[Illustration: Abb. 177. +Frau Chodowiecka.+ Ölbild von Anton
Graff in der königl. Akademie zu Berlin.]
Die +historischen Darstellungen+ unseres Künstlers fordern den
modernen Beschauer, der stolz darauf ist, sich „in den Geist der
Zeiten“ zurückversetzen zu können, zu herber Kritik, ja oft zum Spott
heraus. Bei aller Gründlichkeit seiner Kostümstudien, die damals
dem Maler nicht so erleichtert wurden, wie in unserem Zeitalter der
Museen und Publikationen, weiß er doch mit Stoffen aus einer weiter
zurückliegenden Zeit wenig anzufangen. Durch Panzer und Pluderhosen
blickt überall das achtzehnte Jahrhundert mit seiner Zierlichkeit und
bürgerlichen Wohlhäbigkeit durch (Abb. 161, 162). Vollends die alten
Germanen, nach Klopstocks Vorgang als Kelten frisiert, eigentlich
aber Weißbierphilister in Statistenhaltung, vermögen uns nicht zu
überzeugen (Abb. 163), und die Antike, der seit Winckelmanns Tagen
so viel aufmerksames Studium sich zuwandte, behält in Chodowieckis
Gestaltung den ballettmäßigen Anstrich der Rokokokunst (Abb. 164).
Die Formensprache der klassischen Kunst mit ihrer Einfalt und stillen
Größe blieb für ihn stumm. Am schlimmsten aber steht es um seine
+sinnbildlichen Einfälle+, die ein unerquickliches Gemisch von
halbverstandenen und deshalb dem Beschauer unverständlichen Symbolen
und nüchtern aufdringlicher Deutlichkeit darstellen. Das Bemühen,
möglichst viel in die Allegorie „hineinzugeheimnissen,“ verdirbt ihm
meist das künstlerische Konzept, und für das heroisch Große, das
er versinnlichen möchte, fehlt ihm Linien- und Formengefühl. Wie
mesquin wirkt z. B. seine Darstellung des Fürstenbundes, wo Friedrich
der Große, natürlich antik gewandet, den Kurfürsten und Herzögen
die Hand über dem Altar der Einigkeit reicht, die Allegorie auf den
Tod des Großen Königs (Abb. 165) oder das theatralische Pathos der
Kriegsgöttin Bellona, die den schulbubenhaften Genius des Kampfes zum
Entwerfen von Verschanzungsplänen anleitet, während rechts vor ihren
Füßen eine Granate platzt (Abb. 166); mit Recht rief Friedrich, als
ihm eine allegorische Verherrlichung seiner Siege (~E.~ 21) von
Chodowiecki vorgelegt wurde: „~Ce costume n’est que pour les héros du
theâtre!~“ und befahl sogar die Vernichtung dieser Platte, von der
sich in der That nur ganz wenige Abzüge erhalten haben.
[Illustration: Abb. 178. +Porträt der Jeanette Chodowiecka.+ 1774.