Wenn man Chodowieckis +Bedeutung als Illustrator+ würdigen will,
muß man sich vor allem den Charakter und die verschiedenen Strömungen
des gleichzeitigen Schrifttums vergegenwärtigen. Seine ganze Kunstart
fordert dazu heraus, ihn mit den litterarischen Zeitgenossen zu
vergleichen: ist er doch, wie sie, vorzugsweise ein erzählender
Künstler.
[Illustration: Abb. 195. +Titelkupfer.+ (~E.~ 596.)]
Vor dem Auftreten unserer großen Klassiker hielt Kritik und verständige
Nüchternheit die freie Produktion Deutschlands in engen Schranken.
Lehrhafte Neigung überwog; Fabel und Parabel bildeten die beliebteste
Gattung der Poesie. Erst durch Lessings Auftreten wurde Berlin zum
Mittelpunkt geistiger Regsamkeit. Obzwar Chodowiecki in manchen Zügen
Wahlverwandtschaft mit dem Dichter der Minna von Barnhelm verbindet,
der gleich ihm das deutsche Bürgerleben für die Kunst entdeckt hat,
wäre es doch verwegen, ihn etwa den Lessing der Malerei zu nennen. Wohl
aber spüren wir in seinem Wesen und seiner Auffassung der Dinge, die um
ihn her geschehen, Etwas von der kindlichen Naivetät des Wandsbecker
Boten Claudius, dem Witz Hippels, der Innigkeit Pestalozzis, der
Satire Lichtenbergs, Etwas von Matthissons Sentimentalität, Ifflands
theatralischem Geschick, Nicolais und Johann Jacob Engels Nüchternheit,
Krummachers Gemütseinfalt und Seumes männlicher Art, und all das nicht
in widerspruchsvollem Nebeneinander, wie etwa bei Lavater, sondern
in ausgeglichener Mischung als Ausdruck einer anpassungsfähigen und
doch kernhaften Natur. Auch die Werke der älteren Dichtergeneration
bringen einzelne Saiten seines Ichs zum Mitschwingen. Gewinnen auch
Hagedorns tändelnde Anakreontik und Gottscheds Franzosenkultus keine
ausgeprägte Gestalt in seinen Werken, so gemahnt uns Vieles bei ihm an
Rabeners bürgerliche Satire, Gellerts Klarheit und Biedersinn, Pfeffels
Humanität und Gleims patriotisches Pflichtbewußtsein.
Daß wir all diesen mannigfachen Regungen der schöngeistigen Bewegung
Deutschlands in Chodowieckis Kunst begegnen, erhöht den Reiz ihrer
Betrachtung, und selbst da, wo die litterarische Fassung der Zeitideen
für unser Empfinden bereits verblaßt ist, belebt ihr künstlerisches
Spiegelbild unser nachfühlendes Interesse von neuem. Das naiv
Menschliche in des Meisters Gestalten ist es, was uns immer von neuem
anzieht und festhält. Wir beschäftigen uns mit ihnen, ohne weiter viel
an die besondere litterarisch fixierte Situation zu denken. Und, wie es
Menschen gibt, deren Liebenswürdigkeit uns die Trivialitäten überhören
läßt, die sie vorbringen, so kann man auch Chodowiecki nicht böse sein,
wenn er gelegentlich ins Platte verfällt. Sicherlich wäre er selbst der
letzte gewesen, der sich beleidigt gefühlt hätte, wenn man das, was
er ernst gemeint, einmal komisch fand. So wird es Manchem wohl schwer
werden, das Erdbeben in Calabrien (~E.~ 614) oder den Heldentod
Schwerins (~E.~ 567) in Chodowieckis Darstellung tragisch zu
nehmen, selbst der Tod Friedrich des Einzigen (Abb. 96, ~E.~
614) oder des Fürsten Potemkin (Abb. 184, ~E.~ 689) haben etwas
ungewollt Komisches, wie nicht minder die Ohnmacht Heloisens (~E.~
535, Abb. 83) und der Raub der Helena (~E.~ 731). Hier unterliegt
seine Gestaltungskraft durchaus der Beschränktheit zeitgenössischer
Auffassung.
[Illustration: Abb. 196. +Rückseite der Zeichnung Abb. 197.+]
[Illustration: Abb. 197. +Fächerentwurf mit Wertherscene.+ Im
Besitz der Frau Prof. Koner. Berlin.]
Bei den Illustrationen zu Romanen wählt unser Künstler keineswegs immer
die dramatisch zugespitzten Wendepunkte der Erzählung aus, sondern
die Vorgänge, die seiner Neigung zur Schilderung idyllischen Behagens
am meisten zusagen. Wenigstens sind dies die gelungensten unter den
zahllosen Romanbildern seiner Hand. Wie reizend mutet uns z. B. die
Scene aus Pestalozzis Lienhard und Gertrud an, wo die letztere mit
ihrem Jüngsten im Arm an den Schloßherrn herantritt, um sich über die
Bedrückungen des Vogts Hummel zu beklagen (Abb. 187, ~E.~ 445,
Zeichnung dazu), oder die Begrüßung von Lienhard und Gertrud im Hause
des armen Käthners Rudi (Abb. 188, ~E.~ 455, Zeichnung dazu), das
Titelkupfer zu Schummels Wilhelm von Blumenthal (~E.~ 348) oder
die lustige Episode aus Sternes empfindsamen Reisen (~E.~ 464)!
Das sind Genrebildchen von einer Einfachheit und zum Herzen sprechenden
Wahrheit, die jeden litterarischen Kommentar entbehrlich machen.
[Illustration: Abb. 198. +Figurenstudie.+ Rötelzeichnung im Besitz
der Frau ~Dr.~ Ewald. Berlin.]
[Illustration: Abb. 199. +Figurenstudie.+ Rötelzeichnung im Besitz
der Frau ~Dr.~ Ewald. Berlin.]
Wo der Text Witz oder Humor verlangt, steht Chodowiecki meist
seinen Mann. Wenn auch Cervantes’ Don Quixote und Le Sages Gil
Blas (~E.~ 285) nicht eben Stoffe waren, die ihn zu besonders
glücklichen Leistungen anregen konnten, so gelang ihm dafür um so
besser die Travestie Blumauers mit ihrer spießbürgerlichen Komik
(Abb. 193), die Verspottung trottelhafter Beschränktheit und
Einfaltspinselei, wie sie in Nicolais Sebaldus Nothanker (Abb. 59,
~E.~ 131, 132, 104), in Müllers Siegfried von Lindenberg, -- dem
die köstliche Liebhaberaufführung von Lessings Minna entlehnt ist
(Abb. 85, ~E.~ 490) -- und in dem komischen Roman Philipp von
Freudenthal (Abb. 89, ~E.~ 390) so köstlich gegeißelt werden,
sowie die gutmütige Satire in Gellerts Fabeln (Abb. 62-65, ~E.~
141, 160). Unwiderstehlich komisch wirkt das starre Entsetzen der
vettelhaften Meta aus der „Geschichte eines Genies“ beim Anblick der
Untreue ihres geliebten Syrup (Abb. 192, ~E.~ 346). Aber auch
ernste Empfindungen, leidenschaftlichen Schmerz, herzbewegende Trauer
bringt die Radiernadel des Meisters oft zu wirksamem Ausdruck, wenn
das Milieu des bürgerlichen Standes, der ihm von Jugend auf vertraut
war, mit dem er fühlte und dachte, gewahrt bleibt. So ergreifen uns
die Sterbescenen aus Sebaldus Nothanker (Abb. 57, ~E.~ 102) und
Hippels Lebensläufen (Abb. 77, ~E.~ 302) durch ihr echtes Gefühl,
wenn sie auch der mattherzigen Rührseligkeit der Zeit etwelchen
Tribut zollen. Einzelheiten des Ausdrucks in der Haltung und den
liebevoll durchgeführten winzigen Gesichtern fallen dabei mehr ins
Gewicht, als die Gesamtstimmung, die er den Interieursscenen zu geben
versucht. Es sind eben -- aber- und abermals muß es betont werden --
die sympathischen Grundzüge in Chodowieckis Wesen, seine Ehrlichkeit
und sein Kindergemüt, die selbst aus einer geschmacklosen Fassung mit
dem Glanz echten Edelgesteins hervorleuchten. Daß die Schilderung der
harmlosen und innigen Freuden bürgerlichen Familienglückes am stärksten
solche Vorzüge erkennen läßt, dürfen wir auch an dieser Stelle nicht
unwiederholt lassen (Abb. 2, 108, 110). Schon aus diesem Grunde und
zugleich seiner kulturgeschichtlichen Bedeutung wegen wird Chodowieckis
„Weihnachtsabend“ in Langs Almanach von 1799 (Abb. 194, ~E.~ 851)
stets einen besonderen Reiz auf den Beschauer ausüben. Bildet doch
diese kleine Radierung einen der wenigen Belege dafür, daß die für
unser Gefühl mit der Weihnachtsfeier so unzertrennlich verbundene Sitte
der Ausschmückung eines Tannenbaums am Ende des vorigen Jahrhunderts
in Deutschland noch keineswegs allgemein eingebürgert war; wir sehen
hier vielmehr ein hölzernes oder metallenes Gestell zur Aufnahme des
Lichter- und Geschenkschmucks auf dem Gabentisch errichtet, zu dem die
Eltern ihre jubelnden Kleinen führen. Solch ein Beispiel erinnert uns
von neuem daran, daß Chodowieckis Darstellungen eine unerschöpfliche
Fundgrube für den Kulturhistoriker bilden, wie sie denn von dem
bedeutendsten Schilderer fridericianischer Zeit in diesem Jahrhundert,
von Adolf Menzel, der in mehr als einer Beziehung auf unseres Meisters
Schultern steht und lebhafte Verehrung für seinen großen Vorläufer
hegt, mit Vorliebe benutzt worden sind.
[Illustration: Abb. 200. +Rötelstudie im Besitz der Frau ~Dr.~
Ewald.+ Berlin.]
[Illustration: Abb. 201. +Die Karawane und Rembrandtstudie.+
(~E.~ 50.)]
Geringere Ausbeute gewährt das Chodowieckiwerk dem +Ornamentiker+.
Zwar entbehrt seine ornamentale Erfindung nicht der Zierlichkeit
und Grazie, die dem „Zeitalter der Vignette“ durchweg eignet,
aber wir treffen viel seltener selbständige dekorative Entwürfe
unter seinen Radierungen, als etwa in den Werken der französischen
Illustrationsstecher, deren Vignetten, Titelbordüren, Culs de lampes
und Randleisten von liebenswürdigen Einfällen förmlich übersprudeln
und oft ihren figürlichen Darstellungen überlegen sind. Chodowiecki
beschränkt die Zierkunst auf die Rahmen kleiner Rundbilder und
auf Titelkartuschen. Eine glatte Umfassung, die oben mit einer
Bandschleife, einigen Blütenzweigen oder Emblemen belebt ist, genügt
ihm meist für den erstgenannten Zweck (Abb. 185, 70, 94, 95, 115),
seltener finden wir einen Frucht- oder Blumenkranz dazu verwendet.
Seine Schlichtheit, seine Abneigung gegen pomphaften Apparat prägt sich
auch in solchen Nebendingen aus. Reicher, aber mit ihren emblematischen
Zuthaten nicht immer erfreulich, sind die Kalendertitel bedacht
(Abb. 195). Strenge architektonische Stilisierung vermeidet er zu
Gunsten naturalistischen Beiwerks, in dessen Anordnung sich zumeist
ein geläuterter Geschmack bekundet (Abb. 28). Der Wertherfächer im
Besitz von Frau Professor Koner in Berlin (Abb. 197), mit seinen
landschaftlichen Beigaben (Abb. 196), mag als Zeugnis für die Begabung
des Meisters auf kunstgewerblichem Gebiet an dieser Stelle erwähnt
sein.
Der stete Verkehr mit alten Kunstwerken mag eher auf seinen Geschmack
bildend gewirkt haben, als die pedantische Erziehung der Akademie. Wir
hörten, welchen Ruf er als +Kunstkenner und Sammler+ genoß, und
der Blick, den er uns in dem ~Cabinet d’un peintre~ in sein Heim
gewährt, sowie das Verzeichnis der nach seinem Tode zur Versteigerung
gelangten Kunstsammlung, lehren seine Neigungen näher kennen. Er
selbst rühmt in der Unterschrift eines Blattes aus der Folge der
Steckenpferdreiterei (~E.~ 857) vom Kupferstichliebhaber:
Sein Pferd hat viel Bescheidenheit,
Es pralt mit keinem Raub der farbigen Natur,
Und führet doch so leicht und weit
Wie jede Kunst, zu jeder Schönheitsspur.
[Illustration: Abb. 202. +Die von der Brandstätte heimkehrende
Löschkolonie der Charitédirektion.+ 1769.
(Der letzte in der Reihe ist Chodowiecki.) Aquarellierte Federzeichnung
im Besitz der Frau ~Dr.~ Ewald. Berlin.]
Die Zahl der von ihm gesammelten Stiche und Radierungen betrug --
mit Ausschluß seiner eigenen Arbeiten -- rund zehntausend Blatt.
Darunter waren besonders die französische und deutsche Schule
reich vertreten. Von dem ihm vielfach verwandten lothringischen
Sittenschilderer des siebzehnten Jahrhunderts, Jacques Callot, hatte
Chodowiecki ein Werk von 250 Nummern zusammengebracht. Auch unter den
zahlreichen Zeichnungen alter Meister, die er besaß, muß, wenn anders
wir den Angaben des Kataloges trauen dürfen, manches wertvolle Blatt
gewesen sein. Eine Rembrandtstudie hat er in einer seiner frühesten
Radierungen (~E.~ 50, Abb. 201) mit so viel Feingefühl und
Verständnis reproduziert, daß der Schluß erlaubt ist, er habe bei
der Erwerbung seiner Kunstschätze, unter denen uns Gemälde von Paolo
Veronese, Rubens, Wouverman, Govaert Flinck, Pesne u. a. begegnen, es
an strenger Kritik nicht fehlen lassen. Daß er gelegentlich auch aus
dem Kunsthandel Vorteile zu ziehen nicht verschmähte, wird niemand
überraschen, der mit den Gepflogenheiten der Künstlerwelt jener Zeit
einigermaßen bekannt ist. Die zahlreichen Besucher seines Ateliers,
darunter Prinzen, Prinzessinnen und Kavaliere der Hofgesellschaft,
werden gelegentlich vorgezogen haben, eines seiner Sammlungsobjekte zu
erwerben, statt ihm selbst einen Auftrag zu geben. Denn das Honorar,
das er für seine Leistungen beanspruchte, erschien nach damaligen
Begriffen oft exorbitant. Sein Hauptbuch aus dem Jahre 1766 enthält
z. B. unter der Rubrik: Miniaturporträts, die ihm ungemein rasch von
der Hand gingen, und die er meist nach fremden Vorlagen ausführte, den
ansehnlichen Posten von 575 Thalern, die er allein für die Arbeiten
eines Vierteljahres zu beanspruchen hatte. Die Platte der Radierung,
die Ziethen vor dem Könige sitzend darstellt (~E.~ 565), schätzte
er auf 500 Thaler.
Die Preise seiner Zeichnungen haben im Lauf des seit seinem Tode
verstrichenen Jahrhunderts eine erstaunliche Steigerung erfahren, so
wurde z. B. eine Federzeichnung, die 1801 mit 2 Thalern gut bezahlt
galt, in der Auktion Hebich 1895 mit 135 Mark bewertet, die fünfzehn
Tusch- und Bisterzeichnungen zu den Kupfern der Clarissa brachten
1801: 5 Thaler 16 Groschen, 1895: 230 Mark. Zwar wäre es voreilig, aus
solchen Anzeichen allein die wachsende Wertschätzung des Meisters zu
folgern, aber einen gewissen äußeren Maßstab für die Beurteilung, die
die Nachwelt seinem Schaffen angedeihen ließ, bilden sie zweifellos.
Daniel Chodowiecki steht auch heute noch vor uns als „kerngesunder
Mann in krankhafter Zeit,“ als treuer Bewahrer und fleißiger Mehrer
dessen, was die Natur ihm an Gaben und Fähigkeiten gegönnt, was er in
emsigem Streben errungen, und bis heute ist die Prophezeiung nicht zu
Schanden geworden, die an seinem frisch geschlossenen Grabe erklang:
„+Wenn Teutschland gegen seine vorzüglichsten Männer nicht ungerecht
ist, so wird sein Name stets ehrenvoll in den Annalen der Kunst genannt
werden!+“
[Illustration]