Mellefont. Sara. Sir William. Waitwell.
Mellefont. Ich wag' es, den Fuß wieder in dieses Zimmer zu setzen?
Lebt sie noch?
Sara. Treten Sie näher, Mellefont.
Mellefont. Ich sollt' Ihr Angesicht wiedersehen? Nein, Miß; ich
komme ohne Trost, ohne Hilfe zurück. Die Verzweiflung allein bringt
mich zurück--Aber wen seh ich? Sie, Sir? Unglücklicher Vater! Sie
sind zu einer schrecklichen Szene gekommen. Warum kamen Sie nicht
eher? Sie kommen zu spät, Ihre Tochter zu retten! Aber--nur getrost!--
sich gerächet zu sehen, dazu sollen Sie nicht zu spät gekommen sein.
Sir William. Erinnern Sie sich, Mellefont, in diesem Augenblicke
nicht, daß wir Feinde gewesen sind! Wir sind es nicht mehr und wollen
es nie wieder werden. Erhalten Sie mir nur eine Tochter, und Sie
sollen sich selbst eine Gattin erhalten haben.
Mellefont. Machen Sie mich zu Gott, und wiederholen Sie dann Ihre
Forderung.--Ich habe Ihnen, Miß, schon zu viel Unglück zugezogen, als
daß ich mich bedenken dürfte, Ihnen auch das letzte anzukündigen: Sie
müssen sterben. Und wissen Sie, durch wessen Hand Sie sterben?
Sara. Ich will es nicht wissen, und es ist mir schon zu viel, daß ich
es argwöhnen kann.
Mellefont. Sie müssen es wissen; denn wer könnte mir dafür stehen,
daß Sie nicht falsch argwöhnten? Dies schreibet Marwood. (Er lieset.)
"Wenn Sie diesen Zettel lesen werden, Mellefont, wird Ihre Untreue
in dem Anlasse derselben schon bestraft sein. Ich hatte mich ihr
entdeckt, und vor Schrecken war sie in Ohnmacht gefallen. Betty gab
sich alle Mühe, sie wieder zu sich selbst zu bringen. Ich ward gewahr,
daß sie ein Kordialpulver beiseite legte, und hatte den glücklichen
Einfall, es mit einem Giftpulver zu vertauschen. Ich stellte mich
gerührt und dienstfertig und machte es selbst zurechte. Ich sah es
ihr geben und ging triumphierend fort. Rache und Wut haben mich zu
einer Mörderin gemacht; ich will aber keine von den gemeinen
Mörderinnen sein, die sich ihrer Tat nicht zu rühmen wagen. Ich bin
auf dem Wege nach Dover: Sie können mich verfolgen und meine eigne
Hand wider mich zeugen lassen. Komme ich unverfolgt in den Hafen, so
will ich Arabellen unverletzt zurücklassen. Bis dahin aber werde ich
sie als einen Geisel betrachten. Marwood."--Nun wissen Sie alles, Miß.
Hier, Sir, verwahren Sie dieses Papier. Sie müssen die Mörderin zur
Strafe ziehen lassen, und dazu ist es Ihnen unentbehrlich.--Wie
erstarrt er dasteht!
Sara. Geben Sie mir dieses Papier, Mellefont. Ich will mich mit
meinen Augen überzeugen. (Er gibt es ihr, und sie sieht es einen
Augenblick an.) Werde ich so viel Kräfte noch haben? (Zerreißt es.)
Mellefont. Was machen Sie, Miß!
Sara. Marwood wird ihrem Schicksale nicht entgehen; aber weder Sie
noch mein Vater sollen ihre Ankläger werden. Ich sterbe und vergeb es
der Hand, durch die mich Gott heimsucht.--Ach, mein Vater, welcher
finstere Schmerz hat sich Ihrer bemächtiget?--Noch liebe ich Sie,
Mellefont, und wenn Sie lieben ein Verbrechen ist, wie schuldig werde
ich in jener Welt erscheinen!--Wenn ich hoffen dürfte, liebster Vater,
daß Sie einen Sohn anstatt einer Tochter annehmen wollten! Und auch
eine Tochter wird Ihnen mit ihm nicht fehlen, wenn Sie Arabellen dafür
erkennen wollen. Sie müssen sie zurückholen, Mellefont; und die
Mutter mag entfliehen.--Da mich mein Vater liebt, warum soll es mir
nicht erlaubt sein, mit seiner Liebe als mit einem Erbteile umzugehen?
Ich vermache diese väterliche Liebe Ihnen und Arabellen. Reden Sie
dann und wann mit ihr von einer Freundin, aus deren Beispiele sie
gegen alle Liebe auf ihrer Hut zu sein lerne.--Den letzten Segen, mein
Vater!--Wer wollte die Fügungen des Höchsten zu richten wagen?
--Tröste deinen Herrn, Waitwell. Doch auch du stehst in einem
trostlosen Kummer vergraben, der du in mir weder Geliebte noch Tochter
verlierest?--
Sir William. Wir sollten dir Mut einsprechen, und dein sterbendes
Auge spricht ihn uns ein. Nicht mehr meine irdische Tochter, schon
halb ein Engel, was vermag der Segen eines wimmernden Vaters auf einen
Geist, auf welchen alle Segen des Himmels herabströmen? Laß mir einen
Strahl des Lichtes, welches dich über alles Menschliche so weit erhebt.
Oder bitte Gott, den Gott, der nichts so gewiß als die Bitten eines
frommen Sterbenden erhört, bitte ihn, daß dieser Tag auch der letzte
meines Lebens sei.
Sara. Die bewährte Tugend muß Gott der Welt lange zum Beispiele
lassen, und nur die schwache Tugend, die allzu vielen Prüfungen
vielleicht unterliegen würde, hebt er plötzlich aus den gefährlichen
Schranken--Wem fließen diese Tränen, mein Vater? Sie fallen als
feurige Tropfen auf mein Herz; und doch--doch sind sie mir minder
schrecklich als die stumme Verzweiflung. Entreißen Sie sich ihr,
Mellefont!--Mein Auge bricht--Dies war der letzte Seufzer!--Noch denke
ich an Betty und verstehe nun ihr ängstliches Händeringen. Das arme
Mädchen! Daß ihr ja niemand eine Unvorsichtigkeit vorwerfe, die durch
ihr Herz ohne Falsch und also auch ohne Argwohn der Falschheit
entschuldiget wird.--Der Augenblick ist da! Mellefont--mein Vater--
Mellefont. Sie stirbt!--Ach! diese kalte Hand noch einmal zu küssen.
(Indem er zu ihren Füßen fällt.)--Nein, ich will es nicht wagen, sie
zu berühren. Die gemeine Sage schreckt mich, daß der Körper eines
Erschlagenen durch die Berührung seines Mörders zu bluten anfange.
Und wer ist ihr Mörder? Bin ich es nicht mehr als Marwood? (Steht
auf.)--Nun ist sie tot, Sir; nun hört sie uns nicht mehr: nun
verfluchen Sie mich! Lassen Sie Ihren Schmerz in verdiente
Verwünschungen aus! Es müsse keine mein Haupt verfehlen, und die
gräßlichste derselben müsse gedoppelt erfüllt werden!--Was schweigen
Sie noch? Sie ist tot; sie ist gewiß tot! Nun bin ich wieder nichts
als Mellefont. Ich bin nicht mehr der Geliebte einer zärtlichen
Tochter, die Sie in ihm zu schonen Ursach' hätten.--Was ist das? Ich
will nicht, daß Sie einen barmherzigen Blick auf mich werfen sollen!
Das ist Ihre Tochter! Ich bin ihr Verführer! Denken Sie nach, Sir!--
Wie soll ich Ihre Wut besser reizen? Diese blühende Schönheit, über
die Sie allein ein Recht hatten, ward wider Ihren Willen mein Raub!
Meinetwegen vergaß sich diese unerfahrne Tugend! Meinetwegen riß sie
sich aus den Armen eines geliebten Vaters! Meinetwegen mußte sie
sterben!--Sie machen mich mit Ihrer Langmut ungeduldig, Sir! Lassen
Sie mich es hören, daß Sie Vater sind.
Sir William. Ich bin Vater, Mellefont, und bin es zu sehr, als daß
ich den letzten Willen meiner Tochter nicht verehren sollte.--Laß dich
umarmen, mein Sohn, den ich teurer nicht erkaufen konnte!
Mellefont. Nicht so, Sir! Diese Heilige befahl mehr, als die
menschliche Natur vermag! Sie können mein Vater nicht sein.--Sehen
Sie, Sir (indem er den Dolch aus dem Busen zieht), dieses ist der
Dolch, den Marwood heute auf mich zuckte. Zu meinem Unglücke mußte
ich sie entwaffnen. Wenn ich als das schuldige Opfer ihrer Eifersucht
gefallen wäre, so lebte Sara noch. Sie hätten Ihre Tochter noch und
hätten sie ohne Mellefont. Es stehet bei mir nicht, das Geschehene
ungeschehen zu machen; aber mich wegen des Geschehenen zu strafen--das
steht bei mir! (Er ersticht sich und fällt an dem Stuhle der Sara
nieder.)
Sir William. Halt ihn, Waitwell!--Was für ein neuer Streich auf mein
gebeugtes Haupt!--Oh! wenn das dritte hier erkaltende Herz das meine
wäre!
Mellefont (sterbend). Ich fühl es--daß ich nicht fehlgestoßen habe!--
Wollen Sie mich nun Ihren Sohn nennen, Sir, und mir als diesem die
Hand drücken, so sterb ich zufrieden. (Sir William umarmt ihn.)--Sie
haben von einer Arabella gehört, für die die sterbende Sara Sie bat.
Ich würde auch für sie bitten--aber sie ist der Marwood Kind sowohl
als meines--Was für fremde Empfindungen ergreifen mich!--Gnade! o
Schöpfer, Gnade!
Sir William. Wenn fremde Bitten itzt kräftig sind, Waitwell, so laßt
uns ihm diese Gnade erbitten helfen! Er stirbt! Ach, er war mehr
unglücklich als lasterhaft.--