Gestern, als ich mittags nach Hause kam, fand ich einen Zettel von
Susanna auf meinem Schreibtisch:
»Es gibt mich wieder -- kommen Sie bald -- S.«
Chamotte sitzt in seiner Kammer am Fenster und bläst die Hirtenflöte,
-- ich hab sie ihm geschenkt, weil er so viel Freude daran hatte.
Auch Chamotte ist melancholisch, -- er macht immer meine Stimmungen mit.
Nachmittags gehe ich hinüber und finde Susanna und Maria allein, unten
in dem großen Zimmer am Ofen. Sie scheinen beide ein wenig gedrückt, --
draußen ist ein trübes, graues Wetter.
»Wie gut, daß Sie kommen,« sagt Maria, -- »es ist heute so unheimlich
-- wir sind eben erst aufgestanden -- und das ganze Haus ist leer --
wir haben keine Ahnung, wo die anderen alle sind.«
Chamotte wird fortgeschickt, um Sekt zu holen, und sie ermunterten sich
ein wenig.
»Warum sind Sie denn heute so deprimiert?«
»Ich weiß nicht, -- es hat eigentlich gar keinen Sinn --« sagt Susanna.
»Doch,« fällt Maria ihr ins Wort -- »alle sind böse auf uns -- ach,
bitte noch ein Glas --, es ist wirklich ein Trost, daß Sie gekommen
sind.«
»Wenn ich Ihnen nur etwas helfen könnte!«
»Das können Sie nicht -- er sagt, meine Seele sei am Erlöschen --
Hallwig natürlich -- was wollen Sie dabei machen? Und nur wegen dem
Karneval.«
»Wie falsch --« sagt Susanna, »nie hat man soviel Seele wie im
Karneval.«
»Verschwendet sie aber an unwürdige Subjekte und unechte Räusche,«
belehrt Maria.
»Ja, was nennt man denn eigentlich echt?«
»Ach, ich glaube, nur was einem selber Spaß macht -- und ihm liegt
es nun einmal nicht, sich zu amüsieren -- aber wir können es nicht
lassen.«
»Nein, das können wir nicht.«
Pause. -- Es klingelt.
»Das wird Georg sein, ach, Susanna, schick ihn fort, -- ich kann ihn
heute nicht sehen -- --«
Als Susanna zurückkommt, frage ich nach dem Panther, -- es war eine
Ideenverbindung, die sich mir unwillkürlich aufdrängte.
»Du lieber Gott, das ist es ja gerade -- denken Sie nur, er ist nun
auch unter die Enormen gegangen -- und sie haben ihn als ›zugehörig‹
akzeptiert, -- das ist eine Vorstufe,« -- es klingt wirklich tiefer
Schmerz aus ihrer Stimme -- »ich hoffte ja so, er wäre belanglos. Aber
sie haben entdeckt, es sei irgendeine Substanz ungewöhnlich stark in
ihm; wie heißt es doch, Maria?«
»Wikingersubstanz, -- das solltest du doch eigentlich wissen --«
»Ach wozu? aber es gefällt ihnen -- und nun gehts natürlich auch über
mich her. -- Und Onski ist aus Zorn über den Panther ins Gebirge --
Willy ist wieder böse, weil er fort ist, und haßt deshalb den Panther
mit, -- er kann es nicht ausstehen, wenn unser häuslicher Friede
wegen anderer Männer gestört wird. -- Sie sehen, es geht uns wirklich
schlecht.«
Ja, das sah ich wohl ein.
Maria warf neues Holz in den Ofen, und nun saßen wir alle drei und
starrten betrübt in die Flammen.
Dann klingelte es wieder, und sie fuhren nervös zusammen. Chamotte
steckte den Kopf in die Tür und fragte, ob Herr Konstantin empfangen
würde.
»Ja, er soll nur kommen,« sagte Maria, -- »der arme Junge wird wohl
auch nicht in rosiger Laune sein, -- zwischen ihm und dem Indianer
hat es einen Krach gegeben, -- von allen Seiten ziehen sich Unwetter
zusammen. Und gerade jetzt, wo man noch so müde ist.«
Konstantin kam und mit ihm Willy, der Susanna die Hand küßte und sich
versöhnlich zeigte. Ja, und Konstantin schien wirklich nicht bei
rosiger Laune, er war ganz verstört und warf sich, ohne zu sprechen,
auf eines der Polster nieder.
»Hast du Hallwig gesprochen?« fragte Maria nach einer Weile.
»Nein, nur Petersen, -- er kam heute in meine Wohnung und kündigte mir
die Freundschaft.«
»Warum hast du auch mit der Murra gebuhlt?«
»Gott, nur so, -- ich mag sie ja eigentlich gar nicht, und das hab
ich ihm auch gesagt. Aber es schien ihn nur noch mehr zu reizen. Er
hat ein förmliches Protokoll aufgenommen und wird es nun wohl Hallwig
unterbreiten.«
»Und glaubst du, daß er deshalb -- --«
»Ach, ich weiß nichts,« seufzte der Sonnenknabe -- »manchmal mag ich
überhaupt nicht mehr. -- Früher konnte ich tun, was ich wollte, --
wenn ich log oder klatschte und ihre Mädchen in mich verliebt waren,
fanden sie es nur enorm, und jetzt wird mir alles das plötzlich
vorgeworfen.«
»Ist Eifersucht nicht eigentlich unheidnisch?« fragte Susanna
nachdenklich.
»Ja, gewiß, -- nur bei Petersen nicht, -- bei ihm gehört sie zur Geste,
und seine Gesten werden immer respektiert. Aber ich habe diesmal
wirklich nicht daran gedacht.«
»Und vor allem, daß es gerade die Murra war,« sagte Maria, »sein
Modell, -- du hättest dich gerade so gut an der Urzeit selbst
vergreifen können.«
»So wird es mir wohl auch ausgelegt werden, -- du sollst sehen, sie
werden mich jetzt für molochitisch erklären.«
»Und meine Seele ist am Erlöschen,« murmelte Maria vor sich hin wie
eine Lektion.
»Ach Maria,« sagt Willy sentimental, aber sie hört nicht darauf, sie
sieht nur wie erstarrt in die Flammen:
»Aber gerade jetzt -- und gerade uns beiden -- --«
* * * * *
Ich vermute, daß sie dabei an die Zauberhoffnungen dachte, von denen
wohl ganz Wahnmoching erfüllt ist, und die, wie man weiß, eine strenge
Scheidung der Substanzen erfordern. Daß es ihr ungerecht und bitter
erscheint, wenn man eben jetzt den Sonnenknaben verwirft und an ihrem
Wert zweifelt ...! Es will mir ja auch nicht recht in den Kopf, daß da
persönliche Konflikte eine solche Rolle spielen können. Aber ich sehe
wohl nicht tief genug, um zu verstehen, warum die Zinnsoldaten ihre
Seele auslöschen, und warum es molochitisch war, daß Konstantin mit des
Indianers Weib buhlte.
Tags darauf sprach ich auch noch mit Willy darüber. Immer von neuem
versuche ich, mir ein Bild von diesem Hallwig zu machen, und stets
zerrinnt es wieder an Unbegreiflichkeiten. Wie ein zürnender Gott
scheint er über Wahnmoching zu walten, aber immer aus der Ferne, immer
in Nebel gehüllt.
Und ich, der Belanglose, bin vielleicht verurteilt, ihn niemals kennen
zu lernen -- wenn nicht der Zufall oder eine innere Notwendigkeit es so
fügt. Aus eigener Initiative werde ich wohl niemals den ersten Schritt
wagen -- gerade jetzt, wo selbst die Nächsten sich nicht trauen, seine
Zauberkreise zu stören, und ganz Wahnmoching in ahnungsvollem Abwarten
verharrt, wer auserwählt und wer verworfen wird.
Ich fühle heimliche Eifersucht auf den Panther, er ist so groß, blond
und gewaltig, -- das ist wohl die Wikingersubstanz, durch die er
Susannas Herz gewonnen und sich bei den Enormen die Zugehörigkeit
erworben hat.
Heut morgen war er da, sie sprachen lange zusammen in Susannas Zimmer
-- in der Küche saßen derweil Konstantin und Maria mit Hofmann --, sie
klagten ihm ihr Leid, und er schien sehr nachdenklich.
Ich flüchtete mich zu Willy, denn ich war überall im Wege. Auch unsere
Unterhaltung drehte sich um Hallwig und die Zauberei. Es ist, wo zwei
oder drei Wahnmochinger beisammen sind, von nichts anderem mehr die
Rede.
Willy gehört zu den Ungläubigen, er bezweifelt, daß etwas dabei
zustande kommt, und hält die ganze Hoffnung für ziemlich illusorisch.
Ja, wenn Delius sich daran beteiligte, meinte er, dann könnten
vielleicht wunderbare Dinge geschehen, aber der hält nichts vom Zaubern.
»Warum denn nicht?«
»Ich weiß nicht -- vielleicht findet er es überflüssig -- und ob
Hallwig und der Professor allein damit reussieren ...?«
Ich genierte mich schon wieder, zu fragen: warum nicht?, aber ich tat
es doch.
»Ja, das ist nicht so einfach zu erklären, -- Hallwig hat ja gewiß
einige Anlagen zum Zaubern. Sie sehen selbst, was für eine starke
Suggestion er auf andere ausübt. Aber es scheitert immer wieder daran,
daß er sich mit seiner Umgebung brouilliert. Er sucht möglichst viele
kosmische Substanzen um sich zu sammeln -- kreiert Sonnenknaben,
Hetären und Priesterinnen, -- dann wirft er wieder alles um, wie bei
einem Schachbrett die Figuren, und sagt, es sei doch nichts gewesen.
Schließlich wird nur noch er selbst übrig bleiben.«
»Und der Professor?«
»Der macht es gerade umgekehrt und bejaht, was nur zu bejahen ist. Er
wird vielleicht in einem Atem bejahen, daß Maria und Konstantin doch
enorm sind, und daß Hallwig in allem, was er tut, recht hat. Wir alle
lieben ihn ja gerade deshalb, -- es ist eine wirklich liebenswürdige
Eigenschaft, aber in diesem Falle kann sie ihm verhängnisvoll werden.«
»Wieso?«
»Ach, Sie fragen so viel, und ich hab noch nicht einmal gefrühstückt.
Seit Orlonski fort ist und die Wahnmochingerei auch unser friedliches
Eckhaus verheert, ist es wirklich recht zum Verzweifeln.«
Wir riefen mit vereinten Kräften nach Chamotte.
»Am Ende sitzt er auch irgendwo und spricht über Hallwig,« meinte
Willy, »oder er sucht sich über seine Substanz klar zu werden.«
Nein, er saß unten im Flur und spielte die Flöte. Susanna hatte ihn als
Türhüter angestellt, um etwaige lästige Besuche fern zuhalten.
Er brachte uns dann Kaffee, und es wurde gemütlicher.
»Wissen Sie, lieber Freund und Dame,« sagte Willy, »Sie sind etwas
zu spät gekommen. Die große Wahnmochinger Bewegung hat sich schon
überlebt -- noch ehe sie eigentlich das Licht der Welt erblickt hat.«
»Und ich dachte, es sollte gerade erst anfangen,« entgegnete ich trübe.
»Ja, Sie haben, wie mancher andere, das Ende mit dem Anfang
verwechselt. Wir alten Eingeborenen können uns darüber nicht täuschen,
-- wir haben auch alle gefühlt, daß dieser berauschte Karneval nur ein
Versuch war, wieder zusammenzufügen, was sich innerlich zu zerspalten
droht. Sie haben ja selbst gesehen, daß Hallwig nicht daran teilnahm.
Das ist ein schlimmes Symptom. Und auch Delius soll gemurrt haben, daß
man dem Cäsar Ehren erwies, die nur Göttern zukommen. Aber noch hofft
man auf Zeichen und Wunder, und alles wird davon abhängen -- --«
Während der letzten Worte war Susanna ins Zimmer getreten; unten fiel
die Haustür dröhnend ins Schloß, der Panther schien sich entfernt zu
haben.
»Hört auf, hört um Gottes willen auf,« sagte sie, »wir werden ja
allmählich noch alle verrückt. Hofmann ist ganz aufgeregt fortgegangen,
Konstantin hat sich aus Verzweiflung schlafen gelegt, Chamotte bläst
unentwegt die Flöte, und Maria sitzt in der Küche und weint.«
»Außerdem ist es bald zwei Uhr nachmittags, und wir sitzen hier beim
ersten Frühstück,« bemerkte Willy strafend, -- »wenn Maria in der Küche
weint, werden wir wohl schwerlich zu einem Mittagessen kommen.«
Ich schlage vor, wir wollten in die Stadt gehen und nachher den
Philosophen besuchen.
»Und an Orlonski telegraphieren, daß er wiederkommt,« sagte Willy
energisch, »es ist Zeit, daß wir wieder eine geordnete Existenz
anfangen.«
Und Susanna erklärte sich einverstanden.
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