Mellefont. Ha! barbarische Marwood, diese Rede ließ mich bis auf den
Grund Ihres Herzens sehen--Und ich Verruchter gehe doch nicht wieder
in mich?
Marwood. Wenn Sie bis auf den Grund meines Herzens gesehen hätten, so
würden Sie entdeckt haben, daß es mehr wahres Erbarmen gegen Ihre Miß
fühlt als Sie selbst. Ich sage, wahres Erbarmen: denn das Ihre ist
ein eigennütziges, weichherziges Erbarmen. Sie haben überhaupt diesen
Liebeshandel viel zu weit getrieben. Daß Sie, als ein Mann, der bei
einem langen Umgange mit unserm Geschlechte in der Kunst zu verführen
ausgelernt hatte, gegen ein so junges Frauenzimmer sich Ihre
Überlegenheit an Verstellung und Erfahrung zunutze machten und nicht
eher ruhten, als bis Sie Ihren Zweck erreichten: das möchte noch
hingehen; Sie können sich mit der Heftigkeit Ihrer Leidenschaft
entschuldigen. Allein, daß Sie einem alten Vater sein einziges Kind
raubten; daß Sie einem rechtschaffnen Greise die wenigen Schritte zu
seinem Grabe noch so schwer und bitter machten; daß Sie Ihrer Lust
wegen die stärksten Banden der Natur trennten: das, Mellefont, das
können Sie nicht verantworten. Machen Sie also Ihren Fehler wieder
gut, soweit es möglich ist, ihn gutzumachen. Geben Sie dem weinenden
Alter seine Stütze wieder, und schicken Sie eine leichtgläubige
Tochter in ihr Haus zurück, das Sie deswegen, weil Sie es beschimpft
haben, nicht auch öde machen müssen.
Mellefont. Das fehlte noch, daß Sie auch mein Gewissen wider mich zu
Hilfe riefen! Aber gesetzt, es wäre billig, was Sie sagen; müßte ich
nicht eine eiserne Stirne haben, wenn ich es der unglücklichen Miß
selbst vorschlagen sollte?
Marwood. Nunmehr will ich es Ihnen gestehen, daß ich schon im voraus
bedacht gewesen bin, Ihnen diese Verwirrung zu ersparen. Sobald ich
Ihren Aufenthalt erfuhr, habe ich auch dem alten Sampson unter der
Hand Nachricht davon geben lassen. Er ist vor Freuden darüber ganz
außer sich gewesen und hat sich sogleich auf den Weg machen wollen.
Ich wundre mich, daß er noch nicht hier ist.
Mellefont. Was sagen Sie?
Marwood. Erwarten Sie nur ruhig seine Ankunft und lassen sich gegen
die Miß nichts merken. Ich will Sie selbst jetzt nicht länger
aufhalten. Gehen Sie wieder zu ihr; sie möchte Verdacht bekommen.
Doch versprech ich mir, Sie heute noch einmal zu sehen.
Mellefont. O Marwood, mit was für Gesinnungen kam ich zu Ihnen und
mit welchen muß ich Sie verlassen! Einen Kuß, meine liebe Bella--
Arabella. Der war für Sie; aber nun einen für mich. Kommen Sie nur
ja bald wieder; ich bitte.
(Mellefont geht ab.)