War der Begriff geistigen Eigentums auf künstlerischem Gebiet wenig
scharf abgegrenzt -- und Chodowiecki selbst fand in späteren Jahren
oft genug Gelegenheit, sich über Kopisten und Fälscher zu beklagen
--, so fehlte es auch in der Litteratur und dem Buchhandel nicht an
unlauteren Elementen, die sich durch unrechtmäßigen Nachdruck Vorteile
zu verschaffen suchten. Gegen diese richtet sich ein satirisches Blatt,
das Chodowiecki 1781 im Auftrage des Berliner Buchhändlers Himburg
radierte: ein Buchhändler wird von Räubern, die ihre Beute in einer
finsteren Höhle bergen, bis aufs Hemde ausgeplündert. Vergebens weist
er auf die Gestalt der Gerechtigkeit, die am Wege niedergesunken, ihr
Haupt verhüllt (Abb. 93, ~E.~ 394). Seltsam wirkt dieser Appell
an die Justiz freilich bei einem Buchhändler wie Himburg, dessen Name
gerade durch seine Nachdrucke Goethes wenig rühmlich auf die Nachwelt
gekommen ist.
Das Jahr 1786 brachte Chodowiecki, dessen Ansehen in der Berliner
Kunstwelt in stetem Wachsen blieb, trotz mancher hämischen Kritik, an
der es auch nicht fehlte, neue Pflichten und Arbeiten. Der Minister
von Heinitz, der als Kurator der königlichen Akademie der Künste sich
große Verdienste um dieses lange vernachlässigte Institut erwarb,
suchte eine durchgreifende Reorganisation der akademischen Zustände
herbeizuführen. Zwar blieb Bernhard Rode Direktor der Anstalt, aber
die Zahl der Rektoren wurde vermehrt, und Daniel Chodowiecki als
erster unter diesen zum Sekretär der Akademie ernannt. Gleichzeitig
wurden jährlich akademische Kunstausstellungen eingerichtet, die das
Interesse an künstlerischen Dingen im Publikum beleben und wachhalten
sollten. Auch eine Monatsschrift und öffentliche Sitzungen der Akademie
wurden eingeführt. Chodowiecki lag besonders die Vorbereitung der
Ausstellungen ob, deren erste am 18. Mai des Jahres 1786 in den Räumen
des Akademiegebäudes eröffnet wurde; ihm war auch die Abfassung des
Ausstellungskatalogs übertragen worden.
[Illustration: Abb. 111. +Friedrich Wilhelm II. im Kreise
seiner Familie.+ (~E.~ 832.)]
[Illustration: Abb. 112. +Der Schauspieler de Vollange.+
(~E.~ 884.)]
[Illustration: Abb. 113. +Der Schauspieler de Vollange.+
(~E.~ 884 ~a.~)]
[Illustration: Abb. 114. +Der Schauspieler de Vollange.+
(~E.~ 884 ~b.~)]
[Illustration: Abb. 115. +Illustration zu Langbeins Schwank: Der
Bieresel.+ Dresden. 1792. (~E.~ 682.)]
[Illustration: Abb. 116. +Kleidermoden.+ 1798. (~E.~ 886.)]
Damit war neues frisch pulsierendes Leben in die Kunstzustände der
preußischen Hauptstadt gekommen, und als 1790 Friedrich Wilhelm II.
das Protektorat der Akademie übernahm und neue Mittel zur Verfügung
stellte, die es ermöglichten, den Lehrplan zu erweitern, wurde
Chodowiecki, der sich mit gewohntem Eifer in den Dienst der guten Sache
gestellt hatte, die Genugthuung zu teil, zum Vicedirektor ernannt zu
werden. Obwohl er damit mannigfache zeitraubende Pflichten übernommen,
ließ der Meister die Radiernadel nicht ruhen, und die zahllosen
Illustrationen aus der zweiten Hälfte der achtziger Jahre lassen kein
Erschlaffen des mittlerweile gealterten Künstlers in Auffassung und
Technik bemerken. Mit Recht durfte er den Preis für die Platte, auf
der er die zwölf Kupfer zu Ifflands Jägern geätzt hatte (~E.~
559) von 200 auf 300 Thaler erhöhen, denn die völlige Gleichartigkeit
der Begabung des Dichters und Illustrators ließ hier ein einheitliches
Meisterwerk entstehen, das den Vergleich mit keiner der Arbeiten
aus jüngeren Jahren zu scheuen braucht. Auch die Abbildungen zu dem
französischen Roman Karoline von Lichtfield, die den Gothaischen
Hofkalender des Jahres 1788 schmückten (~E.~ 569), zählen zu den
technisch subtilsten und pikantesten Radierungen unseres Meisters.
Leichtigkeit der Nadelführung und diskreten Ziergeschmack bewundern
wir ebenfalls in der Einfassung des Blanketts, das bestimmt war, das
Ernennungsdekret neuer Akademiemitglieder aufzunehmen (~E.~
563). Die kleine Titelvignette zu dem humoristischen Roman von Hermes
„Zween literarische Märtyrer“ (Abb. 84, ~E.~ 610, 3) zeugt von
der Sorgfalt und Liebe, die Chodowiecki auch solchen Kleinigkeiten
zuwandte, die ein anderer vielleicht als schlechtbezahlte Nebenarbeit
oberflächlich abgethan hätte. Man kann vielmehr beobachten, daß in
solchen Vignetten, die, unter der Inschrift des Titelblatts angebracht,
den ganzen künstlerischen Schmuck eines Bandes bildeten, sich die
Intimität seines Schaffens mehr konzentriert, als in den Serien von
Kupfern, die er für Kalender und umfangreichere Werke stach. So würde
man ungern das kleine, zierlich umrahmte Rundblatt: Lenorens Todesritt
nach Bürgers bekannter Ballade (Abb. 95, ~E.~ 612) gegen die
Folgen von historischen Anekdoten eintauschen, die Chodowiecki Ende der
achtziger und im Verlauf der neunziger Jahre lebhaft beschäftigten,
wie die Blätter zur Geschichte des holländischen Krieges (~E.~
602), die Anekdoten von Peter dem Großen (~E.~ 613), die
Darstellungen aus der neueren Geschichte (~E.~ 614, 686, 689),
die Illustrationen zur brandenburgischen Geschichte (Abb. 96, 97, 99,
~E.~ 687) und die Kupfer zur mittleren und neueren Geschichte
(~E.~ 688). Es ist bezeichnend, daß gerade bei diesen historischen
Folgen (Abb. 100-103, ~E.~ 687) Chodowiecki zum erstenmal auf
den Gedanken kam, auf dem Plattenrand mit der kalten Nadel sogenannte
Randeinfälle anzubringen: kleine Figuren, Gruppen, Karikaturen, Köpfe,
Landschaften, Tiere u. s. w., die nach den ersten Abzügen von der
Platte wieder ausgeschliffen wurden. Seine von dem vorgeschriebenen
Gegenstand nicht sonderlich angeregte Phantasie scheint sich Luft zu
machen in diesen willkürlichen Kritzeleien, die festhielten, was ihm
gerade durch den Kopf schoß. Freilich waren seine Gründe später, als
er einsah, daß Liebhaber für diese Abdrücke „mit den Randeinfällen“
höhere Preise zahlten, wohl nicht immer ganz frei von kaufmännischer
Überlegung; aber selten nur finden wir Randeinfälle auf Platten, deren
Darstellung ihn ganz in Anspruch nahm. Dazu gehörten zweifellos die
genannten Schilderungen historischer Ereignisse nicht. Selbst die
vielbewunderten Anekdoten aus dem Leben Friedrich des Großen (~E.~
600) sind in der Erfindung ziemlich armselig, in der Technik auffallend
trocken und spröde und müssen hinter anderen Werken seiner Radiernadel
zurückstehen.
[Illustration: Abb. 117. +Die Kolonie.+ (~E.~ 664.)
Illustration zu Ziegenhagens Verhältnislehre. Hamburg. 1792.]
[Illustration: Abb. 118. +Berlinsche neueste Moden.+ (~E.~
760.)