Chodowieckis Leben ist bald erzählt. Zwar besitzen wir, wie von so
vielen Männern seiner schreibseligen und memoirenlustigen Zeit, auch
von ihm eine große Menge von Aufzeichnungen, Tagebüchern und Briefen,
die Antwort geben auf Fragen, wie sie auch die zudringlichste Neugier
zu stellen nicht wagen möchte, aber sie enthüllen uns doch nur Weniges,
was wir über den Künstler nicht auch aus der Betrachtung seiner Werke
erfahren könnten. Flossen doch seine Tage meist ruhig dahin, Erlebnisse
oder Ereignisse, die sein Inneres heftig bewegt und erschüttert und vor
allem für die Richtung seiner künstlerischen Laufbahn entscheidende
Bedeutung gehabt hätten, sind äußerst selten in seinem Leben.
[Illustration: Abb. 6. +Christus am Ölberg.+ Email. Besitzer s.
Abb. 5.]
[Illustration: Abb. 7. +Christi Gefangennahme.+ Email. Besitzer s.
Abb. 5.]
[Illustration: Abb. 8. +Petrus verleugnet Christum.+ Email.
Besitzer s. Abb. 5.]
[Illustration: Abb. 9. +Bonbonnière mit Emailmalereien.+ Im Besitz
von Frau ~Dr.~ Ewald. Berlin.]
Die alte Hansestadt Danzig galt zu der Zeit, als Daniel Chodowiecki
in ihr das Licht der Welt erblickte, zwar noch als Freistaat, aber
in dem schwedisch-polnischen Kriege, welcher der Stadt große Opfer
auferlegt und die Umgebung arg verwüstet hatte, war sie mehr und mehr
in Abhängigkeit von Polen geraten. Zahlreiche polnische Familien
lebten hier; auch die Chodowieckis stammten aus Polen, wenngleich sie
schon seit zwei Generationen vor Daniels Geburt in Danzig ansässig
waren. Dessen Vater betrieb einen einträglichen Kornhandel und war
der aus einer französischen Refugiéfamilie stammenden Marie Henriette
Ayrer vermählt. In der Heiligengeistgasse, einer der wenigen Straßen
der Stadt, die auch heute noch ihr altehrwürdiges Äußere bewahrt
haben, wurde am 16. Oktober 1726 in einem stattlichen zweistöckigen
Giebelhause unser Künstler geboren. Doch lassen wir ihn selbst von
seiner Jugend erzählen; in einer Selbstbiographie, die er im Jahre
1780 verfaßte, berichtet Chodowiecki: „Mein Vater, ein Kaufmann, malte
zu seinem Vergnügen in Miniatur und gab mir die erste Anleitung in
dieser Kunst; da er mich aber eigentlich zur Handlung erzog und schon
1740 starb, hatte ich im Zeichnen und Malen noch sehr wenig gelernt.
Meiner Mutter Schwester, Mamsell Ayrer, die besser malte als mein
Vater, gab mir nach seinem Tode noch einigen Unterricht; aber bald
darauf wurde ich in eine Spezereihandlung in die Lehre gegeben, wo
ich wegen Verfall der Handlung nur anderthalb Jahre blieb, und Anno
1743 nach Berlin zu meiner Mutter Bruder in eine andere Handlung
gesandt.“ Thatsächlich begann Chodowieckis eigentliche künstlerische
Ausbildung erst hier in Berlin, aber die Eindrücke, die er in seiner
frühesten Jugend in der malerischen Vaterstadt, im Elternhause
empfangen, sind für seine Neigung zur Kunst wohl mitbestimmend
gewesen. Wissen doch die Reisenden des achtzehnten Jahrhunderts die
Lage und Schönheit Danzigs nicht genug zu rühmen. So schreibt Hermes
1771 in seinem vielgelesenen Briefroman: „Sophiens Reise von Memel
nach Sachsen“: „Diese Stadt ist unvergleichlich. Die Aussicht auf den
Bergen, und in den Gärten; die Gegend von Oliva; der Wohlstand der
Bauern im Werder und anderen zur Stadt gehörigen Dörfern; der Blick
auf die See; das Große der segelnden Schiffe; das Gewühl unzähliger
Fremder aus allen Nationen, Kaufleute, Schiffer, Arbeiter -- mir
ist das alles, als hätte ich es noch nie gesehen; so sehr scheint
es dieser Stadt eigentümlich zu sein.“ Chodowiecki selbst verrät in
den Zeichnungen, die er bei seiner späteren Reise in die Heimat in
jenem köstlichen Skizzenbuche von 1773 angefertigt hat, wie er den
malerischen Reiz der schmalen Gassen mit ihren hohen Giebelhäusern,
ihren „Beischlägen“ mit schattenspendenden Linden und Ulmen davor und
ihren in trauliches Zwielicht getauchten Hausfluren mit den lauschigen
Winkeln zwischen den großen eichenen Schränken und Vertäfelungen zu
würdigen verstand. Mit besonderer Liebe aber wendet er sich auch
in diesen Skizzen immer wieder dem Haus der Eltern zu. Hier hatte
schon der achtjährige Knabe mit ungeübter Hand ein Miniaturporträt
des unglücklichen Polenkönigs Stanislaus Lesczinski entworfen, für
dessen Unterstützung Danzig gerade in jenen Tagen mit einer schweren
Belagerung durch die Russen büßen mußte; hier hatte er -- wohl nach
den Kupfern einer Zeichenschule -- die Elemente der Kunst mit heißem
Bemühen, aber kaum mit nennenswertem Erfolg sich zu eigen zu machen
versucht. Eine Federzeichnung aus der Lehrzeit in der Spezereihandlung
hat sich im Besitz von Nachkommen der Familie erhalten: sie stellt
den Laden der Witwe Bröllmann mit seinen Käufern und Verkäufern dar.
Es ist bezeichnend für die Richtung seiner Begabung, daß Chodowiecki
entgegen dem ganz konventionellen Elementarunterricht, den er
genossen, sich gleich an einem Gegenstand versuchte, der ihm durch
tägliche Beobachtung nahe gerückt war: das ihn umgebende Leben mit dem
Zeichenstifte festzuhalten, in allen Einzelheiten treu und gewissenhaft
wiederzugeben, das sollte die Aufgabe werden, der er sein ganzes
Künstlerleben widmete. Daß dieses Leben ein ganz anderes Aussehen
erhielt, als der siebzehnjährige Handlungsgehilfe 1743 nach der
preußischen Hauptstadt übersiedelte, wo seine Kunst erst triebkräftige
Wurzeln zu schlagen begann, versteht sich von selbst. Aber zunächst
war es ihm noch nicht beschieden, die Anregungen, die sich in dieser
neuen, bunten Welt dem Auge und Sinn boten, seinen künstlerischen
Absichten dienstbar zu machen: er blieb bei seinem Ohm Ayrer zunächst
an das Buchhalterpult gefesselt. „Bey müßigen Stunden freilich,“ so
erzählt er selbst, „malte ich Miniaturbilderchen, in Tobacksdosen zu
setzen, die er (Ayrer) an die hiesigen Kaufleute verkaufte. (Ayrer
besaß ein so genanntes Quincailleriegeschäft.) Er ließ mich auch die
Behandlung der Emaillemalerei lernen und eine große Menge emaillirter
Dosen malen; aber all dieses war nicht im Stande, mich zu einem
Künstler zu bilden, weil ich gar keine Anweisung weder im Zeichnen noch
im Komponiren bekam, auch mit keinem Künstler Bekanntschaft hatte.
Ich fühlte wohl, daß alles, was ich machte, sehr unrichtig in der
Zeichnung und unvollkommen im Kolorit war; an Zusammensetzung wurde gar
nicht gedacht, sondern alles nach Kupferstichen kopirt. Mein Vetter
(richtiger Oheim) war ein Kaufmann; ihm war es mehr um Gewinn zu thun
als um meinen Fortgang in der Kunst; malerische Kenntnis besaß er gar
nicht; er glaubte, alles, was ich machte, wären Meisterstücke, und ich
glaubte es beynahe auch. Endlich sah ich bei dem Manne (ein Augsburger,
Nahmens Haid), der mir die Emaillemalerey lehrte, akademische und
andere Zeichnungen, hörte von ihm, wie ein Künstler studiren müßte;
denn er besaß mehr Theorie als Practik. Dieses fachte bey mir ein
verborgenes Feuer an; ich fing an einzusehen, daß ich noch gar nichts
konnte. Zur Handlung hatte ich alle Lust verlohren; was sollte aus
mir werden? Andere Künstler kannte ich nicht, hatte bisher auch nicht
gewußt, daß, um von ihnen zu profitiren, ich sie aufsuchen müßte. Die
Malerakademie war A. 1742 abgebrannt, und die an die Stelle derselben
gekommene Zeichenschule mit sehr schlechten Lehrern besetzt, so daß,
wenn ich mich an sie gewandt hätte, ich doch nicht viel gelernt haben
würde.“
[Illustration: Abb. 10. +Emailporträt Friedrichs d. Gr.+