Illustration zu Langs Almanach. Heilbronn 1799.]

Wenn man Chodowieckis +Bedeutung als Illustrator+ würdigen will,

muß man sich vor allem den Charakter und die verschiedenen Strömungen

des gleichzeitigen Schrifttums vergegenwärtigen. Seine ganze Kunstart

fordert dazu heraus, ihn mit den litterarischen Zeitgenossen zu

vergleichen: ist er doch, wie sie, vorzugsweise ein erzählender

Künstler.

[Illustration: Abb. 195. +Titelkupfer.+ (~E.~ 596.)]

Vor dem Auftreten unserer großen Klassiker hielt Kritik und verständige

Nüchternheit die freie Produktion Deutschlands in engen Schranken.

Lehrhafte Neigung überwog; Fabel und Parabel bildeten die beliebteste

Gattung der Poesie. Erst durch Lessings Auftreten wurde Berlin zum

Mittelpunkt geistiger Regsamkeit. Obzwar Chodowiecki in manchen Zügen

Wahlverwandtschaft mit dem Dichter der Minna von Barnhelm verbindet,

der gleich ihm das deutsche Bürgerleben für die Kunst entdeckt hat,

wäre es doch verwegen, ihn etwa den Lessing der Malerei zu nennen. Wohl

aber spüren wir in seinem Wesen und seiner Auffassung der Dinge, die um

ihn her geschehen, Etwas von der kindlichen Naivetät des Wandsbecker

Boten Claudius, dem Witz Hippels, der Innigkeit Pestalozzis, der

Satire Lichtenbergs, Etwas von Matthissons Sentimentalität, Ifflands

theatralischem Geschick, Nicolais und Johann Jacob Engels Nüchternheit,

Krummachers Gemütseinfalt und Seumes männlicher Art, und all das nicht

in widerspruchsvollem Nebeneinander, wie etwa bei Lavater, sondern

in ausgeglichener Mischung als Ausdruck einer anpassungsfähigen und

doch kernhaften Natur. Auch die Werke der älteren Dichtergeneration

bringen einzelne Saiten seines Ichs zum Mitschwingen. Gewinnen auch

Hagedorns tändelnde Anakreontik und Gottscheds Franzosenkultus keine

ausgeprägte Gestalt in seinen Werken, so gemahnt uns Vieles bei ihm an

Rabeners bürgerliche Satire, Gellerts Klarheit und Biedersinn, Pfeffels

Humanität und Gleims patriotisches Pflichtbewußtsein.

Daß wir all diesen mannigfachen Regungen der schöngeistigen Bewegung

Deutschlands in Chodowieckis Kunst begegnen, erhöht den Reiz ihrer

Betrachtung, und selbst da, wo die litterarische Fassung der Zeitideen

für unser Empfinden bereits verblaßt ist, belebt ihr künstlerisches

Spiegelbild unser nachfühlendes Interesse von neuem. Das naiv

Menschliche in des Meisters Gestalten ist es, was uns immer von neuem

anzieht und festhält. Wir beschäftigen uns mit ihnen, ohne weiter viel

an die besondere litterarisch fixierte Situation zu denken. Und, wie es

Menschen gibt, deren Liebenswürdigkeit uns die Trivialitäten überhören

läßt, die sie vorbringen, so kann man auch Chodowiecki nicht böse sein,

wenn er gelegentlich ins Platte verfällt. Sicherlich wäre er selbst der

letzte gewesen, der sich beleidigt gefühlt hätte, wenn man das, was

er ernst gemeint, einmal komisch fand. So wird es Manchem wohl schwer

werden, das Erdbeben in Calabrien (~E.~ 614) oder den Heldentod

Schwerins (~E.~ 567) in Chodowieckis Darstellung tragisch zu

nehmen, selbst der Tod Friedrich des Einzigen (Abb. 96, ~E.~

614) oder des Fürsten Potemkin (Abb. 184, ~E.~ 689) haben etwas

ungewollt Komisches, wie nicht minder die Ohnmacht Heloisens (~E.~

535, Abb. 83) und der Raub der Helena (~E.~ 731). Hier unterliegt

seine Gestaltungskraft durchaus der Beschränktheit zeitgenössischer

Auffassung.

[Illustration: Abb. 196. +Rückseite der Zeichnung Abb. 197.+]

[Illustration: Abb. 197. +Fächerentwurf mit Wertherscene.+ Im

Besitz der Frau Prof. Koner. Berlin.]

Bei den Illustrationen zu Romanen wählt unser Künstler keineswegs immer

die dramatisch zugespitzten Wendepunkte der Erzählung aus, sondern

die Vorgänge, die seiner Neigung zur Schilderung idyllischen Behagens

am meisten zusagen. Wenigstens sind dies die gelungensten unter den

zahllosen Romanbildern seiner Hand. Wie reizend mutet uns z. B. die

Scene aus Pestalozzis Lienhard und Gertrud an, wo die letztere mit

ihrem Jüngsten im Arm an den Schloßherrn herantritt, um sich über die

Bedrückungen des Vogts Hummel zu beklagen (Abb. 187, ~E.~ 445,

Zeichnung dazu), oder die Begrüßung von Lienhard und Gertrud im Hause

des armen Käthners Rudi (Abb. 188, ~E.~ 455, Zeichnung dazu), das

Titelkupfer zu Schummels Wilhelm von Blumenthal (~E.~ 348) oder

die lustige Episode aus Sternes empfindsamen Reisen (~E.~ 464)!

Das sind Genrebildchen von einer Einfachheit und zum Herzen sprechenden

Wahrheit, die jeden litterarischen Kommentar entbehrlich machen.

[Illustration: Abb. 198. +Figurenstudie.+ Rötelzeichnung im Besitz

der Frau ~Dr.~ Ewald. Berlin.]

[Illustration: Abb. 199. +Figurenstudie.+ Rötelzeichnung im Besitz

der Frau ~Dr.~ Ewald. Berlin.]

Wo der Text Witz oder Humor verlangt, steht Chodowiecki meist

seinen Mann. Wenn auch Cervantes’ Don Quixote und Le Sages Gil

Blas (~E.~ 285) nicht eben Stoffe waren, die ihn zu besonders

glücklichen Leistungen anregen konnten, so gelang ihm dafür um so

besser die Travestie Blumauers mit ihrer spießbürgerlichen Komik

(Abb. 193), die Verspottung trottelhafter Beschränktheit und

Einfaltspinselei, wie sie in Nicolais Sebaldus Nothanker (Abb. 59,

~E.~ 131, 132, 104), in Müllers Siegfried von Lindenberg, -- dem

die köstliche Liebhaberaufführung von Lessings Minna entlehnt ist

(Abb. 85, ~E.~ 490) -- und in dem komischen Roman Philipp von

Freudenthal (Abb. 89, ~E.~ 390) so köstlich gegeißelt werden,

sowie die gutmütige Satire in Gellerts Fabeln (Abb. 62-65, ~E.~

141, 160). Unwiderstehlich komisch wirkt das starre Entsetzen der

vettelhaften Meta aus der „Geschichte eines Genies“ beim Anblick der

Untreue ihres geliebten Syrup (Abb. 192, ~E.~ 346). Aber auch

ernste Empfindungen, leidenschaftlichen Schmerz, herzbewegende Trauer

bringt die Radiernadel des Meisters oft zu wirksamem Ausdruck, wenn

das Milieu des bürgerlichen Standes, der ihm von Jugend auf vertraut

war, mit dem er fühlte und dachte, gewahrt bleibt. So ergreifen uns

die Sterbescenen aus Sebaldus Nothanker (Abb. 57, ~E.~ 102) und

Hippels Lebensläufen (Abb. 77, ~E.~ 302) durch ihr echtes Gefühl,

wenn sie auch der mattherzigen Rührseligkeit der Zeit etwelchen

Tribut zollen. Einzelheiten des Ausdrucks in der Haltung und den

liebevoll durchgeführten winzigen Gesichtern fallen dabei mehr ins

Gewicht, als die Gesamtstimmung, die er den Interieursscenen zu geben

versucht. Es sind eben -- aber- und abermals muß es betont werden --

die sympathischen Grundzüge in Chodowieckis Wesen, seine Ehrlichkeit

und sein Kindergemüt, die selbst aus einer geschmacklosen Fassung mit

dem Glanz echten Edelgesteins hervorleuchten. Daß die Schilderung der

harmlosen und innigen Freuden bürgerlichen Familienglückes am stärksten

solche Vorzüge erkennen läßt, dürfen wir auch an dieser Stelle nicht

unwiederholt lassen (Abb. 2, 108, 110). Schon aus diesem Grunde und

zugleich seiner kulturgeschichtlichen Bedeutung wegen wird Chodowieckis

„Weihnachtsabend“ in Langs Almanach von 1799 (Abb. 194, ~E.~ 851)

stets einen besonderen Reiz auf den Beschauer ausüben. Bildet doch

diese kleine Radierung einen der wenigen Belege dafür, daß die für

unser Gefühl mit der Weihnachtsfeier so unzertrennlich verbundene Sitte

der Ausschmückung eines Tannenbaums am Ende des vorigen Jahrhunderts

in Deutschland noch keineswegs allgemein eingebürgert war; wir sehen

hier vielmehr ein hölzernes oder metallenes Gestell zur Aufnahme des

Lichter- und Geschenkschmucks auf dem Gabentisch errichtet, zu dem die

Eltern ihre jubelnden Kleinen führen. Solch ein Beispiel erinnert uns

von neuem daran, daß Chodowieckis Darstellungen eine unerschöpfliche

Fundgrube für den Kulturhistoriker bilden, wie sie denn von dem

bedeutendsten Schilderer fridericianischer Zeit in diesem Jahrhundert,

von Adolf Menzel, der in mehr als einer Beziehung auf unseres Meisters

Schultern steht und lebhafte Verehrung für seinen großen Vorläufer

hegt, mit Vorliebe benutzt worden sind.

[Illustration: Abb. 200. +Rötelstudie im Besitz der Frau ~Dr.~

Ewald.+ Berlin.]

[Illustration: Abb. 201. +Die Karawane und Rembrandtstudie.+

(~E.~ 50.)]

Geringere Ausbeute gewährt das Chodowieckiwerk dem +Ornamentiker+.

Zwar entbehrt seine ornamentale Erfindung nicht der Zierlichkeit

und Grazie, die dem „Zeitalter der Vignette“ durchweg eignet,

aber wir treffen viel seltener selbständige dekorative Entwürfe

unter seinen Radierungen, als etwa in den Werken der französischen

Illustrationsstecher, deren Vignetten, Titelbordüren, Culs de lampes

und Randleisten von liebenswürdigen Einfällen förmlich übersprudeln

und oft ihren figürlichen Darstellungen überlegen sind. Chodowiecki

beschränkt die Zierkunst auf die Rahmen kleiner Rundbilder und

auf Titelkartuschen. Eine glatte Umfassung, die oben mit einer

Bandschleife, einigen Blütenzweigen oder Emblemen belebt ist, genügt

ihm meist für den erstgenannten Zweck (Abb. 185, 70, 94, 95, 115),

seltener finden wir einen Frucht- oder Blumenkranz dazu verwendet.

Seine Schlichtheit, seine Abneigung gegen pomphaften Apparat prägt sich

auch in solchen Nebendingen aus. Reicher, aber mit ihren emblematischen

Zuthaten nicht immer erfreulich, sind die Kalendertitel bedacht

(Abb. 195). Strenge architektonische Stilisierung vermeidet er zu

Gunsten naturalistischen Beiwerks, in dessen Anordnung sich zumeist

ein geläuterter Geschmack bekundet (Abb. 28). Der Wertherfächer im

Besitz von Frau Professor Koner in Berlin (Abb. 197), mit seinen

landschaftlichen Beigaben (Abb. 196), mag als Zeugnis für die Begabung

des Meisters auf kunstgewerblichem Gebiet an dieser Stelle erwähnt

sein.

Der stete Verkehr mit alten Kunstwerken mag eher auf seinen Geschmack

bildend gewirkt haben, als die pedantische Erziehung der Akademie. Wir

hörten, welchen Ruf er als +Kunstkenner und Sammler+ genoß, und

der Blick, den er uns in dem ~Cabinet d’un peintre~ in sein Heim

gewährt, sowie das Verzeichnis der nach seinem Tode zur Versteigerung

gelangten Kunstsammlung, lehren seine Neigungen näher kennen. Er

selbst rühmt in der Unterschrift eines Blattes aus der Folge der

Steckenpferdreiterei (~E.~ 857) vom Kupferstichliebhaber:

Sein Pferd hat viel Bescheidenheit,

Es pralt mit keinem Raub der farbigen Natur,

Und führet doch so leicht und weit

Wie jede Kunst, zu jeder Schönheitsspur.

[Illustration: Abb. 202. +Die von der Brandstätte heimkehrende

Löschkolonie der Charitédirektion.+ 1769.

(Der letzte in der Reihe ist Chodowiecki.) Aquarellierte Federzeichnung

im Besitz der Frau ~Dr.~ Ewald. Berlin.]

Die Zahl der von ihm gesammelten Stiche und Radierungen betrug --

mit Ausschluß seiner eigenen Arbeiten -- rund zehntausend Blatt.

Darunter waren besonders die französische und deutsche Schule

reich vertreten. Von dem ihm vielfach verwandten lothringischen

Sittenschilderer des siebzehnten Jahrhunderts, Jacques Callot, hatte

Chodowiecki ein Werk von 250 Nummern zusammengebracht. Auch unter den

zahlreichen Zeichnungen alter Meister, die er besaß, muß, wenn anders

wir den Angaben des Kataloges trauen dürfen, manches wertvolle Blatt

gewesen sein. Eine Rembrandtstudie hat er in einer seiner frühesten

Radierungen (~E.~ 50, Abb. 201) mit so viel Feingefühl und

Verständnis reproduziert, daß der Schluß erlaubt ist, er habe bei

der Erwerbung seiner Kunstschätze, unter denen uns Gemälde von Paolo

Veronese, Rubens, Wouverman, Govaert Flinck, Pesne u. a. begegnen, es

an strenger Kritik nicht fehlen lassen. Daß er gelegentlich auch aus

dem Kunsthandel Vorteile zu ziehen nicht verschmähte, wird niemand

überraschen, der mit den Gepflogenheiten der Künstlerwelt jener Zeit

einigermaßen bekannt ist. Die zahlreichen Besucher seines Ateliers,

darunter Prinzen, Prinzessinnen und Kavaliere der Hofgesellschaft,

werden gelegentlich vorgezogen haben, eines seiner Sammlungsobjekte zu

erwerben, statt ihm selbst einen Auftrag zu geben. Denn das Honorar,

das er für seine Leistungen beanspruchte, erschien nach damaligen

Begriffen oft exorbitant. Sein Hauptbuch aus dem Jahre 1766 enthält

z. B. unter der Rubrik: Miniaturporträts, die ihm ungemein rasch von

der Hand gingen, und die er meist nach fremden Vorlagen ausführte, den

ansehnlichen Posten von 575 Thalern, die er allein für die Arbeiten

eines Vierteljahres zu beanspruchen hatte. Die Platte der Radierung,

die Ziethen vor dem Könige sitzend darstellt (~E.~ 565), schätzte

er auf 500 Thaler.

Die Preise seiner Zeichnungen haben im Lauf des seit seinem Tode

verstrichenen Jahrhunderts eine erstaunliche Steigerung erfahren, so

wurde z. B. eine Federzeichnung, die 1801 mit 2 Thalern gut bezahlt

galt, in der Auktion Hebich 1895 mit 135 Mark bewertet, die fünfzehn

Tusch- und Bisterzeichnungen zu den Kupfern der Clarissa brachten

1801: 5 Thaler 16 Groschen, 1895: 230 Mark. Zwar wäre es voreilig, aus

solchen Anzeichen allein die wachsende Wertschätzung des Meisters zu

folgern, aber einen gewissen äußeren Maßstab für die Beurteilung, die

die Nachwelt seinem Schaffen angedeihen ließ, bilden sie zweifellos.

Daniel Chodowiecki steht auch heute noch vor uns als „kerngesunder

Mann in krankhafter Zeit,“ als treuer Bewahrer und fleißiger Mehrer

dessen, was die Natur ihm an Gaben und Fähigkeiten gegönnt, was er in

emsigem Streben errungen, und bis heute ist die Prophezeiung nicht zu

Schanden geworden, die an seinem frisch geschlossenen Grabe erklang:

„+Wenn Teutschland gegen seine vorzüglichsten Männer nicht ungerecht

ist, so wird sein Name stets ehrenvoll in den Annalen der Kunst genannt

werden!+“

[Illustration]

Chodowiecki · 第 81 / 81 题