XXII.

Ein Trauerspiel im Bergland. Was die von St. Peter gethan haben,

erscheint dem Bergvolke selbst, erscheint der Welt unbegreiflich. Das

Dorf wollte den schlagen, der ihm die größte Wohlthat erwiesen hat, den

es mit Ehren wie seinen Erlöser feiern sollte. Unbegreiflich? -- Als ob

der Wechselruf »Hosianna!« und »Kreuziget ihn!« nicht die Jahrhunderte

herab durch die Blätter der Geschichte jauchzte und klagte. Als ob es

nicht bis in die blühende Gegenwart hinein der Beispiele genug gäbe, wo

nicht nur ein kleines, weltfernes Dorf, sondern große mächtige,

gebildete Völker sich unter dem Druck eines Zwangsgedankens verwirren

und eine Weile den Weg der Vernunft nicht finden können. Als ob die

Gestalt des bösen Narren, des Kaplans Johannes, der hetzend die dunklen

Regungen der Volksseele mißbraucht, nicht überall auf der Lauer stehe,

um seinen Bettelsack aus der allgemeinen Verirrung zu füllen und seine

nächtliche Seele in den Bildern des Schreckens schwelgen zu lassen. --

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In bebender Zerknirschung liegt St. Peter.

Jahrhunderte hat sein Völklein unter dem Donner der Lawinen friedlich

und still gelebt, Geschlecht um Geschlecht hat mannlich getragen, was

eine übermächtige Natur an Gefahren und blutenden Opfern über sein

Dasein verhängte. Im Schoß des stillen Lebens blühten innige Sitten und

Bräuche, die Wunderblume der Sage hielt ihre Kelche offen und atmete

ihre Düfte aus. Da führte ein Feuerkopf die Unruhe, die Hast einer neuen

Zeit in die Enge des Thales, in die Schmalheit der Volksanschauungen.

Die Dörfler sahen, was Eltern und Altvordern groß und heilig gegolten,

von einem Schwarm leichter Menschen, der kein Verständnis für ihr

eigenartiges Fühlen besaß, mißachtet, in den Stimmen der Lawinen hörten

die Geängstigten den Zorn des Himmels reden. Und siehe da -- die

Wunderblume der Sage vergiftete ihren Duft. In Fleisch und Knochen

schlich sich, von einem geheimnisvollen Narren vertragen, das Fieber des

Aberglaubens.

Die Stimmung ist vorbereitet. -- Da geschieht das Unfaßbare, daß einer

vom Dorf das Verhängnis lösen will, das wie Gottes Züchtigung darüber

schwebt -- da ereignet sich das Schreckliche, daß ein verborgener Mord,

so glaubt das Völklein, ans Tageslicht kommt -- eine tragische Folge der

Umstände schaltet alle Hemmungen der Vernunft aus.

An heiligen Wassern: Roman aus dem schweizerischen Hochgebirge · 第 49 / 59 题