Ein Saal im erstern Gasthofe.
Sir William Sampson. Waitwell.
Sir William. Hier, Waitwell, bringt ihr diesen Brief. Es ist der
Brief eines zärtlichen Vaters, der sich über nichts als über ihre
Abwesenheit beklaget. Sag ihr, daß ich dich damit vorweggeschickt und
daß ich nur noch ihre Antwort erwarten wolle, ehe ich selbst käme, sie
wieder in meine Arme zu schließen.
Waitwell. Ich glaube, Sie tun recht wohl, daß Sie Ihre Zusammenkunft
auf diese Art vorbereiten.
Sir William. Ich werde ihrer Gesinnungen dadurch gewiß und mache ihr
Gelegenheit, alles, was ihr die Reue Klägliches und Errötendes
eingeben könnte, schon ausgeschüttet zu haben, ehe sie mündlich mit
mir spricht. Es wird ihr in einem Briefe weniger Verwirrung und mir
vielleicht weniger Tränen kosten.
Waitwell. Darf ich aber fragen, Sir, was Sie in Ansehung Mellefonts
beschlossen haben?
Sir William. Ach! Waitwell, wenn ich ihn von dem Geliebten meiner
Tochter trennen könnte, so würde ich etwas sehr Hartes wider ihn
beschließen. Aber da dieses nicht angeht, so siehst du wohl, daß er
gegen meinen Unwillen gesichert ist. Ich habe selbst den größten
Fehler bei diesem Unglücke begangen. Ohne mich würde Sara diesen
gefährlichen Mann nicht haben kennenlernen. Ich verstattete ihm wegen
einer Verbindlichkeit, die ich gegen ihn zu haben glaubte, einen allzu
freien Zutritt in meinem Hause. Es war natürlich, daß ihm die
dankbare Aufmerksamkeit, die ich für ihn bezeigte, auch die Achtung
meiner Tochter zuziehen mußte. Und es war ebenso natürlich, daß sich
ein Mensch von seiner Denkungsart durch diese Achtung verleiten ließ,
sie zu etwas Höherm zu treiben. Er hatte Geschicklichkeit genug
gehabt, sie in Liebe zu verwandeln, ehe ich noch das Geringste merkte
und ehe ich noch Zeit hatte, mich nach seiner übrigen Lebensart zu
erkundigen. Das Unglück war geschehen, und ich hätte wohlgetan, wenn
ich ihnen nur gleich alles vergeben hätte. Ich wollte unerbittlich
gegen ihn sein und überlegte nicht, daß ich es gegen ihn nicht allein
sein könnte. Wenn ich meine zu späte Strenge erspart hätte, so würde
ich wenigstens ihre Flucht verhindert haben.--Da bin ich nun, Waitwell!
Ich muß sie selbst zurückholen und mich noch glücklich schätzen,
wenn ich aus dem Verführer nur meinen Sohn machen kann. Denn wer weiß,
ob er seine Marwoods und seine übrigen Kreaturen eines Mädchens wegen
wird aufgeben wollen, das seinen Begierden nichts mehr zu verlangen
übriggelassen hat und die fesselnden Künste einer Buhlerin so wenig
versteht?
Waitwell. Nun, Sir, das ist wohl nicht möglich, daß ein Mensch so gar
böse sein könnte.--
Sir William. Der Zweifel, guter Waitwell, macht deiner Tugend Ehre.
Aber warum ist es gleichwohl wahr, daß sich die Grenzen der
menschlichen Bosheit noch viel weiter erstrecken?--Geh nur jetzt und
tue, was ich dir gesagt habe. Gib auf alle ihre Mienen acht, wenn sie
meinen Brief lesen wird. In der kurzen Entfernung von der Tugend kann
sie die Verstellung noch nicht gelernt haben, zu deren Larven nur das
eingewurzelte Laster seine Zuflucht nimmt. Du wirst ihre ganze Seele
in ihrem Gesichte lesen. Laß dir ja keinen Zug entgehen, der etwa
eine Gleichgültigkeit gegen mich, eine Verschmähung ihres Vaters,
anzeigen könnte. Denn wenn du diese unglückliche Entdeckung machen
solltest und wenn sie mich nicht mehr liebt: so hoffe ich, daß ich
mich endlich werde überwinden können, sie ihrem Schicksale zu
überlassen. Ich hoffe es, Waitwell--Ach! wenn nur hier kein Herz
schlüge, das dieser Hoffnung widerspricht.
(Sie gehen beide auf verschiedenen Seiten ab.)