Der Presi ging in seine Kammer. -- --

Ueber den Unglücksfall an den heligen Wassern und die ihn begleitenden

Umstände wuchs lange kein Gras. Durch alle Gespräche zitterte der

Nachhall, weniger die Klage um Seppi Blatter selbst, als die Neugier,

wie er veranlaßt worden sei, an die Weißen Bretter zu steigen. Allein

nachdem es einige Wochen bös über den Presi gegangen war, so daß er es

für gut fand, mit den Leuten so herzbeweglich artig zu reden, wie nur er

es verstand, schlug die Stimmung um. Die Geschichte sei vielleicht doch

nicht so schlimm. Bälzi habe sie im Anfang nur aus Wut so ehrenrührig

für den Presi erzählt, und er sei ja ein ganz unzuverlässiger Mensch,

der Presi aber sei, wenn er die Laune habe, ganz gutherzig und habe

schon manchem, der sich nicht mehr zu raten und sich zu retten wußte,

aus der Klemme geholfen. »Und,« gaben die Leute zu, »er ist halt doch

der Gescheiteste unter uns allen.«

Am meisten Beruhigung fanden die von Sankt Peter in der Sommerarbeit,

die sie schwer ins Joch schlug und sie auf Aecker, Alpen und in die

Weinberge zerstreute.

Der Stimmungsumschlag erstreckte sich bis nach Hospel. Von Frau Cresenz

kam eines Tages ein Briefchen und am folgenden Tag ritt sie, vom

Kreuzwirt begleitet, den Silberschild der Hospelertracht vor der Brust,

das kokette Filzhütchen auf dem Haupt, vor den Bären.

Der Presi empfing den Kreuzwirt und seine Schwester nicht zu freundlich,

denn die Beleidigung vom letzten Besuch saß ihm noch wie ein Dorn im

Fleisch, aber mit einem Scherzwort zog Frau Cresenz den Stachel heraus,

und gegen liebenswürdige Frauen war der sonst unbeugsame Mann

nachgiebig.

Und Frau Cresenz war hübsch. Aus ihrem vom Ritt leichtgeröteten Gesicht

schauten muntere graue Augen, sie hatte kluge und angenehme Züge, eine

kühle Sprechweise und war in ihren Bewegungen, obgleich ihr Körper fast

zu stattlich war, von unleugbarer Anmut.

»Die steht dem Bären wohl an,« schmunzelte der Presi in sich hinein und

zeigte den beiden das Haus.

»Ja, da muß vieles anders und ordentlicher werden, da gehört wirklich

wieder eine Hausmutter hin.« Und die hübsche Frau Cresenz lächelt dem

Presi gutmütig verständnisvoll zu.

Etwas beschämt sagt er: »Wir haben bis jetzt halt nur ein

Bauernwirtshaus geführt. Das muß natürlich für die Fremden alles anders

eingerichtet sein!«

Als die drei die Treppe aufwärts in den zweiten Stock stiegen, trat die

alte Susi, die Röstpfanne, aus der der Kaffeeduft aufstieg, in den

runzeligen Händen, neugierig unter die Küchenthüre und sah ihnen nach.

Da machte Frau Cresenz am Geländer der Treppe einen Fingerstrich und

zeigte den Staub hinter dem Rücken des Presi dem Kreuzwirt.

Nun war die Alte teufelswild und faustete hinter der kleinen

Gesellschaft her: »Nein, bei der bleibe ich nicht.«

Der Presi hatte mit seinen Gästen den Estrich erreicht. Plötzlich

ertönte schallendes Gelächter der Frau Cresenz. Aus einem von allerlei

Gerümpel gebildeten Winkel starren sie zwei große Kinderaugen an, ein

ängstliches Gesicht schaut aus einem alten zerrissenen Tuch, das

malerisch über den Kopf geworfen ist.

»Ist das Binia? Ach, das Kind habe ich ganz vergessen. -- Komm, du

artiger Fratz.« -- Die Kleine sieht die Augen des Vaters aufmunternd auf

sich gerichtet und kriecht hervor. Da reißt ihr Frau Cresenz lachend das

Tuch ab: »So, jetzt siehst du menschenähnlich aus, nun gieb mir die

Hand.«

Sie sagt es mit kühler Freundlichkeit, aber der erschrockene scheue

Wildling rennt an ihr vorbei und wirbelt die Treppe hinunter. Die alte

Susi ruft ihr zu: »Hast die neue Mutter gesehen, die hochmütige?«

»Die neue Mutter!« Nun muß sie auch darüber denken. Und das kleine

Köpfchen brennt doch schon von allem anderen, worüber ihm niemand

Auskunft giebt. Der Vater hat mit der Frau so lieb geredet. Nie, nie hat

er so mit der seligen Mutter gesprochen und auch nicht mit ihr. Doch,

aber es ist schon so lange her. Sie schleicht sich auf den Zehenspitzen

in ihr Kämmerchen empor. Denken -- denken will sie.

Gegen Abend hört sie die Fremden fortreiten, das fröhliche Lebewohl, das

der Vater Frau Cresenz zugerufen hat, tönt ihr in die Ohren. Ihr aber

thut der Kopf so weh, ihre Zähne klappern, sie kriecht ins Bett.

Da hört sie die Tritte des Vaters. Gewiß kommt er sie zu züchtigen.

Sie mochte seine Absicht erraten haben, aber in den Zorn mengte sich die

Vatersorge. Binia war zwar immer ein eigenartiges Kind gewesen, oft

nachdenklich, oft ausgelassen lustig, aber seit einiger Zeit war sie so

blaß und scheu und allen ein Rätsel.

Wäre er abergläubisch gewesen, er hätte geglaubt, die Drohung der Fränzi

sei schon in Erfüllung gegangen, Unsegen sei auf dem Kinde.

Wie er sie nun am hellen Tag mit gläsernen Augen im Bette liegen sah,

entwaffnete die Sorge den letzten Zorn.

Er setzte sich ans Lager, nahm die fiebernde Hand der Kleinen ganz

vorsichtig in seine Pratze und als sie, sich von ihm abwendend, leis

wimmerte, legte er ihr die andere Hand auf das seidenweiche dunkle Haar.

Das Kind zuckte zusammen.

»Was machst du für Streiche, liebe Maus? Du hast eine heiße Stirn, bist

ja ganz krank. -- Binia -- Gemslein -- liebes Gemslein, schau mich

einmal an.«

Sorge und Bangigkeit sprachen aus seinem Ton.

Als das Kind die sanften und lieben Worte des rauhen Vaters hörte, die

es wie ein Klang aus fernem schönem Traum umwarben, überließ es ihm das

heiße Händchen, das es ihm hatte entziehen wollen, und halb freudig,

halb ängstlich blinzelte es mit den großen Augen nach ihm.

»Hast du mich nicht mehr lieb, Bini?«

»O doch -- doch -- Vater,« klang das feine Stimmchen, »aber -- --« Sie

schauerte.

»Rede nur, Maus!«

»Ich habe dich so viel zu fragen. Thust du mir nichts, wenn ich etwas

frage?« Der zarte Körper zitterte.

»Nein, frage nur -- bist ja meine Maus!«

»Warum bist du auch so lieb und gut jetzt, Vater?« Das tönte so fein und

scheu und ein bleiches Lächeln flog über die Lippen des Kindes.

»Ich habe dich ja immer lieb gehabt, Gemslein. Weißt nicht mehr, wie ich

dich auf dem Arm getragen habe? Und weißt noch, wie ich dir manchen Kram

von Hospel mitgebracht habe?«

An diesen Gedanken spann das Kind weiter.

»Ja, die Mutter und ich haben jedesmal auf dich gewartet, bis du am

Abend heimkamst. Und dann hast du mich noch ein wenig auf die Kniee

genommen und ich habe darauf reiten dürfen. Die Mutter hat mich dann zu

Bett gebracht und hat meine Hand genommen wie du jetzt und wir haben

gebetet: 'Lieber Gott, lieber Herr Jesus Christus! Erhalte den lieben

Vater gesund.' Und dann hat sie die Kissen an mein Köpfchen gedrückt:

'Schlaf, schlaf, du liebes Engelchen.' Und manchmal ist eine Thräne auf

meine Wange gefallen, aber am Morgen, wenn ich sie gesucht habe, war sie

fort.«

Rührend, als ob das fiebernde Kind gegen das Weinen kämpfte, klang das

Stimmchen, der Presi hatte den Kopf gesenkt, und als er nichts

antwortete, fuhr das Kind fort:

»Seit die Mutter tot ist, besucht sie mich jede Nacht. O, sie ist so

schön, sie ist ganz weiß und hat Flügel an den Schultern. Und wenn sie

sieht, daß ich ihr altes Sonntagsbrusttuch bei mir im Bett habe, so

lächelt sie wunderschön. Nur das Tuch muß ich haben, dann kommt sie. --

Aber, Vater, warum hat die Mutter auch so viel geweint, als sie lebte?«

Der Presi war unruhig geworden, die Zärtlichkeit des Fiebergeplauders

regte ihn auf.

Das Mündchen aber lief und lief: »Wie ist es schön gewesen, als ich noch

klein war. Josi und Vroni sind immer gekommen, er hat mich dann auf dem

Rücken getragen, und dafür hast du ihnen Kirschen vom Baum gerissen.«

»Was hast vorhin fragen wollen, Bini?« unterbrach der Vater barsch das

plaudernde Kind.

»Thust du mir nichts?«

»Dumme Maus, du!« Sein Ton war wieder freundlich.

Die Augen des Kindes öffneten sich -- es richtete sich im Bettchen halb

auf und zitternd, traumhaft kam's:

»Du, Vater, wenn ich groß bin, darf ich dann die Frau Josi Blatters

werden?«

Da verzerrte sich das Gesicht des Presi. -- Der Zug hoffnungsvollen

Zutrauens auf dem fiebergeröteten Kindergesicht erlosch, es stopfte den

Mund mit dem gekrümmten Finger, die Augen wurden schreckhaft groß, und

seine Gedanken taumelten nach einem Rettungsanker -- es schlang das

Aermchen um den Vater, es schrie:

»Ich hab' nicht das sagen wollen, Vater -- nein -- ich habe fragen

wollen: Ist es wahr, daß dir die Hand aus dem Grab wachsen wird?«

Da verglasen sich auch die Blicke des Presi, er ächzt -- und ächzt.

Plötzlich brüllt er: »Wer sagt das? -- Sagt es Fränzi?«

Vor Furcht weiß das Kind nicht mehr, was es sprechen soll, was es

spricht.

»Fränzi -- Vroni -- nein -- Josi -- oder nein --« Es will weiter reden.

Aber der Presi schlägt ein so schauerliches Lachen an, wie wenn etwas in

ihm risse. Das Kind schweigt.

»Und den willst du heiraten! -- Da also packst du mich, toter Seppi

Blatter. Deinem Buben will ich's eintränken.«

Er faustet sinnlos gegen die Wände: »Jetzt wollen wir sehen, ob ein

lebendiger Presi nicht über einen toten Wildheuer Meister wird.« Er will

sein krankes Kind schlagen, aber es hat sich tief unter die Decke

verkrochen und hält sie mit krampfhaften Händen fest.

Unter der Thür steht Susi, die irgend etwas berichten will; und schlägt

die Hände über dem Kopf zusammen.

Der Presi schwankt aus der Kammer.

Ein Riß war von dieser Stunde zwischen Vater und Kind. Binia lag einige

Tage krank, der Presi kümmerte sich nicht um sie; als sie mit blassen

Wänglein wieder in der Stube erschien, übersah er sie und vermied lange

Wochen sie anzureden, als er es endlich wieder that, da war es nur in

Gegenwart Dritter und seine Worte beschränkten sich auf kurze Befehle

und gleichgültige Dinge.

Daran änderte auch die Hochzeit mit Frau Cresenz, die im Herbst

stattfand, wenig.

An heiligen Wassern: Roman aus dem schweizerischen Hochgebirge · 第 16 / 59 题