24. April

Ich war vierzehn Tage verreist, um mit meinem Stiefvater

zusammenzutreffen.

Nun gehe ich wieder durch die wohlbekannten Straßen, und mir ist zumut

wie in einem schweren Traum. Die Bäume fangen an grün zu werden, aber

es kommt mir so zwecklos -- beinah möchte ich sagen, taktlos -- vor,

daß draußen in der Natur sich alles auf ein neues Leben vorbereitet,

während wir Menschen, insbesondere wir Wahnmochinger, durch sinnlose

Verhängnisse darum gebracht werden.

Zwischen Hallwig und dem Professor ist es zum Bruch gekommen, -- zu

einem endgültigen und furchtbaren Bruch. Was für eine Welt ist dadurch

in Trümmer gegangen, noch ehe sie erstanden war! Und wie widersinnig

das klingt; aber nicht widersinniger, als es tatsächlich ist. Wer

vermöchte auch jetzt noch in unserem Stadtteil Sinn und Widersinn

voneinander zu unterscheiden? Man weiß auch nicht mehr, was Tatsache,

was Vermutung ist, denn alles ist Geheimnis, und alle sprechen darüber.

Es heißt, Hofmann sei durch jene beiden -- den Rabbi und die Jadwiga

-- so verblendet worden, daß er ungemein starke kosmische Substanzen

in ihnen zu entdecken glaubte und (wie mir ja damals schon die

Kappadozische sagte) im Zionismus die Möglichkeit einer großen

Blutleuchte, die ja so sehr herbeigesehnt wurde. Der Rabbi hat nun,

nachdem er sich eine Zeitlang in Wahnmoching aufgehalten, gemeint, das

sei ebensowohl möglich, als daß Luther ein Jude wäre. War Luther ein

Jude, so mußte er eben vorwiegend jahwistisch-molochitische Substanzen

in sich beherbergen. (Jahwistisch ist wohl noch eine stärkere Nuance

für semitisch, -- ich habe diesen Ausdruck zum erstenmal gehört.) Und

nun hat er eine Theorie aufgestellt, nach welcher die Juden unbedingt

auch kosmische Kräfte besitzen müssen, und behauptet, daß sie zu retten

wären, wenn man ihnen zur Blutleuchte verhelfe. Dazu aber sei die

Konzentrierung und Ansiedlung des ganzen Volkes in Palästina, als an

seinem Ausgangspunkt, notwendig.

Als nun Hallwig bei seiner Rückkehr von alledem erfuhr, war er

durchaus nicht einverstanden, sondern beschuldigte Hofmann, daß er

durch Anwendung der kosmischen Geheimnisse die Sache der Juden und des

Zionismus unterstützen wolle, und somit das Heidentum Wahnmochings an

den jahwistischen Moloch in eigner Person verraten und ausgeliefert

habe. Ja, er könne gar nichts anderes damit beabsichtigen, als auf

eigene Hand gewissermaßen eine Filiale des angestrebten kosmischen

Reiches zu gründen -- nein, keine Filiale, sondern ein direktes

Gegenreich -- und sich zum Oberpriester desselben zu machen.

Ob wenigstens hierin Hallwig nicht doch zu weit gegangen ist? Es ist

wohl kaum anzunehmen, daß Hofmann das wirklich wünschte, wo er doch

eine angesehene und auskömmliche Stellung an der hiesigen Universität

inne hat, -- eher noch, daß der schlaue Rabbi ihm seine eigenen

ehrgeizigen Pläne untergeschoben hat.

Wie dem auch sei, Tatsache, unumstößliche Tatsache ist, daß der

Professor schuldig befunden wird, an jenen letzten, äußersten,

ungeheuren Dingen Verrat geübt zu haben, daß jede Brücke zwischen

beiden Kreisen abgebrochen wurde und Hallwig erklärt hat, die

Konsequenzen daraus würden sich schon von selber ergeben.

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Furchtbare Worte, Briefe und Blicke sollen zwischen den beiden

gewechselt worden sein. Aber darüber sind natürlich keine Einzelheiten

bekannt, sondern es dringen nur vage Gerüchte an die Öffentlichkeit,

auch über Delius' letzten Besuch im Hause Hofmann, -- kurz darauf

habe er in einem zeremoniellen Handschreiben jede weitere Beziehung

für gelöst erklärt. Das Schreiben war in altrömischen Lettern auf

Pergament gemalt und mit einer purpurnen Schnur umwunden, an welcher

ein umfangreiches Wachssiegel hing. Überreicht wurde es durch einen

Soldaten, den Delius sich in Ermangelung eines römischen Söldners aus

der städtischen Kaserne geholt hatte. Es heißt auch, der Vorfall mit

der Lampe sei noch einmal zur Sprache gekommen, die Frau Professor

sei zwar bei ihrer Behauptung geblieben, daß sie nur die Ölflecken

gefürchtet habe, Delius aber fasse die Sache nach wie vor von

kosmischen Gesichtspunkten aus auf.

Ich hörte denn auch sagen, abgesehen von allem anderen wäre die Art,

wie dort der Meister geehrt wird, schon lange ein Punkt gewesen, über

den man sich nicht einigen konnte. Hallwig und Delius wollten nur

Götter und Mysterien so geehrt wissen, nicht aber einen sterblichen

Dichter, selbst wenn er noch so würdig sei, bei Festen oder kultlichen

Handlungen voranzuschreiten, -- es dürfe sich dennoch keiner vermessen,

in Wahnmoching der Erste sein zu wollen. Und auch das soll Hofmann

heimlich angestrebt haben, wenn auch nicht für sich, sondern eben für

den Meister.

-- Wer recht, wer unrecht hat, was in diesem Labyrinth von Konflikten

billig oder unbillig ist, -- wer wollte das ergründen? Man hat ja auch,

wie mir der Philosoph einmal sagte, in Wahnmoching von jeher das Licht

der Vernunft verschmäht und ein mystisches Dunkel vorgezogen.

* * * * *

Die Beunruhigung der Gemüter ist aufs höchste gestiegen. Bleich

und verstört sieht man den Professor umhergehen, verängstigt, aber

immer noch mit dem fanatischen Blick die Jadwiga, finster den Rabbi

und wehklagend die Kappadozierin. Hallwig selbst bleibt wie immer

unsichtbar, aber ich begegnete verschiedentlich Delius auf dem Wege

nach seiner Wohnung, die jenseits der kosmischen Wiese liegt. Er hüllte

sich dicht in seinen Mantel, der immer mehr einer Toga gleicht, und

ging verschlossen seiner Wege, als ob er zu einer Verschwörung eilte.

Man sagt, daß die beiden jetzt eine letzte und endgültige Auslese

träfen, denn das Kapital für die heidnische Kolonie stehe ihnen

tatsächlich zur Verfügung. Delius habe eine Liste der in Betracht

kommenden Teilnehmer aufgesetzt, aber Hallwig fast alle Namen wieder

gestrichen. Denn seit der Zionismus hereingespielt hat, ist er sehr

mißtrauisch und hält fast alle für Juden, -- selbst Heinz, weil dieser

sich gegen die Behandlung des Sonnenknaben, als seines Vetters,

aufgelehnt hat.

* * * * *

Und auch Maria ist nun gerichtet. Man stellte sie noch einmal vor

die Wahl, mit allen zu brechen, die ihre einst gepriesene heidnische

Seele gefährden, -- seien es gewesene Sonnenknaben, Verräter mit

zionistischen Tendenzen oder nur friedfertige Vampire (der Vampir

steht noch eine Stufe tiefer als der Molochitische, denn ihm fehlt

die zersetzende Kraft, dafür nährt er sich von den enormen Substanzen

anderer. So gilt zum Beispiel Willy für einen Vampir, warum weiß

niemand und er selbst spricht nicht gern darüber. Deshalb ist auch das

ganze Eckhaus mit einbezogen).

Wir waren alle beisammen, als das Schreiben, welches diese Bedingungen

enthielt, abgegeben wurde; wir saßen dabei, während Maria es las und

Susanna über ihre Schulter mit hinein sah, denn der Panther hatte

es abgefaßt. Man hat ihm das Ressort der Katastrophen und Brüche

übertragen.

Aber Maria hatte ihren großen Moment, sie sagte, nein, das könne sie

nicht.

Dann hatten wir ihretwegen noch schwere Stunden zu überstehen. Sie

entschloß sich am Abend noch einmal zu Hallwig zu gehen und ihn zur

Rede zu stellen, so kalt und offiziell, durch einen Brief von fremder

Hand wollte sie nicht mit diesem Teil ihres Lebens abschließen.

Äußerlich war sie sehr ruhig, trotzdem fühlte man, daß eine furchtbare

Spannung in ihr war, und Chamotte erzählte uns später, sie habe vor dem

Fortgehen einen von Orlonskis spanischen Dolchen von der Wand genommen

und zu sich gesteckt.

Gegen Mitternacht kam sie zurück, warf den Dolch auf den Tisch und

sagte: »Nein -- es ist nichts daraus geworden, es war die ganze Zeit

jemand im Nebenzimmer. Und überhaupt -- man stellt sich das doch anders

vor -- --«

Mehr erfuhren wir nicht über diese letzte Unterredung. Daß wir das

alles so selbstverständlich und ohne besondere Verwunderung hinnahmen,

-- bei den unheimlichen Gerüchten, die seit der Affäre Konstantin und

seit den letzten Ereignissen umgehen, haben selbst die nüchternsten

Köpfe sich gewöhnt, nichts mehr für unmöglich oder untunlich zu halten.

So kam dieser Tage Hofmann zu mir, wir machten einen längeren

Spaziergang, und er sprach auch über dieses Thema. Ich wunderte

mich erst darüber, aber er sagte, man halte mich für durchaus

vertrauenswürdig, -- er selbst habe von Anfang an dieses Gefühl gehabt.

Und seine Mitteilungen -- nun, er vermutet, und mit ihm seine nächsten

Freunde, daß von Hallwigs Seite Entsetzliches gegen ihn geplant wird:

man werde ihn vielleicht auf mysteriöse Weise verschwinden lassen,

seinen Geist verwirren oder ihn ums Leben bringen.

»Aber lieber Professor, das ist doch nicht so einfach,« wandte ich ein.

Er sah mich von der Seite an:

»Einfacher vielleicht, als Sie glauben, Herr Dame, -- wissen Sie, daß

jener Petersen kürzlich geäußert haben soll, er wisse siebenundzwanzig

Arten, wie man einen Menschen unbemerkt aus der Welt schaffen könne?

Und denken Sie nur an den Fall Konstantin: sicher wurde auch dabei

Ähnliches beabsichtigt. Es _gibt_ heidnische Ritualmorde, die vor allem

an Verrätern vollzogen werden -- und man hält mich ja dort für einen

Verräter -- mich« -- lachte er bitter auf -- »mich, der für unsere

Sache freudig sein rotestes Herzblut hingegeben hätte!«

»Davon sind wir alle überzeugt,« sagte ich tröstend.

»Wer -- wir?«

»Nun, ich, -- die Mädchen im Eckhaus und --«

Hofmann sah mich warm an: »Ich danke Ihnen -- es sind wundervolle

Frauen, die beiden.«

Dann zeigte er mir seinen Spazierstock, -- einen schönen Stock mit

silbernem Griff und eingelegten Topasen. »Sehen Sie, lieber Dame,

ich kann Ihnen nicht sagen, warum, aber ein erfahrener Freund hat mir

dringend angeraten, mich dieses Stockes zu entledigen, -- es spielt

da eine symbolische Bedeutung mit. Ich habe ihn eigens deshalb heute

mitgenommen, raten Sie mir nun, wie ich ihn beseitigen soll, aber so,

daß er nicht wieder aufgefunden wird.«

Wir gingen gerade hinter dem Stadtgarten an einem schmalen Flüßchen

entlang, und ich schlug vor, ihn ins Wasser zu werfen. Das leuchtete

ihm auch ein, wir blieben stehen, Hofmann schwang den Stock ein

paarmal um sich selbst, schleuderte ihn dann aber, wie uns beiden

schien, zu weit, denn wir sahen ihn nicht fallen und mußten annehmen,

daß er jenseits des schmalen Flusses in einem der drüben gelegenen

Privatgärten gelandet sei.

Bestürzt sahen wir uns an: »Das ist ein böses Omen,« stammelte Hofmann;

er war einen Moment ganz außer Fassung.

Ich erbot mich, in der Villa drüben anzufragen, aber er sagte, nein,

auf keinen Fall, er wolle ihn nicht noch einmal in Händen haben.

Noch schlimmer sei es allerdings, wenn er in den Besitz von jemanden

gelange, der ihm übelwolle. Dieser Gedanke schien ihm sehr viel Sorge

zu machen.

In beklommener Stimmung traten wir den Heimweg an, und ein diesmal

wirklich rätselhafter Zufall wollte es, daß wir dicht bei Hofmanns

Wohnung Petersen begegneten. Er ging auf der anderen Seite der Straße,

warf einen scharfen Blick herüber und ging ohne zu grüßen weiter.

Hofmann hatte ihn glücklicherweise nicht gesehen, aber ich kann nicht

leugnen, daß ich mir meine Gedanken darüber machte, und diese Gedanken

waren düsterer Natur.

Es liegt nicht in meiner Art, irgend etwas leicht zu nehmen, aber jetzt

habe ich manchmal ein Gefühl, als ob alle diese Dinge doch noch viel

ernster und furchtbarer seien, als ich bisher ahnte. Ich bin auch nicht

feige, aber Petersens Blick ging mir durch Mark und Bein. Er wird jetzt

wohl denken, daß ich ganz auf Hofmanns Seite stehe. Und wenn ich es

täte, wenn ich ihm wie an diesem Morgen mit Rat und Tat beistehe, --

wird man dann nicht auch mich mit in sein Schicksal verwickeln?

Und noch andere bange Fragen bestürmen mich, -- ich habe viel

persönliche Sympathie für ihn. Ob er wirklich Verrat geübt hat, weiß

ich nicht zu beurteilen, und dennoch möchte ich nicht zu denen gehören,

die in dieser vielleicht noch für spätere Jahrhunderte bedeutsamen

Angelegenheit eine zweifelhafte Rolle spielen.

Selbst wenn meine eigenen Hoffnungen bei diesen letzten Katastrophen

wohl mit untergegangen sind --

Ja -- das Kapital für die Heidenkolonie soll jetzt dasein. Aber wo sind

die Heiden? Allgemein wird die Vermutung laut, daß zuletzt nur Hallwig

und Delius übrig bleiben und den Rest ihres Lebens an einsamen Altären

vertrauern werden.

Im Mai ...

Mein Roman, -- ich fürchte, er wird nie geschrieben werden. Es bedürfte

wohl einer geübteren Hand als der meinen, um aus dem, was ich hier

erlebte und erleben sah, eine nur halbwegs zusammenhängende Handlung

zu gestalten. Und selbst, wenn ich es könnte, -- es kommt mir vor, als

ob der Leser sich um den Höhepunkt der Handlung, den er doch mit gutem

Recht erwartet, betrogen fühlen würde. Denn eben dieser Höhepunkt ist

nie gekommen, -- es war alles schon vorher zu Ende.

Der Höhepunkt würde fehlen, und die letzten Kapitel würden ihn

schmerzlich anmuten. Ich weiß ja selbst noch nicht, wie ich sie

überstehen soll.

* * * * *

Alle gehen fort, -- auch die Eckhausbewohner gedenken Wahnmoching auf

unbestimmte Zeit zu verlassen. Sie luden mich aufs Herzlichste ein,

mitzukommen, aber ich fühle nicht mehr die Kraft dazu.

Ich weiß jetzt auch, daß Susanna mich niemals lieben wird, -- ihr Herz

wird immer irgendeinem anderen gehören. Jetzt blutet es noch um den

Panther, der sie schnöde verlassen hat; aber als ich seiner neulich

Erwähnung tat, fand sie ihr altes frohes Lächeln wieder, das ich so

sehr an ihr liebte, und sagte zuversichtlich: »O, der kommt schon

wieder«.

Sendt ist wieder da, -- unversehrt, wohlbehalten und mit dem heiteren

Lächeln des Weisen stand er plötzlich vor uns.

Wir saßen gerade im Garten des Eckhauses um die Maibowle, die Orlonski

mit kundiger Hand bereitet. Wir feiern alle Tage Abschied, denn keiner

weiß, wann er wirklich abreisen wird, und jeder Tag kann der letzte

sein.

Orlonski stellte wie jeden Abend die Bedingung, daß von den

Wahnmochinger Ereignissen nicht mehr geredet würde, aber kaum hatten

wir die ersten Gläser getrunken, so sprachen wir von nichts anderem.

Maria sah leidend aus, ihre Augen lagen tief in den Höhlen.

»Und doch,« sagte sie, »-- und doch -- ich werde mich niemals damit

abfinden, daß alles das vorbei ist.«

Susanna faßte schwesterlich ihre Hand: »Wenn wir wieder hier sind,

wohnst du ganz bei uns -- --«

»Ja -- und dann -- --«

»O -- einfach vergessen,« sagt Susanna, »man hat uns übel mitgespielt,

und es wird besser sein, wir halten uns in Zukunft nur noch an

Zinnsoldaten.«

In diesem Moment wurde die Glocke gezogen. Wir fuhren in die Höhe, --

sollte der Panther -- sollte unser letzter Abend -- sollte --

Aber es war der Philosoph und er begriff nicht gleich, weshalb man ihn

umringte, begrüßte und mit Fragen überhäufte wie einen Totgeglaubten.

Es stellte sich dann heraus, daß er nur eine Frühlingsreise gemacht und

nicht mehr die Zeit gefunden hatte, sich zu verabschieden.

Herrn Dames Aufzeichnungen: oder, Begebenheiten aus einem merkwürdigen Stadtteil · 第 30 / 44 题