1 Uhr nach Mitternacht.

Ich stieg wieder auf’s Verdeck und hielt bis jetzt aus. Meine Gefährten

bei dem regnerischen Spaziergange waren zwei Engländer, der junge Mann,

der die große Tour macht, und der erste Maschinist des Dampfers. Sie

ganz mit Reminiscenzen an Lord Byron und den 2. Gesang des „Childe

Harold“ erfüllt, ich nur mit Homer und dem 13. Gesange der Odyssee

beschäftigt. Abwechselnd mußte der eine von dem andern die Schicksale

der Sappho und die glückliche Heimkehr des Odysseus vordeclamirt hören.

Das leukadische Vorgebirge lag schwarz, wie ein Sarg gestaltet, der

alle Lieb und Treu begraben hält, hinter uns; Ithaka zur Rechten, hoch

und mächtig; Cephalonia zur Linken mehr in flachen gestreckten Linien.

Ueberall nur Umrisse, die gleich dunkel ausgefüllt waren, denn der Mond

war verborgen und die Nacht zu dicht, um von den Einzelnheiten irgend

etwas erkennen zu können. Der Regen rieselte, aber ich harrte aus; was

war meine Geduld gegen die des großen Dulders Odysseus! Wach wollte ich

ihm und seiner Heimath einen Tribut dankbarer Erinnerung zollen. Um

Mitternacht begegneten wir dem Dampfer, der aus Constantinopel kommt.

Mit Raketen begrüßten sich die beiden Schiffe. Und hier, kurz darauf,

kämpfte sich der Mond durch die Wolken durch. Geisterhaft in seinem

bleichen Lichte wie ein wirklich gewordenes Sagenbild stand Ithaka

da; Cephalonia blieb in Schatten gehüllt; die Erscheinung kam und

ging, schnell wie die eines Traumes, die sich der Geist mit lebhaften

Wünschen erzwungen hat.

An Bord des „Stadium“, 17. Mai.

Auf dem Verdecke begrüßt mich frische und doch warme Luft, herrliche

blaue See, geklärte Fernsicht, im Osten die Kette der messenischen

Berge mit sanften grünen Hängen, die zum flachen Ufer abfallen, das

schneegesalbte Haupt des Taygelus über allen; im Westen das freie

Meer, wo eine Menge großer Schiffe mit geschwellten Segeln nordwärts

streben. Wir sind im Golfe von Arkadien, heilige Namen und heiliges

Land überall. Der Morgen voll Salbung, die alle Lebensgeister anregt

und das Dasein wieder einmal recht des Lebens werth erscheinen läßt.

Der Insel Prodano fahren wir vorüber, später der Klippe Sphakteria,

hinter der geborgen der Busen und die Ortschaft Navarin liegen. Auch

hier wieder sind es Homer und Byron, die unserem Gedenken begegnen. Die

sandige Pylos des Nestor, wo Telemach von Mentor geführt Hilfe und Rath

suchte, lag einst auf dem Abhange dieser Berge, und Sphakteria, das

lange Seeräuber beherbergte, ist als Schauplatz des Corsaren gedacht.

Modon taucht auf. Nach 10 Uhr sind wir ihm so nahe, daß jedes einzelne

Gebäude deutlich zu erkennen, Thürme, Mauern, runde Thorbogen aus

der Venetianer-Zeit auf einer schmalen weit gegen Süden auslaufenden

Halbinsel zu unterscheiden sind. Todt und leer wie eine Gräberstadt

sieht es aus, als habe das viele Blut, das hier in alter und neuer

Zeit geflossen, alle Lebensfähigkeit weggespült. Es gibt Gegenden,

die wie einzelne Geschlechter verurtheilt zu sein scheinen, ewig die

schlimmsten Gräuelthaten der Menschheit zu tragen. Diese kleine Spanne

der messenischen Küste hat solch’ ein Schicksal. Jedes Jahrhundert

spielte hier seinen Verrath, seine Blutthat, vom Siege der Athener über

Sparta 425 Jahre v. Chr. bis zum ~untoward event~ am 20. October

1827 n. Chr. Und wie seine Geschichte so ist auch der Ort: verfallen,

den Ruinen eines Stammschlosses ähnlich. Nur ab und zu wirft ein

vereinsamter Baum, eine trauernde Cypresse oder eine graue Olive lang

gezogene Schatten auf den dürren Boden; der strafende Gott scheint Salz

in ihn gestreut zu haben, damit das Wachsthum dort ersterbe, wo der

Mensch den Tod gesäet hat.

Ganz nahe zu unserer Rechten haben wir die wüsten Felseninseln

Sapienza, dann Cabrera. Auch das sind Leichenhügel, von der

voraussichtigen Natur dem künftigen Menschenschicksale aufgeworfen.

Zwei der blutigsten Seeschlachten wurden in diesen Gewässern

geschlagen, zwischen Venetianern und Genuesen, am 3. November 1354, als

Doria den berühmten Pisani gefangen nahm, und am 6. October 1403, da

der abenteuerliche Carlo Zeno den Genuesen diese Niederlage vergalt. So

unstät sind Glück und Wellen.

In der engen Straße zwischen dieser Insel und dem Festlande begegnete

uns der Lloyddampfer, der aus Alexandrien kommt; eine gute Weile hinter

ihm der der italienischen Gesellschaft, der doch zwei Stunden vor dem

Lloydschiffe abgefahren war.

Der Tag wird wärmer. Um 12 Uhr passiren wir das wilde felsige Eiland

Venetico. Scharf gekantet und prächtig roth gefärbt, so wie sich

unsere Phantasie südländische Klippen vorstellt, erscheint es uns.

Dahinter liegt, nur durch schmales Wasser von ihm geschieden, das Cap

Gallo, Akritas nannten es die Alten und die Insel davor Teganussa.

Der messenische Golf, heute der von Koron, thut sich auf, breit und

tief in’s Land geschnitten. Aber dem Taygetus und den Bergen, die sich

gerade vor uns trennend zwischen dem messenischen und lakonischen

Busen aufstellen, verhüllen dichte Wolken die Kuppen. Ich sehe diese

berühmten Formen nicht. Was sie drohen, die Gewitter, verwirklicht

sich bei dem Cap Matapan; es gießt, aber die See bleibt gefügig. Um 3

Uhr umschiffen wir das Vorgebirge, die südlichste Spitze von Europa,

die mittlere von den dreien, in welche die Halbinsel Morea ausläuft.

Zwei Golfe ruhen zwischen ihren Wällen; dem von Koron, d. i. dem

messenischen, sind wir schon vorüber, der von Lakonien oder Marathonisi

öffnet sich eben zu unserer Linken, aber unter Nebel und Regengüssen

verborgen. Das dritte Vorgebirge, das maleische, Cap Malea, das einzige

unter den dreien, das sich auch im heutigen Volksmunde noch den alten

Namen erhalten hat, passiren wir um 6 Uhr und mit ihm die Grenze vom

mittelländischen Meere in den Archipel. Man zieht diese von hier

aus nach Cap Spada auf Kandia, so daß Cerigo, die letzte der sieben

jonischen Inseln, noch außerhalb des Archipel im mittelländischen Meere

liegt. Sie ist eben zu unserer Rechten mit steinigem Vorlande, das

nach den gleichartigen Abstürzen der Festlandsküste hinübergreift. Wer

sie nur von dieser Seite sieht, glaubt ihr nicht, daß 13.000 Menschen

behaglich auf ihr leben und in ihrem Süden eine ordentliche Stadt

besteht. Noch weniger begreift er, warum sie mit dem Schönsten, was

die Welt je besessen, mit der Geburtsstätte Aphroditens geschmückt

ward. Aus diesen Wellen stieg die Schaumgeborne und Cythere war ihr

Lieblingssitz. Wenn es Sonne und Farbe so wie heute Morgens Venetico

vergolden, mag dieser Einfall der Phantasie erklärlicher erscheinen. So

wie es jetzt ist, wo Alles grau und nebelig einem Regentage in Ischl

gleicht, kann die Tradition das Auge nicht überzeugen.

Malea war das gefürchtetste Cap der Alten; Jeder sollte sein Testament

machen, ehe er es umschiffte. Wir fahren sicher und so nahe daran

vorbei, daß ich jeden Stein auf den kahlen Wänden und seine gänzliche

Vegetationslosigkeit erkenne. Eine rothe Fahne sehe ich und den

Fußsteig, den sich der allen Seefahrern des mittelländischen Meeres

wohlbekannte Eremit zurecht gemacht hat. Seitdem ihm ein Lloyddampfer

den Gruß mit einem überaus artigen Kanonenschusse erwidert hat, wagt er

nicht mehr sich selbst zu zeigen. Braucht er Lebensmittel, so begehrt

er sie von den Vorübersegelnden, die beilegen und sie ihm in einem

Boote senden gegen seinen Segen, den er hoch von der Felsenklippe herab

mit dem Kreuzeszeichen dem Schiffe und der Mannschaft gibt. Mich zieht

es zu dem Manne hin, der die angeborene Bedürftigkeit unserer Natur

durch die noch größere Sehnsucht nach Ruhe überwunden haben muß.

Wir fahren auf aussichtslosem Meere; der Regen, der immer dichter wird,

nöthigt mich in die Kajüte hinab.

Eben 11 Uhr Nachts scheitert der Versuch eines Spazierganges. Ein

jämmerlicher Anblick das Verdeck mit den hunderten obdachloser

Menschen. Man hat drei große Segel als niedere Zelte darüber

ausgespannt; darunter bergen sie sich, Albanesen, Montenegriner,

Griechen, Türken, Neger, auf dem Mittel- Und Vorderdeck so dicht

zusammengedrängt, daß dort jeder Durchgang versperrt ist. Schon den

Tag über rührte mich die Sorgfalt der türkischen Männer für ihre

Frauen und Kinder, und das unterschiedslos, ob es Sclavinnen oder die

Herrin war, so daß mir erst später die einzelnen Standesunterschiede

kenntlich wurden. Allen gemeinsam breiteten sie um den Glaspavillon,

der wenigstens einigen Schirm bot, Teppiche und Kissen zu Lagerstätten

aus, deckten die Weiber zu, kamen wieder, sprachen ihnen Muth und

Trost ein, straften die Kinder, wenn diese mit ihren muntern Spielen

die Passagiere des ersten Platzes zu geniren drohten. Die Kinder sind

meine Freude, besonders ein Mädchen und ein Bube, der beim Laufen

immer die weiten groß geblümten Cattunhosen verliert. Als der Guß gar

zu arg wurde und sich auch die Kinder unter die Decken verkriechen

mußten, sehen wir, wie sie ihre zarten feinen Gesichtchen fest an

die Glasscheiben der Verdeckstrommel drücken, um hinab zu uns in

den Damensalon zu schauen. Die Ordnung des Schiffes verbot es, sie

herunter zu holen, so blieb unserer Theilnahme nichts, als ihnen Obst

und Zuckerwerk hinauf zu senden. Mit Kußhänden, die sie uns zuwarfen,

dankten sie, und dann statt zu essen boten sie die Geschenke zuerst

den Frauen, den älteren Schwestern, den Müttern und Sclavinnen an.

Diese haben den Tag über, so lang’ es ihnen das Wetter erlaubte, an

dem Zusammenflicken alter Lumpen gearbeitet, Fetzen, die auch die

sparsamste deutsche Hausfrau weggeworfen haben würde. Eine Negerin

insbesondere war unerschöpflich in der Geduld um die Ausbesserung eines

alten Schleiers zu Stande zu bringen. Alle hatten das Gesicht verhüllt.

Schön scheint nur ein Mädchen von 14 bis 16 Jahren. Die Männer sind

Officiere und gemeine Soldaten, aber auch diese unterschiedslos

durcheinander gemischt. Das Alles dementirt in gar Manchem die

Vorstellungen von türkischer Art, die ich mitbringe.

An Bord des „Stadium“, 18. Mai.

Um 5 Uhr weckte mich das Herablassen des Ankers. Er fiel in den Hafen

von Syra. Durch die Luke neben meinem Bette sah ich Meer und Himmel

noch immer grau und auf dem Verdecke hörte ich den Regen wie gestern

trommeln. So schlief ich noch eine Stunde länger und fand später auf

dem Verdecke dasselbe Wetter wieder. Schmutz und Lärm halfen ihm den

Aufenthalt dort oben recht unbehaglich zu machen. Man lud Kohlen ein;

dazwischen drängten sich die Verkäufer der Südfrüchte, um unsere

Deckpassagiere zu verköstigen. Zu beiden Seiten des Dampfers lagen

große Boote mit offenen Säcken voll von Nüssen, Mispeln, Kirschen,

Citronen, gedörrten Feigen, Mandeln, Paradiesäpfeln und Artischocken;

andere die mit Zwiebeln, Knoblauch, Salat und wieder andere die mit

Fischen, frischen und geräucherten, beladen waren. Käufer und Verkäufer

suchten sich um den größern Vortheil durch das lauteste Geschrei zu

betrügen, die Meisten verstanden sich nur durch Geberden. Ich habe

nirgends das Auge schneller fassen sehen was das Ohr nicht begreift,

als bei diesen Griechen. Indeß die Männer handelten, lamentirten die

Frauen, rangen sie das Wasser aus den getränkten Decken, um sie endlich

doch wieder gegen den noch immer strömenden Regen auszuspannen. Nur die

Kinder waren sorglos und gleichgiltig für das geschäftige Treiben um

sie.

Syra, eine ansehnliche Stadt, liegt auf den Abhängen der Felsenberge,

die den Hafen ziemlich enge einschließen; die Häuser steil über

einander und oben in eine Spitze zusammenlaufend, daß die ganze Stadt

einem großen riesigen Thurme ähnlich sieht. Der Verkehr des Hafens ist

ein reger; französische, griechische, russische und österreichische

Dampfer bemerke ich darin, und zwei Lloydschiffe sind eben aus Smyrna

und Athen angekommen, zwei andere rüsten sich zur Abreise dorthin. Das

unserige nimmt eine Menge Passagiere auf; das ist aber auch Alles, was

mir in den fünf Stunden unserer Rast auffällt. Im freien Meere sieht

man sonst die schönen Formen berühmter Inseln, heute ist jede Aussicht

durch den Regen verschlossen.

Erst um 10 Uhr fährt das Schiff und wenige Minuten vor dem unserigen

das, welches rechts hinüber, wo wir herkamen, nach dem Piräus steuert.

Kaum ist jenes außer dem Hafen, so verrathen seine Schwankungen das,

was auch unseren Passagieren bevorsteht. Ein starker Wind, der sich

inzwischen erhoben, erregt die bis zum Morgen so ruhige See. Wir fahren

nach dem Canale, der zwischen Tynos und Mykone aus dem Inselmeere des

Archipel in das freiere ägäische führt, aber Regen und Nebel dunkeln

so die Luft, daß wir selbst von diesen doch so nahen Küsten nichts

sehen. Das Wetter wird gleich nach der Ausfahrt das schlechteste. Die

See geht hoch, der Wind bläst stark und schon um 4 Uhr mißhandelt uns

ein förmlicher Sturm. Beim Essen erscheinen außer dem Capitän und Arzte

nur ich und ein junger Grieche, die Anderen liegen krank und in sich

gezogen in ihren Cabinen, oder die, welche Linderung von der frischen

Luft erwarten, oben auf dem Verdeck in Plaids und Mäntel gewickelt.

Der Regen läßt nach, aber das Wüthen des Windes und der Wellen wächst

von Stunde zu Stunde. Zuerst waren es regelmäßige, gleichgemessene

Schwingungen, die das Schiff von hinten nach vorne emporhoben, als

wolle es zu den Mastspitzen hinauf und dann von solcher Höhe wieder

hinab sich auf den Meeresgrund versenken. Man konnte den Wellen

entgegenkommen und ihnen mit der Erwartung gewissermaßen ausweichen.

Jetzt aber ist auch dieser letzte Rest gezähmter Lebensart verloren

gegangen und sinnlos wirft der Sturm das Schiff nach allen Seiten, bald

rechts und schleudert uns in dieser schiefen Lage vorwärts, oder links

und wir fliegen zurück in ein tiefes Wellenthal. Zerschellt die Gewalt

des Wassers an dem Körper des Schiffes, dann schlägt es die Wände

hinauf und kehrt mit salzigem Sturzbade das Verdeck ab; der Vordertheil

desselben steht fortwährend unter Wasser. Seekrank, gepeinigt von der

Angst und doch Alle lautlos liegen dort die hunderte von Männern,

Frauen, Kindern aneinander und an den Boden geklammert. Es ist als

ob die Größe des Elementes ihnen Schweigen aufzwänge. Und so wie

gebannt ist das ganze Schiff. Eine einzige, schwankende Lampe brennt

unheimlich unten in der großen Kajüte; alles Uebrige ist leer, still,

wie ausgestorben, als treibe das Schiff schon eine jener gespenstigen

Geistererscheinungen auf der tobenden See, womit die Phantasie der

Seeleute ihr grausiges Element bevölkert hat. Lange stand ich hinten

neben dem Steuerruder. In dem Auf- und Abtauchen in die Wogen, in dem

Heulen des Windes, in dem Herumfliegen der Schaumballen schrumpfte mir

der Dampfer, der mir gestern noch so stattlich erschienen war, zu einer

Nußschale zusammen; klein, wie wenn ich ihn mit ein paar Schritten

durchmessen könnte, däuchte er mir in dem Unmäßigen, das um ihn ist.

Schon um 7 Uhr ist es vollkommen Nacht. Ich harre aus auf dem Verdecke.

Das Unmögliche wird möglich, das Unwetter steigert sich noch, und

scheint selbst da seine Grenzen noch nicht gefunden zu haben. Mir ist

auch das nicht unangenehm. Etwas wie stolzes Selbstbewußtsein erhebt

mich, daß der Mensch das Alles ertragen, daß der Geist, das Göttliche

in ihm, diese Elemente bemeistern kann. Im Sturme, im wilden Drange

der Gefahr, erkennt erst der Mensch seine Kräfte; die Windstille

erschlafft, und der Soldat wie der Seemann handelt erst, wenn der Tod

ihm vor den Augen steht. Und wie der Mensch, so die ganze Natur; ihre

größten Thaten, die Alpen und die Wüsten, hat sie durch Revolutionen

erzeugt; Gletscher und Helden wollen riesige Geburtswehen haben, zu

Grunde geht dabei nur, was schon angefressen von der Fäulniß ist. Daher

dann die sonderbare Erscheinung, daß oft körperlich starke und gesunde

Menschen unter dem ersten Angriffe zusammenbrechen, während scheinbar

gebrechliche und was man nervöse Naturen nennt, widerstehen und siegen.

Die Einen haben in der Gewohnheit der Unthätigkeit den Willen und die

Fähigkeit verloren, während die Anderen in der Aufregung ihres inneren

Lebens den Geist, der endlich doch das Entscheidende ist, nicht blos

erhalten sondern sogar gestärkt haben.

Ein Element aber, das man liebt, wie ich das Meer liebe, kann einem

nichts zu Leide thun. Die Natur ist nicht wie die Menschen, die unsere

edelsten Gefühle mit Undank vergelten.

An Bord des „Stadium“, 19. Mai.

Trotz des höllischen Lärmens, denn die Balken und das Getäfel krachten

um und über meinem Bette auf das jämmerlichste, muß ich gestern Abend

bald und fest eingeschlafen sein, denn was die Nacht über geschehen,

mußte ich mir heute Morgens auf dem Verdecke erzählen lassen. Erst um 9

Uhr war ich erwacht, und das nur, weil ich plötzlich das Stillestehen

der Maschine fühlte. Ich vermuthete uns vor den Dardanellenschlössern,

wo irgend eine gesetzliche Förmlichkeit den Capitän zum Beilegen

zwinge; doch rief ich dem Diener und frug nach der Ursache. Es sei

nichts, man sehe nach der Maschine. Oben aber fand ich, statt der

nachbarlichen Küsten der Dardanellen, links unbegrenztes Meer, rechts,

und das auch dort nur in weiter Ferne, niederes Festland und tief

drinnen einen hohen, dunklen, einsam aufragenden Gebirgszug; vor uns

eine Insel; die Luft kalt und farblos. Wo fuhren wir? War das schon die

Propontis, dieses Eiland die steinerne Marmora? Man lachte meine Frage

aus; die Fahrt eines ganzen Tages liege noch zwischen uns und jenen

Zielen; das rechts sei allerdings Asien, aber die Stätte von Troja,

und die Insel vor uns Tenedos. So haben uns der Sturm und die Wellen,

die gegen uns waren, aufgehalten. Ihre Gewalt war gewachsen über das

Widerwärtigste hinaus, was sie sonst nur im Winter vermögen, bis sie

dem Dampfer das rechte Schaufelrad zertrümmerten. Die Maschine mühte

sich danach vergebens ab. Sie mußte stille und das Schiff mit Hilfe

der Segel so gestellt werden, daß das Rad nothdürftig ausgebessert

werden konnte. Das Schiff lag auf seiner linken Seite und soll von den

empfindlichsten Stößen gepeitscht worden sein. Alle waren wach, auf und

quälten sich und die Officiere der Bemannung mit ihren Besorgnissen.

Nur ich schlief. Auch jetzt noch kommen wir nur langsam vorwärts, die

See ist noch immer gegen uns.

Nach 10 Uhr sind wir bei Tenedos, links zeigt es sich mit nackten,

niederen Bergen; Imbros daneben höher und mit Umrissen, wie ich sie dem

Auge wohlgefälliger noch nicht gesehen, das Mächtige ist dem Zierlichen

gepaart. Ob das dahinterliegende Samothrace ihnen beigemischt ist,

kann ich nicht unterscheiden und von der unwissenden Umgebung auf dem

Dampfer nicht erfahren. Auf der anderen Seite, also rechts wo das

Festland, breitet sich die Ebene von Troja aus. So zeigt sich mir

Asien gleich zuerst mit einem der denkwürdigsten seiner Felder. Grüne

Grabhügel kennzeichnen unverkennbar die geweihte Stelle. Auch hier also

Gräber, die die Wärter der Erinnerung sind. Alles um sie herum scheint

verlassen, ausgestorben, keine andere Spur von Priamos’ Stadt, der

ragenden Ilion und dem Kampfe der Götter und Menschen.

Es ist diese Sprache der Gräber vielleicht noch niemals ganz verstanden

worden. Das ganze Leben über sehen wir den Menschen mit der Wahl

seiner Grabstätte beschäftigt, und nach seinem Tode wird es der erste

Gedanke des Trostes für seine Hinterbliebenen, ihm ein schönes Denkmal

zu errichten. Die anderen Geschöpfe kennen diesen Wunsch nicht;

die Menschheit aber durchzieht er so weit sie lebt und bis in ihr

höchstes Alterthum zurück. Ueberall findet sich, bei dem einen Volke

nur deutlicher als bei dem anderen, der Glaube ausgesprochen, daß die

Ruhe der Todten und der Genuß der Unsterblichkeit an die Erhaltung

eines Grabes gebunden sei. Man hat diesen Wahn durch das Motiv der

Eitelkeit erklären wollen, die sich über den Tod hinaus zu verewigen

trachte; aber hat diese Erklärung die Menschheit nicht vielleicht zu

strenge gerichtet, und widerspruchsvoll einen häßlichen Trieb einer

Handlung unterschoben, die doch an und für sich nur schön und edel ist?

Kann dieser Todtencultus nicht vielmehr ein instinctives Verstehen,

das Ahnen einer Wahrheit sein, die noch verschlossen und vielfach

bezweifelt doch die Grundlage unseres ganzen Wesens ausmacht? Solch’

ein Hügel, eine Säule, ein einfacher Stein, eine Inschrift wahren dem

Menschen über Jahrtausende hinaus das Andenken bei seinen Nachfolgern;

in ihrer Erinnerung lebt er wieder auf, lebt er geläutert fort. Immer

reiner, immer makelloser werden dabei seine Züge, alle Schlacken

fallen ab, daß zuletzt nur noch ein ideales Bild von ihm bleibt. Warum

aber soll diese Unsterblichkeit, die ihm auf Erden wird, nicht auch

in einer andern Welt möglich sein; warum für den geistigern Theil

unseres Wesens, für die Seele, nicht das gelten, was unserem irdischen

Andenken zu Theil wird; warum nicht vielleicht gerade dieses immer

sich vervollkommnende Bild der Erinnerung der gleichzeitige Abdruck

des inzwischen erlösten und verklärten Geistes sein? -- Jedenfalls muß

es überraschen, daß je weiter man reist, man überall diesem selben

Gräberglauben begegnet, und daß gerade die feinst gebildeten Völker des

Alterthums, die Aegyptier und die Griechen, die Ruhe des Todten durch

sein Begräbniß bedingt sein ließen. Auch daß die Kunst zu allen Zeiten

neben der Gottesverehrung zuerst dem Todtencultus gedient hat, ist kein

geringes Zeichen für dessen geistige Bedeutung. Diese Hügel waren dabei

ihre erste entwickeltere Form. Das Muster dazu hatte die Natur gegeben.

Ob lästig oder bewundert, mächtig werden die Berge der Phantasie des

Menschen immer erschienen sein, und sie nachzuahmen, Hügel hinzustellen

wo keine waren, immer als ein Werk gegolten haben, das groß und

rühmlich war. Die Pyramiden, diese alten Räthsel, sind für mich nichts

als mit anderem Materiale und mit größerer Kunstfertigkeit ausgeführt

die Kinder dieses selben Gedankens. Mit den asiatischen Grabhügeln

haben sie vielleicht ihre Heimath in dem ältern Indien gemein, und die

Obelisken wieder sind nur ihre schwindsüchtigen Abkömmlinge.

So sehr bin ich von der Allgemeinherrschaft dieser Kegelform überzeugt,

daß ich geradezu die ganze Baukunst der Alten über sie construirt

erklären möchte. Die beiden oben zusammenlaufenden Linien sind dem

Auge das Wohlgefälligste, und, da das Nachahmen in der Natur des

Menschen liegt, so wiederholte er diese Bildung mit mehr oder weniger

Variationen, wo sie ihm nur immer möglich war. Die ägyptischen

Tempelwände stehen nach Innen geneigt, die Kanten der Thüren und

Fenster wachsen gegen oben zusammen und das Löwenthor zu Mykenä wie das

am Schatzhause des Atreus sind oben enger als unten geöffnet. Aber mehr

noch, auch die Säulen des Parthenon und des Theseustempels stehen nicht

senkrecht auf ihren Basen, sondern leicht nach dem Centrum des Gebäudes

zu geneigt. Der Grieche hatte im Auslande die Vorzüge eines eigentlich

durch die Natur schon angedeuteten Gesetzes erkannt und wußte es in

der Bauweise seiner eigenen Kunst zu verwerthen. Unsere Zeit freilich,

die sich indessen auf dem Klimax aller Bildung glaubt, konnte den

Entdeckern dieser Eigenthümlichkeit sogar ihr Vorhandensein bestreiten,

weil sie nicht das Auge hat, die Gründe dafür zu begreifen.

Kein Blick auf eine andere Stätte der Welt hat mich mehr bewegt, als

der auf dieses Feld von Troja. Es ist nicht Gefallen an der Landschaft,

denn die Luft ist kalt und farblos; es ist auch nicht jenes unbedachte

Entzücken, das sich in Selbstvergessenheit verliert, denn mir bleiben

hundert betrachtungsvolle Gedanken; es ist vielmehr etwas wie Staunen

und Grauen, daß die Fabeln wahr gewesen und daß Meer und Land die

Schicksale der Helden überdauert haben. Welche Thaten spielten auf

diesem Boden! So ungeheuer und herrlich, daß die spätere Anwesenheit

eines Xerxes, Alexander und Cäsar, die hier alle der ältern Erinnerung

gehuldigt, gebetet und geopfert haben, vergessen werden kann. Es war

die orientalische Frage, die auf diesem Flecke Europa und Asien zum

ersten Male einander gegenüber stellte, und die dann jene späteren

Eroberer fortgesetzt haben. Kein anderes Wort war prophetischer als das

des Homer:

Drüber sodann ein großes, bewunderungswürdiges Grabmal

Häuften wir heiliges Heer der Danaer, fertig im Speerwurf,

Am vorlaufenden Strande des breiten Hellespontos;

Daß es fern sichtbar aus der Meerfluth wäre den Männern

Allen, die jetzt mitleben und die sein werden in Zukunft.

+Odyssee+ XXIV, 80.

Und es bemerke wer hier vorüberfährt, wie richtig das Wort auch die

Gegend zeichnet. Der +vorlaufende+ Strand des Hellespontos ist das

sigäische Cap, und die Hügel sind fernhin +sichtbare+ auf die Meerfluth

hinaus. Und so wie sie aufragen über Myrthen und Tamariskenholz, das

um sie wuchert, prägen sie sich meinem Gedächtnisse ein. Daß sie die

Natur nicht erschaffen, daß sie Menschenhände aufgeworfen haben, das

muß auch das ungläubigste Auge begreifen. Zuerst, wenn man das troische

Cap umschifft und beinahe auf seiner Höhe selbst, erscheint der des

Peneleus; weiter im Lande drinnen der älteste und höchste, der des

Aisyetes; der des Antilochus wieder näher dem Meere, und zwischen ihm

und jenem mag ein kaum mehr merkbarer Erdaufwurf der des Hector sein.

Die Hügel des Achilleus und des Patroklus sieht man, wenn das sigäische

Cap umschifft ist, und dort innerhalb der Dardanellen auf dem Strande

der Bucht, die sich gleich neben dem Cap einbeugt, auch den höheren des

Ajax. Bei diesem und bei dem des Achilleus fand noch Strabo Tempel, in

welchen die Ilier den Helden Todtenopfer darbrachten. Aus dem Tempel

des Ajax soll erst Antonius das Standbild genommen haben, um der

Cleopatra damit ein Geschenk zu machen, wenn nicht Schmeichelei auf

Kosten des todten Feindes dieses Lob des regierenden Kaisers erfunden

hat, denn derselbe Bericht erzählt, daß Augustus sich beeilt habe, nach

der Gefangennehmung der Aegyptierin dieses Bild von Alexandrien nach

seinem ursprünglichen Tempel zurückzusenden.

Hinter diesen Gräbern und der Ebene, sie und das Meer beherrschend,

erhebt sich der Ida. Langgestreckt von der Küste des ägäischen bis zu

dem Meere von Marmora reichen seine Arme, und quellenströmend, wie

ihn Homer genannt, rieseln ihm Bäche von allen Seiten hinab. Auch

„vielgewunden“ finde ich ihn; wie über Stufen steigen seine Höhen zu

der höchsten, dem Gargarus, hinauf. Dort haben Schnee und Eis ihr

winterliches Nest aufgeschlagen und finstere Wolken kriechen empor, als

wolle sich der Vater Zeus wieder einmal droben zu liebender Kurzweil

verbergen, vielleicht aber auch um neue Blitze und neues Unwetter gegen

uns zu schmieden. Den Geistern der Erschlagenen ähnlich, die den Kampf

der Lebenden wiederholen, ringen die Spiegelungen der Wolken unten auf

der weiten Ebene.

Die Küste theilen drei Vorgebirge ab. Auf dem ersten, dem troischen

Cap, stand einstens Antigonia Troas; später, als der große Macedonier

nach dem Siege am Granikus hierher gekommen war, und das Dorf durch

Weihegeschenke geehrt und zur Stadt erhoben hatte, Alexandria Troas;

jetzt stehen nur mehr wenige elende Holzhütten darauf, die sich

aber wieder mit stolzem Namen Eski Stambul, Alt-Constantinopel,

ausgezeichnet haben. Vielleicht ist es dasselbe Gefühl, das auch

gestürzte Familien mit dem Schein den Glanz der verlorenen Größe zu

retten treibt, das diesen Selbstbetrug veranlaßt hat. Seit dem Sturze

der ersten Stadt war dieser Boden, wie auch jener andere in Kleinasien,

wo die Geburtsstätte unserer Religion ist, verurtheilt, nur Ruinen

und Erinnerungen zu tragen. Es scheint, daß mit dem einen Werke der

eine an die Kunst, der andere an den Glauben alle seine Zeugungskraft

hingegeben hat.

Das zweite Vorgebirge ist das achäische. Hinter ihm, aber tief im

Lande, am Skamander, stand Ilion und die Burg des Priamus. Es deckt die

Beschika Bay, wo die englischen und französischen Flotten den Befehl

zu der neuen Argofahrt, dem letzten Krimkriege, erwarteten. So reichen

sich über Jahrtausende weg die Ereignisse die Hände.

Hoch und weit ins Meer vorspringend ist nur das dritte Vorgebirge,

das sigäische. Seine Ufer fallen steil und weißkreidig ab. Aus dem

ägäischen Meere treibt der Südwind und aus dem Hellespont der Nordwind

die Wellen mit vollen Breitseiten dagegen. Der Tempel der Athene

und die Stadt, welche einmal darauf lagen, waren schon zu Strabo’s

Zeit zerstört. Auch eine Colonie der Athener, vielleicht eine der

Pisistratiden, und der Dienst der Hekate müssen hier einmal heimisch

gewesen sein. Eine Münze, die man jetzt eben hier gefunden, zeigt den

Kopf der Hekate und auf der Rückseite den Halbmond dieser Göttin neben

der Eule von Athen, und die Umschrift σιγε. Ich sehe heute auf

dem Giebel des Caps eine türkische Ortschaft halb in Büschen verborgen,

und neun Windmühlen, die der Nordwind in arbeitsamer Bewegung erhält.

Gegenüber dem asiatischen Lande greift das europäische nicht weniger

entschieden in die See hinaus. Es ist die Spitze des thracischen

Chersones, das Cap Mastusia der Alten, Elles Cap der Heutigen. Mit

dem sigäischen Vorgebirge sperrt es den Zugang zu neuen Meeren und

zu anderen Reichen. Hier ist die Grenze, welche die europäischen

Mächte selbst ihren Kriegsschiffen gesetzt haben. Von den weißen,

abgewaschenen Uferwänden herab vertheidigen sie die neuen

Dardanellenschlösser mit festen Mauern, Kanonen und türkischen Soldaten

gerade den Einfahrenden entgegen.

Unter diesem und dem sigäischen Cap bis zur Beschika Bay zurück hatte

eine ganze Flotte von Handelsschiffen Schutz gesucht. Wir zählten

ihrer neunzig. Die Segel waren eingezogen, so daß, als wir zwischen

ihnen durchdampften, die Fahrt der in einem gefüllten Hafen glich. Der

Nordwind wehrte ihnen immer noch das Einlaufen in die Dardanellen. Eben

da uns dieses gelang, rannte an uns vorbei ein Schraubendampfer des

Lloyd. Er ging schneller als unser Boot, der Wind, der mit ihm war,

blähte ihm die Segel. Es war das Wochenschiff nach Smyrna.

Gleich nach dem Eintritte in die Dardanellen verschließt das sigäische

Cap den Rückblick auf das freie Meer; der Hellespont biegt tief nach

Asien ein; das Feld von Troja bleibt sichtbar und zwar von dieser

Seite aus mit seinem malerischsten Anblick. Der Ida zeigt sich in

seiner Profilstellung weit entwickelt, wie um das ganze Bild zu

umfassen; der Mittelgrund ist durch Hügelzüge, die vom Vorgebirge

aus ins Flachland zurücklaufen, belebt, die Küste durch Gebäude und

Bäume, die um die Mündung des Skamander stehen. Die Grabhügel sind

erkennbar, der des Aisyetes insbesondere auch dann noch, wenn alle

übrigen verschwunden sind und das Auge nur mehr den Ida unterscheidet.

So bleibt dem Bilde immer noch sein Heiligenschein.

Auf dem europäischen Ufer, dem sich unser Schiff näher hielt, folgen

fünf Pfeiler einer Wasserleitung, Cypressen und Pinien darum; dann

in einsamer Lage ein Bethaus und neben ihm das erste Minaret, das

ich sehe. Aber umsonst ist ihr Bestreben, mir den Süden zu heucheln;

die Kälte enttäuscht Alles und auch die Farben sind solche, daß die

Landschaften mehr denen des Nordens als den geträumten des Südens

gleichen.

Obwohl sich das Auge in den letzten Tagen an größere Entfernungen

gewöhnt hat, erscheinen ihm die Ufer des Hellespont noch immer

weit genug auseinander. Breite Wellen treiben zwischen ihnen uns

gerade entgegen; nach den gestrigen aber bleiben sie unempfunden.

So dauert der ganze Tag fort, licht-, sonnen- und eigentlich auch

poesielos. Keine anderen Eindrücke als Enttäuschungen; nur die alten

Dardanellenschlösser überraschen. Sie sind romantisch schon durch ihre

Formen. Das asiatische, das meiner Besichtigung näher kam, besteht aus

alten grauen Thürmen, die Mohamed der Eroberer gebaut. Eine große,

gelb angestrichene Caserne haben sie daneben gestellt, Batterien davor

und in der Bucht, die sich tief einschneidet, ankerten zur besseren

Vertheidigung türkische Kriegsschiffe, zwei Dampfer darunter. Das

Land springt an keiner andern Stelle mehr als hier in den Hellespont

vor, zuerst flach und eben von grünen Wiesen überzogen, wo es aber

in die Fluth abfällt zu einem plötzlichen Hügel aufgewachsen. Ohne

Zusammenhang mit den Bergketten des inneren Festlandes macht dieser

Höcker den Eindruck, als sei er für sich allein aus dem Wasser

aufgestiegen; und es hat ihn wohl auch erst eine spätere Eruption

geschaffen, vielleicht im Zusammenhange mit den Goldlagern, welche

einmal nahebei von den Abydenern betrieben worden sind. So hätte doch

die Sage ein Theilchen der Wahrheit getroffen, wenn sie erzählt, daß

dieser sonderbare Hügel von Menschenhänden aufgeworfen sei, um Schätze

zu verbergen, und ihn deshalb Mal tepe, das Grab der Schätze, nennt.

Unbegreiflich ist es mir übrigens, wie man diesen Hügel vor Augen, den

Herodot und den Strabo in Händen, über die Lage der Brücke des Xerxes

streiten kann. Wollte heute wieder ein Eroberer über den Hellespont

von Asien nach Europa hinüber, er könnte zur Ueberschau des Heeres

nur den Mal tepe und zur Auslegung des Brückenkopfes in Asien nur die

Spitze dieses Vorgebirges, dort, wo es sich schon dem Marmora-Meere

zuwendet, wählen. Abydos lag neben daran in der Bucht, die gegen den

Propontos hinsieht, und Sestos ihm gegenüber, also östlich neben dem

Brückenkopfe in Europa, dort, wo jetzt grüne Wälder das Ufer decken.

Von dem Thurme, den die Leandersage verherrlicht und den Reisende dort

gefunden haben wollen, sah ich aus dieser Entfernung nichts; aber

Grillparzer’s gedachte ich mit dankbarem Herzen. Es gleicht die Fahrt

auf dieser Stelle des Hellespont der auf den lieblichen Fluthen des

Rheines, wo Sänger und Sagen sich verbunden haben, die Ufer mit ewig

blühenden Kränzen zu schmücken. Auf der einen Seite die Liebesklage der

Hero um den Geliebten, auf der andern Seite die des Xerxes über die

Vergänglichkeit und die Nichtigkeit des menschlichen Lebens. Denn dort

auf dem Mal tepe muß der Altan gewesen sein, den ihm die Baumeister

aus weißen Steinen errichtet hatten, und von dort herab muß er das

Land und das Meer voller Menschen und Schiffe gesehen, sich gefreut

und dann geweint haben. Ich konnte nie, schon als Knabe nicht, da mir

mein griechischer Meister den Herodot übersetzte, das darauf folgende

Gespräch des Königs mit dem Artabanus ohne die tiefste Rührung lesen;

heute, den Schauplatz vor Augen, erschüttert es mich bis zu Thränen. Es

ist etwas wie von den Klagen, die hier ausgesprochen wurden, in der

Luft geblieben, und das athmet mit ein, wer heute nach tausend Jahren

hier Athem holt.

Alexander der Große, die Hunnen, die Türken zweimal, unter Soleimann

und unter Murad, gingen dem Xerxes nach auf derselben Straße

über den Hellespont. Was auf Troja begann, wenigstens für unsere

Geschichtskenntniß, die orientalische Frage ward an dieser Stelle

fortgesetzt. Und wer darf sagen, daß es heute schon für diesen Boden

sein Ende erreicht habe? Die Bestimmung einzelner Erdenflecke ist wie

die der großen Männer, uns Heldenthaten zu liefern.

Ein paar Stunden später passiren wir Gallipoli, die erste türkische

Stadt, die ich sehe. Es sind niedrige Holzhäuser unter Bäumen versteckt

und Minarete, die daraus hervorragen.

Um halb 5 Uhr trat das Schiff in den Propontos hinaus. Glatt und ruhig,

aber schwarzblau von dem Widerschein drohender Wolkenmassen lag er vor

uns. Ein französischer Dampfer kam uns aus der Dämmerung, die im Osten

schon nächtig war, entgegen; die Sonne ging hinter den thracischen

Bergen in Farben unter, wie sie bei uns nur kalten Wintertagen

eigenthümlich sind. Um halb 9 Uhr fuhren wir der Marmora-Insel

vorbei. Ein großer gewaltiger Klotz zu unserer Rechten ist sie von

regenhältigen Nebeln entstellt. Ankommen sollen wir erst morgen früh.

An Bord des „Stadium“, 20. Mai, Morgens.

Ich hatte den Auftrag gegeben, daß man mich bei Zeiten vor der Einfahrt

in den Hafen wecke. Ueberflüssige Sorgfalt! Schlaflos, so wie uns in

der Erwartung des fünften Actes eines Trauerspieles der Athem ausgeht,

war mir die Nacht geworden; Stunde um Stunde erwachte ich. Lange sah

ich nur schwarze Finsterniß, dann das matte Licht der Dämmerung,

endlich die grauen Farben eines nebeligen Morgens. Das gleichmäßige

Arbeiten der Maschine und Räder währte immer noch fort. Als man mich

rief, hielten wir schon im Hafen. Aber welche Ueberraschung! Ein

Sturz von bergehoher Hoffnung in bodenlose Enttäuschung, ein Fall,

wie man ihn manchmal im Traume thut. Nicht im Bosporus, in der Themse

mußte ich mich glauben. So dicht engten uns die Nebel ein, daß ich

nicht einmal von den beiden Ufern des goldenen Hornes, zwischen denen

ich uns nach der Karte wußte, viel weniger von dem asiatischen etwas

sah. Und jetzt, wo sie sich endlich theilen und verziehen und auf den

Hügeln zur Rechten Theile von Pera und Galata, auf denen zur Linken

die Seraispitze und Stambul, vor uns die erste Hafenbrücke und hinter

uns in weiterer Entfernung das asiatische Skutari sichtbar wird, ist

Alles so sonnen- und glanzlos, so ganz ohne Licht und Farbe, daß das

Gefühl der Unbefriedigung mit jeder schwindenden Wolke, mit jeder

neuen Stunde wächst. Verstimmt sitze ich auf dem Verdecke und lasse

die anderen Passagiere sich ausschiffen. Erstaunlich erscheint mir nur

die große Zahl von Schiffen, welche im Hafen liegen und der lebendige

Verkehr von Dampfern, der sich um uns regt. Zwei große sind zugleich

mit uns angekommen, ein dritter ist in Bewegung nach dem schwarzen

Meere abzugehen, und hundert andere ruhen an ihren Ankern. Dazwischen

schieben sich eine Menge kleiner Hafendampfer durch, die nach und von

allen Seiten, dem Marmora-Meere, Skutari, dem Bosporus etc. gehen und

kommen; die, welche nahe genug an dem unserigen vorbeidampfen, sehe

ich mit Menschen überfüllt. Sich und den Ruderbooten geben sie mit

fortwährendem Pfeifen Warnungszeichen, um einen Zusammenstoß und das

Ueberfahren zu verhüten. Das ist mir neu, denn so großartig habe ich

den Verkehr in keinem andern Hafen gefunden.

Das Geschrei der sich Ausschiffenden und die Aufdringlichkeit jüdischer

Agenten, die mir ihre Führerschaft anboten, trieben mich in die Kajüte

hinab. Nicht ohne Bedauern nehme ich Abschied von den vier engen

Holzwänden. Wie genügsam unser Leben sein kann, begreift der Mensch

erst, wenn ihn die Gewohnheit des Wenigen von dem Ueberflüssigen des

Mehreren überzeugt hat.

Ein Sommer im Orient · 第 18 / 31 题