Mellefont (der mit einer wilden Stellung hereintritt). Ha! Marwood--

Marwood (die ihm mit offnen Armen lächelnd entgegenrennt). Ach

Mellefont--

Mellefont (beiseite). Die Mörderin, was für ein Blick!

Marwood. Ich muß Sie umarmen, treuloser, lieber Flüchtling!--Teilen

Sie doch meine Freude!--Warum entreißen Sie sich meinen Liebkosungen?

Mellefont. Marwood, ich vermutete, daß Sie mich anders empfangen

würden.

Marwood. Warum anders? Mit mehr Liebe vielleicht? mit mehr

Entzücken? Ach, ich Unglückliche, daß ich weniger ausdrücken kann,

als ich fühle!--Sehen Sie, Mellefont, sehen Sie, daß auch die Freude

ihre Tränen hat? Hier rollen sie, diese Kinder der süßesten Wollust!--

Aber ach, verlorne Tränen! seine Hand trocknet euch nicht ab.

Mellefont. Marwood, die Zeit ist vorbei, da mich solche Reden

bezaubert hätten. Sie müssen itzt in einem andern Tone mit mir

sprechen. Ich komme her, Ihre letzten Vorwürfe anzuhören und darauf

zu antworten.

Marwood. Vorwürfe? Was hätte ich Ihnen für Vorwürfe zu machen,

Mellefont? Keine.

Mellefont. So hätten Sie, sollt' ich meinen, Ihren Weg ersparen

können.

Marwood. Liebste wunderliche Seele, warum wollen Sie mich nun mit

Gewalt zwingen, einer Kleinigkeit zu gedenken, die ich Ihnen in

ebendem Augenblicke vergab, in welchem ich sie erfuhr? Eine kurze

Untreue, die mir Ihre Galanterie, aber nicht Ihr Herz spielet,

verdient diese Vorwürfe? Kommen Sie, lassen Sie uns darüber scherzen.

Mellefont. Sie irren sich; mein Herz hat mehr Anteil daran, als es

jemals an allen unsern Liebeshändeln gehabt hat, auf die ich itzt

nicht ohne Abscheu zurücksehen kann.

Marwood. Ihr Herz, Mellefont, ist ein gutes Närrchen. Es läßt sich

alles bereden, was Ihrer Einbildung ihm zu bereden einfällt. Glauben

Sie mir doch, ich kenne es besser als Sie. Wenn es nicht das beste,

das getreuste Herz wäre, würde ich mir wohl so viel Mühe geben, es zu

behalten?

Mellefont. Zu behalten? Sie haben es niemals besessen, sage ich

Ihnen.

Marwood. Und ich sage Ihnen, ich besitze es im Grunde noch.

Mellefont. Marwood, wenn ich wüßte, daß Sie auch nur noch eine Faser

davon besäßen, so wollte ich es mir selbst, hier vor Ihren Augen, aus

meinem Leibe reißen.

Marwood. Sie würden sehen, daß Sie meines zugleich herausrissen. Und

dann, dann würden diese herausgerissenen Herzen endlich zu der

Vereinigung gelangen, die sie so oft auf unsern Lippen gesucht haben.

Mellefont (beiseite). Was für eine Schlange! Hier wird das beste

sein zu fliehen.--Sagen Sie mir es nur kurz, Marwood, warum Sie mir

nachgekommen sind? Was Sie noch von mir verlangen? Aber sagen Sie es

nur ohne dieses Lächeln, ohne diesen Blick, aus welchem mich eine

ganze Hölle von Verführung schreckt.

Marwood (vertraulich). Höre nur, mein lieber Mellefont; ich merke

wohl, wie es itzt mir dir steht. Deine Begierden und dein Geschmack

sind itzt deine Tyrannen. Laß es gut sein; man muß sie austoben

lassen. Sich ihnen widersetzen, ist Torheit. Sie werden am

sichersten eingeschläfert und endlich gar überwunden, wenn man ihnen

freies Feld läßt. Sie reiben sich selbst auf. Kannst du mir

nachsagen, kleiner Flattergeist, daß ich jemals eifersüchtig gewesen

wäre, wenn stärkere Reize als die meinigen dich mir auf eine Zeitlang

abspenstig machten? Ich gönnte dir ja allezeit diese Veränderung, bei

der ich immer mehr gewann als verlor. Du kehrtest mit neuem Feuer,

mit neuer Inbrunst in meine Arme zurück, in die ich dich nur als in

leichte Bande und nie als in schwere Fesseln schloß. Bin ich nicht

oft selbst deine Vertraute gewesen, wenn du mir auch schon nichts zu

vertrauen hattest als die Gunstbezeigungen, die du mir entwandtest, um

sie gegen andre zu verschwenden? Warum glaubst du denn, daß ich itzt

einen Eigensinn gegen dich zu zeigen anfangen würde, zu welchem ich

nun eben berechtiget zu sein aufhöre, oder--vielleicht schon aufgehört

habe? Wenn deine Hitze gegen das schöne Landmädchen noch nicht

verraucht ist; wenn du noch in dem ersten Fieber deiner Liebe gegen

sie bist; wenn du ihren Genuß noch nicht entbehren kannst: wer hindert

dich denn, ihr so lange ergeben zu sein, als du es für gut befindest?

Mußt du deswegen so unbesonnene Anschläge machen und mit ihr aus dem

Reiche fliehen wollen?

Mellefont. Marwood, Sie reden vollkommen Ihrem Charakter gemäß,

dessen Häßlichkeit ich nie so gekannt habe, als seitdem ich in dem

Umgange mit einer tugendhaften Freundin die Liebe von der Wollust

unterscheiden gelernt.

Marwood. Ei sieh doch! Deine neue Gebieterin ist also wohl gar ein

Mädchen von schönen sittlichen Empfindungen? Ihr Mannspersonen müßt

doch selbst nicht wissen, was ihr wollt . Bald sind es die

schlüpfrigsten Reden, die buhlerhaftesten Scherze, die euch an uns

gefallen; und bald entzücken wir euch, wenn wir nichts als Tugend

reden und alle sieben Weisen auf unserer Zunge zu haben scheinen. Das

Schlimmste aber ist, daß ihr das eine sowohl als das andre überdrüssig

werdet. Wir mögen närrisch oder vernünftig, weltlich oder geistlich

gesinnet sein: wir verlieren unsere Mühe, euch beständig zu machen,

einmal wie das andre. Du wirst an deine schöne Heilige die Reihe Zeit

genug kommen lassen. Soll ich wohl einen kleinen Überschlag machen?

Nun eben bist du im heftigsten Paroxysmo mit ihr; und diesem geb ich

noch zwei, aufs längste drei Tage. Hierauf wird eine ziemlich

geruhige Liebe folgen; der geb ich acht Tage. Die andern acht Tage

wirst du nur gelegentlich an diese Liebe denken. Die dritten wirst du

dich daran erinnern lassen; und wann du dieses Erinnern satt hast, so

wirst du dich zu der äußersten Gleichgültigkeit so schnell gebracht

sehen, daß ich kaum die vierten acht Tage auf diese letzte Veränderung

rechnen darf--Das wäre nun ungefähr ein Monat. Und diesen Monat,

Mellefont, will ich dir noch mit dem größten Vergnügen nachsehen; nur

wirst du erlauben, daß ich dich nicht aus dem Gesichte verlieren darf.

Mellefont. Vergebens, Marwood, suchen Sie alle Waffen hervor, mit

welchen Sie sich erinnern, gegen mich sonst glücklich gewesen zu sein.

Ein tugendhafter Entschluß sichert mich gegen Ihre Zärtlichkeit und

gegen Ihren Witz. Gleichwohl will ich mich beiden nicht länger

aussetzen. Ich gehe und habe Ihnen weiter nichts mehr zu sagen, als

daß Sie mich in wenig Tagen auf eine Art sollen gebunden wissen, die

Ihnen alle Hoffnung auf meine Rückkehr in Ihre lasterhafte Sklaverei

vernichten wird. Meine Rechtfertigung werden Sie genugsam aus dem

Briefe ersehen haben, den ich Ihnen vor meiner Abreise zustellen

lassen.

Marwood. Gut, daß Sie dieses Briefes gedenken. Sagen Sie mir, von

wem hatten Sie ihn schreiben lassen?

Mellefont. Hatte ich ihn nicht selbst geschrieben?

Marwood. Unmöglich! Den Anfang desselben, in welchem Sie mir ich

weiß nicht was für Summen vorrechneten, die Sie mit mir wollen

verschwendet haben, mußte ein Gastwirt, sowie den übrigen

theologischen Rest ein Quäker geschrieben haben. Demungeachtet will

ich Ihnen itzt ernstlich darauf antworten. Was den vornehmsten Punkt

anbelangt, so wissen Sie wohl, daß alle die Geschenke, welche Sie mir

gemacht haben, noch da sind. Ich habe Ihre Bankozettel, Ihre Juwelen

nie als mein Eigentum angesehen und itzt alles mitgebracht, um es

wieder in diejenigen Hände zu liefern, die mir es anvertrauet hatten.

Mellefont. Behalten Sie alles, Marwood.

Marwood. Ich will nichts davon behalten. Was hätte ich ohne Ihre

Person für ein Recht darauf? Wenn Sie mich auch nicht mehr lieben, so

müssen Sie mir doch die Gerechtigkeit widerfahren lassen und mich für

keine von den feilen Buhlerinnen halten, denen es gleichviel ist, von

wessen Beute sie sich bereichern. Kommen Sie nur, Mellefont, Sie

sollen den Augenblick wieder so reich sein, als Sie vielleicht ohne

meine Bekanntschaft geblieben wären; und vielleicht auch nicht.

Mellefont. Welcher Geist, der mein Verderben geschworen hat, redet

itzt aus Ihnen! Eine wollüstige Marwood denkt so edel nicht.

Marwood. Nennen Sie das edel? Ich nenne es weiter nichts als billig.

Nein, mein Herr, nein; ich verlange nicht, daß Sie mir diese

Wiedererstattung als etwas Besonders anrechnen sollen. Sie kostet

mich nichts; und auch den geringsten Dank, den Sie mir dafür sagen

wollten, würde ich für eine Beschimpfung halten, weil er doch keinen

andern Sinn als diesen haben könnte: "Marwood, ich hielt Euch für eine

niederträchtige Betrügerin; ich bedanke Mich, daß Ihr es wenigstens

gegen mich nicht sein wollt."

Mellefont. Genug, Madam, genug! Ich fliehe, weil mich mein Unstern

in einen Streit von Großmut zu verwickeln drohet, in welchem ich am

ungernsten unterliegen möchte.

Marwood. Fliehen Sie nur; aber nehmen Sie auch alles mit, was Ihr

Andenken bei mir erneuern könnte. Arm, verachtet, ohne Ehre und ohne

Freunde, will ich es alsdann noch einmal wagen, Ihr Erbarmen rege zu

machen. Ich will Ihnen in der unglücklichen Marwood nichts als eine

Elende zeigen, die Geschlecht, Ansehen, Tugend und Gewissen für Sie

aufgeopfert hat. Ich will Sie an den ersten Tag erinnern, da Sie mich

sahen und liebten; an den ersten Tag, da auch ich Sie sahe und liebte;

an das erste stammelnde, schamhafte Bekenntnis, das Sie mir zu meinen

Füßen von Ihrer Liebe ablegten; an die erste Versicherung von

Gegenliebe, die Sie mir auspreßten; an die zärtlichen Blicke, an die

feurigen Umarmungen, die darauf folgten; an das beredte Stillschweigen,

wenn wir mit beschäftigten Sinnen einer des andern geheimste Regungen

errieten und in den schmachtenden Augen die verborgensten Gedanken der

Seele lasen; an das zitternde Erwarten der nahenden Wollust; an die

Trunkenheit ihrer Freuden; an das süße Erstarren nach der Fülle des

Genusses, in welchem sich die ermatteten Geister zu neuen Entzückungen

erholten. An alles dieses will ich Sie erinnern und dann Ihre Knie

umfassen und nicht aufhören, um das einzige Geschenk zu bitten, das

Sie mir nicht versagen können und ich, ohne zu erröten, annehmen darf,--

um den Tod von Ihren Händen.

Mellefont. Grausame! noch wollte ich selbst mein Leben für Sie

hingeben. Fordern Sie es; fordern Sie es; nur auf meine Liebe machen

Sie weiter keinen Anspruch. Ich muß Sie verlassen, Marwood, oder mich

zu einem Abscheu der ganzen Natur machen. Ich bin schon strafbar, daß

ich nur hier stehe und Sie anhöre. Leben Sie wohl! leben Sie wohl!

Marwood (die ihn zurückhält). Sie müssen mich verlassen? Und was

wollen Sie denn, das aus mir werde? So wie ich itzt bin, bin ich Ihr

Geschöpf; tun Sie also, was einem Schöpfer zukömmt; er darf die Hand

von seinem Werke nicht eher abziehn, als bis er es gänzlich vernichten

will.--Ach, Hannah, ich sehe wohl, meine Bitten allein sind zu schwach.

Geh, bringe meinen Vorsprecher her, der mir vielleicht itzt auf

einmal mehr wiedergeben wird, als er von mir erhalten hat.

(Hannah geht ab.)

Mellefont. Was für einen Vorsprecher, Marwood?

Marwood. Ach, einen Vorsprecher, dessen Sie mich nur allzugern

beraubet hätten. Die Natur wird seine Klagen auf einem kürzern Wege

zu Ihrem Herzen bringen--

Miss Sara Sampson · 第 30 / 111 题