+Christoph Friedrich Nicolai+ spielt in der deutschen Litteratur
der fridericianischen Epoche eine ähnliche Rolle, wie Chodowiecki
in der gleichzeitigen Kunst. Vom Buchhändlerlehrling zum Gelehrten
aufgestiegen, suchte er in Verbindung mit Lessing und Moses Mendelssohn
der neuen Aufklärung eine möglichst allgemeine Verbreitung zu geben.
Die Forschungsergebnisse und Anschauungen der Gelehrtenwelt sollten
eine läuternde Umwälzung des Denkens und Empfindens in den breitesten
Volksschichten bewirken, und dieser Aufgabe dienten die von Nicolai
herausgegebenen Zeitschriften ebenso wie seine Romane. So versucht er
in dem „Leben und Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker“, die
engherzige und heuchlerische protestantische Orthodoxie zu geißeln,
die den Titelhelden, einen der neuen Denkart geneigten Dorfprediger,
auf jede mögliche Weise zu drangsalieren versucht. Chodowiecki war
bestrebt, die allzu nackt und grell hervorgekehrte Tendenz dieses
Romans in seinen Illustrationen zu mildern. Die sentimentalen Scenen,
wie die Vertreibung der Familie Nothanker aus dem Pfarrhause (Abb.
56, ~E.~ 101), Sebaldus am Sterbebette seiner Gattin (Abb.
57, ~E.~ 102) und die Schilderung der Notlage des Verfolgten,
der schließlich Almosen anzunehmen sich gezwungen sieht (Abb. 58,
~E.~ 157), gelingt dem Zeichner offenbar besser, als die Satire
auf die hoffärtige Adelsgesellschaft (Abb. 59, ~E.~ 104) und die
streitsüchtige Geistlichkeit, deren Vertretern Nicolai lächerliche
Namen wie Puddewustius, Buhkvedderius und Wulkenkragenius beigelegt
hatte (Abb. 61, ~E.~ 132). Weit feiner als dem Autor gelang es
dem Zeichner, die Scheinheiligkeit und hohle Würde dieser Herren
zu ironisieren -- in dem zierlichen Blatt ~E.~ 122, das die
„Kleidertrachten der berlinischen Prediger“ scheinbar ohne jeden
tendenziösen Beigeschmack darstellt (Abb. 60 ~a~ u. ~b~).
Außer diesem dreibändigen Roman Nicolais, der sich einer großen
Verbreitung und Anerkennung erfreute, illustrierte unser Künstler
später noch zahlreiche andere von demselben Verfasser herausgegebene
Schriften, wie die „Freuden des jungen Werther“, die dem beispiellos
eingeschlagenen Erstlingsroman Goethes ein Paroli bieten sollten
(~E.~ 120), die Anekdoten von Friedrich II., ein Chodowiecki
besonders willkommener Vorwurf, den „feynen kleynen Almanach“ (1777
~E.~ 167) und zahlreiche Bände der „allgemeinen deutschen
Bibliothek“, in deren einem (1776) wir auch ein Jugendporträt Goethes
von Chodowieckis Hand (~E.~ 166) vorfinden.
[Illustration: Abb. 74.
+Bücherzeichen Chodowieckis.+ (~E.~ 192.)]
[Illustration: Abb. 75. +Illustration zu Shakespeares Macbeth.+