10. März

Mit Maria bei Hofmanns. Es war kein Jour, und wir trafen nur zwei

Gäste dort. Aber diese zwei sind in unserem Stadtteil eine seltene und

auffallende Erscheinung, -- eine junge Polin mit flammend rotem Haar

und bleichem fanatischem Gesicht, sie nennt sich Jadwiga, und ihr

Begleiter ist ein Rabbi von der deutschen Ostgrenze. Wir haben sie im

Karneval kennen gelernt, ich glaube, es war die Kappadozische, die sie

entdeckt und in Wahnmoching lanciert hat. Wieso und warum die beiden

in das Faschingstreiben gerieten, ist bisher unklar geblieben, denn

eigentlich sind sie nur unterwegs, um für den Zionismus Propaganda zu

machen. Darüber wurde auch an diesem Nachmittag viel gesprochen, und es

war nicht uninteressant, wie Jadwiga von dem Elend der israelitischen

Bevölkerung in ihrer Heimat erzählte.

Sie saß auf einem Schemel zu Füßen der Hausfrau und sprach immer

weiter von ihrer Kindheit; was sie erzählte, waren zum Teil seltsame

phantastische Erlebnisse und unleugbar ging ein gewisser Charme von ihr

aus, der die Zuhörer mehr oder minder gefangen nahm (der Rabbi lehnte

derweil finster und schweigend an der Wand). So schilderte sie einen

alten moosbewachsenen Ziehbrunnen, und wie sie als Kind immer in diese

runde, grüne Tiefe hineingesehen und dabei förmliche Visionen gehabt

habe. Und noch vieles andere -- aber bei der Geschichte vom Ziehbrunnen

sprang der Professor auf, durchmaß das Zimmer mit großen Schritten und

fragte ganz erregt:

»Wissen Sie, daß Brunnen kosmische, dionysische Erlebnisse sind?«

»Ich wußte es nicht,« antwortete sie, und ihr blasses Gesicht strahlte

vor Freude. Aber nun kam Delius aus dem Nebenzimmer, er hatte dort

schweigend gesessen und in einem Buch geblättert, -- wir wußten gar

nicht, daß er da war.

»Gewiß,« sagte er, »gewiß, Herr Professor, aber es kommt vor allem

darauf an, wer sie erlebt.« Gleich darauf verabschiedete er sich, warf

noch einen kalten Blick auf den Rabbi und ging.

Es war keine Szene, nicht einmal ein Wortwechsel; es war gar nichts,

und doch hatte man das Gefühl, es sei etwas vorgefallen, und gab sich

alle Mühe, das peinliche Gefühl wieder zu verwischen.

»Ach Barmherzigkeit,« sagte Willy, als wir ihm davon erzählten, »ist

der Rabbi immer noch da? Bei mir ist er auch schon einmal gewesen, um

mich für Zion zu gewinnen, aber es lockt mich nicht, -- das Eckhaus

ist viel sympathischer. Und die Jadwiga ist mir ein Schrecken, -- sie

sieht zum Beispiel immer einen schwarzen Hund, wenn jemand irgendwie

abtrünnig wird, -- solche Leute sind ungemütlich.«

Herrn Dames Aufzeichnungen: oder, Begebenheiten aus einem merkwürdigen Stadtteil · 第 24 / 44 题