[Illustration: Abb. 49. +Herr Mila.+ Zeichnung aus dem Tagebuch
der Danziger Reise. 1773.]
Besonderes Interesse haben die Kupfer des Kalenders von 1770, in
denen Chodowiecki zwölf Scenen aus dem volkstümlichsten Stücke
+Lessings+, der Minna von Barnhelm, zu illustrieren unternahm
(~E.~ 51, 52). Vor sechs Jahren war das „erste deutsche
Nationallustspiel“ erschienen und bei seiner Berliner Aufführung
1768 mit lauter Begeisterung aufgenommen worden. Die ganze Anlage
des Stücks, der kecke Realismus seiner Charaktere, die naturwahre
Schilderung des bürgerlichen Lebens der eignen Zeit mußten Chodowiecki
packen, und aus der eindringlichen Art, in der er trotz dem
kleinen Format auch seinerseits jeder der Gestalten Lessings eine
kennzeichnende Gebärde, einen sprechenden Ausdruck zu verleihen weiß,
lesen wir etwas von der Liebe und Geistesverwandtschaft heraus, die
den Illustrator zu dem großen Dichter hinzog. Ein moderner Regisseur,
der die Minna von Barnhelm zu inscenieren hat, wird Chodowieckis
Kupfer nicht ohne Nutzen betrachten; denn sie sind nicht etwa freie
Erfindungen des Stechers, in denen er gewissermaßen die Dichtung
glossiert, sondern sie geben zweifellos auch die Eindrücke wieder,
die Chodowiecki von der Bühnenaufführung im Schuchschen deutschen
Komödienhause zu Berlin erhielt.
[Illustration: Abb. 50. +Strasnik Czapski und Starostin
Ledikowska.+