X.

Was man in St. Peter erlebte!

Vor einigen Tagen war es gewesen. Da hatte der Pfarrer, der zwischen Tag

und Nacht von Hospel kam, im Teufelsgarten ein unheimliches Stöhnen

gehört. Er war ihm als Diener des Herrn, der den Satan nicht zu fürchten

hat, nachgegangen und hatte Josi Blatter, den Rebellen, gefunden, den

man verhungert und erfroren glaubte. Er hatte Anzeige beim Garden, dem

Vormund des Burschen, gemacht, und dieser den schwerkranken,

blutrünstigen Jungen, der vor Entkräftung nicht mehr gehen konnte, mit

einem Wägelchen in seine Wohnung geholt.

Und gestern war ein neues Ereignis gekommen. Der Presi hatte, ohne daß

er vorher mit einem Menschen davon gesprochen hätte, fast heimlich und

über Nacht Binia aus dem Dorf fortgeschafft. Wohin? -- Die Bärenwirtin

erzählte den Dörflern, die es hören wollten, sie sei in eine

Erziehungsanstalt verreist, wo sie die fremden Sprachen lerne, die man

im Verkehr mit den Sommerfrischlern brauche.

»Es ist aber doch seltsam,« sagten die Leute, und sie ergingen sich in

allerlei Mutmaßungen, doch ohne die Ursache der plötzlichen Reise zu

ergründen.

Und heute hatte der Gemeinderat einstimmig beschlossen, daß Kaplan

Johannes den Gemeindebann verlassen müsse, da er einem minderjährigen

jungen Menschen Unterschlauf gegeben und in der Auflehnung gegen die

Behörden unterstützt habe.

Der Pfaffe schlug ein lautes Gejammer an und eilte in alle Häuser, wo er

auf Gehör rechnen konnte. »O, der meineidige Rebell. Wem als mir hat es

St. Peter zu danken, daß das Dorf noch steht. Ich schwöre es, er hat es

an allen vier Ecken anzünden wollen, nur mit den höchsten Formeln habe

ich ihm die Hände binden können. Aber wißt, wißt: Durch den Rebellen

Josi Blatter wird früher oder später ein Unglück, wie noch keines erlebt

worden ist, über das Glotterthal kommen. Ein Alraun hat es mir im

Spiegel gezeigt: Die Kirchhofkreuze hat man in St. Peter ausgerissen und

die ganze Gemeinde hat geschrieen: 'Laßt uns den Uebelthäter

erschlagen!' Und der Bären lag in Schutt und Asche.«

Die Zähne der Weiber klapperten, doch die gruseligen Erzählungen

retteten den Kaplan nicht. Gerade die ruhigeren Bürger drangen darauf,

daß er jetzt mit fester Hand aus dem Thal vertrieben würde: »Er macht

das Dorf verrückt,« sagten sie, »denn die Weiber glauben ihm.« Der

Presi, der sich selber zürnte, daß er Johannes zu lange hatte gewähren

lassen, schickte kurzerhand ein paar Mann nach dem Schmelzwerk, die das

Gerümpel des Kaplans aus der Ruine warfen und sie so weit abbrachen, daß

sie sich nicht mehr zur bescheidensten Wohnstätte eignete.

Dafür war besonders der Pfarrer dem Presi dankbar -- jetzt, in alten

Tagen, konnte er ungestört das Wort Gottes säen, der böse Feind, der

immer das Unkraut des Aberglaubens dazwischen gestreut hatte, war

vertrieben. Zum Dank dafür richtete der alte Priester, der es sonst für

klüger hielt, sich nicht unmittelbar in die Angelegenheit der Bauern zu

mischen, am Sonntag ein kräftiges Wort an seine Herde und bat darin, daß

man sich des wiedergefundenen Josi Blatter, der in aller Verirrung

nichts Böses gethan, in Liebe erbarme.

Die einen hingen nun an Kaplan Johannes, die anderen am Pfarrer.

Inzwischen genas Josi.

Eines Tages spürte er das Gesicht Vronis über sich und er hatte einen

wunderschönen Traum: Er, Vroni, die Mutter und Binia saßen auf dem

Felsen über dem Haus, sie sangen: »Du armer Knabe, schlaf am Meere,« und

die goldenen Schwingen der Abendluft brachten ein leises Echo von den

Bergen zurück. Plötzlich aber fing es an zu regnen, die heiße Erde

kühlte sich, die Blumen erhoben die Häupter, die ganze Welt trank das

köstliche Naß. Der Regen kam aber nicht vom Himmel, es waren Thränen

Vronis!

Ja, sie fielen auf seine Wange. Er erwachte, sah Vroni, lächelte, dann

fielen ihm die Augen müde wieder zu und er träumte weiter.

Als ein wackerer Mann hatte sich der Garde des verlorenen Sohnes

erbarmt, der wiedergefunden war. Er schlachtete zwar kein Kalb zu seinen

Ehren, aber er beruhigte die Gardin, die über den unerwarteten

Familienzuwachs ungehalten war.

»Hätte Fränzi zehn Kinder gehabt, ich glaube, du würdest mir alle zehn

an den Tisch bringen -- sind wir eigentlich das Waisenhaus von St.

Peter?«

Sie war kein unbarmherziges, sondern ein zu Wohlthaten für andere

geneigtes Weib, das keinen Vorwurf der Härte auf sich kommen ließ, aber

Josi litt sie nicht wohl. Seit man ihn gereinigt und ihm das Haar

geschnitten hatte, war er in aller Verelendung, mit seinem blutroten

vernarbenden Riß über die Wange, der hübschere Bursche als Eusebi. Und

doch hätte sie auf der Welt nichts Lieberes gehabt als einen eigenen

schönen Sohn, als ein ganzes Haus voll schmucker Kinder, Knaben und

Mädchen. Heimlich neidete sie nicht nur alle Frauen, die hübsche Kinder

besaßen, sondern auch der Anblick fremder schöner Jugend bereitete ihr

Herzeleid.

»Aber Frau, siehst du nicht, wie Eusebi wächst und erwacht? Nimm den

Segen nicht mit unchristlicher Rede von ihm. Ich habe eine Hoffnung, die

ist so groß, daß ich sie nicht verraten darf,« mahnte der Garde.

»Thun wir nicht genug an Vroni?« fragte die Frau.

»Was genug ist, weiß der Herrgott -- ich meine, bis er wieder ganz

gesund ist, bleibt der arme Bursche da.«

Murrend fügte sich die stolze Garden.

Vor dem Haus saß Josi auf dem Dengelstein, er sonnte die sich

kräftigenden Glieder und ein unsägliches Glück summte in seinem Kopf.

Der Garde hatte sehr ernst und väterlich mit ihm geredet. Alles hatte er

ihm bekennen müssen, was er das Jahr lang als Rebell erlebt hatte. Dann

hatte er ihm in die Hand versprochen, daß er sein Leben lang nie mehr

mit Kaplan Johannes verkehre und dem Presi nichts nachtragen wolle.

»Nein -- nein,« versicherte Josi, er war ja überglücklich, daß er durch

den Streich des Presi wieder unter die rechten Menschen gekommen war.

So viel war der grausame Hieb schon wert.

Da schlarpte der letzköpfige Pfaffe heran und redete dem Burschen, der

in einem hübschen Kleid aus einem alten Sonntagsgewand des Garden

steckte, schmeichelnd zu: »Du liebes Söhnchen, komme mit mir -- bei

Fegunden baue ich eine Einsiedelei -- du bist es mir für den Winter

schuldig, daß du mir sommersüber Krystalle suchst. Im Herbst will ich

dich loslassen.«

»Gebt Euch keine Mühe, Johannes, mit Euch bin ich fertig,« erwiderte

Josi, den Blick verachtungsvoll von seinem Peiniger wendend.

Da wütete der Schwarze gräßlich: »O du räudiges Schaf -- du Lügner -- du

teuflischer Judas. -- Deinetwegen werde ich aus St. Peter vertrieben --

Du Satansaas! -- du vom Teufel Gezeichneter -- du ekliger Dämon! -- ich

weiß es, du liebst den Balg des Presi noch, aber auf des Teufels

Großmutter reite ich, wenn ihr die Hände nacheinander streckt, zwischen

euch; meine weiße Seele werfe ich dafür hin, daß ihr nie zusammenkommt.«

Josi lächelte über die Ohnmacht des Tobenden: »Thut, so wüst Ihr wollt,

ich glaube nicht an Eure schwarze Kunst.«

Mit entsetzlichen Flüchen ging der Kaplan. Josi lächelte immer noch

verträumt in sich hinein. In die Schläfrigkeit der Genesung gaukelten

die lieblichsten Bilder: Binia und Vroni! -- Vroni und Binia! Es war

ihm, als habe die Begegnung mit Binia im Teufelsgarten allen seinen

Gedanken eine andere Richtung gegeben, sein Wesen mit Licht übergossen.

Wie ein Engel war sie in den dunklen Kreis seines Elends getreten, er

schämte sich, daß er sie so viele Jahre in seinem Herzen nie anders als

die »Giftkröte« genannt hatte. Er sann allerlei schöne Namen aus für

sie. Glich sie nicht jenem leuchtenden Krystall, den man Tautropfen

nennt?

»Tautröpfchen, Tautröpfchen, du liebes, wo bist du jetzt?«

In seiner Brust brannte das Mitleid mit der, die seinetwegen aus dem

Thale hatte gehen müssen.

Der Garde hatte ihn zwar eindringlich gemahnt, daß er sich jeden

Gedanken an Binia aus dem Kopf schlage, das sei überspanntes Zeug, aber

ihm klang es immer in den Ohren: »Wenn du keinen Fetzen auf dem Leib

hättest und noch zehnmal mehr Läuse auf dem Kopf -- o Josi -- ich liebte

dich doch.« Das rauschte wie Orgelton durch seine Sinne; wenn es auch

der Garde nicht ausdrücklich gewünscht hätte, so hätte er es schon um

Binia gethan: er sagte keinem Menschen, woher der häßliche rote Strich

auf seiner Wange kam.

Dafür mußte er es freilich dulden, daß ihn jeder, der des Weges ging,

mit neugieriger Scheu betrachtete und die Leute von St. Peter es

einander zuraunten: »Seht, der Kaplan Johannes hat doch recht, der

Teufel hat den Rebellen gezeichnet, damit er ihn kennt, wenn er ihn

holen kann.«

Die Geschichte machte dem Garden schwerer{7} als Josi selbst. Mit

gelassener Ruhe suchte er für den Burschen bei rechtschaffenen Leuten

einen neuen Dienst, erhielt aber überall ausweichenden Bescheid: »Ja,

als er zu Bälzi kam, hätten wir ihn auch genommen, aber jetzt --man weiß

nicht, was er in dem Jahr aufgelesen hat und einem ins Haus bringen

würde. Und hat er nicht St. Peter anzünden wollen?«

Doch forderte wenigstens niemand mehr, daß man ihn ins Gefängnis werfe.

Den breiten, schwerfälligen Garden aber hielt das Dorf für einen

gutmütigen Narren.

Der obdachlos gewordene Kaplan Johannes ging erst aus der Gemeinde, als

man ihn bei knappstem Futter einige Tage eingesperrt hatte. Sein

Abschied waren gräßliche Flüche auf den Presi: »Holt der Satan nicht

ihn,« schwor er mit rollenden Augen, »so holt er sein Kind.«

Der Presi hatte aber genug Arbeit mit den Fremden, die wieder nach St.

Peter kamen und mit fröhlichem Lachen durch das Bergthal schweiften --

Schweizer, Deutsche, Franzosen und -- der erste Engländer. Auf diesen

war er besonders stolz, erst die Engländer gaben seiner Meinung nach

einer Sommerfrische die Vornehmheit, die man sich wünschte.

Ein Lord war nun freilich George Lemmy nicht, aber -- was fast

ebensoviel bedeutete -- ein Ingenieur der britischen Regierung in

Indien.

Er war bergsteigermäßig gekleidet, trug Nagelschuhe, grünwollene

Strümpfe mit gewürfeltem Muster, graue Kniehosen, graue Jacke und grünen

Filz. Er war ein Dreißiger mit blondem, kurzgeschnittenem, zugespitztem

Bart, gelblichem, ausgemergeltem Gesicht, prachtvollen Zähnen, ein Mann

von beinahe schwächlichem Körperbau, aber von überraschender Energie des

grauen Auges und der Haltung. Er wußte immer genau, was er wollte, und

setzte es mit einer gewissen Schärfe durch. Und als der Presi die

wissenschaftlichen Apparate sah, die sich George{8} Lemmy nachführen

ließ, galt es ihm für ausgemacht, daß er ein Besonderer sei.

»Nun, Herr Bärenwirt, hätte ich gern einen vertrauenswürdigen Mann oder

Burschen, der nicht ganz auf den Kopf gefallen ist, als Träger und

Begleiter.« Der Engländer sprach sein Deutsch gut, wenn auch mit stark

englischer Betonung.

Der Presi stellte ihm den lustigen Thöni Grieg zur Verfügung. George

Lemmy pfiff eine Melodie vor sich her und maß den Burschen mit einem

scharfen Blick: »Well, ich will ihn prüfen!« Aber am dritten Tag kam er

wieder: »Ich mag Thöni nicht, er schwatzt mir zu viel, er ist

eingebildet wie ein Hahn und schwindelt, daß die ganze Geographie dieser

Gegend ins Wanken kommt.«

Da machte der Presi ein langes Gesicht: Was verstand der frisch

angekommene Engländer von der Gegend? Er wagte einige Einwendungen, man

sei mit Thöni bis jetzt immer zufrieden gewesen, der Ingenieur aber

schlug seine Karten auf und erklärte dem Presi die Aufschneidereien

Thönis mit Heftigkeit.

Der Presi stand und that so, als ob er auch etwas von den Karten

verstände, und seufzte verlegen.

»Ich will mir selbst einen Mann suchen.« Damit klappte der Ingenieur die

Karten zusammen. Er hatte sich beim Presi in einen großen Respekt

gesetzt, Thöni aber, der sonst so aufgeblasene junge Herr, schlich herum

wie ein gezüchtigter Hund. Er wußte es schon, wie oft er die Fremden mit

den tollsten Angaben beschwindelt hatte. Jetzt war er an den Unrechten

geraten. Und der Presi sah's kommen: Sein erster Engländer fand in St.

Peter keinen, der mit ihm ging -- er reiste wieder ab.

Nein, nach einer Stunde kehrte der Ingenieur zurück, pfiff vor sich her

und lachte befriedigt: »Ich habe ihn schon -- habe ihn schon« -- und

rief Josi Blatter, der etwas zögerte, vor dem Presi zu erscheinen,

lustig zu: »Komm, zeige dich, Boy!«

»Teufel auch,« knirschte der Bärenwirt leis, und als er die rote Narbe

auf der Wange des Burschen sah, ging ihm doch ein Stich durch die Brust.

»Josi, ist der Garde auch einverstanden, daß Ihr Bergführer werdet?«

Josi war über zweierlei verwundert, über den freundlichen Ton, den der

Presi anschlug, und darüber, daß er ihn mit »Ihr« anredete. Er stotterte

es beinahe: »Ja, ich finde halt sonst nichts zu thun.«

So war's! Mit schwerem Herzen hatte der Garde, als die Augen des Jungen

hoffnungsvoll aufflammten, eingewilligt, daß er mit dem Fremden gehe.

Nur aus bitterer Verlegenheit, nur weil sich niemand des Burschen

annehmen wollte, weil die Gardin stets über den ungebetenen Kostgänger

murrte, obgleich der kaum Wiedergenesene überall tüchtig zugriff, wo er

etwas zu thun sah.

»Was denkt das Dorf? -- Wohl, er, er, der Garde, helfe mit am

Hudligwerden!«

Als der Presi den Bescheid des Garden hörte, lächelte er sonderbar

befriedigt, aber Josis Gesicht verfinsterte sich, er erriet, was sein

Gegner dachte, und der Engländer mit den stechend klugen Augen merkte,

daß die beiden übers Kreuz standen. Lustig sagte er: »Bitte, besorgen

Sie meinem Boy ein Nest, er kann, wo er bis jetzt gewohnt hat, nicht

bleiben. Haben Sie im Bären einen Schlupf für ihn?«

Das war nun dem Presi doch zu viel. Er ging zu den armen Leuten, die in

Josis Vaterhaus wohnten, und mietete dort für den Burschen das

Dachkämmerchen, in dem er zu Lebzeiten seiner Eltern geschlafen hatte.

Ein saurer Gang, aber der Presi wollte es mit dem Garden, der das

Häuschen und den Acker verwaltete, nicht ganz verderben und der grollte

ihm wegen Josi schwer.

Als er zurückkam, meinte Thöni eifersüchtig: »Ihr werdet es doch nicht

zugeben, daß der Rebell Führer wird!«

Da schnauzte ihn der Presi an: »Ich glaube, daß der eher auf einen

grünen Zweig kommt als du.«

Thöni hatte seine Schwächen. Das wußten nicht nur der Bärenwirt und

seine Frau, sondern bald auch die Gäste. Die Damen, die in der

Sommerfrische waren, trieben häufig ihren heimlichen Ulk mit dem

fröhlichen Jungen, indem sie seine kleinstädtische Galanterie

herausforderten und dann mit ihrem Spott über ihn fielen.

Das brachte den Wirtsleuten manchen stillen Aerger und oft donnerte der

Presi: »Herrgott, Thöni, so ziehe doch einmal die Bubenschuhe aus. Du

bist ja der Narr aller.«

Dann stellte sich der schöne Thöni einige Tage beinahe hochmütig gegen

die Fremden, aber er erlag ihren Schelmereien immer wieder.

Jetzt merkte er erst, wie wild der Presi über seinen Mißerfolg bei dem

Engländer war, und nachdem er zuerst mit dem größten Hohn auf Josi

Blatter gesehen, haßte er ihn. Eines nur ließ ihn den Engländer leicht

verschmerzen, die Lasten, die er dem Rebellen zu tragen aufbürdete!

Jeden Morgen erwartete Josi seinen Ingenieur und schleppte ihm die

Instrumente, insbesondere den photographischen Apparat, nach. George

Lemmy photographierte, indem er dazu fortwährend pfiff, Berge, Häuser,

Bäume, Viehgruppen, spielende Kinder. Selten aber sprach er ein

überflüssiges oder gar ein freundliches Wort zu seinem Gehilfen, doch

gab es in seinem Verkehr so viel Neues zu sehen, daß Josi das Leben

überaus kurzweilig erschien. Er lernte die Instrumente handhaben und die

Furcht, sein Herr würde ihn eines Tages entlassen, verschwand vor dem

beglückenden Gefühl, daß er ihm nützlich sei.

Freilich, hart genug ließ es ihm der Ingenieur werden, doch just, wenn

er mit den letzten Kräften noch aushielt, indem er an die guten Vorsätze

dachte, die er in der Einsamkeit seines Rebellentums gefaßt hatte,

lächelte sein Herr: »Boy, ich glaube, wir arbeiten gut zusammen.«

George Lemmy war einer von denen, die mit sich selbst und anderen erst

zufrieden sind, wenn sie von der Mühe des Tages am Abend

zusammenbrechen.

Eines Tages drohten ihm die von St. Peter, sie würden ihm die

Bildermaschine zusammenschlagen, wenn er sie und ihre Häuser damit nicht

unbehelligt ließe; nun war er wütend über die »Pfahlbauern«, wie er sie

nannte, und sein Zorn wuchs noch, als der Presi, der »Oberpfahlbauer«,

erklärte, er könne ihn nicht schützen, man müsse die von St. Peter

nehmen, wie sie seien.

Abreisen! -- Allein George Lemmy war verliebt in das Glotterthal und

wandte nun seine Aufmerksamkeit den heligen Wassern zu. Ihretwegen war

er ja eigentlich ins Thal gewandert.

Er war von Bräggen im Oberland nach Hospel gekommen und hatte dort

zufällig ein überraschendes Volksbild erlebt. Ein Ausrufer gab unter

Trommelschlag den Leuten, die aus der Kirche strömten, bekannt, daß die

Versteigerung eines »Baches« stattfinde. Neugierig schaute er zu, wie

sich die Bauern in ihren halbleinenen Hosen und roten Westen sammelten,

wie die Frauen, Mädchen und Buben sich in ihren malerischen Trachten an

die blumenumsponnene Kirchhofmauer lehnten, auf der Straße der

Präsident, der Garde und der Schreiber von Hospel Stellung nahmen und

einen von den hundert Fäden, in die sich die heligen Wasser beim Flecken

teilen, für den Sommer versteigerten. Sie schlugen ihn dem

Meistbietenden zu, der damit das Recht erlangte, den Faden Woche um

Woche während drei Tagen zu benutzen. Jedes Angebot malte der Schreiber

mit großen Zahlen an ein Scheunenthor, damit jedermann ein klares Bild

vom Gang der Steigerung erhalte, und aus dem Eifer, mit dem die Bauern

boten, spürte der Ingenieur, wie wichtig ihnen der Besitz des Wassers

sei. Bei der Gasttafel sprach er mit dem Kreuzwirt darüber: »Warum

versteigert man das Wasser nur für die ersten Tage der Woche?« -- »Nach

einem alten Gesetz gehört es Donnerstag, Freitag und Samstag jedermann,

also den Armen.« Und sie redeten von den heligen Wassern so lange, bis

den Ingenieur eine große Neugierde dafür gefaßt hatte.

Jetzt studierte er sie. Er maß und photographierte ihren Einlaß am

Gletscher, folgte den Känneln, bestimmte an vielen Stellen zwischen St.

Peter und Hospel die Wärme des Wassers, merkte sich die Gefälle, die

Wassermengen, die durchflossen, verpfropfte zahlreiche Wasserproben und

zeichnete draußen in den Reben von Hospel die geeichten eisernen

Schaufeln und Scheiben, mit denen die Winzer die Verteilung des Wassers

besorgen.

Josi verstand nicht alles und sah den Zweck nicht für alles ein, was der

Ingenieur that, aber er spitzte die Ohren und hörte es gerne, wenn

George Lemmy über die heligen Wasser sprach.

Der Engländer forschte nach hundert kleinen Dingen, und wenn ihn die

anderen Gäste foppend fragten, ob er denn nicht mehr von der großen

Klapperschlange loskomme, antwortete er lachend: »Lassen Sie mich. Sie

ist ein merkwürdiges Stück Bauerngenie, ein Riesenlaboratorium der

Natur. Hier meine chemischen Ergebnisse: Die Leitung führt in ihren

Wassern jede Woche hundert Zentner Schlamm, darunter zehn Pfund reine

Phosphorsäure, sieben Pfund Kali und hundertfünfzehn Pfund Bittererde.

Stattliche Düngerfabrik, was? Und der analytischen Wertung entspricht

die praktische Erfahrung. Drüben am Hochpaß haben Sie die

Wässerwasserfuhre der Lissa. Als vor zwanzig Jahren ein Erdbeben sie auf

weite Strecken zerstörte, konnte, wie amtlich belegt ist, die

Berggemeinde Zuenzirbeln bald nur noch fünfzig Stück Vieh erhalten,

während vorher zweihundert reichliche Weide auf ihrem Gebiet gefunden.

So giebt es genug Nachweise, daß die sonnenwarmen Gletscherwasser den

Ertrag des Bodens verdrei- und verfünffachen. Lassen Sie also die

Heligen ruhig klappern -- ich erwäge sogar ernsthaft, ob ich der

britischen Regierung nicht vorschlagen will, daß sie vom Himalaja

herunter in benachbarte Distrikte Indiens ähnliche Leitungen baue.«

Wörter, die Josi nie zuvor gehört, schwirrten ihm im Verkehr mit dem

Ingenieur um den Kopf und die heligen Wasser schienen ihm, seit sich

George Lemmy damit beschäftigte, selber viel wunderbarer als je zuvor.

Eines Tages schritt er mit George Lemmy den schwindligen Weg über die

Kännel an den Weißen Brettern, und mit Staunen sahen Einheimische und

Fremde die beiden Akrobaten an den schimmernden Wänden.

Josi war es ein unvergeßlicher Tag. Als er an der Stelle stand, wo sein

Vater gestürzt war, pochte sein Herz in der Brust, und als sie in der

Mitte des schrecklichen Pfades, das in leichten Dunst getauchte Thal

tief unter sich, eine Viertelstunde ruhten, da ging ihm der Mund über

und er erzählte dem Ingenieur das Leiden und Sterben des Vaters.

George Lemmy sagte auffallend wenig dazu, er war und blieb der trockene

Engländer. Aber Josi fühlte doch seinen Blick der Teilnahme. Erst als

sie aufstanden, meinte Lemmy fast scherzhaft: »Josi, neunzehnjähriger

Boy, werde Ingenieur und führe die Leitung sicher durch die Felsen. Es

giebt jetzt in unserer Wissenschaft Mittel genug, daß man auch diese

Schlange zähmt. Nicht wahr, das wäre ein Streich für die Pfahlbauer von

St. Peter, wenn es keine Wasserfron mehr gäbe.«

Ein jähes Feuer flammte aus den Augen Josis.

Er schwieg, aber vor Erregung konnte er auf der zweiten Hälfte des

schmalen Weges fast nicht gehen.

Als sie am Abend ins Dorf zurückkamen, schlang Vroni die Arme um den

Bruder: »O, was die Leute sagen! Weil du unnötig über die Kännel an den

Weißen Brettern gegangen bist, so habest du für die nächste

Wassertröstung das Los auf dich gezogen.«

Da lächelte Josi kühl geheimnisvoll: »Die Leute sagen, wenn der Tag lang

ist, viele Thorheiten -- aber ich glaube selbst, daß ich einmal wie

unser Vater selig an die Weißen Bretter steigen muß.«

Vroni sah ihn erbebend an: »Josi, du bist früher ein so artiger lieber

Bub gewesen, und jetzt bist du ein so Besonderer worden, so ein

Geheimnisvoller, daß es mir bald wie den anderen Leuten geht, daß ich

dich zu scheuen und zu fürchten anfange.«

»Sei nicht so närrisch, Vroneli,« schmeichelte Josi und blickte zufällig

nach den Firnen der Krone.

»Am Ende gehst auch noch dort hinauf, wo die armen Seelen hausen! Josi!

Versprich es mir, daß du es nicht thust. Denke an den seligen Vater,

denke an die selige Mutter!«

Je inniger das Mädchen flehte, um so finsterer zog der Bruder das

Gesicht: »Alle Tage denke ich an sie, aber wenn George Lemmy es wünscht,

so gehe ich mit ihm auch auf die Krone. In jedem folge ich ihm.«

»Dann stürzest du dich ins Unglück,« jammerte das Mädchen. Josi aber

schritt mit einem nachdenklichen Lächeln in sein Nachtquartier.

»Was man doch um einen so lieben Bruder für Kummer hat!« Vronis schöne

blaue Augen wurden trüb. Als indessen der Anteil des fremden Ingenieurs

auch stark für die Sagen erwachte, die um die heligen Wasser gingen, und

ihn Josi, der im Erzählen nicht besonders gewandt war, zu ihr führte,

da hatte sie ihre helle Freude an dem aufmerksamen Zuhörer.

Bei Vroni saß der Fremde an der vollen Quelle. Dem Bruder zuliebe

besiegte sie die Scheu vor ihm, und dem Ingenieur gefiel das blonde

schöne Mädchen, das seine Geschichten in der vollklingenden alten

Sprache des Thales erzählte, ausnehmend gut.

Er behandelte es mit Auszeichnung. »Ein Brigante wie du bist, hat so ein

Edelweiß zur Schwester!« scherzte er zu Josi.

»Und also fügt es Brauch und Gesetz,« erzählte sie mit errötenden

Wangen, die Hände über das Knie geschlagen, »wenn ein Jungknabe ein

Mädchen lieb hat und will mit ihm ein eigenes Feuer machen, so mag er

sich beim Garden melden, daß er ihm einen Sommer lang in der Bestellung

der heligen Wasser zudiene und in der Wasserpflicht erfahren in den

Stand des Hausvaters trete.

»Wenn ein Jungknabe, der Knechtlein oder sonst geringen Standes ist, ein

Mädchen liebt und es vom Vater nicht erlangen kann, mag er die Liebe dem

Garden darlegen und glaubhaft darthun, daß die Jungfrau einer Seele mit

ihm sei, und legt er vor dem Garden und der Gemeinde das Gelübde ab, daß

er beim nächsten Leitungsbruch an die Weißen Bretter steige, so soll der

Gemeinderat Freiwerber für ihn werden. Will aber der Vater des Mädchens

nicht einwilligen, so sollen die Nachtbuben und wer will unstrafbar den

Lauf haben, ihn und sein Haus zu verhöhnen und dem Werber zu helfen, bis

der Vater die Jungfrau dem Jungknaben giebt.«

Josi brannte das Gesicht, unruhig vor innerer Bewegung hörte er zu,

obgleich er die Satzungen schon kannte.

Vroni sah es wohl. »Wegen Binia,« dachte sie.

Die Freude des Ingenieurs an Josi wuchs und er befreundete sich auch mit

dem Garden.

Eines Tages erfuhren die Geschwister aus dem Gespräch der beiden, wer

George Lemmy eigentlich sei. Er habe zuerst, erzählte er, an einer

Hochschule in England, dann zwei Jahre in der deutschen Schweiz studiert

und auf sommerlichen Exkursionen die Bergwelt lieb gewonnen. Später sei

er nach Indien gegangen, wo schon sein Vater Kolonialbeamter gewesen,

und dort baue er im Auftrag der Regierung Straßen und Eisenbahnen. Das

Klima sei aber unzuträglich, und nachdem er fünf Jahre in dem heißen

Land gearbeitet habe, sei er genötigt gewesen, längeren Urlaub zu

nehmen. Den Sommer verbringe er jetzt im Gebirge, doch nicht bloß, um

die Schönheiten des Landes zu genießen, sondern auch um einen oder zwei

tüchtige Bergführer anzuwerben. Er brauche die Leute als Pioniere beim

Bau von Straßen, die man bedürfe, um die kleinen wilden Gebirgsvölker,

welche die indische Nordgrenze unsicher machen, besser bekämpfen zu

können. Ein Führer, den er von früher her kenne, sei schon geworben,

Felix Indergand zu Bräggen, und im Herbst wollen sie gemeinsam nach

Indien reisen.

»Felix Indergand kenne ich von manchem Markt, das ist ein

rechtschaffener und einsichtiger Mann,« sagte der Garde. »Da habt Ihr

einen Tüchtigen geworben.«

»Und wenn ich nun auch den zweiten hätte,« antwortete Lemmy.

Josi taumelten die Sinne, Tag und Nacht dachte er nichts anderes, als ob

wohl George Lemmy nicht ihn einladen würde, mit ihm nach Indien zu

gehen. Was würde er dann thun? Ein freudiges »Ja!« würde er ihm

zujubeln. St. Peter war für ihn doch kein Boden mehr und kein Glück. Was

sollte er im Dorf beginnen, wenn der Ingenieur wieder abgereist war?

Vroni ahnte die Pläne des Bruders. Als Josi eines Tages freudvoll zu ihr

gestürmt kam, fragte sie erschreckt: »Hat dich Lemmy nach Indien

angeworben, daß du so rote Wangen hast?«

»Nein,« erzählte er hastig, »aber weißt du, wo Binia ist, ich weiß es!

Der Knecht des Fenkenälplers war mit einer Viehherde im Welschland. Da

hat er sie gesehen, wie sie mitten unter Klosterschülerinnen ging. Das

Kloster heißt Santa Maria del Lago und liegt an einem schönen See.

Denke, er hat mit ihr geredet, aber es war eine Nonne dabei -- Bini läßt

dich und mich grüßen!«

Josis Augen strahlten, der Gruß war für ihn eine Welt voll Sonne.

Nun hoffte Vroni, der Gedanke an Binia werde Josi in St. Peter

zurückhalten, aber -- blieb er, so stieg er wohl bei der nächsten besten

Gelegenheit für Binia an die Weißen Bretter und fiel wie der Vater zu

Tode.

Die Kunde, daß Binia im Kloster Santa Maria del Lago jenseits des

Hochpasses sei, erregte im Dorf große Verwunderung, namentlich als man

von Hospel aus erfuhr, die besondere Thätigkeit der Nonnen der frommen

Anstalt sei die Besserung solcher Mädchen aus wohlhabenden Familien, die

sich irgend einen leichtsinnigen Streich hatten zu schulden kommen

lassen oder auf deren Lebenswandel ein Makel lag. Fast mit Schaudern

sprach man von den grausamen Mitteln, welche die frommen Damen

anwenden, um ihre wilden Zöglinge zu zähmen, die Dunkelzelle, das

genagelte Scheit, auf das die Sünderinnen so und so viel Stunden knieen

müßten, den Hunger, das Nichtschlafenlassen, das Bespritzen mit kaltem

Wasser.

Um so mehr erregte der Aufenthalt Binias an diesem Ort Aufsehen in St.

Peter. »Was hat sie verbrochen?« -- Darüber grübelte man, und dann löste

die alte Susi in Tremis den erstaunten Dörflern den Knoten: »Binia und

Josi Blatter haben vom Kaplan Johannes den bösen Segen empfangen, daß

sie nicht voneinander lassen können. Jetzt wird sie im Kloster enthext.«

Da man nichts Besseres wußte, so glaubte man der Erzählung der Alten. Um

so mehr, als der Kaplan, der von seinem Fuchsbau an der Berghalde von

Fegunden aus immer etwa heimlich nach St. Peter kam, die Thatsache nicht

in Abrede stellte, sondern nur geheimnisvoll lächelte und die lodernden

Augen vielsagend spielen ließ.

Nun sah man den Rebellen, der auf einer Wange das Zeichen des Teufels

trug, erst recht mit scheelen Blicken an.

Dem Presi lag es schief, daß der Aufenthalt Binias bekannt geworden war,

ein Schatten fiel damit auf die Hausehre, obgleich es um das Kloster

nicht so schlimm stand, wie die Dörfler erzählten. Wäre er nur den

Warnungen des Kreuzwirtes in Hospel gefolgt! Von Anfang Sommer bis jetzt

war in quälender Gleichförmigkeit die Frage: »Wo ist denn Ihre alpige

Rose, Ihr Herzensmädchen?« Tage um Tage, Stunde um Stunde wiedergekehrt.

Dazu Ausdrücke des Bedauerns, die man nur mit Lügen beantworten konnte.

Und ihm selbst fehlte sie, die zärtliche Maus, das Vögelchen mit den

dunklen Augen, in denen eine so wunderliche Welt schimmerte. Die

Berichte der Priorin von Santa Maria del Lago über Binia lauteten auch

nicht sonderlich. Sie bete alle Tage zwei Stunden mit einer Schwester

für ihre Besserung, aber das Kind sei klug wie eine Schlange, so weit es

ohne Strafe durchschlüpfen könne, sei es immer bereit, sich über die

Nonnen lustig zu machen. Und im Hintergrund der Briefe versteckt sah der

Presi einen frommen Drachen, der auf eine Novize lauerte wie der Teufel

auf eine Seele.

Nein -- nein, siebenmal nein! Keine Braut des Himmels wollte er, nein,

er selber wollte sich freuen an seinem lieben Vogel, an dem zärtlichen

Kind.

Eher als den Nonnen gäbe er sie Josi Blatter, dem Rebellen.

Aus Empörung über die sonderbare Liebeserklärung, deren Zeuge er im

Teufelsgarten gewesen war, hatte er Binia in der Meinung fortgeschafft,

daß sie das siebzehnjährige Köpfchen schon breche, wenn sie den

furchtbaren Ernst seines Willens sehe. Das war wohl nötig, denn Binia

und Josi Blatter kamen jetzt in das Alter, wo der Ernst des Lebens

beginnt.

Dieser verfluchte Rebell! Er, den man schon tot gesagt hatte, lebte so

gesund. Jeder andere wäre in dem furchtbaren Jahr der Einsamkeit zu

Grunde gegangen, aber gerade er nicht, sondern er ging jetzt so

tröstlich mit seinem Engländer, als hätte er nie etwas anderes gethan.

Und merkwürdig, dachte der Presi, von dem Peitschenhieb, den er auf

seine Wange geführt, weiß im Dorf kein Mensch ein Wort. Der Bursche

schwieg auf alle Fragen, woher die Narbe komme, wie das Grab, und

ertrug es mit lachendem Mund, wenn die Leute sagten, der Hinkende habe

einen Hufstreich in sein Gesicht geführt.

Dieses Benehmen verwirrte den Presi. Ihm war manchmal, er müsse Händel

mit dem Burschen anfangen, der schlank und gerade wie ein Bolz

heranwuchs, das Nächstliegende mit klugem Auge erfaßte, seine

Tagesarbeit mit zäher Ausdauer that und sich sonst nicht um die Welt

scherte. Den könnte man, dachte er, töten und begraben, am Morgen aber

stände er wieder da in blühender Lebendigkeit und schaute, wenig redend,

doch alles überlegend, mit seinem gescheiten Gesicht um sich.

Ausnehmend gut gefiel Josi der Frau Cresenz. »Merkt Ihr nicht,

Präsident, daß das einer ist, der einmal euch allen in St. Peter über

den Kopf wächst? Ich würde den alten Span, an dem nichts ist, ruhen

lassen und zöge den Vorteil gegen mich. Stellt Josi Blatter als Führer

ein, wir machen Staat mit ihm.«

»So, Präsidentin!« donnerte darauf der Bärenwirt, »dürfen mir die Gäste

nicht mehr selber sagen, was sie für thörichte Wünsche aushecken -- müßt

Ihr ihnen als Fürsprecher dienen? Gott's Wetter, da wird kein Heu dürr.

Wo habt Ihr den Verstand?«

Eines Tages aber entstand in St. Peter ein großer Auflauf von

Einheimischen und Fremden. Auf der Spitze der Krone sah man zwei

schwarze Punkte -- zwei Bergsteiger! »Der Engländer und der Rebell,«

rieten die Leute gleich, »es sind gewiß keine anderen.« Was im Thal an

Fernrohren aufzutreiben war, richtete sich auf den in erhabener

Einsamkeit schwebenden Gipfel des reinen Firns. Seit vor fünfunddreißig

Jahren jener Naturforscher ins Thal gekommen und von der Krone über die

Schneelücke nach St. Peter niedergestiegen war, hatte niemand mehr die

wunderbare Spitze betreten. Von den Schleiern der Armenseelensage

geheiligt schien sie den Menschen nichts weiter zu sein als ein

göttlicher Altar des Lichtes, auf dem der Morgen und der Abend ihre

Fackeln anzündeten, die Sterne in bleicher Mitternacht ruhten und arme

Seelen sich büßend auf die Freuden des Paradieses vorbereiteten.

Jetzt war der Bann gebrochen. Die Fremden jubelten, sie schwangen den

Kühnen zum Gruß mächtige Tücher und sahen durch die Ferngläser, wie die

zwei Männchen auf der Spitze die Grüße erwiderten. »Ein patenter

Bursche, dieser Boy des Ingenieurs!« widerhallte es im Bären.

Die Frauen von St. Peter aber jammerten und die Männer tobten: »Jetzt

ziehen die armen Seelen aus, das Dorf muß untergehen, wäre doch der

Rebell im letzten Winter erfroren, der bringt Unglück über das ganze

Thal.«

Die furchtbare Erregung wuchs, einzelne, die meinten, die Strafe des

Himmels breche sofort herein, rüsteten ihre Siebensachen zum Auszug,

andere stürmten zur Kirche: »Läutet die heiligen Glocken, damit die

armen Seelen bleiben.«

Der Pfarrer, der nicht an die Abgeschiedenen im Eise glaubte, erhob

Einsprache -- umsonst -- die Glockenklänge rauschten durchs Thal und

vermehrten die Verwirrung.

»Haben die von St. Peter schon wieder einen Heiligen zu verehren, den

niemand kennt als sie?«

So fragten die Fremden verwundert, der Presi und Frau Cresenz aber gaben

ausweichenden Bescheid.

An heiligen Wassern: Roman aus dem schweizerischen Hochgebirge · 第 24 / 59 题