3. März

Gestern, als ich mittags nach Hause kam, fand ich einen Zettel von

Susanna auf meinem Schreibtisch:

»Es gibt mich wieder -- kommen Sie bald -- S.«

Chamotte sitzt in seiner Kammer am Fenster und bläst die Hirtenflöte,

-- ich hab sie ihm geschenkt, weil er so viel Freude daran hatte.

Auch Chamotte ist melancholisch, -- er macht immer meine Stimmungen mit.

Nachmittags gehe ich hinüber und finde Susanna und Maria allein, unten

in dem großen Zimmer am Ofen. Sie scheinen beide ein wenig gedrückt, --

draußen ist ein trübes, graues Wetter.

»Wie gut, daß Sie kommen,« sagt Maria, -- »es ist heute so unheimlich

-- wir sind eben erst aufgestanden -- und das ganze Haus ist leer --

wir haben keine Ahnung, wo die anderen alle sind.«

Chamotte wird fortgeschickt, um Sekt zu holen, und sie ermunterten sich

ein wenig.

»Warum sind Sie denn heute so deprimiert?«

»Ich weiß nicht, -- es hat eigentlich gar keinen Sinn --« sagt Susanna.

»Doch,« fällt Maria ihr ins Wort -- »alle sind böse auf uns -- ach,

bitte noch ein Glas --, es ist wirklich ein Trost, daß Sie gekommen

sind.«

»Wenn ich Ihnen nur etwas helfen könnte!«

»Das können Sie nicht -- er sagt, meine Seele sei am Erlöschen --

Hallwig natürlich -- was wollen Sie dabei machen? Und nur wegen dem

Karneval.«

»Wie falsch --« sagt Susanna, »nie hat man soviel Seele wie im

Karneval.«

»Verschwendet sie aber an unwürdige Subjekte und unechte Räusche,«

belehrt Maria.

»Ja, was nennt man denn eigentlich echt?«

»Ach, ich glaube, nur was einem selber Spaß macht -- und ihm liegt

es nun einmal nicht, sich zu amüsieren -- aber wir können es nicht

lassen.«

»Nein, das können wir nicht.«

Pause. -- Es klingelt.

»Das wird Georg sein, ach, Susanna, schick ihn fort, -- ich kann ihn

heute nicht sehen -- --«

Als Susanna zurückkommt, frage ich nach dem Panther, -- es war eine

Ideenverbindung, die sich mir unwillkürlich aufdrängte.

»Du lieber Gott, das ist es ja gerade -- denken Sie nur, er ist nun

auch unter die Enormen gegangen -- und sie haben ihn als ›zugehörig‹

akzeptiert, -- das ist eine Vorstufe,« -- es klingt wirklich tiefer

Schmerz aus ihrer Stimme -- »ich hoffte ja so, er wäre belanglos. Aber

sie haben entdeckt, es sei irgendeine Substanz ungewöhnlich stark in

ihm; wie heißt es doch, Maria?«

»Wikingersubstanz, -- das solltest du doch eigentlich wissen --«

»Ach wozu? aber es gefällt ihnen -- und nun gehts natürlich auch über

mich her. -- Und Onski ist aus Zorn über den Panther ins Gebirge --

Willy ist wieder böse, weil er fort ist, und haßt deshalb den Panther

mit, -- er kann es nicht ausstehen, wenn unser häuslicher Friede

wegen anderer Männer gestört wird. -- Sie sehen, es geht uns wirklich

schlecht.«

Ja, das sah ich wohl ein.

Maria warf neues Holz in den Ofen, und nun saßen wir alle drei und

starrten betrübt in die Flammen.

Dann klingelte es wieder, und sie fuhren nervös zusammen. Chamotte

steckte den Kopf in die Tür und fragte, ob Herr Konstantin empfangen

würde.

»Ja, er soll nur kommen,« sagte Maria, -- »der arme Junge wird wohl

auch nicht in rosiger Laune sein, -- zwischen ihm und dem Indianer

hat es einen Krach gegeben, -- von allen Seiten ziehen sich Unwetter

zusammen. Und gerade jetzt, wo man noch so müde ist.«

Konstantin kam und mit ihm Willy, der Susanna die Hand küßte und sich

versöhnlich zeigte. Ja, und Konstantin schien wirklich nicht bei

rosiger Laune, er war ganz verstört und warf sich, ohne zu sprechen,

auf eines der Polster nieder.

»Hast du Hallwig gesprochen?« fragte Maria nach einer Weile.

»Nein, nur Petersen, -- er kam heute in meine Wohnung und kündigte mir

die Freundschaft.«

»Warum hast du auch mit der Murra gebuhlt?«

»Gott, nur so, -- ich mag sie ja eigentlich gar nicht, und das hab

ich ihm auch gesagt. Aber es schien ihn nur noch mehr zu reizen. Er

hat ein förmliches Protokoll aufgenommen und wird es nun wohl Hallwig

unterbreiten.«

»Und glaubst du, daß er deshalb -- --«

»Ach, ich weiß nichts,« seufzte der Sonnenknabe -- »manchmal mag ich

überhaupt nicht mehr. -- Früher konnte ich tun, was ich wollte, --

wenn ich log oder klatschte und ihre Mädchen in mich verliebt waren,

fanden sie es nur enorm, und jetzt wird mir alles das plötzlich

vorgeworfen.«

»Ist Eifersucht nicht eigentlich unheidnisch?« fragte Susanna

nachdenklich.

»Ja, gewiß, -- nur bei Petersen nicht, -- bei ihm gehört sie zur Geste,

und seine Gesten werden immer respektiert. Aber ich habe diesmal

wirklich nicht daran gedacht.«

»Und vor allem, daß es gerade die Murra war,« sagte Maria, »sein

Modell, -- du hättest dich gerade so gut an der Urzeit selbst

vergreifen können.«

»So wird es mir wohl auch ausgelegt werden, -- du sollst sehen, sie

werden mich jetzt für molochitisch erklären.«

»Und meine Seele ist am Erlöschen,« murmelte Maria vor sich hin wie

eine Lektion.

»Ach Maria,« sagt Willy sentimental, aber sie hört nicht darauf, sie

sieht nur wie erstarrt in die Flammen:

»Aber gerade jetzt -- und gerade uns beiden -- --«

* * * * *

Ich vermute, daß sie dabei an die Zauberhoffnungen dachte, von denen

wohl ganz Wahnmoching erfüllt ist, und die, wie man weiß, eine strenge

Scheidung der Substanzen erfordern. Daß es ihr ungerecht und bitter

erscheint, wenn man eben jetzt den Sonnenknaben verwirft und an ihrem

Wert zweifelt ...! Es will mir ja auch nicht recht in den Kopf, daß da

persönliche Konflikte eine solche Rolle spielen können. Aber ich sehe

wohl nicht tief genug, um zu verstehen, warum die Zinnsoldaten ihre

Seele auslöschen, und warum es molochitisch war, daß Konstantin mit des

Indianers Weib buhlte.

Tags darauf sprach ich auch noch mit Willy darüber. Immer von neuem

versuche ich, mir ein Bild von diesem Hallwig zu machen, und stets

zerrinnt es wieder an Unbegreiflichkeiten. Wie ein zürnender Gott

scheint er über Wahnmoching zu walten, aber immer aus der Ferne, immer

in Nebel gehüllt.

Und ich, der Belanglose, bin vielleicht verurteilt, ihn niemals kennen

zu lernen -- wenn nicht der Zufall oder eine innere Notwendigkeit es so

fügt. Aus eigener Initiative werde ich wohl niemals den ersten Schritt

wagen -- gerade jetzt, wo selbst die Nächsten sich nicht trauen, seine

Zauberkreise zu stören, und ganz Wahnmoching in ahnungsvollem Abwarten

verharrt, wer auserwählt und wer verworfen wird.

Ich fühle heimliche Eifersucht auf den Panther, er ist so groß, blond

und gewaltig, -- das ist wohl die Wikingersubstanz, durch die er

Susannas Herz gewonnen und sich bei den Enormen die Zugehörigkeit

erworben hat.

Heut morgen war er da, sie sprachen lange zusammen in Susannas Zimmer

-- in der Küche saßen derweil Konstantin und Maria mit Hofmann --, sie

klagten ihm ihr Leid, und er schien sehr nachdenklich.

Ich flüchtete mich zu Willy, denn ich war überall im Wege. Auch unsere

Unterhaltung drehte sich um Hallwig und die Zauberei. Es ist, wo zwei

oder drei Wahnmochinger beisammen sind, von nichts anderem mehr die

Rede.

Willy gehört zu den Ungläubigen, er bezweifelt, daß etwas dabei

zustande kommt, und hält die ganze Hoffnung für ziemlich illusorisch.

Ja, wenn Delius sich daran beteiligte, meinte er, dann könnten

vielleicht wunderbare Dinge geschehen, aber der hält nichts vom Zaubern.

»Warum denn nicht?«

»Ich weiß nicht -- vielleicht findet er es überflüssig -- und ob

Hallwig und der Professor allein damit reussieren ...?«

Ich genierte mich schon wieder, zu fragen: warum nicht?, aber ich tat

es doch.

»Ja, das ist nicht so einfach zu erklären, -- Hallwig hat ja gewiß

einige Anlagen zum Zaubern. Sie sehen selbst, was für eine starke

Suggestion er auf andere ausübt. Aber es scheitert immer wieder daran,

daß er sich mit seiner Umgebung brouilliert. Er sucht möglichst viele

kosmische Substanzen um sich zu sammeln -- kreiert Sonnenknaben,

Hetären und Priesterinnen, -- dann wirft er wieder alles um, wie bei

einem Schachbrett die Figuren, und sagt, es sei doch nichts gewesen.

Schließlich wird nur noch er selbst übrig bleiben.«

»Und der Professor?«

»Der macht es gerade umgekehrt und bejaht, was nur zu bejahen ist. Er

wird vielleicht in einem Atem bejahen, daß Maria und Konstantin doch

enorm sind, und daß Hallwig in allem, was er tut, recht hat. Wir alle

lieben ihn ja gerade deshalb, -- es ist eine wirklich liebenswürdige

Eigenschaft, aber in diesem Falle kann sie ihm verhängnisvoll werden.«

»Wieso?«

»Ach, Sie fragen so viel, und ich hab noch nicht einmal gefrühstückt.

Seit Orlonski fort ist und die Wahnmochingerei auch unser friedliches

Eckhaus verheert, ist es wirklich recht zum Verzweifeln.«

Wir riefen mit vereinten Kräften nach Chamotte.

»Am Ende sitzt er auch irgendwo und spricht über Hallwig,« meinte

Willy, »oder er sucht sich über seine Substanz klar zu werden.«

Nein, er saß unten im Flur und spielte die Flöte. Susanna hatte ihn als

Türhüter angestellt, um etwaige lästige Besuche fern zuhalten.

Er brachte uns dann Kaffee, und es wurde gemütlicher.

»Wissen Sie, lieber Freund und Dame,« sagte Willy, »Sie sind etwas

zu spät gekommen. Die große Wahnmochinger Bewegung hat sich schon

überlebt -- noch ehe sie eigentlich das Licht der Welt erblickt hat.«

»Und ich dachte, es sollte gerade erst anfangen,« entgegnete ich trübe.

»Ja, Sie haben, wie mancher andere, das Ende mit dem Anfang

verwechselt. Wir alten Eingeborenen können uns darüber nicht täuschen,

-- wir haben auch alle gefühlt, daß dieser berauschte Karneval nur ein

Versuch war, wieder zusammenzufügen, was sich innerlich zu zerspalten

droht. Sie haben ja selbst gesehen, daß Hallwig nicht daran teilnahm.

Das ist ein schlimmes Symptom. Und auch Delius soll gemurrt haben, daß

man dem Cäsar Ehren erwies, die nur Göttern zukommen. Aber noch hofft

man auf Zeichen und Wunder, und alles wird davon abhängen -- --«

Während der letzten Worte war Susanna ins Zimmer getreten; unten fiel

die Haustür dröhnend ins Schloß, der Panther schien sich entfernt zu

haben.

»Hört auf, hört um Gottes willen auf,« sagte sie, »wir werden ja

allmählich noch alle verrückt. Hofmann ist ganz aufgeregt fortgegangen,

Konstantin hat sich aus Verzweiflung schlafen gelegt, Chamotte bläst

unentwegt die Flöte, und Maria sitzt in der Küche und weint.«

»Außerdem ist es bald zwei Uhr nachmittags, und wir sitzen hier beim

ersten Frühstück,« bemerkte Willy strafend, -- »wenn Maria in der Küche

weint, werden wir wohl schwerlich zu einem Mittagessen kommen.«

Ich schlage vor, wir wollten in die Stadt gehen und nachher den

Philosophen besuchen.

»Und an Orlonski telegraphieren, daß er wiederkommt,« sagte Willy

energisch, »es ist Zeit, daß wir wieder eine geordnete Existenz

anfangen.«

Und Susanna erklärte sich einverstanden.

14

Herrn Dames Aufzeichnungen: oder, Begebenheiten aus einem merkwürdigen Stadtteil · 第 22 / 44 题