsumtionsakzise ziemlich geringe machen.

Chrysander. Wieso?

Anton. Bedenken Sie es selbst! drei Weiber, und von der dritten kaum

einen Sohn.

Chrysander. Kaum? was willst du mit dem, kaum‘ sagen, Schlingel?

Anton. Hui, daß Sie etwas Schlimmers darunter verstehn als ich.

Chrysander. Zwar im Vertrauen, Anton: wenn die Weiber vor zwanzig

Jahren so gewesen wären, wie die Weiber jetzo sind, ich würde auf

wunderbare Gedanken geraten. Er hat gar zu wenig von mir! Doch die

Weiber vor zwanzig Jahren waren so frech noch nicht wie die jetzigen;

so treulos noch nicht, wie sie heutzutage sind; so lüstern noch nicht--

Anton. Ist das gewiß? Nun wahrhaftig, so hat man meiner Mutter

unrecht getan, die vor 33 Jahren von ihrem Manne, der mein Vater nicht

sein wollte, geschieden wurde! Doch das ist ein Punkt, woran ich

nicht gern denke. Die Grillen Ihres Herrn Sohns sind lustiger.

Chrysander. Ärgerlicher, sprich! Aber sage mir, was waren denn

seine Entschuldigungen?

Anton. Seine Entschuldigungen waren Einfälle, die auf seinem Miste

nicht gewachsen waren. Er sagte zum Exempel, solange er unter vierzig

Jahren sei und ihn jemand um die Ursache fragen würde, warum er nicht

heirate, wolle er antworten, er sei zum Heiraten noch zu jung. Wäre

er aber über vierzig Jahr, so wolle er sprechen, nunmehr sei er zum

Heiraten zu alt. Ich weiß nicht, wie der Gelehrte hieß, der auch so

soll gesagt haben.--Ein anderer Vorwand war der: er heiratete deswegen

nicht, weil er alle Tage willens wäre, ein Mönch zu werden; und würde

deswegen kein Mönch, weil er alle Tage gedächte zu heiraten.

Chrysander. Was? nun will er auch gar ein Mönch werden? Da sieht man,

wohin so ein böses Gemüt, das keine Ehrfurcht für den heiligen

Ehestand hat, verfallen kann! Das hätte ich nimmermehr in meinem

Sohne gesucht!

Anton. Sorgen Sie nicht! bei Ihrem Sohne ist alles nur ein Übergang.

Er hatte den Einfall in der Lebensbeschreibung eines Gelehrten gelesen;

er hatte Geschmack daran gefunden und sogleich beschlossen, ihn bei

Gelegenheit als den seinen anzubringen. Bald aber ward die Grille von

einer andern verjagt, so wie etwann, so wie etwann--Schade, daß ich

kein Gleichnis dazu finden kann! Kurz, sie ward verjagt. Er wollte

nunmehr heiraten, und zwar einen rechten Teufel von einer Frau.

Chrysander. Wenn doch den Einfall mehr Narren haben wollten, damit

andre ehrliche Männer mit bösen Weibern verschont blieben.

Anton. Ja, meinte er: es würde doch hübsch klingen, wenn es einmal

von ihm heißen könnte: unter die Zahl der Gelehrten, welche der Himmel

mit bösen Weibern gestraft hat, gehöret auch der berühmte Damis;

gleichwohl kann sich die gelehrte Welt nicht über ihn beklagen, daß

ihn dieses Hauskreuz nur im geringsten abgehalten hätte, ihr mit

unzählbaren gelehrten Schriften zu dienen.

Chrysander. Mit Schriften! ja, die mir am teuersten zu stehen kommen.

Was für Rechnungen habe ich nicht schon an die Buchdrucker bezahlen

müssen! Der Bösewicht!

Anton. Geduld! er hat auch erst angefangen zu schreiben! Es wird

schon besser kommen.

Chrysander. Besser? vielleicht damit man ihn endlich einmal auch

unter die zählen kann, die ihren Vater arm geschrieben haben!

Der junge Gelehrte: Ein Lustspiel in drei Aufzügen · 第 22 / 121 题