Sara. Sage mir, geschwind sage mir, daß die letzten Augenblicke
seines Lebens ihm durch mein Andenken nicht schwerer wurden; daß er
mich vergessen hatte; daß er ebenso ruhig starb, als er sich sonst in
meinen Armen zu sterben versprach; daß er sich meiner auch nicht
einmal in seinem letzten Gebete erinnerte--
Waitwell. Hören Sie doch auf, sich mit so falschen Vorstellungen zu
plagen! Er lebt ja noch, Ihr Vater; er lebt ja noch, der
rechtschaffne Sir William.
Sara. Lebt er noch? Ist es wahr, lebt er noch? Oh! daß er noch
lange leben und glücklich leben möge! Oh! daß ihm Gott die Hälfte
meiner Jahre zulegen wolle! Die Hälfte?--Ich Undankbare, wenn ich ihm
nicht mit allen, soviel mir deren bestimmt sind, auch nur einige
Augenblicke zu erkaufen bereit bin! Aber nun sage mir wenigstens,
Waitwell, daß es ihm nicht hart fällt, ohne mich zu leben; daß es ihm
leicht geworden ist, eine Tochter aufzugeben, die ihre Tugend so
leicht aufgeben können; daß ihn meine Flucht erzürnet, aber nicht
gekränkt hat; daß er mich verwünschet, aber nicht bedauert.
Waitwell. Ach, Sir William ist noch immer der zärtliche Vater, so wie
sein Sarchen noch immer die zärtliche Tochter ist, die sie beide
gewesen sind.
Sara. Was sagst du? Du bist ein Bote des Unglücks, des
schrecklichsten Unglücks unter allen, die mir meine feindselige
Einbildung jemals vorgestellet hat! Er ist noch der zärtliche Vater?
So liebt er mich ja noch? So muß er mich ja beklagen? Nein, nein,
das tut er nicht; das kann er nicht tun! Siehst du denn nicht, wie
unendlich jeder Seufzer, den er um mich verlöre, meine Verbrechen
vergrößern würde? Müßte mir nicht die Gerechtigkeit des Himmels jede
seiner Tränen, die ich ihm auspreßte, so anrechnen, als ob ich bei
jeder derselben mein Laster und meinen Undank wiederholte? Ich
erstarre über diesen Gedanken. Tränen koste ich ihm? Tränen? Und es
sind andre Tränen als Tränen der Freude?--Widersprich mir doch,
Waitwell! Aufs höchste hat er einige leichte Regungen des Bluts für
mich gefühlet; einige von den geschwind überhin gehenden Regungen,
welche die kleinste Anstrengung der Vernunft besänftiget. Zu Tränen
hat er es nicht kommen lassen. Nicht wahr, Waitwell, zu Tränen hat er
es nicht kommen lassen?
Waitwell (indem er sich die Augen wischt). Nein, Miß, dazu hat er es
nicht kommen lassen.
Sara. Ach! dein Mund sagt nein; und deine eignen Tränen sagen ja.
Waitwell. Nehmen Sie diesen Brief, Miß; er ist von ihm selbst.
Sara. Von wem? von meinem Vater? an mich?
Waitwell. Ja, nehmen Sie ihn nur; Sie werden mehr daraus sehen können,
als ich zu sagen vermag. Er hätte einem andern als mir dieses
Geschäft auftragen sollen. Ich versprach mir Freude davon; aber Sie
verwandeln mir diese Freude in Betrübnis.
Sara. Gib nur, ehrlicher Waitwell!--Doch nein, ich will ihn nicht
eher nehmen, als bis du mir sagst, was ungefähr darin enthalten ist.
Waitwell. Was kann darin enthalten sein? Liebe und Vergebung.
Sara. Liebe? Vergebung?
Waitwell. Und vielleicht ein aufrichtiges Bedauern, daß er die Rechte
der väterlichen Gewalt gegen ein Kind brauchen wollen, für welches nur
die Vorrechte der väterlichen Huld sind.
Sara. So behalte nur deinen grausamen Brief!
Waitwell. Grausamen? fürchten Sie nichts; Sie erhalten völlige
Freiheit über Ihr Herz und Ihre Hand.
Sara. Und das ist es eben, was ich fürchte. Einen Vater, wie ihn, zu
betrüben: dazu habe ich noch den Mut gehabt. Allein ihn durch eben
diese Betrübnis, ihn durch seine Liebe, der ich entsagt, dahin
gebracht zu sehen, daß er sich alles gefallen läßt, wozu mich eine
unglückliche Leidenschaft verleitet: das, Waitwell, das würde ich
nicht ausstehen. Wenn sein Brief alles enthielte, was ein
aufgebrachter Vater in solchem Falle Heftiges und Hartes vorbringen
kann, so würde ich ihn zwar mit Schaudern lesen, aber ich würde ihn
doch lesen können. Ich würde gegen seinen Zorn noch einen Schatten
von Verteidigung aufzubringen wissen, um ihn durch diese Verteidigung,
wo möglich, noch zorniger zu machen. Meine Beruhigung wäre alsdann
diese, daß bei einem gewaltsamen Zorne kein wehmütiger Gram Raum haben
könne und daß sich jener endlich glücklich in eine bittere Verachtung
gegen mich verwandeln werde. Wen man aber verachtet, um den bekümmert
man sich nicht mehr. Mein Vater wäre wieder ruhig, und ich dürfte mir
nicht vorwerfen, ihn auf immer unglücklich gemacht zu haben.
Waitwell. Ach! Miß, Sie werden sich diesen Vorwurf noch weniger
machen dürfen, wenn Sie jetzt seine Liebe wieder ergreifen, die ja
alles vergessen will.
Sara. Du irrst dich, Waitwell. Sein sehnliches Verlangen nach mir
verführt ihn vielleicht, zu allem ja zu sagen. Kaum aber würde dieses
Verlangen ein wenig beruhiget sein, so würde er sich seiner Schwäche
wegen vor sich selbst schämen. Ein finsterer Unwille würde sich
seiner bemeistern, und er würde mich nie ansehen können, ohne mich
heimlich anzuklagen, wieviel ich ihm abzutrotzen mich unterstanden
habe. Ja, wenn es in meinem Vermögen stünde, ihm bei der äußersten
Gewalt, die er sich meinetwegen antut, das Bitterste zu ersparen; wenn
in dem Augenblicke, da er mir alles erlauben wollte, ich ihm alles
aufopfern könnte: so wäre es ganz etwas anders. Ich wollte den Brief
mit Vergnügen von deinen Händen nehmen, die Stärke der väterlichen
Liebe darin bewundern und, ohne sie zu mißbrauchen, mich als eine
reuende und gehorsame Tochter zu seinen Füßen werfen. Aber kann ich
das? Ich würde es tun müssen, was er mir erlaubte, ohne mich daran zu
kehren, wie teuer ihm diese Erlaubnis zu stehen komme. Und wenn ich
dann am vergnügtesten darüber sein wollte, würde es mir plötzlich
einfallen, daß er mein Vergnügen äußerlich nur zu teilen scheine und
in sich selbst vielleicht seufze; kurz, daß er mich mit Entsagung
seiner eignen Glückseligkeit glücklich gemacht habe--Und es auf diese
Art zu sein wünschen, trauest du mir das wohl zu, Waitwell?
Waitwell. Gewiß, ich weiß nicht, was ich hierauf antworten soll.
Sara. Es ist nichts darauf zu antworten. Bringe deinen Brief also
nur wieder zurück. Wenn mein Vater durch mich unglücklich sein muß,
so will ich selbst auch unglücklich bleiben. Ganz allein ohne ihn
unglücklich zu sein, das ist es, was ich jetzt stündlich von dem
Himmel bitte; glücklich aber ohne ihn ganz allein zu sein, davon will
ich durchaus nichts wissen.
Waitwell (etwas beiseite). Ich glaube wahrhaftig, ich werde das gute
Kind hintergehen müssen, damit es den Brief doch nur lieset.
Sara. Was sprichst du da für dich?
Waitwell. Ich sage mir selbst, daß ich einen sehr ungeschickten
Einfall gehabt hätte, Sie, Miß, zur Lesung des Briefes desto
geschwinder zu vermögen.
Sara. Wieso?
Waitwell. Ich konnte so weit nicht denken. Sie überlegen freilich
alles genauer, als es unsereiner kann. Ich wollte Sie nicht
erschrecken; der Brief ist vielleicht nur allzu hart; und wenn ich
gesagt habe, daß nichts als Liebe und Vergebung darin enthalten sei,
so hätte ich sagen sollen, daß ich nichts als dieses darin enthalten
zu sein wünschte.
Sara. Ist das wahr?--Nun, so gib mir ihn her. Ich will ihn lesen.
Wenn man den Zorn eines Vaters unglücklicherweise verdient hat, so muß
man wenigstens gegen diesen väterlichen Zorn so viel Achtung haben,
daß er ihn nach allen Gefallen gegen uns auslassen kann. Ihn zu
vereiteln suchen, heißt Beleidigungen mit Geringschätzung häufen. Ich
werde ihn nach aller seiner Stärke empfinden. Du siehst, ich zittre
schon--Aber ich soll auch zittern; und ich will lieber zittern als
weinen.--(Sie erbricht den Brief.) Nun ist er erbrochen! Ich bebe--
Aber was seh ich? (Sie lieset.) "Einzige, geliebteste Tochter!"--Ha!
du alter Betrüger, ist das die Anrede eines zornigen Vaters? Geh,
weiter werde ich nicht lesen--
Waitwell. Ach, Miß, verzeihen Sie doch einem alten Knechte. Ja gewiß,
ich glaube, es ist in meinem Leben das erstemal, daß ich mit Vorsatz
betrogen habe. Wer einmal betrügt, Miß, und aus einer so guten
Absicht betrügt, der ist ja deswegen noch kein alter Betrüger. Das
geht mir nahe, Miß. Ich weiß wohl, die gute Absicht entschuldigt
nicht immer; aber was konnte ich denn tun? Einem so guten Vater
seinen Brief ungelesen wiederzubringen? Das kann ich nimmermehr.
Eher will ich gehen, soweit mich meine alten Beine tragen, und ihm nie
wieder vor die Augen kommen.
Sara. Wie? auch du willst ihn verlassen?
Waitwell. Werde ich denn nicht müssen, wenn Sie den Brief nicht
lesen? Lesen Sie ihn doch immer. Lassen Sie doch immer den ersten
vorsätzlichen Betrug, den ich mir vorzuwerfen habe, nicht ohne gute
Wirkung bleiben. Sie werden ihn desto eher vergessen, und ich werde
mir ihn desto eher vergeben können. Ich bin ein gemeiner, einfältiger
Mann, der Ihnen Ihre Ursachen, warum Sie den Brief nicht lesen können
oder wollen, freilich so muß gelten lassen. Ob sie wahr sind, weiß
ich nicht; aber so recht natürlich scheinen sie mir wenigstens nicht.
Ich dächte nun so, Miß: ein Vater, dächte ich, ist doch immer ein
Vater; und ein Kind kann wohl einmal fehlen, es bleibt deswegen doch
ein gutes Kind. Wenn der Vater den Fehler verzeiht, so kann ja das
Kind sich wohl wieder so aufführen, daß er auch gar nicht mehr daran
denken darf. Und wer erinnert sich denn gern an etwas, wovon er
lieber wünscht, es wäre gar nicht geschehen? Es ist, Miß, als ob Sie
nur immer an Ihren Fehler dächten und glaubten, es wäre genug, wenn
Sie den in Ihrer Einbildung vergrößerten und sich selbst mit solchen
vergrößerten Vorstellungen marterten. Aber ich sollte meinen, Sie
müßten auch daran denken, wie Sie das, was geschehen ist,
wiedergutmachten. Und wie wollen Sie es denn wiedergutmachen, wenn
Sie sich selbst alle Gelegenheit dazu benehmen? Kann es Ihnen denn
sauer werden, den andern Schritt zu tun, wenn so ein lieber Vater
schon den ersten getan hat?
Sara. Was für Schwerter gehen aus deinem einfältigen Munde in mein
Herz!--Eben das kann ich nicht aushalten, daß er den ersten Schritt
tun muß. Und was willst du denn? Tut er denn nur den ersten Schritt?
Er muß sie alle tun: ich kann ihm keinen entgegentun. So weit ich
mich von ihm entfernet, so weit muß er sich zu mir herablassen. Wenn
er mir vergibt, so muß er mein ganzes Verbrechen vergeben und sich
noch dazu gefallen lassen, die Folgen desselben vor seinen Augen
fortdauern zu sehen. Ist das von einem Vater zu verlangen?
Waitwell. Ich weiß nicht, Miß, ob ich dieses so recht verstehe. Aber
mich deucht, Sie wollen sagen, er müsse Ihnen gar zu viel vergeben,
und weil ihm das nicht anders als sehr sauer werden könne, so machten
Sie sich ein Gewissen, seine Vergebung anzunehmen. Wenn Sie das
meinen, so sagen Sie mir doch, ist denn nicht das Vergeben für ein
gutes Herz ein Vergnügen? Ich bin in meinem Leben so glücklich nicht
gewesen, daß ich dieses Vergnügen oft empfunden hätte. Aber der
wenigen Male, die ich es empfunden habe, erinnere ich mich noch immer
gern. Ich fühlte so etwas Sanftes, so etwas Beruhigendes, so etwas
Himmlisches dabei, daß ich mich nicht entbrechen konnte, an die große,
unüberschwengliche Seligkeit Gottes zu denken, dessen ganze
Erhaltungen der elenden Menschen ein immerwährendes Vergeben ist. Ich
wünschte mir, alle Augenblicke verzeihen zu können, und schämte mich,
daß ich nur solche Kleinigkeiten zu verzeihen hatte. Recht
schmerzhafte Beleidigungen, recht tödliche Kränkungen zu vergeben,
sagt' ich zu mir selbst, muß eine Wollust sein, in der die ganze Seele
zerfließt--Und nun, Miß, wollen Sie denn so eine große Wollust Ihrem
Vater nicht gönnen?
Sara. Ach!--Rede weiter, Waitwell, rede weiter!
Waitwell. Ich weiß wohl, es gibt eine Art von Leuten, die nichts
ungerner als Vergebung annehmen, und zwar, weil sie keine zu erzeigen
gelernt haben. Es sind stolze, unbiegsame Leute, die durchaus nicht
gestehen wollen, daß sie unrecht getan. Aber von der Art, Miß, sind
Sie nicht. Sie haben das liebreichste und zärtlichste Herz, das die
beste Ihres Geschlechts nur haben kann. Ihren Fehler bekennen Sie
auch. Woran liegt es denn nun also noch?--Doch verzeihen Sie mir nur,
Miß, ich bin ein alter Plauderer und hätte es gleich merken sollen,
daß Ihr Weigern nur eine rühmliche Besorgnis, nur eine tugendhafte
Schüchternheit sei. Leute, die eine große Wohltat gleich ohne
Bedenken annehmen können, sind der Wohltat selten würdig. Die sie am
meisten verdienen, haben auch immer das meiste Mißtrauen gegen sich
selbst. Doch muß das Mißtrauen nicht über sein Ziel getrieben werden.
Sara. Lieber alter Vater, ich glaube, du hast mich überredet.
Waitwell. Ach Gott! wenn ich so glücklich gewesen bin, so muß mir
ein guter Geist haben reden helfen. Aber nein, Miß, meine Reden haben
dabei nichts getan, als daß sie Ihnen Zeit gelassen, selbst
nachzudenken und sich von einer so fröhlichen Bestürzung zu erholen.--
Nicht wahr, nun werden Sie den Brief lesen? Oh! lesen Sie ihn doch
gleich!
Sara. Ich will es tun, Waitwell.--Welche Bisse, welche Schmerzen
werde ich fühlen!
Waitwell. Schmerzen, Miß, aber angenehme Schmerzen.