[Illustration: Abb. 127. +Entwurf zu der Radierung ~E.~ 176.+
Rötelzeichnung im Besitz der Frau ~Dr.~ Ewald. Berlin.]
Die Aufklärung, die sich vergebens abmühte, den Aberglauben zu
bekämpfen, unterstützte er mit satirischen Kalenderblättern (~E.~
634 bis 637) und wenn es galt, philanthropischen Unternehmungen und
populärphilosophischen Bestrebungen künstlerisch das Wort zu reden, war
er gern bereit, seine Radiernadel in den Dienst der Sache zu stellen,
obwohl manchmal der Stoff recht trocken und widerspenstig war; so z. B.
in Ziegenhagens Verhältnislehre, deren Theorie von allgemeiner
Menschenbeglückung durch lehrhafte Einführung in die Werke der
Schöpfung schließlich nur Stoff abgab für einige lustige Genrebilder,
neben denen die Darstellung einer idealen Kolonie (Abb. 117, ~E.~
654) durch ihre pedantische Regelmäßigkeit der Anlage und die Fülle
unzusammenhängender Einzelheiten ein recht charakteristisches Abbild
gibt von der Nüchternheit der von Ziegenhagen verfochtenen Ideen.
Besser sind die Interieurs geraten, die Handwerker und Gelehrte bei
ihrer Arbeit schildern. Hier ließ den Künstler seine Beobachtungsgabe
nicht im Stich, das waren Scenen aus dem Leben, wie er es erlebt,
nicht wie er es erträumte. Immer wieder sehen wir ihn auch in diesen
Jahren zurückkehren zu der Aufgabe, die ihm wie keine andere am Herzen
lag: alles, was ihn umgab, mit treuem Griffel festzuhalten und damit
Urkunden zu liefern, die das Leben und Treiben in der preußischen
Hauptstadt am Ende des achtzehnten Jahrhunderts der Nachwelt mit
unmittelbarer, überzeugender Lebenswahrheit vor Augen führen. So
bespöttelt er 1794 mit echt berlinischem Witz in sechs Kupfern eine
Polizeivorschrift, nach der ein jeder in den Straßen der Stadt seinen
Hund an der Leine zu führen habe, und schildert uns die lustigen
Scenen, zu denen diese neue Maßregel Veranlassung gab (~E.~ 749:
Berliner Folgsamkeit). So reizen ihn die Straßenfiguren in der neuen
Modetracht (Abb. 116, 118, ~E.~ 760 u. 886), die jetzt Frack und
Cylinder aus England importierte. Den unverfälschten Geist des alten
Spreeathen atmet auch die Neujahrswunschverkäuferin aus dem Jahre
1800, um deren unter einer Straßenlaterne errichtete Auslage sich
alt und jung mit neugierig-kritischen Blicken drängt, während sie
mit echt berlinischer Zungengeläufigkeit ihre Schätze anpreist (Abb.
119, ~E.~ 946). Das Blatt ist nur in einfacher Umrißzeichnung
ausgeführt und offenbar auf Illuminieren mit Wasserfarben berechnet,
ähnlich den später viel verbreiteten Berliner Straßenscenen von
Hosemann und anderen.
[Illustration: Abb. 128.
+Lotte, dem Bedienten Werthers die Pistolen reichend.+ Rötelstudie
im Besitz der Frau ~Dr.~ Ewald in Berlin.]
Unter den Bildnissen, die Chodowiecki im letzten Jahrzehnt seines
Lebens radierte, sind die zierlichen Brustbilder des Malers Graff und
des Hofrats Wilhelm Becker (~E.~ 742), sowie das Porträt des
Geheimrats Höpfner (~E.~ 784) die bestgelungenen. Eine Episode
seiner Reise nach Dresden vergegenwärtigt eine Radierung aus dem Jahre
1795, die nach der Ansicht einzelner Kenner von seinem Sohne Wilhelm
herrühren soll, der nur eine Zeichnung des Vaters dazu benützte. Da
sehen wir eine Kavalkade von vier Männern in Reisetracht -- der Maler
Krüger, Wilhelm Chodowiecki, dessen Schwager Prediger Papin und den
Meister selbst -- über die Landstraße dahintrotten (~E.~ 793).
Chodowiecki konnte offenbar auch hier der Lust nicht widerstehen,
während des Reitens den Griffel zu führen. Hatte ihm doch einmal
solches Wagnis den Verlust einiger Zähne eingetragen, als er, um die
Hände zum Zeichnen frei zu haben, die Zügel mit den Zähnen festhielt,
und das Pferd stolpernd seinen Reiter abwarf.
[Illustration: Abb. 129.
+Herbstfreuden.+ Entwurf zu der Radierung ~E.~ 472.