Zwei Abgesandte der Regierung sind da; der Hammer an der rettenden
Leitung schlägt, von einem Fest zur Einweihung des Werkes spricht
niemand.
Eine unheimliche Stille brütet über St. Peter. Mächtiger als die ernsten
Patrouillen, die das Dorf auf und ab schreiten, spricht es in die
Gewissen, daß das schöne alte Haus zum Bären in schwarzen Ruinen aus der
weißen feierlichen Schneelandschaft ragt. St. Peter ist ohne den Bären
nicht mehr St. Peter.
Wer hat die Flamme hineingeworfen? -- In der Gemeindescheune halten die
herbeigeeilten Gerichtsbehörden an einem Tisch die Verhöre, zu denen
ihnen der Verrat Bälzis die Unterlagen bietet. Mit finsteren, trotzigen
Mienen kommt Bauer um Bauer und antwortet auf die Fragen. Daß er Kreuze
aus dem Kirchhof ausgerissen hat, giebt jeder zu. Den Ahornbund aber
verrät keiner. Und keiner nennt den Brandstifter, die
Untersuchungsbeamten aber bestehen darauf, daß es irgend einer vom Bunde
sei, und halten den Verdacht auf den Presi für eine Ausflucht. Sie
fassen einen heißen Groll gegen das verstockte Dorf und drohen mit
langen Einquartierungen auf Kosten der Gemeinde.
Da tritt erschüttert der Garde herein: »Ich kann euch die Untersuchung
erleichtern. Keiner von denen, die ihr verhört habt, hat den Bären
angezündet. Das hat ein Vater für sein Kind gethan. Ich sage es euch im
Auftrage des Presi Peter Waldisch, der soeben gestorben ist.«
O, die da sitzen und die Not eines Dorfes schreiben, sie haben den Presi
schon gekannt, den gewaltthätigen Mann, der, die anderen alle um
Haupteslänge überragend, nie klein gewesen in seinem Zorn, aber auch so
groß in seiner Liebe, daß ihm die That wohl zuzutrauen ist.
Sie sprechen bewegt: »Immer war er der Presi -- sich selbst getreu bis
in den Tod -- in der Enge der Berge, wo der gewaltige Mann überall
anstieß, hat er werden müssen, wie er war -- in der Welt aber wäre er
nach Kopf und Herz ein Großer geworden -- denn Kernholz, aus dem das
Volk seine starken Führer schnitzt, war an ihm von der Sohle bis zum
Scheitel.«
Während sie noch flüsternd dem toten Presi ihr Kränzlein winden, tritt
Josi Blatter an den Tisch und wünscht wegen Thöni Grieg verhört zu
werden. Ruhig und fest erzählt er den Hergang im Teufelsgarten, ruhig
und fest antwortet er auf die Kreuz- und Querfragen, die Gesichter der
Untersuchenden, die zuerst wohlwollend auf den Helden der heligen Wasser
blickten, werden ernst. Die Darstellung klingt unglaubwürdig.
»Ihr besteht darauf, daß es nicht Totschlag in Notwehr war?«
»Ich bestehe darauf.«
»Ihr habt das Werk an den Weißen Brettern nicht zur Sühne gebaut?«
»Nein, meiner Braut Binia Waldisch zu Ehren.«
»Ihr verzichtet auf die altgebräuchliche Rechtswohlthat, die seit
Matthys Jul denen zugebilligt wird, die für die heligen Wasser an die
Weißen Bretter steigen?«
»Ich verzichte!«
Josi steht -- es geht nicht anders -- unter der Anklage, in Notwehr
Thöni Grieg erschlagen zu haben -- aber wenigstens so hart sind die
Männer des Gerichtes nicht, daß sie ihm eine Haft auferlegen. Sein
Ehrenwort, sich der Untersuchung immer zur Verfügung zu halten, genügt.
Kaplan Johannes ist nicht zurückgekehrt. Von seinen eigenen Anhängern
zuletzt in die Enge getrieben, hat er sich auf die Felsen geflüchtet,
die vom Neuschnee schlüpfrig waren, er ist gestürzt und erst im Frühjahr
hat man seinen zerschmetterten Leichnam in einem Abgrund gefunden.
Während der Untersuchung über die Vorfälle in St. Peter, die mehrere
Tage in Anspruch nimmt, ist der alte Pfarrer zurückgekommen und hat
seine Siegel von der Kirche genommen. St. Peter kann seine Toten
begraben, heute in aller Stille Thöni Grieg, morgen in herzlicher Trauer
den Presi, der den Dörflern nie bewunderungswürdiger schien als in
seinem Tod. Man hat die Kreuze und Scheiter des Kirchhofs gesammelt und
wieder in die Gräber gesteckt. Der Pfarrer hat sie neu geweiht, und wie
nun die Glocken zum Begräbnis des Presi wieder erklingen, da geht ein
aufschluchzendes Weinen der Zerknirschung, doch auch neue Lebenshoffnung
durch das Dorf.
Am Schluß der Grabpredigt sagt der alte Pfarrer: »Ich weiß, daß auch ich
schuldig bin und euch nicht hätte verlassen sollen, und vor den Behörden
der Kirche will ich für euch um ein gnädiges Urteil bitten. Ich lasse
euch als Vermächtnis meiner Amtsthätigkeit, die ich niederlege, die
Schlüssel zum Gotteshaus und den Glocken zurück. Hoffentlich für ewig.
-- Eine junge starke Kraft möge euch besser führen, als es mir altem
kraftlosen Manne gelungen ist!« -- --
Langsam schreitet der Prozeß, es ist, als könne sich das arme Dorf nicht
mehr erheben aus seiner Schande, als müsse es daran zu Grunde gehen.
Wie aber vor dem Volk des Berglandes die Gestalten Josi Blatters und
Thöni Griegs durch die Untersuchung in immer schärferen Umrissen
erscheinen, wie der gefälschte Brief Thönis bekannt wird, wie man den
Leidensgang und die hohe Treue der Liebenden erfährt, da fliegen ihnen
alle Herzen zu, der gerechte Sinn des Volkes erwacht. »Selbst wenn er
eine That des Zornes begangen hätte,« spricht das Volk, »müßte er
freigesprochen werden, sie wäre Gottes Gericht über den Schuft.«
Es ist aber keine That des Zornes geschehen. -- Und für Josi und Binia
spricht mit glühendem Feuer der Garde, der Ehrenmann des Dorfes, der in
aller Verwirrung wie ein Fels des Rechtes dagestanden ist.
Tausend Umstände zeugen für das Paar.
Im Winter noch steigt Josi ein paarmal zu seinem Werk empor, prüft es,
vollendet noch da und dort etwas -- sobald er aber das gerichtliche
Verfahren hinter sich hat, will er mit Binia über das Meer ziehen und in
einem fernen Erdenwinkel Glück und Vergessen suchen.
Eines Tages aber erhält er den Besuch seines Freundes Felix Indergand.
Der spricht nicht mehr von Beate, dagegen redet er Josi herzlich zu:
»Ziehe nicht fort, Josi! -- Siehe, wer zwischen den Bergen geboren ist,
findet nur zwischen den Bergen das volle Lebensglück. Wir beide haben es
erfahren, wie öde und leer das Herz in der Fremde bleibt, das deckt alle
Liebe nicht zu. Thue es deiner herrlichen Braut nicht an, das Bergkind
würde in der Ferne rasch welken. Komm, wenn du doch nicht zu St. Peter
bleiben magst, zu uns ins grüne Oberland, ich will ein Gütchen für dich
erhandeln. Dort lebe in meiner Nähe und sei glücklich mit deinem Weib.«
Josi geht die warme Rede seines Freundes zu Herzen -- er willigt ein.
Endlich, wie schon die ersten Frühlingsblumen blühen, ist der
Gerichtstag für ihn und die von St. Peter da, das Landvolk ist wie an
einem Markttag auf der Fahrt in die Stadt.
Die Tribünen des Gerichtssaales sind gefüllt und zweimal entsteht eine
mächtige Bewegung unter den Zuschauern.
Das erste Mal, wie eine hoheitsvolle jugendliche Gestalt in tiefer
Trauer als Zeugin vor die Schranken tritt. Manchmal, wenn ihre Liebe zu
Josi vor der Menge zur Sprache kommt, erbebt sie, Blutwelle um Blutwelle
geht über das feine Gesicht und hilflos fragt sie: »Ja, muß ich das auch
sagen?« Auf manche harmlose Fragen antwortet sie in so heißer Scham,
dann mit einem blitzenden Wahrheitsmut, daß die Schauer der
Ergriffenheit durch den Zuschauerraum gehen.
»Der Garde von St. Peter hat recht,« flüstert sich die Menge zu, »Binia
Waldisch kann keine Unwahrheit sagen!«
Und dann, wie ein eben eingetroffener Brief aus Indien zur Verlesung
kommt:
»Josi Blatter, über den Sie mich gerichtlich anfragen, hat sich in fünf
Jahren als ein Mann ohne das geringste Falsch bewährt. Er ist so fest
und treu wie Ihre Berge, und die wanken nicht. Sie würden eine Schmach
auf Ihr Land laden, wenn Sie ihm nicht vollen Glauben schenken und einen
Makel auf ihm ruhen ließen. George Lemmy, Oberingenieur der britischen
Regierung in Indien.«
Ein Stündchen später ist der volle Freispruch da.
Ein kleiner, schluchzender Schrei bebt durch den Saal: »Josi, mein
Held,« und Hunderte schluchzen mit und ein Jubelruf pflanzt sich fort
durch die Straßen der Stadt.
»So geht ihr nun ins Oberland, ihr Vielgeprüften!« sagt der Garde, der
mit Vroni und Eusebi dem Paar die Hände reicht, »wenn zwei glücklich
werden können auf dieser wandelbaren Erde -- so seid ihr es, ihr heißen
Herzen von unwandelbarer Treue.« --
Auch St. Peter hat keinen bösen Tag.
Die Richter wissen, daß es jetzt nicht gilt, das arme, verirrte, von
einem Wahnsinnigen verführte Dorf, für das der alte ehrwürdige Garde mit
Thränen in den Augen bittet, noch tiefer in Unglück und Schande zu
drücken, sondern zu beruhigen und zu versöhnen, sie legen leichte
Strafen auf die Grabschänder, und willig tragen die Dörfler das
verhängte Maß. -- --
Wie ein reinigendes Gewitter haben der »böse Tag« und seine Folgen auf
die von St. Peter gewirkt. Ein Jahrhundert ruhiger Entwickelung hätte
die Sinnesart des Völkleins nicht so geändert und geweckt wie der Sturm.
Und sonderbar, wie sich das Urteil über den toten Presi gewendet hat.
Seinen einst so verhaßten Namen nennt man in St. Peter in glühender
Ehrfurcht. Vor dem frommen Glauben der Bergleute hat nicht Peter Thugi,
der jüngere, im letzten Augenblick den Schlag des Kaplans vom Haupt
Binias gewandt. Nein, aus dem alten Fluch, daß eine Jungfrau über der
Befreiung St. Peters von der Wasserfron an den Weißen Brettern sterben
müsse, hat sie die Aufopferung des Presi gerettet; indem er selber in
den Tod ging, schützte er das Leben seines Kindes und bewahrte das Dorf
vor noch entsetzlicherem Unglück.
Als ein Held erlösender Vatertreue steht er im Gedächtnis des
Berglandes.
Sogar sein Werk, die Einführung des Fremdenverkehrs in das Thal, ist
nicht untergegangen. Ein Jahr stand der Bären als eine Ruine da. Dann
kam denen von St. Peter die Ruine und die Ruhe der Sommer, die man so
geliebt hatte, wie eine Anklage vor. Die Gemeinde wünschte, daß das Haus
von einem tüchtigen Wirt wieder aufgebaut würde. Die Fremden falterten
darauf wie einst durch das Glotterthal und die Bevölkerung hat nichts
wider sie einzuwenden.
Von den alten Sagen spricht niemand mehr gern, wie man die schönen einst
geliebt hat, verabscheut man sie.
In einem Thal des Oberlandes aber lebt ein junges Ehepaar in halber
Verborgenheit und tiefem Frieden.
Nach einigen Jahren indes findet doch ein kleiner Zug von Männern, an
ihrer Spitze Hans Zuensteinen, der alte Garde, und der jüngere Thugi,
der neue Garde, den Weg in den Winkel des Glücks.
Die Männer drehen vor Josi Blatter und seiner schönen jungen Frau
verlegen die Hüte und der alte Garde spricht: »Josi Blatter, es ist
vieles anders geworden in unserem Dorf, aber den rechten Frieden und die
rechte Freudigkeit haben wir noch nicht. Es ist uns, St. Peter sei noch
nicht ganz aufgerichtet, so lange du und Binia uns fehlen. Wir wissen,
daß dein Werk gut ist, die Gemeinde will dich in Ehren halten und zum
Zeichen haben dich gestern die hundertzwanzig Bürger von St. Peter
einstimmig zu ihrem Presi gewählt. Denn ich bin alt und den Aemtern
nicht mehr gewachsen. Wir brauchen einen starken, aufrechten Mann. Josi,
versage uns die Freude und Ehre nicht!«