Ich war vierzehn Tage verreist, um mit meinem Stiefvater
zusammenzutreffen.
Nun gehe ich wieder durch die wohlbekannten Straßen, und mir ist zumut
wie in einem schweren Traum. Die Bäume fangen an grün zu werden, aber
es kommt mir so zwecklos -- beinah möchte ich sagen, taktlos -- vor,
daß draußen in der Natur sich alles auf ein neues Leben vorbereitet,
während wir Menschen, insbesondere wir Wahnmochinger, durch sinnlose
Verhängnisse darum gebracht werden.
Zwischen Hallwig und dem Professor ist es zum Bruch gekommen, -- zu
einem endgültigen und furchtbaren Bruch. Was für eine Welt ist dadurch
in Trümmer gegangen, noch ehe sie erstanden war! Und wie widersinnig
das klingt; aber nicht widersinniger, als es tatsächlich ist. Wer
vermöchte auch jetzt noch in unserem Stadtteil Sinn und Widersinn
voneinander zu unterscheiden? Man weiß auch nicht mehr, was Tatsache,
was Vermutung ist, denn alles ist Geheimnis, und alle sprechen darüber.
Es heißt, Hofmann sei durch jene beiden -- den Rabbi und die Jadwiga
-- so verblendet worden, daß er ungemein starke kosmische Substanzen
in ihnen zu entdecken glaubte und (wie mir ja damals schon die
Kappadozische sagte) im Zionismus die Möglichkeit einer großen
Blutleuchte, die ja so sehr herbeigesehnt wurde. Der Rabbi hat nun,
nachdem er sich eine Zeitlang in Wahnmoching aufgehalten, gemeint, das
sei ebensowohl möglich, als daß Luther ein Jude wäre. War Luther ein
Jude, so mußte er eben vorwiegend jahwistisch-molochitische Substanzen
in sich beherbergen. (Jahwistisch ist wohl noch eine stärkere Nuance
für semitisch, -- ich habe diesen Ausdruck zum erstenmal gehört.) Und
nun hat er eine Theorie aufgestellt, nach welcher die Juden unbedingt
auch kosmische Kräfte besitzen müssen, und behauptet, daß sie zu retten
wären, wenn man ihnen zur Blutleuchte verhelfe. Dazu aber sei die
Konzentrierung und Ansiedlung des ganzen Volkes in Palästina, als an
seinem Ausgangspunkt, notwendig.
Als nun Hallwig bei seiner Rückkehr von alledem erfuhr, war er
durchaus nicht einverstanden, sondern beschuldigte Hofmann, daß er
durch Anwendung der kosmischen Geheimnisse die Sache der Juden und des
Zionismus unterstützen wolle, und somit das Heidentum Wahnmochings an
den jahwistischen Moloch in eigner Person verraten und ausgeliefert
habe. Ja, er könne gar nichts anderes damit beabsichtigen, als auf
eigene Hand gewissermaßen eine Filiale des angestrebten kosmischen
Reiches zu gründen -- nein, keine Filiale, sondern ein direktes
Gegenreich -- und sich zum Oberpriester desselben zu machen.
Ob wenigstens hierin Hallwig nicht doch zu weit gegangen ist? Es ist
wohl kaum anzunehmen, daß Hofmann das wirklich wünschte, wo er doch
eine angesehene und auskömmliche Stellung an der hiesigen Universität
inne hat, -- eher noch, daß der schlaue Rabbi ihm seine eigenen
ehrgeizigen Pläne untergeschoben hat.
Wie dem auch sei, Tatsache, unumstößliche Tatsache ist, daß der
Professor schuldig befunden wird, an jenen letzten, äußersten,
ungeheuren Dingen Verrat geübt zu haben, daß jede Brücke zwischen
beiden Kreisen abgebrochen wurde und Hallwig erklärt hat, die
Konsequenzen daraus würden sich schon von selber ergeben.
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Furchtbare Worte, Briefe und Blicke sollen zwischen den beiden
gewechselt worden sein. Aber darüber sind natürlich keine Einzelheiten
bekannt, sondern es dringen nur vage Gerüchte an die Öffentlichkeit,
auch über Delius' letzten Besuch im Hause Hofmann, -- kurz darauf
habe er in einem zeremoniellen Handschreiben jede weitere Beziehung
für gelöst erklärt. Das Schreiben war in altrömischen Lettern auf
Pergament gemalt und mit einer purpurnen Schnur umwunden, an welcher
ein umfangreiches Wachssiegel hing. Überreicht wurde es durch einen
Soldaten, den Delius sich in Ermangelung eines römischen Söldners aus
der städtischen Kaserne geholt hatte. Es heißt auch, der Vorfall mit
der Lampe sei noch einmal zur Sprache gekommen, die Frau Professor
sei zwar bei ihrer Behauptung geblieben, daß sie nur die Ölflecken
gefürchtet habe, Delius aber fasse die Sache nach wie vor von
kosmischen Gesichtspunkten aus auf.
Ich hörte denn auch sagen, abgesehen von allem anderen wäre die Art,
wie dort der Meister geehrt wird, schon lange ein Punkt gewesen, über
den man sich nicht einigen konnte. Hallwig und Delius wollten nur
Götter und Mysterien so geehrt wissen, nicht aber einen sterblichen
Dichter, selbst wenn er noch so würdig sei, bei Festen oder kultlichen
Handlungen voranzuschreiten, -- es dürfe sich dennoch keiner vermessen,
in Wahnmoching der Erste sein zu wollen. Und auch das soll Hofmann
heimlich angestrebt haben, wenn auch nicht für sich, sondern eben für
den Meister.
-- Wer recht, wer unrecht hat, was in diesem Labyrinth von Konflikten
billig oder unbillig ist, -- wer wollte das ergründen? Man hat ja auch,
wie mir der Philosoph einmal sagte, in Wahnmoching von jeher das Licht
der Vernunft verschmäht und ein mystisches Dunkel vorgezogen.
* * * * *
Die Beunruhigung der Gemüter ist aufs höchste gestiegen. Bleich
und verstört sieht man den Professor umhergehen, verängstigt, aber
immer noch mit dem fanatischen Blick die Jadwiga, finster den Rabbi
und wehklagend die Kappadozierin. Hallwig selbst bleibt wie immer
unsichtbar, aber ich begegnete verschiedentlich Delius auf dem Wege
nach seiner Wohnung, die jenseits der kosmischen Wiese liegt. Er hüllte
sich dicht in seinen Mantel, der immer mehr einer Toga gleicht, und
ging verschlossen seiner Wege, als ob er zu einer Verschwörung eilte.
Man sagt, daß die beiden jetzt eine letzte und endgültige Auslese
träfen, denn das Kapital für die heidnische Kolonie stehe ihnen
tatsächlich zur Verfügung. Delius habe eine Liste der in Betracht
kommenden Teilnehmer aufgesetzt, aber Hallwig fast alle Namen wieder
gestrichen. Denn seit der Zionismus hereingespielt hat, ist er sehr
mißtrauisch und hält fast alle für Juden, -- selbst Heinz, weil dieser
sich gegen die Behandlung des Sonnenknaben, als seines Vetters,
aufgelehnt hat.
* * * * *
Und auch Maria ist nun gerichtet. Man stellte sie noch einmal vor
die Wahl, mit allen zu brechen, die ihre einst gepriesene heidnische
Seele gefährden, -- seien es gewesene Sonnenknaben, Verräter mit
zionistischen Tendenzen oder nur friedfertige Vampire (der Vampir
steht noch eine Stufe tiefer als der Molochitische, denn ihm fehlt
die zersetzende Kraft, dafür nährt er sich von den enormen Substanzen
anderer. So gilt zum Beispiel Willy für einen Vampir, warum weiß
niemand und er selbst spricht nicht gern darüber. Deshalb ist auch das
ganze Eckhaus mit einbezogen).
Wir waren alle beisammen, als das Schreiben, welches diese Bedingungen
enthielt, abgegeben wurde; wir saßen dabei, während Maria es las und
Susanna über ihre Schulter mit hinein sah, denn der Panther hatte
es abgefaßt. Man hat ihm das Ressort der Katastrophen und Brüche
übertragen.
Aber Maria hatte ihren großen Moment, sie sagte, nein, das könne sie
nicht.
Dann hatten wir ihretwegen noch schwere Stunden zu überstehen. Sie
entschloß sich am Abend noch einmal zu Hallwig zu gehen und ihn zur
Rede zu stellen, so kalt und offiziell, durch einen Brief von fremder
Hand wollte sie nicht mit diesem Teil ihres Lebens abschließen.
Äußerlich war sie sehr ruhig, trotzdem fühlte man, daß eine furchtbare
Spannung in ihr war, und Chamotte erzählte uns später, sie habe vor dem
Fortgehen einen von Orlonskis spanischen Dolchen von der Wand genommen
und zu sich gesteckt.
Gegen Mitternacht kam sie zurück, warf den Dolch auf den Tisch und
sagte: »Nein -- es ist nichts daraus geworden, es war die ganze Zeit
jemand im Nebenzimmer. Und überhaupt -- man stellt sich das doch anders
vor -- --«
Mehr erfuhren wir nicht über diese letzte Unterredung. Daß wir das
alles so selbstverständlich und ohne besondere Verwunderung hinnahmen,
-- bei den unheimlichen Gerüchten, die seit der Affäre Konstantin und
seit den letzten Ereignissen umgehen, haben selbst die nüchternsten
Köpfe sich gewöhnt, nichts mehr für unmöglich oder untunlich zu halten.
So kam dieser Tage Hofmann zu mir, wir machten einen längeren
Spaziergang, und er sprach auch über dieses Thema. Ich wunderte
mich erst darüber, aber er sagte, man halte mich für durchaus
vertrauenswürdig, -- er selbst habe von Anfang an dieses Gefühl gehabt.
Und seine Mitteilungen -- nun, er vermutet, und mit ihm seine nächsten
Freunde, daß von Hallwigs Seite Entsetzliches gegen ihn geplant wird:
man werde ihn vielleicht auf mysteriöse Weise verschwinden lassen,
seinen Geist verwirren oder ihn ums Leben bringen.
»Aber lieber Professor, das ist doch nicht so einfach,« wandte ich ein.
Er sah mich von der Seite an:
»Einfacher vielleicht, als Sie glauben, Herr Dame, -- wissen Sie, daß
jener Petersen kürzlich geäußert haben soll, er wisse siebenundzwanzig
Arten, wie man einen Menschen unbemerkt aus der Welt schaffen könne?
Und denken Sie nur an den Fall Konstantin: sicher wurde auch dabei
Ähnliches beabsichtigt. Es _gibt_ heidnische Ritualmorde, die vor allem
an Verrätern vollzogen werden -- und man hält mich ja dort für einen
Verräter -- mich« -- lachte er bitter auf -- »mich, der für unsere
Sache freudig sein rotestes Herzblut hingegeben hätte!«
»Davon sind wir alle überzeugt,« sagte ich tröstend.
»Wer -- wir?«
»Nun, ich, -- die Mädchen im Eckhaus und --«
Hofmann sah mich warm an: »Ich danke Ihnen -- es sind wundervolle
Frauen, die beiden.«
Dann zeigte er mir seinen Spazierstock, -- einen schönen Stock mit
silbernem Griff und eingelegten Topasen. »Sehen Sie, lieber Dame,
ich kann Ihnen nicht sagen, warum, aber ein erfahrener Freund hat mir
dringend angeraten, mich dieses Stockes zu entledigen, -- es spielt
da eine symbolische Bedeutung mit. Ich habe ihn eigens deshalb heute
mitgenommen, raten Sie mir nun, wie ich ihn beseitigen soll, aber so,
daß er nicht wieder aufgefunden wird.«
Wir gingen gerade hinter dem Stadtgarten an einem schmalen Flüßchen
entlang, und ich schlug vor, ihn ins Wasser zu werfen. Das leuchtete
ihm auch ein, wir blieben stehen, Hofmann schwang den Stock ein
paarmal um sich selbst, schleuderte ihn dann aber, wie uns beiden
schien, zu weit, denn wir sahen ihn nicht fallen und mußten annehmen,
daß er jenseits des schmalen Flusses in einem der drüben gelegenen
Privatgärten gelandet sei.
Bestürzt sahen wir uns an: »Das ist ein böses Omen,« stammelte Hofmann;
er war einen Moment ganz außer Fassung.
Ich erbot mich, in der Villa drüben anzufragen, aber er sagte, nein,
auf keinen Fall, er wolle ihn nicht noch einmal in Händen haben.
Noch schlimmer sei es allerdings, wenn er in den Besitz von jemanden
gelange, der ihm übelwolle. Dieser Gedanke schien ihm sehr viel Sorge
zu machen.
In beklommener Stimmung traten wir den Heimweg an, und ein diesmal
wirklich rätselhafter Zufall wollte es, daß wir dicht bei Hofmanns
Wohnung Petersen begegneten. Er ging auf der anderen Seite der Straße,
warf einen scharfen Blick herüber und ging ohne zu grüßen weiter.
Hofmann hatte ihn glücklicherweise nicht gesehen, aber ich kann nicht
leugnen, daß ich mir meine Gedanken darüber machte, und diese Gedanken
waren düsterer Natur.
Es liegt nicht in meiner Art, irgend etwas leicht zu nehmen, aber jetzt
habe ich manchmal ein Gefühl, als ob alle diese Dinge doch noch viel
ernster und furchtbarer seien, als ich bisher ahnte. Ich bin auch nicht
feige, aber Petersens Blick ging mir durch Mark und Bein. Er wird jetzt
wohl denken, daß ich ganz auf Hofmanns Seite stehe. Und wenn ich es
täte, wenn ich ihm wie an diesem Morgen mit Rat und Tat beistehe, --
wird man dann nicht auch mich mit in sein Schicksal verwickeln?
Und noch andere bange Fragen bestürmen mich, -- ich habe viel
persönliche Sympathie für ihn. Ob er wirklich Verrat geübt hat, weiß
ich nicht zu beurteilen, und dennoch möchte ich nicht zu denen gehören,
die in dieser vielleicht noch für spätere Jahrhunderte bedeutsamen
Angelegenheit eine zweifelhafte Rolle spielen.
Selbst wenn meine eigenen Hoffnungen bei diesen letzten Katastrophen
wohl mit untergegangen sind --
Ja -- das Kapital für die Heidenkolonie soll jetzt dasein. Aber wo sind
die Heiden? Allgemein wird die Vermutung laut, daß zuletzt nur Hallwig
und Delius übrig bleiben und den Rest ihres Lebens an einsamen Altären
vertrauern werden.
Im Mai ...
Mein Roman, -- ich fürchte, er wird nie geschrieben werden. Es bedürfte
wohl einer geübteren Hand als der meinen, um aus dem, was ich hier
erlebte und erleben sah, eine nur halbwegs zusammenhängende Handlung
zu gestalten. Und selbst, wenn ich es könnte, -- es kommt mir vor, als
ob der Leser sich um den Höhepunkt der Handlung, den er doch mit gutem
Recht erwartet, betrogen fühlen würde. Denn eben dieser Höhepunkt ist
nie gekommen, -- es war alles schon vorher zu Ende.
Der Höhepunkt würde fehlen, und die letzten Kapitel würden ihn
schmerzlich anmuten. Ich weiß ja selbst noch nicht, wie ich sie
überstehen soll.
* * * * *
Alle gehen fort, -- auch die Eckhausbewohner gedenken Wahnmoching auf
unbestimmte Zeit zu verlassen. Sie luden mich aufs Herzlichste ein,
mitzukommen, aber ich fühle nicht mehr die Kraft dazu.
Ich weiß jetzt auch, daß Susanna mich niemals lieben wird, -- ihr Herz
wird immer irgendeinem anderen gehören. Jetzt blutet es noch um den
Panther, der sie schnöde verlassen hat; aber als ich seiner neulich
Erwähnung tat, fand sie ihr altes frohes Lächeln wieder, das ich so
sehr an ihr liebte, und sagte zuversichtlich: »O, der kommt schon
wieder«.
Sendt ist wieder da, -- unversehrt, wohlbehalten und mit dem heiteren
Lächeln des Weisen stand er plötzlich vor uns.
Wir saßen gerade im Garten des Eckhauses um die Maibowle, die Orlonski
mit kundiger Hand bereitet. Wir feiern alle Tage Abschied, denn keiner
weiß, wann er wirklich abreisen wird, und jeder Tag kann der letzte
sein.
Orlonski stellte wie jeden Abend die Bedingung, daß von den
Wahnmochinger Ereignissen nicht mehr geredet würde, aber kaum hatten
wir die ersten Gläser getrunken, so sprachen wir von nichts anderem.
Maria sah leidend aus, ihre Augen lagen tief in den Höhlen.
»Und doch,« sagte sie, »-- und doch -- ich werde mich niemals damit
abfinden, daß alles das vorbei ist.«
Susanna faßte schwesterlich ihre Hand: »Wenn wir wieder hier sind,
wohnst du ganz bei uns -- --«
»Ja -- und dann -- --«
»O -- einfach vergessen,« sagt Susanna, »man hat uns übel mitgespielt,
und es wird besser sein, wir halten uns in Zukunft nur noch an
Zinnsoldaten.«
In diesem Moment wurde die Glocke gezogen. Wir fuhren in die Höhe, --
sollte der Panther -- sollte unser letzter Abend -- sollte --
Aber es war der Philosoph und er begriff nicht gleich, weshalb man ihn
umringte, begrüßte und mit Fragen überhäufte wie einen Totgeglaubten.
Es stellte sich dann heraus, daß er nur eine Frühlingsreise gemacht und
nicht mehr die Zeit gefunden hatte, sich zu verabschieden.