I. Hinreise.

Triest, Hôtel de la Ville, den 13. Mai 1864.

Briefe und die letzten Vorbereitungen füllten den gestrigen Tag.

Müde und abgespannt, eigentlich krank und fiebernd stieg ich in Graz

Abends 6 Uhr in den Eisenbahnwagen; erst da ich heute Morgens das Meer

wieder sah und dem alten Lieblinge das freudige Θάλαττα! Θάλαττα!

entgegenrufen konnte, ward mir wieder wohl in Leib und Seele.

Die Nacht war kalt gewesen, wie wenn dem Kalender zum Trotze der Winter

noch fortdauere. Oder wollte sich die Heimath nur eindringlich dem

Scheidenden in’s Gedächtniß heften? Umsonst die Angst, daß ich sie

vergesse! es liegt ja die Nothwendigkeit der Rückkehr vor mir. Lange

konnte ich den Schlaf nicht finden; dafür fand ich in der Ungestörtheit

des Alleinseins mich selbst wieder, der sich in den Sorgen und Mühen

der letzten Monate verloren hatte. Es ist das ein Vortheil des

Reisens, daß es uns mit der Unabhängigkeit auch die unabweisliche

Selbständigkeit gibt; herausgerissen aus der Bequemlichkeit der

gewöhnlichen Verhältnisse, zwingt es uns die Gedanken und die Hilfe,

die wir sonst rechts und links neben uns schon hergerichtet fanden,

nunmehr in uns selbst zu suchen. Menschen, die sich bisher noch gar

nicht kannten, haben sich oft am ersten Reisetage erst erkennen lernen.

Ein Gang in die weite Welt ist die beste Schule für das Leben, und

gerade für uns Kinder der Civilisation eine um so unentbehrlichere,

als wir in stubenhockerischen Gewohnheiten den Contact mit der Natur

verloren haben. Diese und sich selbst findet der verzogene Mensch

dort wieder und so auch die Freiheit, die nur dort ist, wo der Mensch

allein, oder wo er fremd unter Hunderten seines Gleichen steht.

Nach 6 Uhr erwache ich. Ich sehe den Karst, auf dessen Höhe wir

fahren; die Sonne ist vom Regen versteckt, der die Steinfelder dieser

Berge noch unwirthlicher als sonst erscheinen läßt. In Nabresina hält

der Zug; die Bahn nach Italien trennt sich hier von der, welche den

Karst hinab nach Triest führt. Der Bahnhof ist groß und zweckmäßig

eingerichtet. Schon singt Alles das Italienische. Erfreut durch die

bekannten Klänge beobachte ich das zu- und abströmende Gedränge.

Ein Conducteur war mir darin aufgefallen, weil seine Blicke mich

unablässig verfolgten. War der Mann ein Vertrauter der Polizei und

hielt er mich für einen Flüchtling? Jetzt drängte er sich zu an die

offene Wagenthüre, umfaßte meine Knie, er hatte mich erkannt! Es war

Venerando, der Gondolier, der mich in Venedig immer geführt hatte. Wie

aber auch hätte ich ihn, den zierlichen, schlanken Burschen, der mich

so oft in der ärgsten Sommerhitze, nichts als ein Hemd und die leichte

Hose an, nach dem Lido, nach den Inseln, nach Torcello oder nach San

Francesco del Deserto gerudert hatte, in der steifen, zugeknöpften

Eisenbahnuniform erkennen sollen? Früh Morgens schon klopfte er damals

an meine Thüre. Ich wollte die Leute schonen und so verneinte ich

die Absicht einer Fahrt. Er aber kannte die stille Neigung meiner

Wünsche und aufopfernd wußte er mich bald zu überreden, mich ihm und

seinem Genossen hinzugeben. Landeten wir dann nach stundenlanger

Fahrt an einsam abgelegener Küste und hatte ich die Früchte, die ich

mitgenommen, mit ihnen getheilt, so geleitete er mich in das Innere des

Landes, dem Fremdlinge die herrlichen Reste einer abgestorbenen Kunst

mit all’ dem Schönheitssinn und all’ der Liebe zu seinem Vaterlande

zu erklären, die dem Südländer, und dem Italiener insbesondere,

eigen sind. War ich müde geworden, so ruhten wir neben einander auf

dem Strande aus, dem das Meer mit leicht aufschlagenden Wellen, die

immer näher unsern Füßen kamen, vertraute Grüße aus entlegenen

Fernen zubrachte. Sein fortwährendes Gelispel machte die Rede meines

Venerando noch geschwätziger. Von Venedig erzählte er mir, das vor uns

lag im Dufte gluthvoller Mittagssonne, von den Lagunen und von den

Geheimnissen, die sich nächtlich darauf begeben; zuweilen auch, wenn

ich ihm besonders geneigt schien, von sich und seinen Freunden und

daß er schon einmal das Messer gezückt, weil man seinem Weibe zu nahe

treten wollte. Ich hörte ihm immer mit regem Interesse zu; seine Worte

waren gut gewählt und seine Stimme klang melodisch. Erst Abends, wenn

die Sonne schon auf den schneeigen Gipfeln der Alpen ruhte, ruderte

er mich zurück durch das purpurfarbene Meer nach der goldbethürmten,

kuppelbedeckten Stadt. Mit mir trug ich kostbare Erinnerungen, die

ich unvergeßlich festhalte und ihm treulich danke. Sein Gefährte hieß

Beppo, aber er war vergleichsweise unbedeutend.

„Venerando“, rief ich auch heute meinem Freunde wieder, „wie ist es

möglich, Du, der schönste, der schnellste Gondolier des ganzen Venedig,

hier in diesem Kleide Conducteur einer Eisenbahn?“ -- „Konnt’ ich

anders, Signore? Ich bin verheirathet, habe Kinder, und meine Frau

meinte, ich solle von meinem mächtigen Dienstherrn das Fürwort zu einer

Staatsanstellung erbitten. Das sei ein bleibender Verdienst, sichere

mir das Alter, ihr und den Kindern sogar für den Fall meines Todes das

Leben. Und ich liebe mein Weib über Alles, wie hätte ich ihr diesen

Wunsch nicht erfüllen sollen?“ -- Ich begriff und schwieg, denn selbst

ein Wort des Mitleidens wäre Kränkung gewesen. Der Mann fühlte ohnedem

seine ganze Herabwürdigung tief genug, das zeigte seine Haltung und

der niedergeschlagene Blick seiner Augen. Aber so sind die Weiber!

das Höchste wie das Niedrigste können nur sie aus den Männern machen.

Und doch gibt’s noch Eingebildete, die sich die Herren der Schöpfung

träumen!

Ueber andere Dinge wechselten wir noch einige Worte, der Anklang an

die frühere Zeit erheiterte sie; dann trennte uns die Pfeife und das

Weitergehen des Zuges. Wir haben es uns nicht gestanden, aber er muß

die Freude des Wiedersehens aus meinen Blicken wie ich aus den seinigen

gelesen haben. Wozu auch reden, wenn die Augen aufrichtiger als alle

Worte sprechen!

Gleich hinter Nabresina öffnen sich zwei Felsen, zwischen denen durch

und über die vorliegenden Steinmassen hinab man sonst den ersten Blick

aus das Meer (Miramar) hat. Heute erschienen dort nur undurchsichtige,

regenhaltige Nebel. Aber wenige Windungen weiter, wie sie die Bahn

so vielfältig über diesen Gebirgsrücken schlingt, jetzt eine die

entschieden gegen Süden wendet, und übermächtig, durch keinen Nebel

und durch keine Wolken, nicht durch Regen und auch durch die Nacht

nicht mehr verbergbar liegt das Meer weit ausgebreitet, rechts unten

an den Felsenhängen, Alles beherrschend, die Natur und unser Denken.

Dunkle Farben kleiden es, aber auch so ist es groß, bezwingend in

seinem Eindrucke; und wenn es noch düsterer, noch unfreundlicher

wäre, von dieser Stelle gesehen, wird es mir immer nur entzückende

Freude gewähren. Es haftet an diesem Puncte einer der beglücktesten

Augenblicke meines Lebens. Ich hatte die See sonst nur im Norden

gesehen, wo sie grau und kalt ist, und mir doch lieber als das Grün

der Wiesen und der Schnee der Alpen geworden war, so lieb, daß ich

nicht glauben wollte, daß sie irgendwo noch schöner erscheinen könne.

Da zeigte mir ein warmer Julitag, es war Abends und die Sonne eben im

Scheiden, von dieser Stelle das erste Mal das adriatische Meer. Ein

Schrei des Entzückens und dann verlor ich im Schauen jede Besinnung. In

Thränen löste sich die Freude auf, daß Gott so Herrliches geschaffen

und daß er mir gegeben es zu sehen. Wie in dem Halbkreise eines

Theaters ruhte das Meer in seinen Felsenmauern; tiefes Rothblau auf

seiner Fläche, nur rechts hinüber, wo Venedig liegt, und in seiner

Mitte, wo die Sonne in zerrissenen Wolken untertauchte, flüssiges Gold

darauf. Von seinem Horizonte schossen breite, feurige Strahlen in

die Kuppel empor, daß Himmel und Wasser wie in einem Brande glühten.

Schiffe waren weithin zerstreut mit weißen und rothen Segeln, die mit

lautlosem Leben die geweihte Stille des Bildes durchzogen. Von kleinen

Wellen getrieben segelten sie und verrinnende Kreise schlugen hinter

ihnen an die grünen Abhänge des Ufers. Links erschienen die ersten

Lichter von Triest und das Leuchten seines Leuchtthurms.

Wer einmal ein solches Bild lebhaft in sich aufgenommen, dem wird

es auch die geringste Mahnung ganz wieder lebendig machen. Das ist

eben das Gottgesegnete solcher begeisterten Augenblicke, daß sie

unvergeßliche werden. Der erste Eindruck kehrt an derselben Stelle

immer wieder, verschönert und vergrößert, weil die Erinnerung ihn

genährt hat. Und dabei sind die angenehmen Erinnerungen weit zäher in

ihrer Lebensdauer als die unangenehmen. Es ist das auch eine der vielen

Gottesgaben, die der Mensch unbewußt und gewöhnlich undankbar genießt.

Er nimmt sie wie die Luft, die er athmet, und das Licht, das er sieht,

als ein ihm Gebührendes, als etwas Alltägliches. Heute kam zu diesem

Vergnügen noch die sichere Hoffnung hinzu, dieses befreundete Element,

das Meer, nun durch Monate besitzen und es zu jeder beliebigen Minute

schauen zu dürfen.

Um halb 9 Uhr stiegen wir im Bahnhofe aus; immer noch dieselbe dürftige

Bretterbude. Nun, da ich in der Stube des Gasthofes sitze, hat der

Regen aufgehört. Warmer Sonnenschein schlüpft durch die Fenster herein,

den Süden und seinen Frühling kündend. Ich eile ein um das andere Mal

vom Schreibtische weg auf den Balkon hinaus, die Luft, die ich in

diesem Jahre noch nicht gekostet, in vollen Zügen zu athmen. Unten auf

dem Quai ist dasselbe Gedränge und Geschrei wie ehemals und sogar die

Blumenmädchen vom Jahre 1860 glaube ich zu erkennen. Die See weiter

draußen, wo ich sie zwischen und über den Masten der vorliegenden

Schiffe weg erspähe, ist dunkelblau geworden und an dem Himmel ziehen

die Nebel in mächtigen Wolkenballen davon. Ein großer englischer

Schraubendampfer gleitet eben am Molo di San Carlo vorüber nach der

Darsena. Der Hafen erscheint mir leerer als sonst.

Abends fuhr ich auf der Straße nach Servola. Das Meer auf der einen

Seite im rothen Abendlichte, auf der andern Seite links die Hügel mit

Gärten und Villen bepflanzt, ist das einer der schönsten Spazierwege

der Welt. Ich habe schon manche inhaltsvolle Stunde stiller Melancholie

dort zugebracht; gewöhnlich waren es die letzten vor der Abreise.

Neben der Werkstätte des Lloyd sehe ich die des Rheders Tonello und

auf seiner Werfte das Gerippe zu dem großen Dampfer „Rudolf von

Habsburg“, ein Zeichen strebsamer Handelsthätigkeit. Man wirft der

Stadt und den Triestinern Rücksichtslosigkeit für die österreichische

Production vor und droht ihnen jetzt mit der Aufhebung des Freihafens.

Ich finde den Vorwurf ungerecht und die Strafe widersprechend allem

dem, was man sonst zu Gunsten der Freiheit begehrt. Das Hinterland

hat selten die Aufträge der Triestiner Kaufleute so erfüllt, daß die

ausländischen Consumenten dauernd zufrieden gestellt werden konnten.

Und dann, wenn es nur in der Schuld der Triestiner Vermittler liegt,

daß der österreichischen Industrie eine vermehrte Seeausfuhr fehlt,

warum ahmen die österreichischen Producenten nicht die Schweizer nach,

die sich selbst um fremdländische Käufer bemühen? Warum schicken sie

nicht ihre Söhne und ihre Neffen nach Aegypten, Syrien, Constantinopel,

nach Marokko, Ostindien, China und Japan, nach Brasilien, Peru und

Mexiko, die dortigen Bedürfnisse kennen zu lernen und auf den fremden

Märkten die österreichischen Waaren auszubieten? Ich habe aus derselben

Schwarzwälder Strohhutfabrik denselben Unternehmer jährlich nach

London, Paris, Newyork, Hamburg und Wien reisen sehen, um die Muster

dieser Hauptstädte für die nächste Saison zu holen. Und Schweizer aus

den besten und reichsten Häusern findet man nach den entlegensten

Winkeln der Welt verschlagen. Aber freilich, das Pflaster des Wiener

Grabens ist ein bequemeres als das von Pera und Alexandrien. Und doch

ist die Handelsweise, wie sie die Schweiz betreibt, für ein Land, das

noch wie Oesterreich in den Anfängen der industriellen Production

liegt, die einzige praktische und fördersame. Was aber die Aufhebung

des Freihafens betrifft, so brauchen sich deswegen die Triestiner

nicht zu ängstigen. Der Trieb der Zeit geht auf anderen Wegen und

wird binnen Kurzem, statt Triest in ein Gefängniß, das ganze Reich

in einen Freihafen des Freihandels verwandeln. Es gibt Ideen, die,

einmal geboren, von selbst weiter wachsen; sie arbeiten nicht und sie

spinnen nicht und unser himmlischer Vater nähret sie doch. Wie eine

solche Feldlilie der heiligen Schrift ist der Freihandel. Es wird die

nächste Zukunft weniger mit der Abschaffung der Freihäfen als mit

der Wiederherstellung der ursprünglichen Naturzustände beschäftigt

sein; die waren freie und die Freihäfen sind ihre letzten aufrecht

gebliebenen Reste. Auch hat England die seinigen erst aufgehoben,

als es seine Bekehrung zum Freihandel vollendet hatte. Will man von

Privilegien und Ausnahmen reden, so kann das nur von jenen Gesetzen

gelten, welche die natürliche Freiheit aus den Grenzen eines großen

Reiches verbannt und sie auf den Bezirk jener kleinen Meerwinkel

beschränkt haben.

Jetzt, da es Mitternacht ist, kehre ich vom Molo di San Carlo zurück.

In der lauen, ruhigen Luft kühlte ich den Drang meiner Erwartungen.

Der Mond, ein prophetisches Zeichen meiner Fahrt, steht als wachsende

Sichel, das Wappen von Byzanz und später das des türkischen Reiches,

am wolkigen Himmel. Junge Leute kehrten von einer späten Meerfahrt

heim. Mit Spielen und Gesängen kürzten sie die Zeit, die ihnen nach der

lebensfrohen Art des Südländers noch zu frühe dünkte. Der Lloyddampfer

„Stadium“ liegt am Molo, gespenstig und unheimlich, wie das Mondeslicht

jedes Schiff erscheinen läßt. Morgen um diese Stunde ruhe ich darauf

und die Wellen der Adria wiegen mir das Schlaflied.

An Bord des Lloyddampfers „Stadium“, den 14. Mai.

Da ich Morgens im Hôtel de la Ville auf den Balcon trat, wechselten

noch Licht und Dunkel auf dem bewegten Spiegel des Meeres, der

Widerschein drohender Wolkenmassen. Um 1 Uhr, als wir uns einschifften,

war die See ruhig und der Himmel sonnig geworden, und so tragen und

leuchten uns jetzt die zwei verschwisterten Elemente.

Das Verdeck des Dampfers fand ich mit Menschen überfüllt;

glücklicherweise nur die wenigsten Passagiere, die meisten Freunde,

die einem Scheidenden das Geleite geben wollten, oder Müßiggänger,

die die Neugierde nach den abgehenden Dampfern weiterer Fahrt treibt.

Das Zeichen, daß die kaiserliche Post an Bord gelangt sei, scheuchte

die Ueberflüssigen nach dem Lande zurück. Es währte noch eine Weile,

bis sich das Boot in Bewegung setzte, dann aber ging es schnell von

dem Damme weg, an den umliegenden Schiffen, dem Leuchtthurme, der

links den Hafen schließt, vorüber in’s freie Meer hinaus. Kaum Minuten

blieben, um den Freunden, die auf dem Molo standen, die letzten Grüße

zuzuwinken. So schwindet Alles im Leben, das der Gegenwart nur kurze

Dauer, die meiste Zeit der Vergangenheit und Zukunft läßt. Es ist ein

fortwährendes Abschiednehmen. Kaum gekommen heißt es schon wieder

weitergehen. Und doch, so schmerzlich dieses immerwährende Losreißen

ist, es erleichtert und bereitet uns den letzten Abschied vor, den vom

Leben selbst.

Die Augen heften sich an das Land, das zurück bleibt. Dort steigen die

Alpen hinter dem Karste auf, schneebedeckt und immer höher wachsend,

je näher wir der Küste und der Stadt kommen. Es ist derselbe Proceß

wie mit den Erinnerungen: die entlegenen treten mächtiger in dem

Gedächtnisse hervor als die nahen; das Heute vergißt was das Gestern

gethan, aber das Alter hält die Jugend warm im Herzen.

Links bleiben wir der istrischen Küste so nahe, daß ich mit dem Glase

die einzelnen Bäume, in Pirano das Haus unterscheiden kann, in dem ich

einmal eingekehrt, als ein grimmiger Wintersturm unsern Dampfer in den

Hafen dieses Städtchens verschlagen hatte. Zwei Tage und zwei Nächte

hielt ihn die Bora dort fest. Man ließ uns die Zeit auf dem Lande

zubringen. Das Nachtquartier und das Essen waren schlecht genug, und

doch denke ich mit Vergnügen an den Aufenthalt zurück. Ich besah den

Ort und seine Umgebung soweit es Sturm und Regen zuließen. Das war mir

eine neue und bald eine poetische Welt; die Gassen sind von Canälen

durchzogen, so daß die See den Einwohnern ihre Schiffe bis vor die

Hausthüren trägt. Fenster und Thüren sind in Spitzbogen geschnitten

und die Säulen, die sie stützen, wie die Balcone, die davor liegen,

aus festem grauen Stein gemeißelt. Und wie die Gassen und die Häuser,

so sind auch die Menschen denen drüben in Venedig ähnlich, alle noch

immer lebendige Zeugen von der ehemaligen Herrschaft der seegebornen

Dogenstadt. Der Fischer von Pirano wie der von Chioggia trägt die

rothe Mütze auf dem Kopfe, die ihre venetianischen Vorfahren einmal

aus dem Oriente heimgebracht, wo sie Paris vielleicht für sein schönes

Lockenhaupt erfunden hatte, und den einen wie den andern hat die

Adria mit demselben Wettersturme und derselben Sonnenglut gebräunt

und gestählt. Nur ist in Pirano alles kleiner, enger, niedriger; die

Canäle sind keine Canalazzi, die Häuser keine Paläste der Pesaro

und Foscari, und die Bürger keine Dandolo’s und Bragadino’s, keine

Tiziane und Sansovino’s. Aber die Luft, die sie athmen, ist hier wie

drüben dieselbe und die Geschichte, die sie erzählen, ist beiden eine

gemeinsame. Es liegt in diesen istrischen Küstenstädten etwas mit von

der Schönheit und der stolzen Größe begraben, die das einstige Venedig

vor allen andern Städten ausgezeichnet hat. Daher denn auch auf beiden

Ufern derselbe Hauch der Poesie und des Mitleidens, der ihre Ruinen

umweht und der keine gefühlvolle Seele unbewegt lassen wird. Wer von

Malern und von Dichtern in Venedig müde bei der Arbeit werden will,

weil er seinen Gegenstand so oft wiederholen mußte, dem rathe ich

hierher auf die gegenüberliegende Küste zu gehen. Er wird z. B. gerade

in Pirano öffentliche Plätze finden, die so klein und zierlich, mit so

romantischen Häusern besetzt und auch noch durch ein Segel, das davor

vor Anker liegt, verziert sind, daß sie wie eigens für den Pinsel

geschaffen erscheinen, und oben auf dem Vorgebirge, das weit in das

Meer vorspringt, Trümmer, die vom Epheu umwunden den Dichter in seine

Welt, in die der Vergangenheit und ihre wehmuthsvolle Betrachtung

versetzen.

Abends.

Um 5 Uhr essen wir. Bei der Rückkehr auf das Verdeck finden wir die

Alpen, diese letzten Zeugen der deutschen Heimat, dem Karste, den das

Auge schon früher verloren hatte, nachgefolgt. Wo sie aufragten, ein

abschließender Wall, liegt jetzt ebene glatte See, die wie so manches

Andere des Lebens endlos erscheint, weil die Grenzen außerhalb der Enge

unseres Gesichtskreises sind. Raum und Zeit üben durch die Entfernung

dieselbe Macht der Vergessenheit. Nur zur Linken sehen wir noch Land,

fortwährend das istrische. Rovigno ist deutlich zu erkennen als

ansehnliche Stadt mit malerischen Bauten und säulenähnlichen Cypressen.

Ihr trauerndes Schwarz hebt sie scharf von jedem Hintergrunde ab.

Inseln liegen zerstreut umher, die unbewohnt und unbebaut scheinen.

Pola ist entfernt und schon zu sehr im Dunkel, als daß man etwas

anderes denn große Mauermassen unterscheiden könnte. Von Promontore,

der letzten Spitze dieses Landes, sehen wir nur das Licht des

Leuchtthurmes. In der Cajüte sitzend lese ich die ersten Gesänge der

Odyssee. Ich will dem berühmten Dulder bekannt und vertraut in seinen

Meeren begegnen. Die meisten Passagiere ziehen sich schon zum Schlafen

in ihre Cabinen zurück und so unterstützt völlige Ruhe meine Versetzung

in eine poetische Stimmung. Es sind wenig einladende Gesichter unter

den Reisegefährten; Keiner spricht das Deutsche, daß man wenigstens

frei von der Besorgniß, verstanden zu werden, ist. Einige sind

Mailänder, die nach Persien reisen, gesunden Seidenwürmersamen zu

holen; sie treiben Lärm als seien sie die Herren des Schiffes; andere

sind Griechen, die nach Athen und Smyrna zurückkehren; drei Engländer,

ein Vater mit seiner Tochter, die nach Corfu gehören, und ein junger

Mann, der zur Vervollständigung seiner Erziehung die große Tour macht.

Er ist der einzige, der außer mir liest, schreibt, die Karte studirt

und überhaupt bei der Fahrt andere als materielle Interessen hat.

Der „Stadium“ ist kein großes, aber ein bequem eingerichtetes und

reinlich gehaltenes Schiff. Der Lloyd ließ es mit vier ähnlichen in

England bauen; „Pluto“, „Neptun“ und „Vulkan“ dienen davon noch immer

mit dem „Stadium“ zu den Eilfahrten nach Constantinopel; das andere,

den „Jupiter“, kaufte die Regierung im Jahre 1859, um es gegen die

französische Flotte, die noch gar nicht sichtbar war, in den Canal von

Malamocco zu versenken. Ich war einer der ersten im Winter 1860, die

das Verdeck des gehobenen Schiffes betraten. In dem obern Glaspavillon

fanden wir das Gold und die Farben noch vollständig erhalten. Solche

runde Salons sind auf all’ diesen Dampfern über dem Treppeneingange.

Bei schlechtem Wetter liegen die Passagiere darin auf den Divanen und

bei schönem kleben sie sich außen herum an die Wände zur Deckung gegen

den Windanfall und die Sonnenstrahlen. Die Stiege mündet unten in

einen Vorsaal; aus diesem führen Thüren in den Damensalon, den großen

Speisesaal, die Cabine des Capitäns, Büffet und andere unentbehrliche

Nebenlocalitäten. Die Cabinen für die Passagiere sind rechts und

links, für die Männer neben dem Speisesaal, für die Frauen neben dem

Damensalon; Thüren und Portièren sperren sie ab, wie denn überhaupt die

ganze Einrichtung ebenso bequem als glänzend ist. Die Küche bedient uns

vortrefflich. Die Enge meiner Cajüte, die mich zuerst erschreckte, ist

mir jetzt, da ich alles darin geordnet habe, schon heimlich geworden.

Wie wenig der Mensch eigentlich braucht, merkt er erst, wenn ihm die

Noth das Ueberflüssige genommen hat.

Jetzt, da ich wieder schreiben will, beginnt das Schiff in allen Rippen

zu zittern und zu stöhnen. Wir sind im Quarnero, der selbst bei diesem

windstillen Wetter seine übelwollende Natur geltend zu machen sucht.

Noch ein Spaziergang mit dem Arzt auf dem Verdecke und ich werde mit

einer frühen Nacht mir einen frühen Morgen zu bereiten trachten.

An Bord des „Stadium“, 15. Mai.

Pfingsten, das Fest der Freude, nicht im Walde, auf grüner Haide, auf

dem baum- und blüthelosen Meere feiere ich es. Aber den Frühling hat

es mir doch gebracht und wärmer und erquicklicher als er daheim in

den steierischen Bergen sein wird. Laue südliche Luft umfängt mich

schon um 6 Uhr Morgens, da ich auf das Verdeck komme. Unmerklicher

als mit jedem andern Bewegungsmittel legt man mit dem Schiffe große

Entfernungen zurück. Um das Boot und auf demselben findet sich an jedem

Morgen nur wenig verändert, um so überraschender dann solche plötzliche

Verpflanzungen wie die heutige von der Winterkälte des Nordens in die

Sommerwärme des Südens. Den Himmel finde ich zuerst umwölkt, aber die

Sonne überwindet ihre Feinde. Die dalmatinischen Berge, runde, gewellte

Linien, sind nur undeutlich in den Nebeln des Morgens sichtbar. Eine

niedere Kette liegt vor der höheren. Vielleicht Inseln?

Um 10 Uhr fahren wir zwischen Lissa und Busi durch, beide steinig

und kümmerlich bewachsen. Pomo liegt hinter uns in schönen felsigen

Formen. Einer Plänklerkette ähnlich sind diese Inseln vor das Festland

gestellt; alle scheinen unbewohnt und selbst unbebaut. Ob das jemals

anders gewesen weiß ich nicht. Bekannt ist mir nur, daß fromme

Gefährten des heiligen Hieronymus sich hierher flüchteten, weil ihnen

zuerst Rom und dann auch noch Aquileja und ihre anderen illirischen

Heimathstädte zu zerstreuend und zu voll von Versuchungen waren. Es

war ein eigenthümliches Leben, das diese Männer führten, wechsel- und

widerspruchsvoll wie das ganze Werden des 4. Jahrhunderts. Niemals,

so weit die Geschichte zurückerzählt, waren die Contraste greller

nebeneinander gestanden. Das Heidenthum, das seine Macht noch nicht

ganz verloren hatte, und das Christenthum, das noch um das Scepter

seiner Alleinherrschaft kämpfte, eine abgestorbene und eine jung

auflebende Welt nebeneinander. Dabei war im Grunde wenig Kampf, mehr

Verträglichkeit als heute zwischen den Parteien. Der römische Senat

hatte immer noch den Altar der Victoria in seinem Saale, während am

Bosporus der Kaiser schon in der Kirche der heiligen Weisheit dem

dreieinigen Gotte seine Gebete darbrachte. Und wie im Staatsleben so

auch im Familienleben; dieselbe Milde, derselbe Friede, dieselbe

Duldung. Auf dem aventinischen Hügel im Palaste der Marcella fanden

die Zusammenkünfte statt, wo die adeligsten Matronen um den heil.

Hieronymus geschaart die Lehren des Christenthums annahmen, indeß ihre

Männer und ihre Kinder den Vergnügungen des Circus nachgingen. Von

jenen Conventikeln aus pilgerte die heil. Paula, durch mütterliche und

väterliche Abstammung zugleich eine Tochter der Scipionen und Atreiden,

nach dem heiligen Lande, um zu Bethlehem neben der Geburtsstätte

unseres Erlösers zu sterben und ihr Grab zu finden, während ihr

Sohn Toxotius in Rom als Heide, aber mit einer christlichen Gattin

zurückblieb, und sein Söhnchen, der Enkel der heil. Paula also, doch

wieder dem mütterlichen Großvater, einem heidnischen Oberpriester,

das christliche Halleluja! entgegenlallte. Ob sie wollten oder nicht,

Alle mußten durch die Schule dieses bunt zusammengewürfelten Lebens;

die Ecken standen einander noch zu nahe, als daß man ihnen hätte

ausweichen können. Und wie ein Extrem das andere weckt, so mußten dann

aus den Uebersättigungen des Heidenthums die strengen Kasteiungen des

Christenthums hervorgehen. Nur so gebildete Männer konnten das Leben

auf diesen ausgedörrten, von einem ewigen Wellenschlag ausgewaschenen

Inseln ertragen. Wer weiß, wie lange es dauert, bis wieder Einsiedler

hierher flüchten, denen die Welt zu eitel und die sich selbst

zu schwach zum Widerstande sind. Es ist eine Eigenthümlichkeit

aller sinkenden Zeiten, daß starke und schwache Seelen, die einen

wenn sie die Erfolglosigkeit begriffen, die andern wenn sie die

Unwiderstehlichkeit der Sünde erkannten, sich in die Einsamkeit

zurückziehen. Wenn wir sie alle zählen könnten die Menschen, denen heut

zu Tage der Muth und die Kraft zur That und zum Widerstande erstorben

sind, ob nicht der Inseln zu wenige wären sie alle aufzunehmen? Aber

nein, unsere Zeit ist ja noch keine des Verfalles, wenigstens in ihrer

Einbildung nicht.

Gegen Mittag verschwand alles Land; es blieb auf allen Seiten nur

unbegrenztes Meer, mir das liebste, weil man sich doch immer den

Beherrscher seines Gesichtskreises wähnt. Der Tag, der heiß und

klar war, schied mit einer Sonne, die purpurhältig aus wolkenlosem

Himmel in die See sank, und die Nacht, die milde und hell ist, kam

mit einer Sichel, die züchtig ihr bescheidenes Licht über die leicht

aufrauschende Fluth ausgießt. Im Westen glänzt noch ein rother Strahl;

„so stirbt ein Held!“ und das ist der Erinnerungsschimmer, den er

zurückläßt.

Vorn auf dem Schnabel des Schiffes liegt ein Perser schlafend

ausgestreckt; den ganzen Tag über sah ich ihn lesend dort sitzen,

unveränderlich in seiner Ruhe und in seinem Gleichmuthe. Nur manchmal

hob er sich über die Brüstung hinaus, auf die See zu sehen. Auch da

war sein Blick kein Schauen, nur ein suchendes Denken. Wie vieles mag

in diesem Kopfe sein, wovon die Schulweisheit deutscher Gelehrten nie

geträumt hat! Ich halte ihn für einen Pilger, der von einer Wallfahrt

heimkehrt. Vielleicht gilt er seinem Volke als Wissender, wie den

Deutschen nur irgend einer ihrer Heidelberger und Berliner Professoren.

An Bord des „Stadium“, 16. Mai.

Welche Veränderung, da ich Morgens vom Verdecke den ersten Blick um

mich werfe! Links vom Schiffe, wo gestern Abend noch das Auge weit

hinaus und den Osten nur von Meer und Himmel begrenzt sah, prallt es

jetzt zurück an finsteren Wänden, und muß an ihnen hinaufklimmen den

Himmel auf sie gelehnt zu finden. Das können nur die akrokeraunischen

Berge sein, welche den Alten die obere Welt von der rückkehrungslosen

unteren schieden. Und wahrlich, wer diese Berge sieht wie ich sie sehe,

grau im unheimlichen Zwielichte des Morgens, indessen weit draußen im

Westen ein erster Sonnenstrahl über ihre Kuppen weg auf das zitternde

Meer fällt, der begreift, daß sie der Phantasie eines dichterischen

Volkes als Mauern erscheinen konnten, die trennend zwischen zwei

unvereinbare Reiche, den Tod und das Leben, gestellt waren. Was hinter

ihnen ist, ihr Inneres, mag auch wirklich manches Thal bergen, das,

sonnenlos, der homerischen Schattenwelt ähnlich genug sein mag. Und

ähnlich diesen Sagen liegen, da ich die Gebirge zuerst erblicke,

geheimnißvolle Wolken auf ihren Gipfeln. Erst da das volle Tageslicht

kommt, zerstreut es diese.

Heute nennen sie es das Tschika-Gebirge. Schnee deckt die obersten

Kuppen und zieht sich in weißen Streifen tief hinab. In Silberbächen

fallen die schmelzenden Wasser durch die alten Furchen in das Meer

hinunter, denn ohne jede Abstufung, ohne vorliegende Hügelkette, ohne

vermittelnden Rand, von oben beinahe senkrecht hinab sinken diese

Berge in’s Meer; ein Schiff könnte an ihnen anlegen wie an den Wänden

eines Molo’s, so glaubt man wenigstens. Unten hat der Wogendrang

der Jahrtausende die Hänge abgewaschen, oben aber wurzeln grüne

Laubwälder fest darin. Das sind Standbilder der Vergangenheit; aus dem

Boden, welchen die Zeit aufgeschichtet hat, schöpfen sie ihre zähe

Lebenskraft. Die Gestalt und auch die Höhe dieser Berge, die höher

erscheint als sie wirklich ist, weil das Gebirge unmittelbar aus dem

Meeresspiegel aufsteigt, läßt sie mich unsern Alpen ähnlich finden.

Dahinter ist das türkische Albanien. Rohe, wilde Völker wohnen dort,

ohne jede Spur jener Gesittung, die wir Civilisation nennen. Schon

Homer schildert sie so; die Füße wuschen sie sich damals nicht und

schliefen auf dem Erdboden. Und ein Jahrtausend später fand Strabo bei

den Barbaren um das heilige Dodona noch immer denselben Culturzustand.

So bleibt der Mensch wie auch die Pflanze auf demselben Erdenflecke

im Grunde immer derselbe; er wie alles Uebrige unterliegt den localen

Naturgesetzen. Ich achte übrigens wegen dieser Rohheit diese Völker

nicht geringer; was wir Rohheit nennen, ist gar oft der bessere Theil

der Natur, den die Erziehung auslöschen will. Was die Albanesen damit

zu leisten vermögen, das zeigten sie gegen Ali Pascha von Janina.

Cap Linguetta ist inzwischen weit hinter uns zurückgeblieben; mit

dem von Otranto, gegenüber an der italienischen Küste, sperrt es

das adriatische Meer. Ein anderes Meer thut sich vor uns auf, das

jonische, mit anderen Inseln und anderer Geschichte. Wäre das Wasser

nur etwas beständiger, diese Fläche müßte uns Furchen zeigen, die

der Kiel des Jasonischen Schiffes, die Odysseus, die Cäsar und sein

Glück, Augustus, die die Byzantiner und Normannen, die Venetianer und

Kreuzfahrer darein gezogen haben. Später, als dann die Welt größer

ward, wurden die Ereignisse, die hier geschahen, kleiner und seltener.

Die Weltgeschichte ist mit der Zeit extensiver aber nicht intensiver

in ihrem Wirken geworden. Indessen den alten Ruhm, den glänzenden

Schimmer der untergegangenen Zeit konnte diesem Meere nichts von dem

spätern rauben; die Dichter haben ihn mit unsterblichen Namen ringsum

an das Festland und an die Inseln, an die Berge und an die Klippen

geschrieben. Was sie die donnergetroffenen Berge, die akrokeraunischen,

genannt, das wurde durch sie das Land der nächtlichen Cimmerier; dort

ließen sie den Hades und den Tempel der Eumeniden erstehen. Fanno, das

vor mir mit malerisch, scharf gebrochenen Linien, so wie man Capri

auf Bildern dargestellt sieht, aus der Fluth auftaucht, war ihnen die

Zauberinsel der Calypso, das verführerische Ogygia, und Corfu, das ich

bis jetzt nur noch mehr ahne als sehe, das Scheria der seeliebenden

Phäaken mit dem königlichen Hofe des Alkinoos und der reinen Liebe der

Nausika. Und wer in der That kann diese Ufer mit andern als mit von der

Dichtung begeisterten Augen sehen?

Die Küste zur Linken ist uns mit den gewaltigen Berglehnen immer gleich

nahe. Rechts treten die Erikusa und die ganz nackten, zersplitterten

Felsenriffe der Salmotraken in den Gesichtskreis; zuletzt schließt sich

Corfu an mit Bergen weit höher als ich sie erwartet hatte. Silbergrau

sind sie von oben bis unten mit Olivenwäldern überzogen, aus denen

einzelne Cypressen würdevoll aufragen. Unten herum, dem Strande näher,

sind Landhäuser darin zerstreut, kleine feste Würfel aus rothem Stein

mit niederen Dächern. Das Meer liegt spiegelglatt davor, daß, als wir

zwischen die Insel und das Festland eingefahren sind und die Berge sich

hinter uns zusammenschließen, die Täuschung beinahe unwiderstehlich

wird, man treibe auf einem friedlichen Landsee. Ein Inselchen,

Peganosa, worauf die Engländer eine Laterne setzten, mehrt noch den

Betrug. Es ist wie einer der schweizer oder italienischen Seen, nur

größer, weiter, und Cypressen, Feigen-, Orangen- und Oelbäume auf den

Uferwänden, und Meer und Land in den Farben, in dem Dufte und in der

Wärme des Südens.

Alle, auch die bisher theilnahmslosesten Passagiere, haben sich auf

dem Verdecke gesammelt. In der Mitte des Oberdecks vor dem runden

Glaspavillon stehen sie schauend und entzückt; ich aber vorne auf der

Spitze des Schiffes, weil meine Neugierde allen vorandrängt. Gegen 2

Uhr sehe ich Corfu in einer weiten aber wenig eingebogenen Bucht auf

steilem Ufer mit weißen Häusern; vor ihm und zu seinem Schutze Fort

Vido; zur Rechten, die Stadt und die ganze Insel beherrschend und wie

ihr Rückgrat durch sie hingezogen, Monte San Salvatore; zur Linken

die Doppelgipfel der Festung, die mit felsigen Kanten zum Wasser

hinabsteigen, das hinüber zum Festlande führt, wo schneebedeckt die

albanesischen Berge aufragen. Zwischen ihnen und Corfu durch zwängt

sich das Meer wie in einem Strome zur Fortsetzung unserer Fahrt.

Fort Vido haben die Engländer erbaut und jetzt vor ihrem Abzuge

zerstört. Zwischen den gestürzten Mauern stehen einige dürftige

Platanen. Unser Schiff macht einen weiten Bogen um das Inselchen, dann

erst übersehe ich die ganze Stadt und die Rhede, denn das ist der Hafen

eigentlich nur. Kriegsschiffe und Dampfer und die Flagge auf den hohen

Thürmen der Doppelburg kündigen noch immer die Engländer; sie haben die

Uebergabe der Regierungsgewalt an den König von Griechenland bis zum

Juni verschoben.

Wir werfen den Anker; die Maschine und die Räder stehen stille, das

Schiff treibt mit der Kraft, die ihm eigenthümlich geworden war, noch

eine Weile weiter; erst die angespannten Ankerketten halten es. Eine

Meute von Booten, die uns schon entgegengekommen war und in immer

engerem Kreise eingeschlossen hatte, legt sich an seine Wände. Diese

Boote sind breit und plump, so sehr jedem Schönheitsgefühle zuwider,

daß ich sie nur durch das Bedürfniß entschuldigen kann, das sie so

zu anderen Zeiten für die vielleicht bösartige Natur dieser Buchten

brauchen mag. Die Bootsleute sind frische und sogar schöne Bursche und

das Geschrei, womit sie sich die günstigsten Plätze bestreiten, die

Passagiere schon von unten herauf zu gewinnen suchen, gibt mir, ehe ich

noch diesen Boden betreten habe, einen Begriff von der Lebhaftigkeit,

von der Geschwätzigkeit des griechischen Volkes. Das lauteste, was ich

in Italien gehört habe, schwindet daneben zu melodischem Mezza voce

herab. Ihre und unsere Ungeduld mußte warten, bis der „Stadium“ Pratica

erhalten hatte. So nennen sie in der Levante alle mit dem Ausladen

verbundenen gesetzlichen Förmlichkeiten.

+Corfu+, oder Scheria wie es die Fabel, Korkyra wie es das

Alterthum, Korypho wie es das Mittelalter nannte, ist berühmter durch

den Ruf seiner Schönheit als durch den seiner Geschichte. Mitgespielt

hat es gar oft, aber entschieden nur einmal die Schicksale der

Welt; das war, als es im Streite mit der Mutterstadt die Athener

gegen Korinth zu Hilfe rief und dadurch den peloponnesischen Krieg

anstiftete, der so lange und so verderblich die Griechenstämme

entzweite. Vorher mag die Zeit gewesen sein, welche Strabo „vor

Alters“ und „eine hochbeglückte“ nennt, weil es eine große Seemacht

besaß. Korinth hatte es durch eine Colonie in Besitz genommen. Bald

aber zeigte es sich der Mutter feindselig, egoistisch, den Interessen

Griechenlands abgewendet und im Innern zu Parteikämpfen geneigt. Schon

vor den Perserkriegen war es gänzlich unabhängig und so stark, daß es

nächst Athen die größte Flotte und den bedeutendsten Handel hatte und

mit Korinth in der Herrschaft über das jonische Meer wetteifern konnte.

Seine Regierungsform war eine aristokratische und seine Diplomatie eine

überaus geschickte, die es immer außerhalb fremder Händel zu halten

und ihm für die eigenen doch Bundesgenossen zu verschaffen wußte. Die

materielle Lage der Insel war eine glänzende, der Reichthum groß, aber

die geistige Bildung ihrer Bewohner hat nie jene Stufe erreicht, auf

der im übrigen Griechenlande Werke unsterblichen Ruhmes geschaffen

wurden. Roher und mordlustiger als irgend welche andere Griechen,

füllten die Korkyraer die Zeit des auswärtigen Friedens, die man an

anderen Orten zu Tempelbauten und zur Dichtkunst verwendete, mit

inneren Parteikämpfen aus, die so grimmig waren, daß einmal in einem

Streite die obsiegende Partei 1500 der gefangenen Gegner hinschlachten

ließ. Es waren die demokratischen und aristokratischen Ideen, die

hier früher als in einem andern Staate Griechenlands auf einander

stießen. Diese inneren Zerwürfnisse boten fremden Feinden immer willige

Handhaben zu ihren Einmischungen. So kam es, daß Athener, Spartaner und

Macedonier sich in dem Besitze der Insel folgten. Zuletzt ging er denn

auch mit der Erbschaft Alexander des Großen an die Römer über. Corfu,

in seiner Oberherrschaft geknechtet, scheint sich durch kleinliche

Freiheitsbestrebungen lächerlich gemacht zu haben. Wenigstens

bespöttelt sie ein damals viel gebrauchtes römisches Sprüchwort: „Nun

+frei+ Korkyra,.... wohin du willst.“ Im August des Jahres 31 v.

Chr. besetzte es Octavius Augustus, als er den Westen des römischen

Reiches gegen den Osten in den Kampf führte, der sich schon damals von

jenem trennen wollte. Der Posten, der den Eingang in das adriatische

Meer und die damals so viel befahrene Verbindungsstraße zwischen dem

italienischen Brundisium und dem illirischen Dyrrhachium bewacht, war

für den Römer, der das Hauptquartier seiner Macht in Rom hatte, von

der höchsten Bedeutung. Im Falle einer Niederlage bot er ihm einen

Sammlungspunkt, oder deckte doch seinen Rückzug nach den calabrischen

Häfen und Heerstraßen. Mit Anderem muß auch das Antonius vergessen

haben, als er that- und entschlußlos im korinthischen Busen mit

verliebten Tändeleien die Zeit der Vorbereitung verlor und den Gegner

den Sieg schon gewinnen ließ, noch ehe die Schlacht begonnen hatte.

Eben diesen Stationspunkt wählen dann auch die späteren Eroberer,

die sich zu ihren italienischen Fürstenthümern das griechische

Kaiserreich rauben wollen. So 551 n. Chr. Totila mit seinen Gothen;

so 1081 Robert Guiscard, 1107 Bohemund, 1146 Roger und 1185 Tankred

mit ihren Normannen. Hier sammelten sie ihre Flotten, nordwärts gegen

das oft belagerte Dyrrhachium, das heutige Durazzo, und südwärts

gegen die preisgegebenen Küsten Morea’s und Attika’s zu ziehen. Und

flüchtig, wenn der immer noch starke Arm des sinkenden Kaiserthums sie

gezüchtigt hatte, ist es wiederum hier, wo sie einlaufen und Kräfte zu

neuen Ueberfällen suchen. Wenn die Corfioten zu solchen Expeditionen

die Fremden nicht geradezu aufforderten, wie es 1146 geschah, als

sie sich gegen die byzantinischen Steuergesetze empörten, so waren

ihnen die Feinde des oströmischen Reiches doch immer willkommen; den

Reichthum und die Macht hatten sie nicht mehr, aber den Egoismus

und die Theilnahmlosigkeit für die Geschicke der Stammesbrüder noch

immer so wie damals, als Athen vergebens ihre Hilfe gegen die Perser

begehrte. An Byzanz band sie nur das lose Band von 1500 Goldpfunden,

die sie jährlich dahin ablieferten; die fanden sie nicht genügend

bezahlt durch den schwachen Schutz, den ihnen der entfernte Kaiser nur

bieten konnte. Sich selbst zu schützen waren sie noch unfähiger, und

so wurde es allerdings das vortheilhafteste, sich dem jeweiligen Herrn

des adriatischen Meeres willenlos hinzugeben. Zuerst den normännischen

Königen von Neapel und Sicilien; dann, als sie diesen der griechische

Kaiser wieder entrissen hatte, Constantinopel aber durch Henrico

Dandolo erobert worden war, der Republik Venedig 1205; später wieder

einmal an das Königreich Sicilien und 1386 sogar an den Fürsten von

Padua. Einem Nachbarn aber konnte Venedig nicht diese Pförtnerstellung

des adriatischen Meeres überlassen, und so zog noch im selben Jahre

der Admiral Giovanni Miani aus, die Insel auf Grund der früheren

Besitzestitel und für alle Zeiten in das Eigenthum der Republik

aufzunehmen. Die Einwohner glaubten seinen Verlockungen, daß Corfu

nur zufrieden gewesen und nur glücklich sein werde unter dem Banner

des heiligen Markus, und zwangen mit ihm die paduanische Besatzung

zur Uebergabe der Burg am 9. Juni 1386. So ward Venedig Herr dieser

Insel und blieb es bis zu seinem eigenen Falle. Was man auch dagegen

gesagt und geschrieben, es hat sie besser verwaltet und vertheidigt als

sie es jemals früher oder später war. Eine Aristokratie, ähnlich der

von Venedig selbst, besorgte die politische Administration. Dadurch

entstand ein Adelskörper, der, wenn man dessen Existenz und seine noch

immer geltenden Ansprüche nicht übersieht, manches von den letzten

Ereignissen Griechenlands erklärt. Die militärische Gewalt behielt

Venedig hier wie in allen seinen Colonien ganz in der eigenen Hand.

Und ruhmvoll hat es sie gegen den einzigen Feind, den es in diesen

Meeren zu fürchten hatte, gegen den Türken gebraucht. Einmal, 1537,

als Suleiman seine Truppen auf die Insel ausschiffen ließ, und ein

anderes Mal, 1716, als der deutsche Graf Schulenburg mit nur 5000

Venetianern die Stadt und zuletzt das Schloß durch 42 Tage gegen 22

türkische Linienschiffe, 30.000 Soldaten und 3000 Pferde so tapfer

vertheidigte, daß der Feind mit einem Verluste von 15.000 Mann die

Belagerung aufheben und in nächtlicher Heimlichkeit abziehen mußte.

Das Denkmal des Generals stand lange auf dem Schauplatze seines

Verdienstes. Erst als die Republik gefallen war, erreichte die Pforte

das Ziel ihres Strebens, aber auch dann nur für kurze Zeit, denn schon

1809 mußte sie die Souveränität über die Insel an Frankreich abtreten.

Schon der Friede von Campo Formio hatte diese Verfügung enthalten,

Frankreich aber nicht die Kraft gehabt, sie der russisch-türkischen

Flotte abzunöthigen. Der erste Pariser Friede übergab dieses Recht der

Oberherrschaft an England, der zweite beschränkte es durch den Vertrag

vom 5. November 1815 zwischen Rußland und England auf ein Protectorat,

das eben jetzt England auch an den König von Griechenland abtritt.

Daß damals den jonischen Inseln so viele Selbständigkeit gelassen

ward, soll ihnen ihr Landsmann, der Corfiote Graf Johann Capo d’Istria

erwirkt haben, und daß sie heute ganz in die griechische Herrschaft

übergeben werden, sollen sie wieder zumeist dem Einflusse einer

Persönlichkeit, den Berichten des Lord Obercommissärs Sir Henry Storks

zu danken haben. Corfu wird jetzt zu beweisen haben, daß es treuer und

opferbereiter als in alten Zeiten zum gemeinsamen Vaterlande stehe;

die Zukunft liegt in seiner Hand. Was ihm England übergibt, ist ein

sorgsam gepflegter und verbesserter Boden.

Das in großen allgemeinen Zügen die Geschichte der Insel; ihre

körperliche Gestalt finden die Griechen einer Sichel ähnlich, den

innern Ausschnitt gegen das Festland gekehrt. Ich möchte sie eher einer

Keule vergleichen, deren Griff im Süden und deren knorriger dicker

Kolben im Norden liegt. Dieser nördliche Theil ist der gebirgigere.

Alle anderen übertrifft der Monte San Salvatore durch seine Höhe

(3000 Fuß), aber auch durch die Schönheit seiner Umrisse. Vom Hafen

aus gesehen zeigt er zu oberst eine lange, gerade, nackte, felsige

Schneide, die nur an ihren beiden Enden mit kleinen Hörnern aufragt.

Weil ich überall Aehnlichkeiten sehe, so vergleiche ich ihn mit der

hohen Schrott auf dem Wege von Ischl nach Ebensee. Das Wachsthum auf

seinen Hängen ist ein üppiges, meistens silbergraue Olivenwälder. Die

Berge, die um ihn stehen, steigen unmittelbar aus dem Meere auf, so daß

die ganze Gruppe wie ein eben erst aus den Fluthen aufgetauchtes Wunder

erscheint.

Von diesen Höhen ostwärts dacht sich die Insel ab. Dort liegen wie in

einem Sattel die Stadt Corfu, ihre schönsten Villen und Gärten. An

seinem anderen Ende, vor dem Abbruche in die See, hebt er sich wieder

zu dem doppeltgehörnten, dem grauen, steilen Vorgebirge, auf dem die

Festung steht, die Fortezza vecchia auf dem einen, die Flagstaff

Batterie auf dem anderen Horne. Zu allen Zeiten muß dieser Felsen die

Akropolis getragen haben, wie heute die der Engländer, so ehemals

die des Königs Alkinoos. Das Festland gegenüber buchtet sich gerade

an dieser Stelle tief ein, so daß die Meerstraße von Corfu hier am

breitesten ist. Die Stadt liegt unter dem Schutze der Festung und der

Insel Vido beinahe uneinnehmbar; Haus über Haus steht sie vom untersten

Saume der nordwärts geöffneten Bucht das felsige Ufer hinauf. Sie sieht

gedrängt, eng und klein, aber reinlich aus, weil die Gebäude alle

frisch und weiß angestrichen sind. Die Stadt soll an 20.000 Einwohner,

die Insel 73.473 haben.

Indeß war der Menge, die den Dampfer umlagerte, die Erlaubniß geworden,

das Verdeck zu besteigen. Bald waren wir, jeder Passagier besonders,

von Diensteifrigen umstellt, der eine um uns sein Boot, der andere um

uns seinen Wagen, seine Führerschaft, seinen Gasthof und jeder um uns

mit vertraulich zugeflüsterten Betheuerungen seine Dienste als die

besten anzubieten. Obst und Gemüse, Orangen, Erdbeeren, eine fremde

Gattung Aprikosen wurden in großen Körben um uns aufgeschichtet;

Artischocken von dieser Größe hatte ich nicht für möglich gehalten. Ich

drängte durch Alles durch zur Lloydbarke, die uns an einer abgelegenen

Stelle landete. Durch Höfe und einen Thorweg betraten wir erst die

Gassen der Stadt. Eine englische Wache hielt das Thor besetzt, schöne

große Leute und von so anständiger Haltung, daß jeder einem Gentleman

glich. Sie waren ganz in weiße Leinwand gekleidet, auf dem Kopfe die

hohe weiß überzogene Korkmütze mit dem rückwärtigen Schirme, der weit

hinab den Nacken deckt, wie sie sich die englische Armee gegen die

indische Sonne erfunden hat. Und so sommerlich angethan kommen uns

alle Leute, die meisten sogar noch durch weiße Sonnenschirme gedeckt,

entgegen. Glückliches Land, wo die Sonne das ganze Jahr über ihre

Schuldigkeit thut und man nie vergessen kann, warum sie scheint!

Die Gassen, die ich aufwärts ging, steigen die Höhe zum Plateau

hinauf, aber nicht so steil, als ich nach dem äußern Aussehen der

Stadt erwartet hatte. Sie sind schmal, und so ist der Verkehr in ihnen

zusammengedrängt und lebendiger als in mancher unserer breitspurigen

Residenzstädte. Auch den Schatten haben sie dadurch gewonnen.

Verschwendet ist dafür der Raum oben auf der Höhe, um den Platz

zwischen der Stadt und der Festung auf das ansehnlichste auszubreiten.

Seine eine Seite begrenzt die Stadt mit einer langen Zeile anständiger

Häuser; dort, aus einer Seitengasse heraus, betrat ich ihn. Vor dem

ebenerdigen Geschoße ziehen sich Arcaden her, so daß man einen weiten

Weg gegen Regen und Sonne geschützt hat. Kaufleute haben darunter ihre

Waaren ausgestellt. Unter dem vielen Primitiven fiel mir die große

Anzahl der Möbelhandlungen auf. Links, wo diese Häuserreihe endigt,

aber ihr schon gegenüber, steht der Palast des Lord Obercommissärs; aus

gelblichem Malteserstein ist er in so schönen Formen gebaut, daß er des

griechischen Himmels würdig erscheint. Zwischen ihm und den Häusern der

Stadt bleibt ein enger Durchblick auf den Hafen und die albanesische

Küste; vor ihm hebt sich eine Palme und um sie blühen Rosen- und

Oleanderbüsche. Unter schattigen Alleen, die das ganze Oval des Platzes

umsäumen und durchschneiden, ging ich weiter, durch tiefe Gräben von

den hohen Mauern der Festung geschieden. An den Brücken, welche darüber

herabgelassen waren, hatten wieder englische Soldaten die Wache. Da

plötzlich, wo die Mauern und der Felsen abbrechen und die Aussicht zu

meiner Linken auf das Meer wieder frei wird, blieb ich wie gefesselt

stehen. Ein Bild, schöner noch als alle früheren, überraschte mich, ein

Bild, das mich immer bei jeder Rückkehr auf die Insel zuerst anziehen

wird.

Es ist der zweite größere Busen der Insel, der sich hier ostwärts

gegen das Festland zu öffnet; von dem andern, nördlichen, trennt ihn

das Vorgebirge der Festung, er ist weit und noch weniger eingebuchtet

als dieser in einem kaum zu überschauenden Bogen bis zu seinem neuen

Vorlande hingezogen. Das Ufer hart vor mir fällt steil und hoch

in ausgewaschene Klippen hinab. Erst eine Strecke weiter auf dem

Ausschnitte des Bogens senkt es sich zu ebenem Strande, auf dem eine

weiße Straße hinläuft. Villen und Gärten liegen daran und ziehen sich

so tief in’s Land hinein, daß es aussieht, als wolle sich die Stadt

in’s Unübersehbare fortsetzen. Das Meer, das in dieser Bucht liegt,

war blau und ruhig; nicht einmal die Riffe unter mir konnten ihm ein

Gemurmel ablocken. Darüber hinaus ist das Festland mit anderen Buchten,

mit den Bergen Albaniens, mit dem noch höhern Pindosgebirge, das dunkel

vom Laube dichter Wälder die Geheimnisse des dodonischen Orakels

bewahrt.

Ich stieg in einen Wagen, um weiter in das Innere der Insel zu dringen.

Einzelne Palmen grüßen aus Gärten heraus; Cactus- und Aloehecken zäunen

die Felder ein, dann nimmt uns ein Orangenhain auf, die Bäume voller

Früchte, die mit ihrem Golde das Grün des Laubes entfärben; die freie

Natur aber kömmt erst mit einem Olivenwalde. Uralte Stämme von so

willkürlicher und mannigfaltiger Gestaltung, daß mir jeder besonderer

Besichtigung würdig erscheint. Wer jemals eine Abneigung gegen diesen

Baum gefaßt, vielleicht wegen seines grauen, eintönigen Laubes, der

gehe hierher um sich von diesem Vorurtheile zu heilen. Der Zeichner

und der Dichter kann für seine Landschaften keine malerischeren und

stimmungsvolleren Baumgruppen finden. Es sind Bäume, wie sie Claude

Lorrain geahnt. Der Boden ist zerhackt, wie zerbrochen, überall guckt

das Erdreich hervor; einzelne Büsche von Gras und Blumen sitzen auf

den zerstreuten Haufen herum; Schafe weiden dazwischen. Mir fallen

alle Fabeln der antiken Dichtung ein, am deutlichsten aber sehe

ich den Oedipus auf Kolonos illustrirt. So war der Hain, der den

schwergeprüften Greis beherbergt und zuletzt verschlungen hat.

Wo wir wieder aus den Wäldern heraus an bewohntere Stätten kommen,

springen Kinder herbei, den Wagen mit Rosen und Orangenblüthen zu

bewerfen. An einer solchen Stelle steige ich aus; wenig Schritte

seitab, die man mich führt, und ich habe eine dritte Bucht, den Hafen

der Phäaken vor mir. Tiefer als eine der beiden andern zieht sie sich

in’s Land hinein und vorn ist sie so geschlossen, daß ihr die Corfioten

wie einem getrennten Landsee einen besondern Namen geben konnten.

Den See von Calichiopoli nennt man sie; daß sie heute zu seicht zum

Einlasse unserer Schiffe ist, war kein Grund gegen ihre frühere

Benutzung. Dadurch eben bot sie in jener Zeit, als ein Paar starke

Fäuste genügten, die geschnäbelten Schiffe auf das Ufer zu ziehen, die

sicherste Unterkunft. Damit aber ja kein Zweifel über die ehemalige

Verwendung dieser Bucht bleibe, hat Poseidon das gleitende Meerschiff

phäakischer Männer, das den Odysseus nach Ithaka zurückgebracht und

wieder auf der eignen Heimkehr begriffen war, versteinert vor den

Eingang des Hafens hingestellt. Festgewurzelt in die Wellen steht der

Felsen, ein Kapellchen, ein Paar Oelbäume und Cypressen darauf, wie ein

Denkmal, das die Natur dem Dichter und dem Helden seines Liedes gesetzt

hat. Ποντιχονῆσι, Ratteninsel, nennen sie es heute.

Der Hafen liegt tief unter mir. Weit um ihn herum ist bebuschtes Land

gebreitet. Mir gegenüber, auf seinem jenseitigen Ufer, steigen die

Berge von Casturi zum Thale hinab. Oelwaldungen bedecken ihre Hänge,

und Landhäuser und kleine Ortschaften schimmern daraus weiß hervor.

Ich saß lange und schaute und konnte des Eindruckes nicht satt werden.

Wer wird auch das Paradies nicht genießen, wo es einem auf Erden schon

geboten wird?

Das Letzte, was ich besuchte, war die Villa, welche die Kaiserin

von Oesterreich einen Winter lang bewohnt hat, der gewöhnliche

Sommeraufenthalt des Lord Obercommissärs. Sie steht auf dem entlegenen

Vorgebirge der zweiten ostwärts geöffneten Bucht. Der Garten war

voll üppiger Blumen; die meisten in der Blüthe, einzelne sogar schon

verwelkt. Aber das bewundernswertheste ist der Ausblick von der

Terrasse vor dem Gartensaale; Meer und Land umfassend reicht er vom

Süden über den Osten bis zum Norden; die Nähe unmittelbar vor mir

wild und schwindelnd mit hohem Felsabsturze bis zur See hinab, die

Ferne mild und ausgeglichen in ebenem Linienschwunge und stille im

heißen Mittagsschlafe des sommerlichen Frühlingstages. Uralte ernste

Cypressen, höher als bei uns irgend ein Baum wird, nisten in den

Felsen, die den Abhang hinab zum Meere auf einem steil verwegenen

Steige führen. Auf regungsloser Fluth lag dort ein Kahn an die Klippen

angekettet. Links hin in weiter Ferne, von Bäumen halb verdeckt,

erscheint die Stadt, der doppelzackige Felsen des Festungsvorgebirges

und darüber, wie seine vergrößerte Copie, der mächtige alles

beherrschende Monte San Salvatore. Gegenüber auf dem Festlande sperren

die Berge von Albanien die Aussicht. Schwarze Gewitterwolken ballen

sich auf ihrem Schnee zusammen, drohend, als wolle uns der Prospero

dieses Zauber-Eilandes die Absicht der Flucht verhindern; denn nur

dieser dichterischen Schöpfung kann ich diese Insel vergleichen. In

ihrem Rosenglanze und Orangendufte war mir oft, als höre ich aus den

Lüften herab das verlockende Lied Ariels und aus den Büschen das

keusche Liebesgeplauder Miranda’s und Ferdinands. Die Königin von

England gibt dieses Kleinod ihrer Krone umsonst her, mir wäre es um die

Schätze aller ihrer Indien nicht feil. Aber freilich droben in ihren

Nebeln kannte die arme Frau nicht einmal was sie besaß.

Wir dampfen in der Straße von Corfu, rechts an dem Vorgebirge

der Festung, an der Villa des Lord Obercommissärs, links an dem

chäronäischen Gebirge, an dem chimärischen Vorlande vorüber. Hinter

uns sind die vereinigten Berge der Insel und des Festlandes, vor uns,

wo das Meer wieder weiter und freier wird, Paxos und Antipaxos, zwei

felsige Eilande, Corfu nahe und von ihm getrennt, wie wenn sie einmal

eins mit ihm gewesen wären. Hier war es, wo der römische Steuermann

Thamus die wunderbare Weisung hörte, an der Bucht von Butrinto, also

Corfu gegenüber, laut auszurufen, daß der große Gott Pan gestorben

sei. Und als plötzliche Windstille dem Unfolgsamen den Ruf abgenöthigt

hatte, da erscholl weit umher klagendes Wehegeschrei. Es war der

Jammer um den Tod der alten Götter und um die Auferstehung eines neuen

Glaubens. Alle Versuche dieses Wunder durch irgend etwas Natürliches

zu deuten sind bisher gescheitert. Ich glaube, daß sich dergleichen

Erscheinungen überhaupt nicht erklären lassen. Ihre Veranlassung liegt

nicht sowohl in der uns umgebenden Natur, als in den Gemüthern und in

der Zeit, welche von den Ahnungen der Geister bewegt ist. So sind oft

ganze Generationen von dem Wunderglauben erfüllt. Es ist das besonders

in den Epochen der Wiedergeburt, der Um- und Einkehr der Menschheit

in sich selbst, in den glücklichen Tagen eines neuen Lebens der Fall,

wenn der Mensch wieder zu glauben beginnt. „Das Wunder ist des Glaubens

liebstes Kind!“ Auf ruhiger offener Fläche des Meeres, wo nichts den

Sinn zerstreut und das Auge nur durch die gegenstandslose Ferne

gefesselt wird, bilden sich dann solche Erscheinungen von selbst, und

ungesprochen und ungehört glaubt und sieht sie das Ohr und das Auge.

Während ich in Corfu auf dem Lande war, hat das Verdeck unseres

Schiffes ein anderes Aussehen bekommen. Albanesen, Türken, Griechen,

Montenegriner lagern darauf in solcher Menge, daß ihnen auch ein

Theil des ersten Platzes eingeräumt werden mußte. Es ist die

Levante, die uns auch hier umgibt mit malerischen Trachten und

charakteristischen Physiognomien. Die Meisten tragen weiße, grellroth

verbrämte Flanelljacken, Mäntel, enganliegende Hosen und Gamaschen aus

demselben Stoffe, mit den gleichen Verzierungen, das sind Albanesen

und Montenegriner. Einige aber, offenbar wohlhabendere, haben diese

Kleidungsstücke aus blauem und rothem Tuche, über und über mit Gold

gestickt. Andere, denen Hunger und Sorge die scharfen Gesichtszüge

noch mehr ausgefeilt haben, sind bis auf ein zerrissenes Hemd und

die nothdürftigsten Lumpen unbekleidet. Was von Griechen aus dem

eigentlichen Griechenlande darunter ist, zeigt mit einem gewissen

Stolze das bekannte Griechenkleid, die Fustanella, die Jacke, Gamaschen

und das rothe Fez. Möglichst abseits von diesem Volke, das laut

und beweglich ist, halten sich ruhig und still die Türken. Es sind

Soldaten, die nach Konstantinopel zurück müssen, während die übrigen

der Hunger, die Gewinnsucht und die anderen Triebe der Hoffnung dahin

treiben. Alle haben ihr Mobiliar und ihr ganzes bewegliches Eigenthum

bei sich in großen Ballen zusammengeschnürt. Da es Abend wird,

knüpfen sie die Schnüre auf und rollen, die Reicheren dünne Matrazen

und gesteppte Decken, die Aermeren nichts als langhaarige Kotzen zu

ihren Nachtlagern auseinander; darauf ausgestreckt, verzehren sie das

sparsame Mahl, das sie mitgebracht, Knoblauch, Zwiebeln, rabenschwarzes

Brod, und nur die, denen es besser zu gehen scheint, essen Käse dazu.

So genügsam ist dieses Volk und darum nicht schlechter daran als das

nordländische, das sich mit Bedürfnissen übersättigt.

In all’ dem Lärm und Gedränge, den diese Einwanderung veranlaßt

hat, sitzt mein Perser unberührt und unverändert wie früher, das

großbuchstabige Buch auf den Knieen, vorne auf demselben Flecke.

Staunend über so viel Insichgezogenheit stand ich lange bei ihm und

dachte wie naturwidrig doch das Bestreben unserer Civilisation sei,

Menschen so verschiedenartig, wie ich sie hier auf dem engen Raume

eines Schiffes versammelt sah, unter dieselben Gesetze zwingen, zu

demselben Culturzustande erziehen zu wollen. Zerstreut durch solcherlei

Gedanken und dann auch weil es schon dunkelte, stolperte ich über einen

der schlafenden Albanesen. Der Mann erwachte nicht, aber im Schlummer

griff er nach seinem Dolche. Gab’s eine aufrichtigere Sprache, aber

auch eine die mir verständlicher die Lebensart des ganzen Volkes

geschildert hätte? Und sie ist die richtige, die von Gott gegebene.

Streich für Streich, Faust gegen Faust. Die Civilisation sieht freilich

mit Verachtung auf unser Mittelalter herab, weil es das so gemacht;

aber wenn man den heutigen Sitten die Tugendkapuze abstreift, was

bleibt dann anderes als das Faustrecht, der Kampf des Einen gegen Alle,

das ~ôte toi que je m’y mette~? Daß es von unseren großstädtischen

Börsen statt von den vereinsamten Burgen aus geübt wird, ändert an dem

Werthe der Sache nichts.

Ein Sommer im Orient · 第 16 / 31 题