Illustration zum Kalender. Berlin. 1796.]

[Illustration: Abb. 119. +Die Neujahrswunschverkäuferin.+

(~E.~ 946.)]

[Illustration: Abb. 120. +Susette Chodowiecka.+ Rötelzeichnung im

Besitz der Frau ~Dr.~ Ewald. Berlin.]

Die großen weltbewegenden Ereignisse, die sich um die Wende des achten

und neunten Jahrzehnts in Frankreich vollzogen, die Schrecken der

Revolution werden nur schwach reflektiert von der Kunst Chodowieckis:

die beiden Kupfer des historisch-genealogischen Almanachs von 1792,

in denen er die Gefangennahme Ludwigs XVI. und die Annahme

der Konstitution schildert (~E.~ 692 und 693) begnügen sich

damit, sentimentale Familienscenen aus dem Leben des recht einfältig

dreinschauenden Königs zu geben, dessen philiströse Rentiersgestalt

in lächerlichem Gegensatz steht zu den hochtönenden Phrasen, die die

Textunterschrift ihm in den Mund legt. Auf seine Weise opponiert

Chodowiecki gegen die „Freiheit und Gleichheit ohne Hosen“ in einem

harmlosen kleinen Blättchen, das eine lustige Berliner Straßenscene

zeigt: ein Schornsteinfegerjunge mit Jakobinermütze erlaubt sich,

ein Mädchen auf der Straße zu karessieren „und sind die Folgen der

ohnbehoseten Freiheit und Gleichheit“ fügt er handschriftlich hinzu

(~E.~ 723).

[Illustration: Abb. 121. +Die Enkel Chodowieckis.+ Aquarell im

Besitz des Fräulein Maria Chodowiecka. Berlin.]

[Illustration: Abb. 122. +Clérys Kinder.+ 1799. (~E.~ 919.)]

Freilich wäre es unbillig, von dem still dahinlebenden Sechziger, der

ganz mit den überkommenen Anschauungen der vorrevolutionären Zeit

verwachsen war, eine tiefgehende Wandlung seines Wesens oder auch

nur eine energische Stellungnahme zu den Ereignissen der gärenden

Zeitgeschichte zu verlangen. Chodowieckis beschaulichem Wesen lagen

politische Händel und Parteigezänk ohnehin fern; er selbst hat uns in

der kleinen Radierung ~E.~ 696 das Gehirn eines Malers, wie er

es sich vorstellte, geschildert: ein buntes Gewirr von Menschen- und

Tierköpfen, über denen sich lustige Putten tummeln; da blickt neben

den Charakterköpfen Friedrichs des Großen und Voltaires ein antik

stilisierter Jünglingskopf hervor, Bauer, Mönch, Ritter, Prediger,

Bauer, Jude, Eremit und Sibylle vertragen sich wohl oder übel mit ihren

Nachbarn aus dem Tierreich, Eber, Löwe, Affe, Stier, Ziegenbock, Ente,

Hahn und Puter. Es sind die Eindrücke, die die Einbildungskraft des

Malers aus dem ihn umgebenden Leben erhalten, nicht aber Sinnbilder

eigener Ideen, die Chodowiecki hier als Inhalt des Künstlerhirns

hinstellt: ein aufrichtiges Bekenntnis seines Realismus, dem der

Ritt ins romantische Land allzu beschwerlich und gefährlich schien.

Trotzdem blieben ihm, wie wir sahen, nicht immer die Grenzen seiner

Begabung bewußt; so beteiligte er sich 1791 an einem Wettbewerb für

das Monument Friedrichs des Großen, den die Königliche Akademie

ausgeschrieben hatte, mit einem gezeichneten Entwurf, dessen Verlust

und Nichtausführung die Nachwelt kaum zu beklagen Grund haben dürfte.

Daß er, wie wir aus gleichzeitigen Berichten wissen, den „Alten Fritz,“

den er in seiner gebrechlichen Leibeshülle so oft geschildert hatte,

ohne daß je ein Beschauer darüber die geistige Größe des Heldenkönigs

hätte vergessen können, für diesen „monumentalen“ Zweck in ein antikes

Idealgewand hüllte, mag noch hingehen, zumal die Auffassuug der Zeit

und die Akademie solche Mummerei forderte; daß er aber, um die unter

Friedrichs Regiment „eingerissene“ Aufklärung zu versinnlichen, dem Roß

eine mit dem Bilde der Sonne verzierte Schabracke gab, kann man nicht

ohne mitleidiges Lächeln vernehmen.

[Illustration: Abb. 123. +Soldatenschlägerei.+ 1794. (~E.~

750.) Nach einer Zeichnung des Professor Erman.]

Wie fest stand unser Meister dagegen auf dem gesunden Boden seiner

natürlichen Begabung, wenn er Gellert, Gleim, Hagedorn, Lichtwer und

Pfeffel illustrierte (Abb. 105, 106, ~E.~ 680 und 711), wenn er

die lustigen Schwänke Langbeins mit zierlichen Vignetten (Abb. 115,

~E.~ 682) schmückte, oder mit dem poetisierenden Amtsassessor

Wiesiger aus Treuenbriezen verbunden, der Menschheit den Weg zur

„liebenswürdigen Sittlichkeit und schuldlosen Freude“ wies (Abb. 107,

~E.~ 697). Wie anheimelnd weiß er auch jetzt noch, wo es um ihn zu

Hause einsam geworden war, die stillen Freuden des häuslichen Glücks

zu schildern (Abb. 108, 110, ~E.~ 669, 670, 788, 851, 852), wie

scharf Heuchelei von Aufrichtigkeit der Empfindungen zu trennen (Abb.

104, 109, ~E.~ 713)! Alles in seiner Umgebung interessierte ihn

noch wie früher. Wenn Friedrich Wilhelm II. an der Spitze der Truppen

zur Parade auszog, war er mit seinem Zeichenstift zur Stelle (~E.~

648); auch daheim im Kreise der zahlreichen Familie zeichnete er den

König (Abb. 111, ~E.~ 832).

Ein französischer Schauspieler Mr. de Vollange, der gleichzeitig als

Guitarrenspieler sich hervorthat, muß wohl damals eine besondere

Beliebtheit in Berlin genossen haben. Sehr hübsch glossieren die

drei Zustände einer Platte, auf der Chodowiecki den Vielbewunderten

darstellte (Abb. 112-114, ~E.~ 884), die Persönlichkeit und

ihren Eindruck. Der erste Zustand der Platte zeigt Vollange allein in

ländlicher Einsamkeit, einen elegischen Gesang mit Guitarrenakkorden

begleitend; im zweiten Zustand fügte der Künstler drei am Waldessaum

lauschende ätherische Schwärmerinnen hinzu, die sicherlich den

Schauspieler vergöttern, während auf dem dritten sich als neuer Zuhörer

ein nüchterner Kritikus dazufindet, dessen etwas breitspurige, durchaus

nicht respektvolle Haltung auf wenig Sympathie mit dem angebeteten

Künstler schließen läßt.

[Illustration: Abb. 124. +Illustration zum Lauenburger Genealogischen

Kalender.+ 1780. (~E.~ 306.)]

[Illustration: Abb. 125. +Entwurf zu einer Scene aus Shakespeares

Hamlet.+

Chodowiecki · 第 52 / 81 题