Zehnter Auftritt

Mellefont. Sara. Sir William. Waitwell.

Mellefont. Ich wag' es, den Fuß wieder in dieses Zimmer zu setzen?

Lebt sie noch?

Sara. Treten Sie näher, Mellefont.

Mellefont. Ich sollt' Ihr Angesicht wiedersehen? Nein, Miß; ich

komme ohne Trost, ohne Hilfe zurück. Die Verzweiflung allein bringt

mich zurück--Aber wen seh ich? Sie, Sir? Unglücklicher Vater! Sie

sind zu einer schrecklichen Szene gekommen. Warum kamen Sie nicht

eher? Sie kommen zu spät, Ihre Tochter zu retten! Aber--nur getrost!--

sich gerächet zu sehen, dazu sollen Sie nicht zu spät gekommen sein.

Sir William. Erinnern Sie sich, Mellefont, in diesem Augenblicke

nicht, daß wir Feinde gewesen sind! Wir sind es nicht mehr und wollen

es nie wieder werden. Erhalten Sie mir nur eine Tochter, und Sie

sollen sich selbst eine Gattin erhalten haben.

Mellefont. Machen Sie mich zu Gott, und wiederholen Sie dann Ihre

Forderung.--Ich habe Ihnen, Miß, schon zu viel Unglück zugezogen, als

daß ich mich bedenken dürfte, Ihnen auch das letzte anzukündigen: Sie

müssen sterben. Und wissen Sie, durch wessen Hand Sie sterben?

Sara. Ich will es nicht wissen, und es ist mir schon zu viel, daß ich

es argwöhnen kann.

Mellefont. Sie müssen es wissen; denn wer könnte mir dafür stehen,

daß Sie nicht falsch argwöhnten? Dies schreibet Marwood. (Er lieset.)

"Wenn Sie diesen Zettel lesen werden, Mellefont, wird Ihre Untreue

in dem Anlasse derselben schon bestraft sein. Ich hatte mich ihr

entdeckt, und vor Schrecken war sie in Ohnmacht gefallen. Betty gab

sich alle Mühe, sie wieder zu sich selbst zu bringen. Ich ward gewahr,

daß sie ein Kordialpulver beiseite legte, und hatte den glücklichen

Einfall, es mit einem Giftpulver zu vertauschen. Ich stellte mich

gerührt und dienstfertig und machte es selbst zurechte. Ich sah es

ihr geben und ging triumphierend fort. Rache und Wut haben mich zu

einer Mörderin gemacht; ich will aber keine von den gemeinen

Mörderinnen sein, die sich ihrer Tat nicht zu rühmen wagen. Ich bin

auf dem Wege nach Dover: Sie können mich verfolgen und meine eigne

Hand wider mich zeugen lassen. Komme ich unverfolgt in den Hafen, so

will ich Arabellen unverletzt zurücklassen. Bis dahin aber werde ich

sie als einen Geisel betrachten. Marwood."--Nun wissen Sie alles, Miß.

Hier, Sir, verwahren Sie dieses Papier. Sie müssen die Mörderin zur

Strafe ziehen lassen, und dazu ist es Ihnen unentbehrlich.--Wie

erstarrt er dasteht!

Sara. Geben Sie mir dieses Papier, Mellefont. Ich will mich mit

meinen Augen überzeugen. (Er gibt es ihr, und sie sieht es einen

Augenblick an.) Werde ich so viel Kräfte noch haben? (Zerreißt es.)

Mellefont. Was machen Sie, Miß!

Sara. Marwood wird ihrem Schicksale nicht entgehen; aber weder Sie

noch mein Vater sollen ihre Ankläger werden. Ich sterbe und vergeb es

der Hand, durch die mich Gott heimsucht.--Ach, mein Vater, welcher

finstere Schmerz hat sich Ihrer bemächtiget?--Noch liebe ich Sie,

Mellefont, und wenn Sie lieben ein Verbrechen ist, wie schuldig werde

ich in jener Welt erscheinen!--Wenn ich hoffen dürfte, liebster Vater,

daß Sie einen Sohn anstatt einer Tochter annehmen wollten! Und auch

eine Tochter wird Ihnen mit ihm nicht fehlen, wenn Sie Arabellen dafür

erkennen wollen. Sie müssen sie zurückholen, Mellefont; und die

Mutter mag entfliehen.--Da mich mein Vater liebt, warum soll es mir

nicht erlaubt sein, mit seiner Liebe als mit einem Erbteile umzugehen?

Ich vermache diese väterliche Liebe Ihnen und Arabellen. Reden Sie

dann und wann mit ihr von einer Freundin, aus deren Beispiele sie

gegen alle Liebe auf ihrer Hut zu sein lerne.--Den letzten Segen, mein

Vater!--Wer wollte die Fügungen des Höchsten zu richten wagen?

--Tröste deinen Herrn, Waitwell. Doch auch du stehst in einem

trostlosen Kummer vergraben, der du in mir weder Geliebte noch Tochter

verlierest?--

Sir William. Wir sollten dir Mut einsprechen, und dein sterbendes

Auge spricht ihn uns ein. Nicht mehr meine irdische Tochter, schon

halb ein Engel, was vermag der Segen eines wimmernden Vaters auf einen

Geist, auf welchen alle Segen des Himmels herabströmen? Laß mir einen

Strahl des Lichtes, welches dich über alles Menschliche so weit erhebt.

Oder bitte Gott, den Gott, der nichts so gewiß als die Bitten eines

frommen Sterbenden erhört, bitte ihn, daß dieser Tag auch der letzte

meines Lebens sei.

Sara. Die bewährte Tugend muß Gott der Welt lange zum Beispiele

lassen, und nur die schwache Tugend, die allzu vielen Prüfungen

vielleicht unterliegen würde, hebt er plötzlich aus den gefährlichen

Schranken--Wem fließen diese Tränen, mein Vater? Sie fallen als

feurige Tropfen auf mein Herz; und doch--doch sind sie mir minder

schrecklich als die stumme Verzweiflung. Entreißen Sie sich ihr,

Mellefont!--Mein Auge bricht--Dies war der letzte Seufzer!--Noch denke

ich an Betty und verstehe nun ihr ängstliches Händeringen. Das arme

Mädchen! Daß ihr ja niemand eine Unvorsichtigkeit vorwerfe, die durch

ihr Herz ohne Falsch und also auch ohne Argwohn der Falschheit

entschuldiget wird.--Der Augenblick ist da! Mellefont--mein Vater--

Mellefont. Sie stirbt!--Ach! diese kalte Hand noch einmal zu küssen.

(Indem er zu ihren Füßen fällt.)--Nein, ich will es nicht wagen, sie

zu berühren. Die gemeine Sage schreckt mich, daß der Körper eines

Erschlagenen durch die Berührung seines Mörders zu bluten anfange.

Und wer ist ihr Mörder? Bin ich es nicht mehr als Marwood? (Steht

auf.)--Nun ist sie tot, Sir; nun hört sie uns nicht mehr: nun

verfluchen Sie mich! Lassen Sie Ihren Schmerz in verdiente

Verwünschungen aus! Es müsse keine mein Haupt verfehlen, und die

gräßlichste derselben müsse gedoppelt erfüllt werden!--Was schweigen

Sie noch? Sie ist tot; sie ist gewiß tot! Nun bin ich wieder nichts

als Mellefont. Ich bin nicht mehr der Geliebte einer zärtlichen

Tochter, die Sie in ihm zu schonen Ursach' hätten.--Was ist das? Ich

will nicht, daß Sie einen barmherzigen Blick auf mich werfen sollen!

Das ist Ihre Tochter! Ich bin ihr Verführer! Denken Sie nach, Sir!--

Wie soll ich Ihre Wut besser reizen? Diese blühende Schönheit, über

die Sie allein ein Recht hatten, ward wider Ihren Willen mein Raub!

Meinetwegen vergaß sich diese unerfahrne Tugend! Meinetwegen riß sie

sich aus den Armen eines geliebten Vaters! Meinetwegen mußte sie

sterben!--Sie machen mich mit Ihrer Langmut ungeduldig, Sir! Lassen

Sie mich es hören, daß Sie Vater sind.

Sir William. Ich bin Vater, Mellefont, und bin es zu sehr, als daß

ich den letzten Willen meiner Tochter nicht verehren sollte.--Laß dich

umarmen, mein Sohn, den ich teurer nicht erkaufen konnte!

Mellefont. Nicht so, Sir! Diese Heilige befahl mehr, als die

menschliche Natur vermag! Sie können mein Vater nicht sein.--Sehen

Sie, Sir (indem er den Dolch aus dem Busen zieht), dieses ist der

Dolch, den Marwood heute auf mich zuckte. Zu meinem Unglücke mußte

ich sie entwaffnen. Wenn ich als das schuldige Opfer ihrer Eifersucht

gefallen wäre, so lebte Sara noch. Sie hätten Ihre Tochter noch und

hätten sie ohne Mellefont. Es stehet bei mir nicht, das Geschehene

ungeschehen zu machen; aber mich wegen des Geschehenen zu strafen--das

steht bei mir! (Er ersticht sich und fällt an dem Stuhle der Sara

nieder.)

Sir William. Halt ihn, Waitwell!--Was für ein neuer Streich auf mein

gebeugtes Haupt!--Oh! wenn das dritte hier erkaltende Herz das meine

wäre!

Mellefont (sterbend). Ich fühl es--daß ich nicht fehlgestoßen habe!--

Wollen Sie mich nun Ihren Sohn nennen, Sir, und mir als diesem die

Hand drücken, so sterb ich zufrieden. (Sir William umarmt ihn.)--Sie

haben von einer Arabella gehört, für die die sterbende Sara Sie bat.

Ich würde auch für sie bitten--aber sie ist der Marwood Kind sowohl

als meines--Was für fremde Empfindungen ergreifen mich!--Gnade! o

Schöpfer, Gnade!

Sir William. Wenn fremde Bitten itzt kräftig sind, Waitwell, so laßt

uns ihm diese Gnade erbitten helfen! Er stirbt! Ach, er war mehr

unglücklich als lasterhaft.--

Miss Sara Sampson · 第 108 / 111 题